Dienstag – München. Oder: Warum eigentlich ausschlafen?
Der Dienstag begann zu einer Uhrzeit, zu der normale Menschen höchstens kurz überlegen, auf welche Seite sie sich noch einmal drehen. Für uns hieß es dagegen: Raus aus den Federn, Frühstück später – um 6:03 Uhr fuhr der ICE nach München. Als Lokführerin sitze ich zwar ständig in Zügen, aber diesmal durfte ich einfach nur aus dem Fenster schauen. Auch mal schön.
Das Ziel war schnell klar: die Allianz Arena. Für Noah als kleinen Fußballfan ungefähr das, was Disneyland für Mickey-Mouse-Fans ist. Kaum standen wir vor dem riesigen Stadion, leuchteten die Augen. Ich dagegen dachte nur: “Hoffentlich gibt’s irgendwo einen Aufzug.” Gab’s natürlich nicht. Also sammelten wir nach den 768 Stufen vom Vortag ganz nebenbei noch einmal rund 400 weitere. Langsam begann ich, meine Woche nicht mehr in Tagen, sondern in Höhenmetern zu rechnen.

Die Stadiontour war allerdings wirklich jeden Schritt wert. Wir liefen durch den Spielertunnel, saßen auf der Trainerbank, standen in der Kabine des FC Bayern und warfen einen Blick in den Presseraum. Noah verschlang jede Information wie ein Reporter auf Transfermarkt-Jagd. Und ich musste zugeben: Selbst als Nicht-Bayern-Fan ist das schon ziemlich beeindruckend.
Nach so viel Fußball meldete sich der Hunger. Also auf ins Hofbräuhaus. Viele bestellen dort Schweinshaxe oder andere bayerische Kalorienbomben. Noah hatte dagegen ein völlig anderes Ziel. Laut seiner persönlichen Gourmet-Bewertung gibt es dort den besten Kaiserschmarrn Münchens. Ich kann das nicht beurteilen, denn während er glücklich seinen Kaiserschmarrn vernichtete, gönnte ich mir ein Resches Bierbratl – selbstverständlich begleitet von einem kühlen Bier. Irgendjemand musste schließlich die bayerische Esskultur würdig vertreten.

Gut gestärkt führte unser Weg weiter über den Viktualienmarkt. Dort hatte ich eine Mission. Nein, keine Weißwürste. Kein Käse. Kein Obst. Senf. Und zwar den legendären „Hinterfotzigen Senf“.

Der Name ist nämlich Programm. Erst denkt man: “Ach, der ist ja ganz angenehm.” Zwei Sekunden später schlägt er völlig hinterhältig zurück und räumt den kompletten Nasen-Rachen-Raum auf. Die Schärfe kommt nicht sofort. Sie lauert. Stefan und Oli lieben das Zeug. Für mich durfte zusätzlich noch ein Glas Viktualienmarkt-Senf mit nach Hause. Wenn ich schon in München bin, gehört das inzwischen genauso dazu wie der Blick auf die Frauenkirche. Eigentlich hätten wir danach direkt zum Bahnhof fahren können. Eigentlich.
Stattdessen landeten wir erst einmal im FC-Bayern-Fanshop. Und anschließend – auf ausdrücklichen Wunsch eines neunjährigen Herrn – noch bei TK Maxx. Ich bin inzwischen fest davon überzeugt, dass Noah mehr Begeisterung für Kleidung entwickelt als ich jemals hatte. Während andere Kinder nach Spielzeug suchen, stöbert er durch T-Shirts und Hoodies. Der Junge entwickelt sich langsam zum Fashion Victim. Wahrscheinlich sucht er bald passend zum Fußballtrikot noch die richtigen Sneaker.
Die Münchner Innenstadt kannten Noah und ich ja eigentlich schon von unserem letzten gemeinsamen ICE-Ausflug. Damals hatten wir München bereits ziemlich ordentlich abgearbeitet und waren sogar auf dem Turm der Frauenkirche gewesen. Deshalb stand diesmal kein großes Sightseeing-Programm auf dem Plan. Zumal das Wetter inzwischen ohnehin beschlossen hatte, uns München eher in der Kategorie „nass von oben“ zu präsentieren.
Als es wieder kräftiger regnete, nutzten wir deshalb die Kirchen Münchens weniger aus religiösem Interesse als vielmehr als überaus prachtvolle Fußgängerunterführungen. Vorne rein, ein bisschen staunen, hinten wieder raus – Hauptsache ein paar Minuten im Trockenen. So landeten wir auch in der St. Peters Kirche, die ich bisher tatsächlich noch nicht kannte. Und die erwies sich als ausgesprochen guter Zufallsfund. Von außen schon hübsch, innen aber richtig beeindruckend: hell, gewaltig, barock und so üppig ausgestattet, dass man für einen Moment glatt vergaß, dass wir eigentlich nur vor dem Regen geflüchtet waren.
Kurz darauf wurde es dann allerdings richtig merkwürdig. Da stand plötzlich Julia. Und zwar nicht irgendeine Julia, sondern genau die Dame mit der verdächtig blank polierten rechten Brust, die wir erst im vergangenen Frühjahr in Verona besucht hatten. Noah und ich blieben beide stehen.
Moment mal … sind wir irgendwo falsch abgebogen? München sah bis dahin eigentlich ziemlich überzeugend nach München aus. Aber plötzlich fühlte es sich verdächtig nach Verona an. Gleiche Pose, gleiche Statue und – natürlich – wieder genau diese glänzende Stelle, die verrät, dass offenbar Tausende Besucher glauben, durch eine kurze Berührung das Liebesglück auf ihre Seite ziehen zu können.
Die Erklärung ist allerdings deutlich unspektakulärer als eine versehentliche Reise nach Italien. München und Verona sind seit 1960 Partnerstädte. Als Zeichen dieser Freundschaft schenkte Verona der Stadt München 1974 eine originalgetreue Bronzereplik der berühmten Julia-Statue. Deshalb steht sie heute nur wenige Schritte vom Marienplatz entfernt.

Und ja – auch hier ist die rechte Brust auffallend blank poliert. Der Aberglaube hat also problemlos die Alpen überquert. Wer sie berührt, soll Glück in der Liebe haben. Ich persönlich finde ja, wenn man sich Julias eigene Liebesgeschichte einmal genauer anschaut, ist sie vielleicht nicht gerade die überzeugendste Werbeträgerin für dieses Versprechen. Aber gut … Traditionen sollte man manchmal einfach nicht zu kritisch hinterfragen.
Nachdem wir sicher sein konnten, uns nicht versehentlich in Italien zu befinden, beschloss der Himmel, erneut sämtliche Schleusen gleichzeitig zu öffnen. Unsere Shoppingtour war damit schlagartig beendet. Also ging es zurück zum Bahnhof. Mit einem Arverio-Zug fuhren wir zunächst Richtung Ulm – schließlich darf mein Arbeitgeber auch mal etwas von mir haben – und von dort mit dem ICE weiter nach Hause.
Am Abend ließ ich mich zufrieden aufs Sofa fallen. Zwei Ausflüge geschafft. Eigentlich lief alles nach Plan.
Ein bemerkenswert optimistischer Gedanke.
Denn der Wecker für den nächsten Morgen war bereits gestellt.
Ziel: Paris.









