Napoli Uncut – zwischen Maradona, Margherita
und Mission Mietauto
Was war das bitte für eine geniale Idee (also meine Idee natürlich – falls das später mal jemand anders für sich beanspruchen möchte). Die Amalfitana mit dem Camper zu fahren? Möglich. Aber eher so in der Kategorie: „Adrenalin pur und im Seitenspiegel nur noch Schweiß“. Nein danke. Also habe ich uns kurzerhand für 6 Tage einen Mietwagen organisiert – per Check24, wie die echten Profis. Ergebnis? Kleinwagen, 75 Euro für 6 Tage – Applaus bitte.
Der Plan war so einfach wie genial: Heute: Mit dem Zug nach Neapel. Dort den ganzen Tag Sightseeing. Am Abend mit dem Bus zum Flughafen und den Mietwagen abholen. Und am letzten Reisetag? Mit Camper und Mietwagen zurück zum Airport, Fiat abgeben, und dann weiter mit dem rollenden Zuhause. Logistisch sauber, ökonomisch genial.
Aber erstmal: Frühstück.
Pasquale empfängt uns wie immer mit überschäumender italienischer Gastfreundschaft – es sprudelt nur so aus ihm heraus, ich verstehe ungefähr jedes dritte Wort, antworte mit einem freundlichen „Sì sì, grazie!“, lächle – und lasse mich einfach anstecken von seiner Euphorie.
Das Buffet ist für 8 Euro pro Person einfach unschlagbar. Süßes Gebäck, Schinken, Käse, Salami, frisch gepresster Orangensaft (kein Konzentrat, sondern echtes Vitamin C mit Sonne drin!) und ein echter italienischer Cappuccino aus der Siebträgermaschine. Camperküche? Heute arbeitslos.
Ich dem Frühstück, bezahle ich bei Pasquale: „Due colazione, con carta, per favore.“ Er freut sich, dass ich mich bemühe italienisch zu sprechen und strahlt, als hätte ich gerade fehlerfrei die italienische Nationalhymne rezitiert.
Gesättigt und voller Tatendrang machen wir uns auf den Weg zum Bahnhof. Das Problem: Gehwege sind hier eher optional. Dafür gibt’s enge Straßen, randlose Kurven und Autofahrer mit dem Bremsverhalten von Formel-1-Piloten in der Qualifikation.
Dann ging’s los Richtung Bahnhof Villa Regina. Der Weg? Sagen wir mal: Gehwege sind hier Vorschläge, keine Vorschrift. Aber wir haben’s lebendig geschafft.
Am Bahnsteig stand schon unser Transportmittel bereit – ein klappriger, tiefenentspannter Regionalzug, verziert mit Graffiti, der aussah, als hätte er seine besten Jahre im letzten Jahrtausend gehabt. Aber hey: er fährt. Und pünktlich! Wir stiegen ein und reihten uns ein in die morgendliche Prozession aus Pendlern, Schülern und Rentnern mit Zeitung. Die Sitze – Retro. Die Fenster – blind. Die Atmosphäre – authentisch.

Nach einer holprigen, aber charmanten Fahrt kamen wir in Neapels Hauptbahnhof an – und dort zeigte die Stadt, was sie kann. Die Station Garibaldi ist ein modernes Untergrund-Labyrinth aus Rolltreppen, Edelstahl, Lichtinstallationen und Kunstwänden. Zwischen Pendlern und Rucksacktouristen schoben wir uns zur Metro, doch statt am Automaten ewig rumzudrücken, kauften wir unsere Tickets am Kiosk – geht schneller, ist menschlicher.

Durch die Schranke, Rolltreppe runter bis Mittelerde, und da wartete sie auch schon: die Metro zur berühmten Station Toledo. Architektonisch ein Kunstwerk, optisch ein Wow-Effekt – aber das kommt gleich. Erstmal waren wir einfach stolz, dass wir mit Neapels Öffis wie echte Locali unterwegs waren.
Mit den „Öffis“ nach Neapel
Kaum spuckt uns die Metro wieder ans Tageslicht, stehen wir wie durch Zauberhand direkt vor dem Caffè Roma. Und ja, es war wirklich das erste Café auf unserem Weg – so eins, das dich nicht fragt, ob du einkehren willst, sondern dich einfach charmant an der Jacke zupft und sagt: „Setz dich. Jetzt. Und vertrau mir.“ Gesagt, getan. Zwei freie Tische draußen, die Stühle schief, die Tassenklimpern schon in Hörweite – Neapel, wie es lebt und dampft.
Stefan bestellt ein Cornetto mit Schokolade, ich entscheide für die Pistazien-Version. Ob die Tellerfarbe Zufall war? Ich weiß es nicht – aber es sah klasse aus! Dazu zwei Cappuccini – frisch gezapft aus der italienischen Siebträgermaschine. Spätestens jetzt ist klar: der Tag kann gar nicht mehr schlecht werden. Selbst wenn uns später ein Moped über den Fuß fährt – was statistisch nicht unwahrscheinlich ist.

