Lucca, 230 Stufen und ein Wal namens Fantasy
Der Morgen in Serravalle startete pflichtgemäß mit Croissants – diesmal wahlweise Pistazie oder Schokolade – und einem Cappuccino, der stark genug war, um Tote aufzuwecken. Kurz, gut, effizient. Dann: Leinen los Richtung Süden. Die zwei Stunden, die wir gestern vor lauter Sneaker-Verhandlungen geschwänzt hatten, mussten jetzt eben nachgeholt werden. Wie immer gilt: Man schiebt Probleme nicht auf, man verlagert sie.

Kurz nach neun Uhr bogen wir auf die A12 ein. Wer auf der Strecke Richtung Genua einen entspannten Tempomat-Vormittag erwartet, hat das Konzept „ligurische Autobahn“ noch nicht vollständig verinnerlicht. Das ist kein profaner Asphaltstreifen – das ist eine Achterbahn für Fortgeschrittene. Tunnel, Brücke, Kurve, Tunnel, Kurve, Viadukt, Tunnel. Das Ganze in Endlosschleife, während links und rechts die Berge in den Himmel ragen und man sich fragt, wer auf die Idee kam, hier überhaupt eine Straße zu bauen – und wer das bezahlt hat.
Als wir an der Abfahrt zur Cinque Terre vorbeirauschten, gab es einen kurzen kollektiven Moment der Nostalgie. Fast auf den Tag genau ein Jahr zuvor standen wir dort zusammen am Meer. Ein Blick, ein Lächeln, ein stummer Gruß in den Rückspiegel – und weiter durch die Betonröhren.

Unser Ziel: der „Parcheggio Camper Luporini“. Es ist genau der Ort, den wir eigentlich schon gestern Abend hätten ansteuern wollen – aber wer denkt schon an strategische Übernachtungsplätze, wenn Sneaker im Angebot sind? Für schmale 10 Euro bekommt man bei Parcheggio Camper das volle Rundum-sorglos-Programm inklusive Ver- und Entsorgung. Die Innenstadt ist zudem nur einen entspannten Zehn-Minuten-Marsch entfernt.
Wir rollten entspannt um halb zwölf auf das Gelände – während der Rest der Truppe im zweiten Wagen noch gut eine halbe Stunde im italienischen Verkehrsdschungel feststeckte. Wahrscheinlich hat Nadine eine Abkürzung gefunden, die nur auf Karten aus dem 18. Jahrhundert existiert. Noah, Stefan und ich standen jedenfalls bereit.

Um zwölf Uhr startete die Expedition Lucca. Noah und Emilia schwangen sich auf ihre Tretroller und verschwanden in Richtung Stadttor, während wir Erwachsenen versuchten, halbwegs Würde und Tempo zu halten. Was uns dabei gelang wie einer Herde gemütlicher Schildkröten, die zwei Geparden hinterherjagt.
Irgendwann ließ Noah seinen Roller kurz unbeaufsichtigt stehen – ein fataler Fehler in dieser Familie. Nadine witterte ihre Chance, schnappte sich das Gerät und rollte davon mit dem Gesicht einer Frau, die sich das schon länger überlegt hatte. Sie hatte die Rechnung ohne ihren Sohn gemacht: Noah rannte schneller, als Nadine rollte, und holte sich sein Eigentum in einer Aktion zurück, die man getrost als filmreif bezeichnen kann. Rangordnung: wiederhergestellt.

