Mittwoch – “Nur mal kurz” nach Paris
Am Mittwoch durften wir tatsächlich ausschlafen. Naja, zumindest nach meinen Maßstäben. Der ICE fuhr nämlich erst um 6:35 Uhr. Nach dem 6:03-Uhr-Zug am Vortag fühlte sich diese halbe Stunde länger im Bett fast wie ein Wellnessurlaub an. Andere gönnen sich im Spa eine Massage, ich gönnte mir 32 Minuten zusätzlichen Schlaf. Man nimmt eben, was man kriegen kann.
Der Grund für unseren dritten Ausflug war denkbar einfach. Vor einiger Zeit hatte Noah den Disney-Film Der Glöckner von Notre Dame gesehen. Seitdem stand für ihn fest: „Da will ich mal hoch.“ Regelmäßige Leser meines Blogs kennen das inzwischen. Vor zwei Jahren wollte der junge Herr unbedingt auf den Eiffelturm. Also saßen wir kurzerhand im Camper und verbrachten ein Wochenende in Paris. Offenbar entwickelt sich das langsam zu einem festen Muster. Noah schaut einen Disney-Film – und ich übernehme anschließend die Reiseplanung.
Nun gibt es auf so einen Wunsch eigentlich zwei mögliche Antworten. Die erste lautet: „Schauen wir mal.“ Diesen Satz hasse ich. Nicht, weil er unhöflich wäre, sondern weil er meistens übersetzt bedeutet: „Nein, aber ich möchte es gerade nicht so direkt sagen.“ Genau deshalb benutze ich ihn nie. Entweder etwas funktioniert oder eben nicht. Also blieb nach meinen eigenen Maßstäben nur eine Frage übrig: Ist das machbar? Ein kurzer Blick in den Fahrplan beantwortete sie ziemlich eindeutig. Ja. Also wurde der ICE gebucht.

Ganz ehrlich: Ich wollte ohnehin schon immer einmal mit über 300 km/h durch Frankreich brettern. Wenn ich beruflich schon keine Hochgeschwindigkeitszüge fahren darf, dann wollte ich wenigstens einmal als Fahrgast erleben, wie sich das anfühlt. Morgens in Stuttgart einsteigen, gemütlich frühstücken und wenige Stunden später mitten in Paris aussteigen – allein dieser Gedanke begeistert mich bis heute. Während andere überlegen, ob sie sonntags vielleicht mal einen Ausflug an den Bodensee machen, fahren wir eben kurz nach Frankreich. Irgendwie passt das ziemlich gut zu unserer Familie.
Nach ziemlich genau dreieinhalb Stunden rollte unser ICE pünktlich im Gare de l’Est ein. Das ist jedes Mal aufs Neue faszinierend. Eben sitzt man noch entspannt im Zug, trinkt seinen Kaffee und schaut aus dem Fenster, wenige Sekunden später öffnen sich die Türen und man steht mitten in Paris. Kein Flughafen, kein Mietwagen, kein Gepäckband, kein Shuttlebus. Einfach aussteigen und… Bonjour!
Bevor wir allerdings losziehen konnten, wartete die erste Herausforderung des Tages. Metro-Tickets kaufen. Offenbar hatten sämtliche Touristen der Stadt exakt denselben Plan wie wir. Vor den Automaten bildeten sich Schlangen, bei denen man meinen konnte, die Pariser Metro würde in fünf Minuten für immer schließen. Während einige Menschen gefühlt ihre komplette Steuererklärung an den Automaten erledigten, beobachtete Noah das Spektakel erstaunlich gelassen. Irgendwann hielten wir unsere Tickets tatsächlich in den Händen und stürzten uns ins Pariser Metrosystem.
Mit der Linie 4 ging es bis Cité. Schon das ist irgendwie besonders. Man fährt unter der Seine hindurch und steigt praktisch direkt im Herzen von Paris wieder aus. Kaum hatten wir die Station verlassen, tauchte auch schon die Seine vor uns auf. Nun muss ich gestehen: Ich war felsenfest überzeugt zu wissen, wo es langgeht. Tat ich aber nicht und so marschierte ich zielsicher… in die falsche Richtung.