Gestärkt und leicht koffeingeschwängert beginnen wir unseren Spaziergang durch die Quartieri Spagnoli, dieses lebendige, wilde Herzstück Neapels. Die Gassen sind so eng, dass man unweigerlich die Luft anhält, wenn ein Auto durchschlüpft. Motorroller schießen um die Ecken wie wildgewordene Hummeln, Lieferwagen hupen sich durch das Chaos, als wären sie auf einem Rallye-Parcours, und über allem flattern bunte Wäscheleinen wie die Girlanden eines sehr persönlichen Straßenfestes.
Es ist laut. Es ist wild. Es ist fantastisch. An jeder Ecke kleine Läden – teils noch geschlossen, aber trotzdem voller Leben. Ein Gemüsehändler baut gerade seine Kisten auf, irgendwo dudelt Musik aus einem Fenster, ein älterer Herr diskutiert lautstark mit einem kaputten Moped, als hätte es ihm widersprochen. Wir stehen mittendrin – staunend, lachend, manchmal den Kopf schüttelnd. Und wir lieben es.
Dann entdecken wir ein kleines Schild: „Murales Maradona“. Ein Name, ein Mythos – und irgendwie hatte Oli uns mal erzählt, dass Maradona hier in Neapel sowas wie der dritte Heilige nach San Gennaro und der Nonna ist. Wir biegen ab. Einfach mal schauen.

Was wir dann sehen, sprengt jede Vorstellung von „Fan-Ecke“: Ein ganzes Maradona-Universum hat sich da zwischen zwei Hausfassaden eingenistet. Ein Schrein aus Wandgemälden, Mini-Statuen, Trikots, Herzluftballons, Postern, Fahnen – als hätte jemand eine argentinisch-neapolitanische Fußballkirche mit viel Glitzer und noch mehr Emotion gebaut. Die zentrale Statue – Maradona mit Ball auf dem Kopf – steht da wie ein überirdischer Schutzpatron der Gasse. Menschen pilgern her, machen Selfies, murmeln Sätze in verschiedenen Sprachen – es riecht nach Weihrauch und Käsebrötchen.
Maradonna Superstar
Und wir? Wir stehen da, staunend. Nicht, weil wir Fußball-Nerds wären. Sondern weil man diese leidenschaftliche, schräge, wilde Verehrung einfach nur feiern kann. Hier wurde nicht nur ein Spieler geehrt – hier wurde ein Lebensgefühl in Pflastersteine gemeißelt.
Neapel hat uns erwischt. Mit Croissants, Chaos und Kult. Und der Tag hat gerade erst angefangen.
Warum Maradona in Neapel ein Heiliger ist – und was es mit diesem verrückten Mural auf sich hat
Als Diego Maradona 1984 zum SSC Napoli kam, war das ungefähr so, als würde plötzlich ein Rockstar in ein kleines italienisches Bergdorf ziehen und dort eine Revolution starten – nur in Fußballschuhen. Neapel war damals wirtschaftlich schwach, von Norditalien oft belächelt – und plötzlich spielte dort der beste Kicker der Welt. Und gewann mit dem Verein, der noch nie einen Titel hatte, gleich zwei Meisterschaften.
Für viele war Maradona nicht nur ein Spieler, sondern ein Symbol: für Hoffnung, Stolz, Gerechtigkeit. Einer von unten, der’s allen gezeigt hat – mit göttlichem linken Fuß, aber auch mit Ecken, Kanten und Skandalen. Ein Heiliger mit Suchtproblemen. Eben typisch Neapel.
Warum das Mural genau hier ist?
Weil Maradona besonders den Menschen aus den einfachen Vierteln nah war – den Straßenhändlern, Großmüttern, Kindern mit kaputten Fußbällen. Das berühmte Maradona-Mural steht mitten in den Quartieri Spagnoli, wo man sich durch das Fenster zuruft, ob die Pasta fertig ist, und wo Maradona angeblich öfter durch die Gassen fuhr. Hier schlägt das Herz der Stadt – laut, bunt, wild – genau wie er.
Heute ist das Mural Pilgerort und Popkult-Spot zugleich. Für Fußballfans. Für Neapel-Fans. Für Leute, die verstehen wollen, wie ein Mensch zur Legende wird – mit einem Ball, einem Tor und einem riesigen Herz.