Wir sind nun auf der Stadtmauer von Lucca – aber „Mauer“ ist hier eine maßlose Untertreibung. Was Lucca da um sich herum gebaut hat, ist eine vier Kilometer lange, baumgesäumte Flanierpromenade, breit genug für Fußgänger, Radfahrer, Roller-Kinder und das gesamte Stadtleben. Von oben schaut man voyeuristisch in Hinterhöfe, über rote Ziegeldächer und auf Kirchtürme, die wie steinerne Ausrufezeichen in den toskanischen Himmel ragen. Irgendwo auf dieser grünen Autobahn über den Dächern der Stadt fanden Nadine und Stefan eine Bank in der Sonne, setzten sich hin und taten das, was man auf Reisen viel zu selten tut: einfach mal gar nichts. Darunter, im Barockgarten des Palazzo Pfanner, standen Statuen und akkurat gestutzte Hecken so perfekt in Reih und Glied, dass man fast Angst hatte, durch bloßes Hinschauen eine Symmetrie-Störung zu verursachen.
Von der Mauer ließen wir uns ins steinerne Herz der Stadt fallen. Lucca ist die Sorte Altstadt, die man eigentlich nur im Schritttempo durchqueren kann – nicht wegen der Menschenmassen, sondern weil man alle drei Meter stehen bleibt. Hohe, ockerfarbene Häuserfassaden, so dicht beieinander, dass die Gassen wie Schluchten wirken. Grüne Fensterläden. An einer Ecke eine rote Vespa, fotogen geparkt als hätte sie jemand extra hingestellt. Über den Köpfen der Passanten hängt frisch gewaschene Wäsche im toskanischen Wind. Diese typisch italienische Mischung aus leichter Baufälligkeit und unendlicher Eleganz, die einen dazu zwingt, ständig das Handy zu zücken. Die Kinder ließen die Roller über das Kopfsteinpflaster rattern, wir ließen uns treiben – vorbei an kleinen Werkstätten, alten Kirchen und Läden, die aussehen, als hätten sie schon die letzte Belagerung der Stadt miterlebt und seitdem einfach nicht mehr aufgemacht.
Gegen Mittag meldete sich der Magen – lautstark und ohne Rücksicht auf die Umgebung. Wir landeten in der Trattoria Da Leo: bodenständig, herrlich laut, absolut echt. Hier wird nicht geflüstert, hier wird gelebt. Stefan und ich gönnten uns Tagliatelle mit Gorgonzola-Soße, die so cremig und intensiv war, dass sie eigentlich als kulinarische Wellness-Behandlung hätte abgerechnet werden können. Die Kinder teilten brav ihre Pasta Pomodoro, Nadine blieb verlässlich bei der Bolognese, und Oli wagte das Experiment: Schnitzel mit Tomatensoße und Kapern. Klingt für deutsche Ohren zunächst gewöhnungsbedürftig, sah aber verdammt gut aus und hat dem Vernehmen nach den Test bestanden. Den Abschluss machte das Tiramisu della Casa – ein Löffel davon, und man weiß wieder genau, warum man die ganzen Tunnel auf sich genommen hat.
Gut gesättigt und mit einem leichten Food-Koma im Gepäck stand der sportliche Endgegner des Tages auf dem Programm: der Torre Guinigi. 230 Stufen. Direkte Buße für die Gorgonzola-Pasta und das Tiramisu. Die Kinder hüpften voraus, als wäre das Treppenhaus ein Spielplatz. Wir Erwachsenen manövrierten unsere toskanischen Kohlenhydrate etwas gemächlicher durch die engen, geschichtsträchtigen Etagen – vorbei an massiven Backsteinmauern, durch steile Metallstiegen, die irgendwo zwischen „solider Geschichte“ und „abenteuerlichem Gerüstbau“ liegen.

Und dann, oben: Sensation. Auf der Turmspitze wachsen sieben jahrhundertealte Steineichen in gemauerten Erdkästen – weil die Familie Guinigi im 14. Jahrhundert der Meinung war, dass ein Turm ohne hängenden Garten schlicht nicht standesgemäß ist. Die Bäume stehen da seit Generationen, trotzen Wind und Sonne und werfen Schatten auf ein endloses Meer aus roten Ziegeldächern, versteckten Gärten und fernen Bergen.

