Sardinien, du Schönheit – und dieser Parkplatz in Porto Cervo
Der Wecker war gnadenlos. 5:30 Uhr. Ein Zeitpunkt, zu dem mein Körper normalerweise noch unter Eid aussagen würde, dass es ihn gar nicht gibt. Guten Morgen von der Moby Fantasy – und Überraschung: Obwohl Noah nachts im Etagenbett eine bemerkenswerte Expansionspolitik betrieben hatte, war ich noch drin. Die Mission lautete: Den offiziellen Bordweckruf strategisch unterbieten und als Erste an der Frühstücksbar sitzen.
Ein taktischer Volltreffer. Wir saßen bereits tiefenentspannt beim ersten Kaffee und begutachteten die Croissant-Auslage, während keine fünfzehn Minuten später der Andrang Ausmaße annahm, die man sonst nur vom Winterschlussverkauf kennt. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst – oder bekommt zumindest seinen Cappuccino, ohne beim Einschenken einen Ellenbogen-Check der Marke „Eishockey-Profi“ zu kassieren. Kleinigkeiten, die den Unterschied machen.
Nach dem Frühstück zog es mich aufs Deck. Während der Rest der Welt noch im Halbschlaf vor sich hin dämmerte, lieferte der Himmel eine Show ab, für die ein Hollywood-Special-Effects-Studio wahrscheinlich Millionen ausgeben würde – und nicht mal annähernd drankommt. Das Meer verwandelte sich erst in giftiges Orange, dann in flüssiges Gold, und dann, ganz plötzlich: Land in Sicht. In der Ferne funkelten die Lichter von Sardinien auf dem dunklen Wasser wie kleine Diamanten, die jemand achtlos ins Meer geworfen hatte. Ein Gänsehaut-Moment, der einem schlagartig klarmaacht: Wir sind wirklich da. Der Stahlkoloss hat uns nicht im Nirgendwo ausgespuckt.
Pünktlich um 7:10 Uhr die Durchsage: Ab zu den Fahrzeugen. Was dann folgte, war beeindruckend professionell – keine Hektik, kein Chaos, eine perfekt geölte Maschinerie, die uns wie auf einem Fließband Richtung Freiheit schob. Wenige Minuten später rollten wir über die Rampe auf festen sardischen Boden.
Guten Morgen, Olbia. Man stößt die Fahrertür auf, atmet salzige Meeresluft ein und weiß: Der Roadtrip hat gerade offiziell ein Upgrade auf „Paradies“ bekommen.
Unser erster Weg führte uns Richtung Norden, immer der Küste entlang. Der erste Pflichtstopp auf sardischem Boden: ein Aussichtspunkt hoch über der Spiaggia Bianca. Als wir aus den Campern stiegen, bot sich ein Panorama, das selbst die kühnsten Postkarten-Träume übertrifft. Das Meer schimmerte in einem Türkis, für das es in deutschen Wetterkarten noch nicht einmal eine Farbe gibt.
Für Noah und Emilia war die Aussicht vom Straßenrand allerdings entschieden zu profan. Ihr Jagdinstinkt für den ultimativen Aussichtsplatz war sofort geweckt, und dieser Instinkt führte sie direkt zu einem alten, knorrigen Olivenbaum am Hang, dessen Äste sich wie eine sportliche Einladung in den Himmel streckten. Was folgte, war eine Kletterpartie, bei der Bergziegen wahrscheinlich anerkennend genickt hätten. Noah, ganz der große Expeditionsleiter, schraubte sich voran, Emilia dicht dahinter mit der Zielstrebigkeit eines kleinen, entschlossenen Klammeraffen. Oben angekommen, riefen sie uns zu, die Aussicht sei von dort „noch viel blauer“. Wer sind wir, das anzuzweifeln. Wir Großen genossen derweil den Moment des Stillstands, ließen den Blick über das Meer schweifen und atmeten ein, was man auf dieser Insel in fast schmerzhafter Menge bekommt: pure, unverschämte Schönheit. Zumindest solange niemand vom Baum fiel.
Weiter nach Golfo Aranci, wo das Meer so einladend aussah, dass wir es nicht im Fahrzeug aushielten. Schuhe aus, Socken weg, ab in den Sand. Das Wasser sieht aus wie die Karibik – fühlt sich beim ersten Zehenkontakt aber eher an wie ein höflicher Hinweis aus der Arktis: „Hallo, März.“ Die Kinder stapften trotzdem tapfer durch die Brandung, denn ihr Kälteempfinden ist offenbar noch nicht so verweichlicht wie unseres. Wir Erwachsenen wagten uns immerhin bis zu den Knöcheln vor und nannten das dann Tapferkeit. Das Wasser war so klar, dass man jeden einzelnen Stein auf dem Grund sehen konnte – und trotzdem war die Versuchung, wirklich reinzugehen, exakt null. Schön anzusehen, bitte nicht anfassen.
Da kalte Füße den Magen aktivieren (oder?), machten wir uns auf die Suche nach Proviant. Direkt am Parkplatz: ein kleiner Markt, und dazwischen eine Entdeckung, die unsere Bordküche für den Rest der Reise revolutionieren sollte. Pane Carasau. Dieses hauchdünne, knusprige sardische Hirtenbrot – auch Carta di Musica genannt, weil es so dünn ist wie Notenpapier – war uns bisher völlig unbekannt. Nach der ersten Kostprobe war klar: Das kommt mit. Der Verkäufer erklärte mit dem Stolz einenes Mannes, der weiß, dass er gerade jemanden auf ewig verändert hat. Er hatte recht.

