Zwischen Gedenken und Skyline: 9/11 Memorial und New York von oben
Für die nächsten drei Tage verabschiedeten wir uns ein wenig von unserer eigentlichen New-England-Rundreise und machten einen Abstecher nach New York City. Wobei „Abstecher“ bei uns natürlich nicht bedeutete, dass wir einfach nach Manhattan fuhren und dort mit dem Sightseeing begannen. Vorher lag schließlich noch New Jersey auf dem Weg. Und in New Jersey liegt Jersey Gardens. Man muss Prioritäten setzen.
Von Ardsley aus sollte die Fahrt zur Mall eigentlich ungefähr eine Stunde dauern. Da zwischen uns und New Jersey allerdings Manhattan lag und der Verkehr rund um New York bekanntlich gelegentlich eigene Vorstellungen von Reisezeiten entwickelt, hatten wir vorsichtshalber eine zusätzliche Stunde eingeplant. Das erwies sich als durchaus vernünftig. Auf der Interstate 95 kamen wir zunächst gut voran, bis sich vor der Henry Hudson Bridge offenbar sämtliche Fahrzeuge der näheren Umgebung zu einem gemeinsamen morgendlichen Treffen verabredet hatten. Hier standen wir im längsten Stau des Tages. Danach lief es erstaunlicherweise wieder ziemlich flüssig. Über die Route 9A ging es am Hudson River entlang, Manhattan immer wieder im Blick, und schließlich durch den Lincoln Tunnel hinüber nach New Jersey.
Gegen 9:45 Uhr erreichten wir nach knapp zwei Stunden Fahrt die Jersey Gardens Mall. Diesmal hatten wir uns fest vorgenommen, sehr diszipliniert zu sein. Eigentlich wollten wir nur in zwei Geschäfte. Ein Satz, den man bei einem amerikanischen Einkaufszentrum vermutlich nicht einmal selbst glaubt, während man ihn ausspricht. Einer dieser beiden Läden war jedenfalls gesetzt: der Disney Store. Unsere Tochter sammelte Kuscheltiere zu den jeweils aktuellen Disney-Filmen, und wenn wir schon in Amerika waren, wurde selbstverständlich nachgesehen, was es Neues gab.
Wir standen praktisch pünktlich zur Öffnung vor dem Laden, als sich der Rollladen langsam nach oben bewegte. Allerdings durften wir nicht einfach hinein. Vor dem Eingang stand ein Mitarbeiter in Zaubereraufmachung und erklärte uns, dass wir zunächst einen Zauberspruch aufsagen müssten. Und zwar laut. Sehr laut. Nun standen wir also morgens um zehn in einem Einkaufszentrum in New Jersey und mussten „Abracadabra“ rufen, um Kuscheltiere kaufen zu dürfen. Man kann über die Amerikaner sagen, was man will, aber einen gewöhnlichen Laden morgens einfach kommentarlos aufzusperren, wäre ihnen vermutlich zu langweilig. Wir erfüllten jedenfalls die magischen Einreisebestimmungen, woraufhin uns der Zauberer mit einem feierlichen „Let the magic begin!“ in den Disney Store entließ.
Damit war die Shoppingrunde natürlich noch nicht beendet. Über WhatsApp erreichte uns zwischenzeitlich ein spontaner Schuhwunsch unserer Tochter, und weil wir gerade sowieso da waren, wurde auch dieser Auftrag noch erledigt. Danach brauchten wir eine Stärkung und landeten bei Johnny Rockets. Hamburger, amerikanisches Diner, genau das Richtige. Gegen Mittag waren alle Einkaufsaufträge erledigt, wir satt und die Tüten verstaut. Jetzt konnte New York kommen.
Wie schon bei unseren früheren Aufenthalten wollten wir auch diesmal nicht mitten in Manhattan übernachten, sondern auf Staten Island. Dort hatten wir wieder unser Victorian Bed & Breakfast gebucht, und inzwischen war es fast schon ein bisschen wie Heimkommen. Die Besitzerin Danuta kannten wir von unseren vorherigen Besuchen und freuten uns entsprechend auf das Wiedersehen. Gegen 13 Uhr standen wir vor der Tür und klingelten. Nichts. Wir klingelten noch einmal. Immer noch nichts.
Das war ungewöhnlich, also riefen wir kurzerhand an. Und tatsächlich: Danuta war da. Sie hatte lediglich ein Nickerchen gemacht und von unserer Ankunft nichts mitbekommen. Wenige Minuten später öffnete sich die Tür und wir wurden umso herzlicher begrüßt. Sie bot uns sogar ihr größtes Zimmer an, und spätestens damit waren wir wieder vollständig angekommen. Unser Zuhause für die nächsten drei Tage war bezogen – also auf nach Manhattan!