Wir standen unter dem Blätterdach, der Wind zerzauste die Frisuren, die Gesichter noch leicht gerötet vom Aufstieg – und das Grinsen war so breit, dass selbst die Bilder kaum drumherumkamen. Es gibt Momente auf einem Roadtrip, die man sich hart erarbeiten muss. Der Blick vom Torre Guinigi ist einer davon.
Wieder unten – die Waden mit leisen, aber bestimmten Beschwerden – zog es uns direkt weiter zur Piazza dell’Anfiteatro. Dieses Oval aus Häusern, das sich seit Jahrhunderten um die Fundamente eines antiken römischen Amphitheaters schmiegt, ist pure Magie. Dort, wo früher Gladiatoren im Staub standen, läuft heute das süße Leben. Und hier kam der große Moment der Kinder: In einem Tonfall, der keinerlei Unsicherheit zuließ, bestellten Noah und Emilia bei der Gelateria Anfiteatro ihr Cioccolato-Gelato in makellosem Italienisch. Der Stolz war mit Händen zu greifen. Wir sicherten uns eine Bank in der Sonne, ließen das Eis schmelzen und das bunte Treiben an uns vorbeiziehen. Dolce far niente – einfach da sein. Das können die Italiener, und wir lernen es gerade.

Als wir die Piazza schließlich Richtung Westen verließen, stolperten wir mitten in ein Labyrinth aus Boutiquen, Lederläden und italienischem Chic. Nadine und ich tauschten genau einen Blick. Der bedeutete: Männer, sucht euch einen schattigen Platz. Das wird jetzt dauern. Was folgte, war kein Shopping – das war ein Beutezug. Man hält plötzlich Dinge in der Hand, von denen man fünf Minuten zuvor nicht wusste, dass sie die neue Grundlage des eigenen Kleiderschranks sind. Dass auch die obligatorischen Souvenir-Magnete mitreisten, versteht sich von selbst. Wo die landen? Wahrscheinlich an der Rückwand der Dunstabzugshaube. Aber in diesem Moment, zwischen mittelalterlichen Mauern und dem Duft von gutem Leder, waren sie ein absolutes Must-have.

Gegen 18 Uhr war die Kreditkarte glücklich erschöpft, und wir machten uns auf nach Livorno. Die Zufahrt zum Hafen war denkbar unkompliziert – einmal richtig abgebogen, und Poller und Absperrungen lotsen einen wie von Geisterhand direkt zur Fähre. Und dann stand er vor uns: der Wal. Die Moby Fantasy. Weiß, riesig, mit dem charakteristischen Moby-Schriftzug an der Bordwand – und von einer Dimension, die man erst begreift, wenn man direkt daneben steht.

Was für ein Schiff. Wer glaubt, eine Fähre von Livorno nach Olbia sei einfach nur „ein bisschen Schiff fahren“, hat dieses Stahlkolossos noch nicht gesehen. Man fährt in den Bauch des Wals, parkt zwischen hunderten anderen Fahrzeugen auf spiegelglattem Boden und fragt sich unwillkürlich, wie dieses schwimmende Parkhaus eigentlich über Wasser bleibt. Drinnen dann: Lounges, die gemütlicher sind als so manches Wohnzimmer. Ein Restaurant, in dessen Reifekammer Fleischstücke hängen wie beim Edel-Metzger. Ein Buffet mit Antipasti und Mozzarella, das mit Fähr-Kantinen-Ästhetik ungefähr so viel gemein hat wie Lucca mit dem Stuttgarter Hauptbahnhof. Spielplatz, Arcade-Automaten, ein Shop, mehrere Bars. Für uns alle war es das erste Mal auf einer solchen Überfahrt – eine echte Premiere.
Ein bisschen Skepsis schwang natürlich mit, vor allem bei Nadine. Wer im Flugzeug bei der kleinsten Turbulenz die Armlehne umklammert, sieht einer Nacht auf dem Tyrrhenischen Meer nicht unbedingt mit reiner Vorfreude entgegen. Die Frage hing im Raum: Königlich residieren oder über der Schüssel hängen?
Antwort: Murmeltier.