„Oma…“
Ich lief weiter.
„Oma… ich glaube, wir müssen da lang.“
Ich lief immer noch weiter. Lebenserfahrung ist schließlich auch etwas wert.
Nach ungefähr fünfzig Metern musste ich allerdings kleinlaut eingestehen, dass der Neunjährige recht hatte. Also drehten wir um und nahmen den tatsächlich richtigen Weg. Ich bin ja der Meinung: Man sollte Kindern auch zeigen, dass Erwachsene Fehler machen dürfen. Das nennt man Pädagogik. Ganz bestimmt nicht Orientierungslosigkeit.
Kaum hatten wir die Brücke überquert, stand sie vor uns: Notre-Dame. Nach all den Bildern des verheerenden Brandes im Jahr 2019 war es schon ein besonderer Moment, die Kathedrale wieder in ihrer ganzen Pracht zu sehen. Ich musste unweigerlich daran denken, wie die ganze Welt damals fassungslos zuschaute. Und jetzt stand sie wieder da, als wäre nie etwas gewesen.

Noah interessierte sich allerdings weniger für Architekturgeschichte. Sein Blick wanderte sofort nach oben. Ganz nach oben. Ich bin mir ziemlich sicher, irgendwo in seinem Kopf erwartete er immer noch, dass Quasimodo jeden Moment aus einem Fenster schaut und freundlich herunterwinkt.
Nach einer kurzen Sicherheitskontrolle begann der eigentliche Aufstieg. 424 Stufen. Nach den 768 Stufen im Ulmer Münster und den ungefähr 400 in der Allianz Arena stellte ich langsam fest, dass ich versehentlich eine Themenwoche mit dem Titel „Europas schönste Treppenhäuser“ gebucht hatte.
Die Treppen der Notre-Dame sind allerdings etwas ganz Besonderes. Mal windet sich eine enge steinerne Wendeltreppe nach oben, dann knarren Holztreppen durch den Dachstuhl. Plötzlich steht man direkt neben einer riesigen Glocke, wenig später zwängt man sich wieder durch einen schmalen steinernen Gang. Alles wirkt eng, verwinkelt und unglaublich ursprünglich. Man läuft nicht einfach einen Turm hinauf – man hat das Gefühl, mitten durch die Geschichte dieser Kathedrale zu steigen.
Ich entwickelte unterwegs eine erstaunliche Leidenschaft für kleine Fenster. Jedes einzelne musste selbstverständlich fotografiert werden. Rein aus fotografischen Gründen natürlich. Dass ich dabei zufällig immer ein paar Sekunden stehen blieb und tief durchatmete, hatte damit überhaupt nichts zu tun. Überhaupt gar nichts! Noah dagegen marschierte unbeeindruckt voraus, schaute in jede Ecke, bestaunte jede Glocke und war grundsätzlich schon dort angekommen, wo ich gerade erst loslief. Kinder besitzen offenbar zwei Herzen, vier Lungen und einen eingebauten Turbomodus. Anders ist das nicht zu erklären.
Dann öffnete sich plötzlich die letzte Tür. Und mit einem Schlag lag Paris unter uns.

Für solche Momente gibt es eigentlich keine passenden Worte. Die Seine schlängelte sich durch die Stadt, der goldene Invalidendom glänzte in der Sonne und am Horizont ragte der Eiffelturm über das endlose Häusermeer. Direkt neben uns saßen die berühmten Wasserspeier, die seit Jahrhunderten mit herrlich schlechter Laune über Paris wachen. Manche sahen aus, als hätten sie seit 800 Jahren Zahnschmerzen, andere blickten eher so, als würden sie sich köstlich über die Touristen amüsieren.