Auch der Weg zur Staten Island Ferry hielt diesmal eine kleine Änderung bereit. Dort, wo wir sonst immer geparkt hatten, wurde gebaut. In unmittelbarer Nähe sollte das geplante Riesenrad entstehen, und damit war unser gewohnter Parkplatz verschwunden. Stattdessen fanden wir eine erstaunlich unkomplizierte Lösung: Valet Parking für acht Dollar am Tag inklusive Bustransfer zum Fährterminal. Pickup abgeben, einsteigen, zur Fähre fahren lassen – das konnte so bleiben.
Die Staten Island Ferry gehört für uns inzwischen einfach zu New York dazu. Eine halbe Stunde über das Wasser, die Skyline von Manhattan vor einem und unterwegs der Blick auf die Freiheitsstatue – und das Ganze auch noch kostenlos. Normalerweise stehen wir natürlich draußen und fotografieren, aber diesmal spielte das Wetter nicht mit und das Außendeck blieb geschlossen. Also betrachteten wir Manhattan eben durch die Scheiben. Die Aussicht war trotzdem dieselbe, nur die Fotos bekamen diesmal keinen Wind mitgeliefert.

Gegen 14:30 Uhr erreichten wir Lower Manhattan und waren schlagartig wieder mittendrin. Eben noch Fähre und Wasser, wenige Minuten später Hochhäuser, Verkehr, Menschen und dieses ganz eigene New Yorker Tempo. Unser Weg führte zunächst Richtung Wall Street. Die hohen Fassaden, die engen Straßenschluchten und dazwischen die New York Stock Exchange – hier sieht alles so aus, als würden hinter jeder zweiten Tür gerade Milliardenbeträge verschoben. Nur wenige Schritte entfernt steht die Trinity Church und wirkt zwischen den Hochhäusern fast ein bisschen unwirklich. Wir gingen hinein, zündeten eine Kerze an und blieben einen Moment sitzen. Danach führte unser Weg weiter Richtung World Trade Center.
Seit unserem letzten Besuch 2014 hatte sich hier einiges verändert. Damals war das 9/11 Memorial bereits fertig, das Museum aber noch nicht eröffnet. Diesmal wollten wir uns beides ansehen.
Schon beim Betreten des Memorials verändert sich die Stimmung. Obwohl ringsherum Manhattan weiterläuft, Menschen unterwegs sind und die Stadt keineswegs plötzlich stillsteht, wirkt dieser Platz anders. Dort, wo früher die beiden Türme des World Trade Centers standen, befinden sich heute zwei große quadratische Wasserbecken. Das Wasser läuft an den dunklen Innenwänden hinunter und verschwindet in einer weiteren Öffnung in der Mitte, deren Boden man nicht sehen kann. In die bronzenen Umrandungen sind die Namen der Menschen eingraviert, die bei den Anschlägen vom 11. September 2001 und beim Bombenanschlag auf das World Trade Center 1993 ums Leben kamen.
Man läuft langsam an diesen Namen entlang, bleibt immer wieder stehen und liest. Fast 3.000 Menschen – eine Zahl, die man kennt und trotzdem kaum erfassen kann. An diesem Ort bekommt sie plötzlich Namen.
Anschließend gingen wir ins 9/11 Memorial Museum. Schon die ersten Exponate machten deutlich, dass dies kein Museum war, durch das man einfach von Vitrine zu Vitrine läuft. Zwei gewaltige Stahlträger der ursprünglichen Twin Towers standen dort, verbogen und gezeichnet von der Zerstörung. Keine aufwendige Inszenierung war nötig. Diese Teile hatten zu den Gebäuden gehört, deren Einsturz sich in das Gedächtnis einer ganzen Generation eingebrannt hatte.

Je weiter wir durch das Museum gingen, desto eindringlicher wurde es. Da stand ein schwer beschädigtes Feuerwehrfahrzeug, daneben Teile der Antenne des Nordturms. Wir sahen die sogenannte Survivor’s Staircase, jene Treppe, über die Menschen am 11. September aus dem World Trade Center und vom Gelände fliehen konnten. Dazwischen immer wieder persönliche Gegenstände – Dinge aus einem vollkommen normalen Alltag, der an diesem Morgen innerhalb weniger Minuten aufgehört hatte, normal zu sein.