Wir haben uns für die Nachtfähre von 22 Uhr bis 7 Uhr entschieden, was absolut genial ist. Man spart sich einen Campingplatz und verliert überhaupt keine Urlaubszeit. Der ursprüngliche Plan sah vor, dass Stefan, die Kinder und ich in den Sesseln im Flugzeug-Modus übernachten, während Oli und Nadine ihre gebuchte Kabine genossen. Als sich herausstellte, dass es eine Viererkabine war, fragten wir kurz an, ob wir mit rein dürften. „Ja, macht doch, sagte ein freundlicher Mitarbeiter“ – und damit schliefen wir zu sechst in schmalen Etagenbetten wie in einer gut besuchten Jugendherberge. Nadine und Emilia belegten das breitere untere Bett, Stefan das andere untere, Oli und ich verschwanden in den oberen Kojen, Noah quetschte sich zu mir hoch. Eng? Ja. Abenteuerlich? Eindeutig. Und dann legte das Schiff ab, die Moby Fantasy begann ihr leises, sanftes Vibrieren – und wir schliefen alle, als wäre das Meer extra für uns ruhig geblieben.
Sardinien wartete. Wir waren unterwegs.
Die schwimmende Kleinstadt:
Willkommen auf der Moby Fantasy
Vergessen wir alles, was wir bisher über Fähren dachten. Wer glaubt, eine Überfahrt von Livorno nach Olbia sei einfach nur „ein bisschen Schiff fahren“, der hat die Moby Fantasy noch nicht gesehen.
Dieses Schiff ist nicht einfach nur groß; es ist ein architektonisches Statement gegen die Schwerkraft. Wir haben ja schon viel gesehen, aber ein Schiff mit derartigen Dimensionen? Das Teil hat mehrere Parkdecks, die so weitläufig sind, dass man fast ein Navigationssystem braucht, um den eigenen Camper wiederzufinden. Man fährt in den Bauch des Wales, parkt zwischen hunderten anderen Fahrzeugen auf spiegelglattem Boden und fragt sich unwillkürlich, wie dieses schwimmende Parkhaus eigentlich über Wasser bleibt.
Drinnen geht das Staunen direkt weiter. Das ist keine Fähre, das ist ein schwimmendes Design-Hotel mit angeschlossenem Food-Court. Man wandelt durch Gänge, die eher an eine Luxus-Mall erinnern, vorbei an verglasten Vitrinen und Lounges, die so schick sind, dass man sich kurz fragt, ob man mit dem Camper-Outfit nicht underdressed für dieses Deck ist. Wer Hunger hat, landet im Paradies: Da hängen Fleischstücke in der Reifekammer, als wäre man beim Edel-Metzger in Manhattan, und das Buffet sieht aus, als hätte eine italienische Nonna die gesamte Küchenbrigade übernommen. Frische Antipasti, Mozzarella und Schinken – wir reden hier nicht von Pappbechern und labbrigen Sandwiches, sondern von echtem Genuss.
Während die Kinder im Spielparadies oder an den Arcade-Automaten ihre Reflexe testen, kann man selbst in der Kabine tatsächlich schlafen. Ja, richtig gehört: Die Kabinen sind modern, funktional und bieten mehr Komfort, als mancher Landgasthof. Man legt sich hin, spürt das sanfte Vibrieren der gigantischen Motoren und wacht auf, wenn die sardische Küste am Horizont auftaucht. Die Moby Fantasy ist kein notwendiges Übel, um von A nach B zu kommen – sie ist der erste richtige Urlaubstag. Ein riesiger, stählerner Gigant, der einen mit italienischer Eleganz über das Mittelmeer trägt.
Zahlen, Daten, Fakten: Der Gigant im Überblick
Damit das Staunen auch eine statistische Grundlage hat, hier ein bisschen „Angeber-Wissen“:
Indienststellung der Moby Fantasy: 2023 (Es ist das Flaggschiff der Moby-Flotte).
Länge: Stolze 237 Meter (das sind mehr als zwei Fußballfelder hintereinander).
Breite: 32 Meter.
Kapazität: Platz für bis zu 3.000 Passagiere.
Fahrzeugdeck: Über 3.800 Lademeter – das reicht für rund 1.300 PKW oder eben eine beeindruckende Flotte an Campern auf insgesamt 4 Decks.
Geschwindigkeit: Bis zu 23,5 Knoten (dank effizientem Hybrid-Antrieb, der im Hafen sogar emissionsfrei laufen kann).
Ausstattung: 441 Kabinen, ein À-la-carte-Restaurant, ein Self-Service-Restaurant, diverse Bars und ein riesiger Bereich für Kinder und Gaming.
Besonderheit: Die Moby Fantasy gilt als eine der größten und umweltfreundlichsten Passagierfähren der Welt.

























