Nach gut zwei Stunden Slalomlauf durch die Quartieri Spagnoli – vorbei an Wandaltären, hupenden Rollern und einer beeindruckenden Kollektion aus Balkonwäsche – landeten wir wieder auf der Via Toledo, bereit für einen kulinarischen Boxenstopp. Und da war es: Chalet Ciro, mit einem Duft, der einen direkt an die Hand nahm und zur Theke führte.
Wir blieben stehen, neugierig. Und genau in dem Moment begann hinter der Glasvitrine eine Art Live-Kochshow für Zuckerfreunde: Mit blauen Handschuhen bewaffnet, holte ein junger Mann frische, noch dampfende Graffe aus dem Fettbad. Die goldbraunen Teigringe landeten direkt in einer Wanne voller Zucker, wo sie liebevoll gewendet und beschneit wurden wie frische Skifahrer im Neuschnee. Daneben türmten sich schon die nächsten – bereit für den finalen Zuckerschock. Stefan war skeptisch. „Die sind riesig“, sagte er. Ich hörte: Challenge accepted.

Wir standen also da, schauten dem frittierten Glück beim Entstehen zu und wussten: Da kommen wir nicht dran vorbei.Ich zeigte auf das größte Exemplar im Schaukasten – Stefan seufzte. Ich bestellte. Zum Teilen, wie ich betonte. Ob das jemals der Plan war, bleibt ungeklärt.
Der erste Bissen? Außen knusprig, innen fluffig, mit einer zarten Süße, die selbst eine Diät-App zum Weinen bringt. Unsere Finger klebten, unsere Herzen lachten – Napoli, du Zuckerbombe.
Graffe
Graffe sie sind in Neapel ungefähr das, was die Brezel in Bayern ist: heilig, fettig und allgegenwärtig. Außen goldbraun und zuckrig, innen fluffig und weich wie ein Wolkenkissen. Traditionell werden sie aus einer Mischung von Mehl, Eiern, Milch, Zucker und Hefe gemacht und in einer sündhaft aromatischen Mischung aus Erdnussöl und Schweineschmalz frittiert – ja, du hast richtig gelesen. Diät geht anders.
Von der Via Toledo aus tauchten wir nahtlos hinein in den Mercato della Pignasecca – und allein diese paar hundert Meter fühlten sich an wie ein komprimierter Dokumentarfilm über Neapel. Links Fischstände, überquellend, glitzernd, manchmal noch zappelnd. Daneben bunte Obstpyramiden, die aussehen, als hätte jemand Photoshop in die Realität exportiert. Granatäpfel wie aus dem Gemälde von Caravaggio, Tomaten in 27 Rottönen, Paprika, die schon durch pure Farbe scharf wirken.

Dazu dieser Mix aus Marktschreiern, Motorengeräuschen und plötzlich einer Vespa im Rücken, die irgendwo hinter einem auftaucht und sich zwischen zwei Personen durchquetscht wie ein Ninja mit Abgas. Es riecht gleichzeitig nach Espresso, frittiertem Fisch, warmem Hefeteig und leicht feuchter Straße. Es ist chaotisch, laut, lebendig – und wunderschön.
Wir schlenderten weiter Richtung Pizza del Gesù Nuovo, vorbei an unzähligen kleinen Botteghe – Feinkostläden mit hängenden Provolone-Käsen, Nuss-Nougat-Pyramiden, Likörflaschen in Zitronenform. Irgendwann waren die Sinne so voll, dass nur eins helfen konnte: Espresso-Pause.
Wir fanden ein Mini-Café mit zwei Tischen direkt auf dem Bürgersteig, bestellten zwei Espressi (natürlich im Stehen serviert, Setzen ist hier schon fast Touri-Luxus) und zwei kleine Sfogliatelle – heiß, knusprig, butterknisternd beim Abbeißen. Fünf Sekunden später war klar, warum Neapolitaner Espresso trinken wie andere Leute Sauerstoff benutzen. Keine unnötigen Worte, kein Latte Art – der Kaffee trifft wie ein defibrillierender Faustschlag direkt ins Herz. Wir waren wieder wach.