Während ich versuchte, ungefähr 500 Fotos zu machen und trotzdem den Moment zu genießen, lief Noah begeistert von Wasserspeier zu Wasserspeier. Für ihn war der Disney-Film plötzlich Realität geworden. Genau deshalb sitzen wir morgens um halb sieben im ICE. Genau deshalb steigen wir freiwillig Hunderte Treppen hinauf. Und genau deshalb würde ich es jederzeit wieder tun.
Der Rückweg führte – wenig überraschend – wieder über dieselben 424 Stufen nach unten. Ich hatte kurz die Hoffnung, bergab wäre deutlich angenehmer. Meine Knie waren da allerdings anderer Meinung.

Anschließend machten wir uns zu Fuß auf den Weg Richtung Louvre. Eigentlich sind das gerade einmal zwei Kilometer. In Paris entspricht das allerdings ungefähr zweihundert Fotostopps. Alle zwanzig Meter blieb einer von uns stehen. Mal war es eine Brücke, dann wieder ein Hausboot, eine Häuserfront, ein Blick über die Seine oder plötzlich der Eiffelturm zwischen zwei Gebäuden. Paris macht es einem wirklich schwer, einfach nur geradeaus zu laufen.
Irgendwann meldete sich allerdings der Hunger. Und wie es das Schicksal so wollte, stand plötzlich ein McDonald’s vor uns. Ja, ich weiß… ausgerechnet in Paris. Wahrscheinlich haben in diesem Moment sämtliche französischen Sterneköche kollektiv die Augen verdreht. Aber mit einem neunjährigen Reisebegleiter diskutiert man darüber ungefähr genauso erfolgreich mit einer Katze über Hundesteuern. Außerdem musste ich feststellen: Selbst ein französischer McDonald’s wirkt irgendwie… französischer. Oder einfach wie ein McDonalds. Ach egal…

Nach unserem kleinen französischen Gourmet-Stopp machten wir uns wieder auf den Weg. Der führte uns weiter durch den Jardin des Tuileries. Ich liebe diesen Park. Mitten in einer Millionenstadt und trotzdem wirkt alles plötzlich entschleunigt. Zwischen den akkurat geschnittenen Hecken schlenderten Touristen, Pariser saßen mit einem Buch auf den grünen Metallstühlen und überall standen Menschen einfach nur da und beobachteten das bunte Treiben. Irgendwie scheinen Franzosen eine besondere Begabung dafür zu haben, nichts zu tun – und dabei trotzdem unglaublich stilvoll auszusehen.
Je weiter wir liefen, desto imposanter wurde die Kulisse. Zuerst tauchte der Arc de Triomphe du Carrousel vor uns auf. Viele verwechseln ihn mit seinem großen Bruder am Ende der Champs-Élysées. Tatsächlich ist er deutlich kleiner und steht direkt vor dem Louvre. Napoleon ließ ihn nach seinem Sieg bei Austerlitz errichten – heute bildet er das Eingangstor zum Carrousel-Garten und zur berühmten Sichtachse durch die Tuilerien bis hin zur Grande Arche de la Défense.

Und dann öffnete sich plötzlich der riesige Innenhof. Da stand sie. Die Glaspyramide. Ich weiß noch genau, wie kontrovers dieses Bauwerk in den Achtzigerjahren diskutiert wurde. Mitten zwischen den jahrhundertealten Palastfassaden plötzlich eine riesige Pyramide aus Glas und Stahl – viele fanden das damals schrecklich. Heute kann man sich den Louvre ohne sie kaum noch vorstellen. Verrückt, wie schnell sich manche Dinge vom Skandal zur Ikone entwickeln.
Während Noah sofort begann, nach der besten Fotoperspektive zu suchen – das Fotografieren scheint irgendwie erblich zu sein – musste ich unweigerlich an „Sakrileg – The Da Vinci Code“ denken. Seit ich den Film gesehen habe, kann ich die Pyramide einfach nicht mehr anschauen, ohne sofort an Robert Langdon, Geheimbünde und die umgedrehte Glaspyramide unter dem Louvre zu denken. Irgendwo dort unter der umgedrehten Glaspyramide ruhe das Grab von Maria Magdalena – verborgen unterm „Sternenzelt“. Wahrscheinlich völliger Unsinn (oder doch nicht?). Aber Hollywood schafft es eben, dass man einen Ort nie wieder ganz unvoreingenommen betrachtet.
