Montag – Warmwerden in Ulm
Los ging’s ganz entspannt. Mit dem schicken Doppelstockzug der DB, dem RE5, fuhren wir von Esslingen nach Ulm. Natürlich hätten wir auch mit „Omas Zug“, dem MEX16, fahren können. Aber der hält gefühlt an jedem zweiten Gartenzaun, während der RE deutlich flotter unterwegs ist. Außerdem gab es ein schlagendes Argument: Doppelstock. Und oben sitzen. Das ist mit neun Jahren ungefähr so aufregend wie Business Class – und gegen diese Logik kommt selbst eine Lokführerin nicht an.
In Ulm angekommen wurde erst einmal gefrühstückt. Croissants, Cappuccino für Oma und Orangensaft für den angehenden Gipfelstürmer. Schließlich sollte niemand behaupten können, wir wären unvorbereitet in 768 Treppenstufen gestartet.

Bevor es nach oben ging, schauten wir uns das Münster erst einmal von innen an. Und selbst wenn Kirchen normalerweise nicht unbedingt zu Noahs Top-Sehenswürdigkeiten gehören – dieses Bauwerk beeindruckt schon gewaltig. Riesige Gewölbe, buntes Licht durch die Fenster und vor allem dieses unglaublich kunstvoll geschnitzte Chorgestühl. Da fragt man sich unweigerlich, wie viele Jahre jemand wohl gebraucht hat, um aus einem Stück Holz so etwas entstehen zu lassen. Ich brauche ja schon für ein IKEA-Regal einen halben Nachmittag.
Dann standen wir vor der eigentlichen Herausforderung. 768 Stufen. Offiziell. Gefühlt waren es auf den letzten Metern ungefähr 3.400.
Noah schoss los, als hätte oben jemand Freispiele für die Playstation verteilt. Ich dagegen versuchte, meine Würde zu bewahren. Anfangs klappte das noch ganz gut. Nach etwa 300 Stufen ging ich unauffällig dazu über, jedes kleine Fenster als “Fotostopp” zu verkaufen. Man muss als Oma schließlich Prioritäten setzen. Sauerstoff zum Beispiel.
Oben angekommen war allerdings jeder einzelne Schweißtropfen vergessen. Der Blick über Ulm ist schlicht spektakulär. Die roten Dächer, die Donau, das Rathaus, winzige Menschen tief unten und rundherum diese unzähligen Wasserspeier und filigranen Steinfiguren, die seit Jahrhunderten stoisch auf die Stadt hinabblicken. Da oben wird einem erst bewusst, welche Meisterleistung dieses Münster eigentlich ist.
Nach unserem erfolgreichen Gipfelsturm schlenderten wir noch ein bisschen durch Ulm. Ein paar Geschäfte mussten natürlich auch noch dran glauben. Beim Bummel durch die Altstadt erfuhren wir dann auch noch, dass Albert Einstein tatsächlich in Ulm geboren wurde. Asche auf mein Haupt – ich wusste das bis dahin tatsächlich nicht. Irgendwie fährt man jahrelang beruflich nach Ulm und entdeckt als Tourist plötzlich Dinge, an denen man sonst achtlos vorbeifährt.
Natürlich konnte ich nicht widerstehen. Ein kleines Einstein-Männchen musste mit. Seitdem hängt der gute Albert an meiner Schreibtischlampe und schaut mir beim Schreiben meiner Reiseberichte zu. Ich hoffe nur, er erwartet jetzt nicht, dass ich dabei auch nur annähernd so intelligente Gedanken produziere wie er. Seine berühmte Formel kann ich jedenfalls inzwischen um eine weitere ergänzen:

768 Stufen + ein neunjähriger Enkel = Muskelkater².
Mittags gab es dann – sehr zur Freude des Juniors – noch einen Pflichtbesuch bei McDonald’s. Kultur ist schließlich wichtig, aber Pommes eben auch. Für die Rückfahrt gönnten wir uns den IC über die neue Schnellfahrstrecke Wendlingen–Ulm. Ich wollte Noah unbedingt einmal zeigen, wie schnell man inzwischen über die Schwäbische Alb kommt. Und tatsächlich: Über Merklingen schossen wir förmlich Richtung Wendlingen.
Dort warteten wir auf den Anschlusszug – die S1 – ganze 30 Minuten. Herzlichen Glückwunsch, Deutsche Bahn! Der komplette Zeitgewinn der neuen Hochgeschwindigkeitsstrecke war damit auf einen Schlag wieder dahin. Aber gut – irgendwas muss ja schließlich konstant bleiben.






