Und dann kam die Straße, die mich komplett aus der Realität katapultiert hat: die Via San Gregorio Armeno. Schon beim ersten Blick hinein dachte ich: „Ach du meine Güte, was IST DAS?“
Eine endlose Miniaturwelt – wie ein lebendiges Wimmelbuch. Figuren. Überall Figuren. Nicht nur Krippenfiguren. Sondern Mini-Pizzabäcker, Mini-Anwälte, Taxifahrer, Baristas, Bäcker, Politiker, Influencer, Totò, Papst Franziskus, Neymar, Spiderman – ALLE als bewegte kleine Spielszenen. Manche mit Licht, manche mit Musik, manche mit animierten Armen, die Teige kneten oder Hühner rupfen. Ich stand davor wie ein Kind, das gerade zum ersten Mal Disneyland sieht – aber besser, weil echt.

Via San Gregorio Armeno
Und plötzlich war klar: Das hier ist kein nettes Urlaubsfoto-Motiv. Das ist eine Ideenwerkstatt mit Zündung. Ich werde auf jeden Fall einiges davon in meine nächsten Bastelprojekte einbauen – Laternen, Miniaturgeschäfte, Weihnachtswelten. Diese Straße hat mein kreatives Hirn regelrecht angeschaltet wie ein Lichtschalter. Ich wusste sofort: Das krieg ich hin. Und das will ich machen. Stefan verdreht die Augen…
Die Krippenstraße Neapels: Via San Gregorio Armeno
Diese berühmte Gasse im Herzen Neapels ist weltweit bekannt für ihre handgefertigten Krippenfiguren – die sogenannten „Presepi“. Aber halt – es geht nicht nur um stille Nacht und heilige Nacht. Hier wird alles und jeder zur Miniatur: Politiker, Fußballer, Pizzabäcker, Influencer, sogar Karl Lagerfeld wurde schon in die Szene gesetzt (mit Katze, versteht sich).
Warum gerade dort?
Schon zur Römerzeit befand sich an genau dieser Stelle ein Tempel der Ceres, Göttin der Fruchtbarkeit. Die Gläubigen brachten kleine Tonfiguren als Opfergaben – eine Tradition, die später von christlichen Krippenbauern aufgegriffen wurde. Heute sind es keine Opfergaben mehr, sondern Mini-Kunstwerke – handbemalt, oft mit beweglichen Teilen und viel Ironie.
Und wann ist der Höhepunkt?
Zur Weihnachtszeit, wenn die halbe Stadt hier durchschlendert und nach neuen, schrägen oder klassischen Krippenfiguren sucht. Aber geöffnet ist das ganze Jahr, und das Beste: Du musst keine Krippe zu Hause haben, um diese Figuren zu lieben
Nach dem Bastel-Overload in der Via San Gregorio Armeno, wo mich Mini-Pizzabäcker, tanzende Steuerberater und rührende Großmütter in Puppenstubenformat gedanklich bereits an den Basteltisch gefesselt hatten, kam plötzlich ein völlig anderer Impuls: Hunger. Und zwar nicht „ein bisschen Appetit“, sondern dieser napolitanische Straßenhunger, bei dem man bereit ist, einer Nonna das letzte Sfogliatella zu entreißen.