Noah dagegen löste das Rätsel des Louvre auf seine ganz eigene Art. „Cool… eine Glaspyramide!“ Mehr musste dazu eigentlich gar nicht gesagt werden.
Manchmal beneide ich Kinder. Sie schaffen es tatsächlich, Sehenswürdigkeiten einfach nur schön zu finden. Ohne Verschwörungstheorien, ohne Geschichtsunterricht und ohne darüber nachzudenken, welcher Architekt sich das Ganze wohl ausgedacht hat. Die schauen einfach hin, staunen – und freuen sich.
Nach einer ausgiebigen Fotosession zogen wir weiter. Eigentlich hätte man hier problemlos einen ganzen Tag verbringen können. Allein der Innenhof mit seinen Fassaden ist schon ein Kunstwerk. Das eigentliche Museum mit seinen Tausenden Ausstellungsstücken musste allerdings auf einen anderen Besuch warten. Für die Mona Lisa hätten wir an diesem Tag schlicht keine Zeit mehr gehabt. Und mal ehrlich: Die kennt inzwischen ohnehin jeder. Ich glaube, die arme Frau verbringt ihren Alltag inzwischen hauptsächlich damit, von Menschen fotografiert zu werden, die sie anschließend nur auf dem Display ihres Handys anschauen.
Also ging es wieder hinunter in die Metro. Nächster Halt: Trocadéro.
Es gibt viele Orte, von denen man den Eiffelturm sehen kann. Aber der Moment, wenn man die Metrostation verlässt, ein paar Schritte geht und sich plötzlich diese riesige Stahlkonstruktion zwischen den Gebäuden erhebt, funktioniert bei mir jedes einzelne Mal. Obwohl ich inzwischen schon mehrfach dort war, bleibe ich trotzdem jedes Mal kurz stehen.
„Da ist er.“ Mehr braucht es eigentlich nicht.
Von der Terrasse des Trocadéro hat man den berühmtesten Blick auf den Eiffelturm. Genau das Bild, das vermutlich Millionen Menschen jedes Jahr fotografieren. Natürlich machten wir das auch. Man ist schließlich Tourist. Und manchmal darf man ruhig genau das tun, was alle anderen auch tun.
Anschließend liefen wir die langen Treppen hinunter Richtung Seine. Je näher man dem Turm kommt, desto größer wirkt er. Von Weitem sieht er elegant und filigran aus. Steht man direkt darunter, fragt man sich unweigerlich, wie irgendjemand vor über 130 Jahren auf die Idee kommen konnte, so etwas aus Eisen zusammenzuschrauben.
Den Abschluss bildete wie schon bei unserem ersten Paris-Besuch die Bir-Hakeim-Brücke. Für mich gehört sie einfach zu jedem Aufenthalt dazu. Von hier hat man diesen klassischen Blick mit der Seine im Vordergrund und dem Eiffelturm dahinter – ein Motiv, das unzählige Filme, Serien und Werbespots geprägt hat. Und ja… auch diesmal mussten natürlich wieder ein paar Fotos entstehen. Vielleicht auch ein paar mehr.
Als wir später wieder im Gare de l’Est auf unseren ICE warteten, musste ich selbst kurz darüber schmunzeln. Morgens waren wir noch in Stuttgart aufgestanden. Ein paar Stunden später standen wir auf der Notre-Dame, spazierten durch den Louvre, liefen unter dem Eiffelturm hindurch und am Abend saßen wir schon wieder im Zug Richtung Heimat.
Andere buchen für Paris eine Woche Urlaub. Wir nennen das Mittwoch.










