Den Abschluss der Vorratsmission machte ein lokaler Bäcker, aus dessen Ofen Brot kam, das so gut duftete, dass es fast an Körperverletzung grenzte, es nicht sofort stehend auf dem Gehsteig zu verspeisen. Mit vollen Tüten und dem Gefühl, jetzt wirklich angekommen zu sein, rollten wir weiter.
Eigentlich war der Plan für diesen Nachmittag so glänzend wie die Jachten im Hafen: Porto Cervo. Das Epizentrum des Jetsets, der Ort, an dem Champagner wahrscheinlich aus dem Trinkwasserhahn kommt und die Sonnenbrillen mehr kosten als unsere Camper-Versicherung. Wir wollten einen Hauch Glamour schnuppern, ein bisschen schauen, wie die andere Hälfte so lebt – und uns dabei innerlich auf die Schulter klopfen, dass wir mit unseren Sechsmetern bestimmt zumindest genauso viel Platz haben wie deren Jachten.
Dann die Ernüchterung, Marke „Italienische Baustelle“: Der einzige für Camper vorgesehene Parkplatz? Gesperrt. Bauarbeiten. Natürlich. Da stehen wir nun mit unseren rollenden Einzimmerwohnungen und schauen in die Röhre, während die Schickeria wahrscheinlich gerade ihren ersten 18-Euro-Aperol in der Morgensonne genießt und nicht im Entferntesten ahnt, dass wir existieren. Ich war ehrlich gesagt bedient – nicht mal wegen des entgangenen Reiche-Leute-Guckens, sondern weil das auch restauranttechnisch die gesamte Logistik des Tages zerlegte. Zu allem Überfluss verpassten wir in der allgemeinen Verwirrung auch noch den Abzweig zur Costa Smeralda. Ach, Italien. Ich liebe dich von ganzem Herzen, aber manchmal bist du wirklich anstrengend.

Doch wer Roadtrips liebt, weiß: Die besten Momente kommen oft genau dann, wenn der Plan im hohen Bogen in der Mülltonne landet. Unser unfreiwilliger Umweg führte uns nach Palau – und dort, auf einem Hügel mit Blick auf das Meer, stand das Palau-Schriftzug-Denkmal in seinen bunten Großbuchstaben und wartete darauf, erklommen zu werden. Was es dann auch wurde. Die Kids auf den Buchstaben wie selbstverständlich, wir Erwachsenen beim Versuch, auf dem „A“ sitzend so auszusehen als hätten wir die volle Kontrolle über unsere Gliedmaßen – und nicht als wären wir kurz davor, rückwärts in die sardische Macchia zu kippen. Das Foto ist trotzdem großartig. Porto Cervo: schon fast vergessen.

Da wir nun deutlich früher als geplant unterwegs waren, meldete sich der Magen mit der Vehemenz, die keinen Aufschub duldet. Santa Teresa Gallura wurde unser spontaner Rettungsanker – und was für einer. Ein entspanntes Städtchen mit ockergelben und pastellfarbenen Häusern, die in der Mittagssonne um die Wette leuchten, Gassen die man eigentlich im Schritttempo durchwandern müsste und dem Meer direkt am Ende der Straße. Da zu dieser Jahreszeit so wenig los war, dass man fast ein Echo hören konnte, parkten wir beide Wagen entspannt am Straßenrand und fielen in die Pizzeria La Ghinghetta ein.
Stefan und ich entschieden uns für die Pizza Sardas – sardische Salami, Käse mit so viel Charakter, dass er uns wahrscheinlich gleich beim Vornamen ansprechen wollte. Ein kulinarisches Gedicht. Oli und Nadine blieben bei bewährten Klassikern, Noah und Emilia stürzten sich todesmutig auf ihre erste sardische Pasta. Das Ergebnis: einhellige Begeisterung und ein kollektives Food-Koma, das wir anschließend mit einem Espresso bekämpften – nicht aus Genusssucht, sondern aus purer Notwehr.
Nach dem Essen bummelten wir noch ein wenig durch die malerischen Gassen, genossen den Blick durch die Häuserschluchten direkt auf das tiefblaue Meer und holten tief Luft. Manchmal ist der Plan B eben doch der heimliche Hauptdarsteller des Tages. Nach unserem stärkenden Boxenstopp in Santa Teresa Gallura steuerten wir unsere beiden Camper direkt auf das spektakuläre Capo Testa zu.
Dann: Capo Testa. Und ab hier wird es ernst: Nachdem wir die Camper unterhalb des Leuchtturms geparkt hatten – in der Nebensaison ein entspanntes Manöver, im Sommer vermutlich ein Schweißtreiber mit Nahtoderfahrungen – startete unsere Expedition ins Valle della Luna. Wer markierte Wanderwege erwartet, ist hier am falschen Ort. Wir schlugen uns querfeldein durch die Macchia, auf Pfaden so schmal und zugewachsen, dass man zwischendurch kurz überlegte, ob man hier Wandern macht oder unfreiwillig als Statist in einem Survivalkurs gelandet ist. Die Kinder fegten vorneweg wie immer. Wir Erwachsenen versuchten, den Dornenzweigen mit wenigstens ansatzweise tierischer Grazie auszuweichen. Was uns nicht vollständig gelang.
Mitten in diesem botanischen Hindernisparcours dann: eine Schildkröte. Groß, alt, majestätisch – thronend auf einem Felsen und uns mit dem Blick einer Frau ansehend, die seit fünfzig Jahren in Ruhe gelassen werden möchte und jetzt schon wieder Touristen ertragen muss. Sie würdigte uns keines weiteren Blickes. Ich respektiere das sehr.
Nach einigen „Sind wir hier noch richtig?“-Momenten und dem zehnten unauffälligen Blick aufs Handy öffnete sich schließlich das Valle della Luna. Was die Natur hier aus Granit geformt hat, ist schlicht unwirklich. Monumentale Felsblöcke, von Wind und Jahrtausenden in Formen geschliffen, die eher nach Filmkulisse aussehen als nach Planeten Erde. Mittendrin ein Felsen mit einem natürlichen Loch – das Profil eines prähistorischen Wesens, das stumm über die Bucht wacht. Und dann, unten: das Meer. Türkis, klar, unverschämt schön. Sand in den Schuhen, der sich noch in drei Jahren im Camper finden wird. Der Moment, in dem man einfach dasteht und weiß: genau dafür macht man den Quatsch hier.