Also drehten wir der Krippenstraße den Rücken und schlugen den Weg zur Via Cesare Sersale ein. Immer dem Duft nach. Und den Menschen. Denn wie durch ein geheimes Navigationssystem, das nur hungrige Touristen besitzen, steuerten unsere Schritte zielsicher zur Pizzeria da Michele.
Wir standen also vor der heiligen Stätte der neapolitanischen Teigkultur: L’Antica Pizzeria da Michele. Eine Wand aus Gelb, davor ein Meer aus hungrigen Pilgern. Wer hier ankommt, bestellt keine Pizza. Man betritt einen Tempel – mit Respekt, Demut und leerem Magen.
Zuerst bekamen wir einen Zettel. Kein Menü, keine Begrüßung, einfach ein Papierschnipsel mit einer Nummer. „34.“ Stefan murmelte etwas von „Wie beim Einwohnermeldeamt.“ Ich murmelte zurück: „Dafür kriegt man hier wenigstens was Warmes.“ Und zwar ohne Mahngebühren.
Mittagessen: Pizzeria da Michele
Also warteten wir. Zwischen Touris, Locals, Selfie-Sticks und Pizzagerüchen, die einem fast die Kontrolle über das eigene Verhalten nahmen. 10 Minuten, dann fünfzehn. Die Stimmung schwankte irgendwo zwischen Vorfreude und „Ich esse gleich jemanden, wenn das nicht bald klappt.“ Doch dann – der Ruf: „Trentaquattro!“
Ich hätte weinen können. Aus Freude. Oder weil ich meine linke Hand in der Aufregung in Stefans Rucksack eingeklemmt hatte. Wir betraten den schmalen Gastraum, wo sich alles nur um zwei Dinge drehte: Pizza und Geschwindigkeit. Die Kellner? Effektiv wie ein Uhrwerk. Die Auswahl? Zwei Sorten. Basta. Margherita oder Marinara und Halb und Halb – die heißt dann Marita. Keine Ananas. Keine Extrawünsche. Kein Bullshit. Dafür die wahrscheinlich beste Pizza der Welt. Ja, ich weiß, wie das klingt. Aber bei jedem Bissen wurde mir klar: Das ist kein Essen. Das ist eine Offenbarung.
Unsere Pizza kam mit einem Durchmesser jenseits der Vernunft. Ich entschied mich für „half and half“ – zur Hälfte Margherita, zur anderen Marinara und Stefan nahm Margherita. Und schon beim ersten Bissen: Stille. Diese seltene, ehrfürchtige Stille, in der selbst Stefan nichts sagte. Nur kaute. Und dann nickte.

Ich saß da, Pizza in der Hand, Kamera auf dem Schoß, Tomatensauce am Kinn – und dachte: Das ist der Moment, in dem Julia Roberts in „Eat Pray Love“ verliebt guckt. Nur dass ich dabei aussehe wie ein glücklicher Troll mit Weizenunverträglichkeit. Aber egal. Das war unsere Pizza-Mission. Und sie war ein voller Erfolg.

Nach der Pizza waren wir satt – im Kopf, im Bauch, im Herzen. Und wie das so ist nach einem kleinen kulinarischen Höhepunkt: Man braucht Bewegung. Also machten wir uns zu Fuß auf den Weg zum nächsten Etappenziel, das wir vorher gar nicht als solches geplant hatten. Von der Krippenstraße bogen wir einfach ab, liefen geradewegs auf den Hafen zu – und da stand es: das Castel Nuovo, auch bekannt als Maschio Angioino, mit seinen fünf wuchtigen Türmen und der typischen Mischung aus „Mittelalter trifft auf Postkartenmotiv“. Stefan versuchte sich an einem Panoramafoto, ich versuchte, in den Schatten der Burgmauer zu kommen.
Castel Nuovo
Dann ging es weiter – und plötzlich standen wir mitten in der Galleria Umberto I. Diese Galerie ist kein schnödes Einkaufszentrum. Sie ist ein architektonisches Statement. So eine Art Kathedrale des Shoppings. Das Glasdach spannt sich wie ein Himmelszelt über einen marmorierten Platz, auf dem früher wahrscheinlich noble Damen mit Sonnenschirm flanierten und sich mit Seufzen über das Wetter beklagten. Ich war sofort abgelenkt – von Decke, Boden und allem dazwischen. Stefan? Suchte den Ausgang.