Auf dem Rückweg versperrte ein aufgeweichter, kniehoher Pfad den „normalen“ Weg. Sardiniens Antwort: Felsen klettern. Was sich als Volltreffer herausstellte. Die Kinder waren sofort in ihrem Element, hangelten sich wie junge Bergziegen über die gigantischen Granitblöcke. Auf den Fotos sehen wir aus wie Ameisen in einer Steinwüste – eine Perspektive, die erst klarmacht, wie gewaltig diese Brocken wirklich sind. Und dann war da noch Emilia, die es sich zur heiligen Aufgabe machte, Oma an der Hand zu nehmen, damit „Oma nicht hinfällt.“ Dass es in Wahrheit andersherum war – darüber decken wir den Mantel des schweigens. Es war nämlich schön.

Gegen halb sechs – nach drei Stunden Abenteuer pur, Dornenzweigen, Schildkröten und Granit – erreichten wir wieder die Camper. Die Beine protestierten leise, das Grinsen war so breit, dass man es vermutlich bis nach Korsika gesehen hätte.
Zwanzig Minuten später: La Cera Farm Camping – hier haben wir für die kommenden zwei Nächte gebucht. Wir klingelten – und wurden von zwei empörten Hunden empfangen, die sehr energisch darauf bestanden, dass wir hier falsch sind. Von Kaitlyn: keine Spur. Ich schrieb ihr kurz. Die Antwort kam prompt: Sohn von der Schule abholen, gleich da, Camper einfach hinstellen wo es passt. Also taten wir genau das. Als Kaitlyn ankam, wurden wir so herzlich begrüßt, als hätten wir jahrelang gemeinsam Schafe gehütet. Der Hof ist ein kleines Paradies: Hunde, Schafe, Hühner, Esel, ein Pferd – und morgen, das wurde uns sofort mitgeteilt, gibt es für Noah und Emilia eine vier Tage alte Babyziege zu sehen.

Nachdem die Pflicht erledigt war – sprich: Wasser aufgefüllt und die Camper an den lebensnotwendigen Strom gehängt – fegte plötzlich ein Wind übers Gelände, der uns fast die Haustür aka Campertüre aus der Hand riss. Planänderung: Statt Freiluft-Dinner gab es eine gemütliche Zusammenkunft in Nadine und Olis Camper. Wir plünderten unsere Vorräte vom Marktbesuch und dem Supermarkt-Raubzug des ersten Tages. Es gab Brot, Käse und Wurst – bodenständig, ehrlich und in der Gruppe schmeckt es sowieso am besten. Den krönenden Abschluss eines echten Roadtrip-Tages lieferte Oliver: Er übernahm freiwillig das Abspülen. Unser Held des Alltags!
Einen kleinen Wermutstropfen gab es noch: Die Bootsfahrt durchs La Maddalena Archipel, unser geplantes Highlight für morgen, ist dem Wetter zum Opfer gefallen. Sturm und Regen angekündigt. Fabrizio, der Bootsbesitzer, blieb gelassen und bot eine Verschiebung an. Vielleicht klappt es am Ende der Reise noch. Erst Porto Cervo-Schlappe, dann verpasste Abfahrt, jetzt das Boot. Sardinien testet uns gerade auf Resilienz.
Aer – wir improvisieren uns glücklich. Das können wir nämlich ganz gut.
Gute Nacht.















