Kaum wieder draußen, lockte das Meer. Wir bogen ab auf den Lungomare, Neapels Küstenpromenade, wo die Luft nach Salz, Sonne und einem Hauch von Dolce Vita duftet. Wir liefen vorbei an schaukelnden Segelbooten, warfen einen letzten Blick Richtung Vesuv (der sich heute ausnahmsweise mal nicht in Wolken versteckte) und erreichten gegen 16:55 Uhr die Piazza Vittoria. Das Licht wurde weicher, der Tag war noch nicht vorbei – aber so langsam spürten wir, dass wir heute schon einiges auf dem Tacho hatten.
Oh ja – jetzt wurde’s filmreif. Alles bis dahin war Tourismus, Sightseeing, Dolce Vita. Aber was nun folgte, war eine Mischung aus Mission: Impossible und Verstehen Sie Spaß? – nur ohne Agententeam und mit Google Maps als einzigem Helfer.
Also: Wir standen an der Piazza Vittoria und wussten ziemlich genau, welcher Bus uns zum Flughafen bringen sollte. Einmal umsteigen, das klang machbar. Die erste Etappe: easy. Bus kommt, wir steigen ein, lehnen uns zurück. Bis Stefan auf sein Handy schaut, leicht die Stirn runzelt und sagt: „Irgendwie fährt der Bus in die falsche Richtung.“
Ein kurzer Blick auf die Karte, ein noch kürzerer Entschluss: Wir steigen an der nächsten Haltestelle wieder aus. War ja sicher ein Fehler, schnell korrigierbar.
Tja. War kein Fehler. War genau der richtige Bus. Der ist dann natürlich fröhlich weitergefahren. Ohne uns. Die App versprach einen nächsten Bus – irgendwann. Also liefen wir zur geplanten Umsteigestation, gerade mal 400 Meter entfernt. Wir hatten ja Zeit. Dachten wir. An der Haltestelle angekommen – Baustelle. Kein Busverkehr. Also weiter zur nächsten Haltestelle. Dort – gleiche Nummer. Und dann kam die Phase, die man in Zeitlupen und nervösem Soundtrack erzählen müsste:
Warten, schauen, hoffen, verzweifeln. Dann: ein Bus. Falsche Linie. Aber der Aushang sagte, die fährt fast parallel zu unserer Route. Also Plan B: Einsteigen, mitfahren, schauen, was passiert.
Vier Haltestellen später stiegen wir aus – und standen in einem Betonlabyrinth aus Stadtautobahn-Zubringern, Kreisverkehren und 0,0 Orientierung. Kein Bus, keine Leute, kein Licht, kein Hoffnungsschimmer. Nur ein Kreisverkehr und das dumpfe Gefühl, dass wir gerade alles falsch gemacht haben, was man falsch machen kann. Also Uber. App geöffnet, Taxi gesucht. Erstes Mal: kein Auto verfügbar. Zweites Mal: „Bitte versuchen Sie es später.“
Wir lachten nervös. Dann kletterten wir über eine Leitplanke. Weil: warum nicht? Im Halbdunkel marschierten wir zurück zur ursprünglichen Bushaltestelle, die uns hätte retten sollen. Inzwischen war es nach 19 Uhr. Der Mietwagen sollte bis 20 Uhr abgeholt sein. Ich rief an, erklärte auf Englisch-Deutsch-Italienisch-Mix unsere Lage.
„Okay“, sagte die Stimme am anderen Ende. „Wir warten… aber nach 20 Uhr kostet’s 50 Euro extra.“ Ganz ehrlich? Besser 50 Euro als gar kein Auto und Nachtwanderung zurück zum Campingplatz.
Dann: ein Bus. Der richtige. Ohne Umsteigen, ohne Drama. Direkt zum Flughafen. Ein paar Meter verlaufen – klar, die Autovermietung war natürlich nicht im Terminal, sondern irgendwo im Hinterhof neben einem Parkhaus. Aber: Drei Minuten vor Acht standen wir am Schalter. Geschafft.
Und dann… kam die Pointe: Kein Fiat 500 Cabrio. Sondern ein Auto aus der Kategorie „similar“. Was wir bekamen? Einen knallblauen Fiat Panda. Würfel auf Rädern. Keine Ausstrahlung, aber immerhin: vier Reifen und ein Tank. Und wir hatten gewonnen.

Ab jetzt: Roadtrip-Level unlocked.
Und dann rollten wir los. Es war längst dunkel, als wir unser neues Familienmitglied – den knallblauen Fiat Panda – vom Parkplatz bugsieren. Noch leicht traumatisiert vom Nahkampf mit Neapels Busnetz, aber voller Hoffnung auf eine entspannte Fahrt zurück zum Campingplatz.
Und siehe da: Der Panda war wie gemacht für diese Stadt. Wo unser Camper scheitern würde, schlüpft er durch. Klein, wendig, schmerzfrei. Die Gassen wurden enger, die Schlaglöcher tiefer, aber unser Panda zuckte nicht mal mit der Antenne. Kein Problem, wenn’s links nur zwei Zentimeter Luft gibt und rechts ein Moped auf dem Bürgersteig parkt. Er passte. Immer. Irgendwie.
Nach rund 45 Minuten standen wir wieder vor dem Tor unseres Campingplatzes. Heimathafen erreicht. Ohne Kratzer. Ohne Nervenzusammenbruch.
Dann hieß es: Duschen. Runterkommen. Schlafen. Wir fielen in den Tiefschlaf mit dem beruhigenden Wissen: Ab morgen geht das Abenteuer erst richtig los.












