Besonders intensiv war der Bereich „September 11, 2001“, in dem der Ablauf des Tages chronologisch rekonstruiert wird. Nachrichtenausschnitte von damals, Telefonmitschnitte und Berichte von Menschen, die dabei waren, holen diesen Tag mit einer Unmittelbarkeit zurück, die schwer zu beschreiben ist. Vieles davon kennt man. Man hat die Bilder gesehen, weiß, was passiert ist und wie es ausgegangen ist. Aber hier hört und sieht man die Ereignisse noch einmal in genau jener Reihenfolge, in der sie damals geschahen – zu einem Zeitpunkt, an dem die Menschen noch nicht wussten, was wenige Minuten später passieren würde.
Am meisten bewegte uns ein Raum mit den Porträts der Opfer. Fast 3.000 Gesichter. Plötzlich waren es nicht mehr „die Opfer des 11. September“, sondern einzelne Menschen mit Namen, Familien und Geschichten. Man schaut in diese Gesichter und merkt, wie wenig eine Zahl darüber aussagt, was an diesem Tag tatsächlich verloren gegangen ist.
Das Museum war für uns keine gewöhnliche Sehenswürdigkeit und schon gar kein Punkt, den man auf einer New-York-Liste abhakt. Es ist sehr ruhig und respektvoll gestaltet, ohne Effekthascherei, und gerade deshalb unglaublich eindringlich. Als wir wieder draußen waren, gingen wir noch einmal zu den beiden Wasserbecken, setzten uns auf eine Bank und blieben einfach eine Weile dort. Nach all den Bildern, Stimmen und Geschichten brauchte es keinen nächsten Programmpunkt im Minutentakt.

Unser nächstes Ziel hätte kaum einen stärkeren Kontrast bilden können und gehörte trotzdem genau hierher. Direkt neben dem Memorial erhebt sich das neue One World Trade Center. Wo wir gerade noch unter der Erde die Geschichte der zerstörten Türme gesehen hatten, wollten wir nun hinauf in das Gebäude, das an diesem Ort neu entstanden war.
Das One World Trade Center wurde zwischen 2006 und 2014 errichtet und erreicht einschließlich seiner Spitze eine Höhe von 541 Metern beziehungsweise 1.776 Fuß. Die Zahl ist bewusst gewählt und erinnert an das Jahr 1776, in dem die amerikanische Unabhängigkeitserklärung verabschiedet wurde. Schon vom Boden aus ist das Gebäude gewaltig. Jetzt wollten wir ganz nach oben.
Gegen 16 Uhr betraten wir das One World Observatory und hatten erstaunlicherweise überhaupt keine Warteschlange. Nach der Sicherheitskontrolle wurden wir sogar in unserer Muttersprache begrüßt – nur eine Kleinigkeit, aber eine, die sofort auffiel. Im Bereich „Voices“ erzählen Ingenieure und Bauarbeiter vom Bau des neuen World Trade Centers, bevor man zu den Sky Pod Elevators kommt.
Allein die Fahrt nach oben ist bereits Teil des Erlebnisses. In nur 47 Sekunden schießt der Aufzug bis in die oberen Stockwerke, während auf den Wänden rundherum die Entwicklung Manhattans über rund 500 Jahre gezeigt wird. Aus unbebautem Land wächst langsam die Stadt, Gebäude schieben sich in die Höhe und Manhattan verändert sich direkt vor den Augen. Für einen kurzen Moment erscheinen auch die alten Twin Towers, bevor die heutige Skyline entsteht. Nach dem Museumsbesuch wenige Minuten zuvor war gerade dieser kurze Augenblick erstaunlich wirkungsvoll.
Oben angekommen wurde zunächst noch nicht sofort verraten, was uns erwartete. Eine kurze Multimedia-Präsentation, Dunkelheit – und dann öffnete sich plötzlich der Blick auf New York. Und der war gewaltig.
Vom 102. Stock lag Manhattan unter uns wie ein Modell. Straßen wurden zu schmalen Linien, die Hochhäuser, zwischen denen man unten noch den Kopf in den Nacken legen musste, standen plötzlich weit unter uns. In der Ferne lagen New Jersey und die umliegenden Inseln, draußen im Hafen die Freiheitsstatue. Von hier oben bekam man zum ersten Mal ein Gefühl dafür, wie riesig New York tatsächlich ist.
Wir hatten den Zeitpunkt für unseren Besuch bewusst so gewählt, dass wir den Sonnenuntergang erleben konnten. Also blieben wir. Die Sonne wanderte langsam Richtung New Jersey, das Licht wurde wärmer und die Schatten zwischen den Hochhäusern länger. Schließlich verschwand die Sonne am Horizont und nach und nach gingen unter uns die Lichter an. Erst einzelne Fenster, dann ganze Straßenzüge, Brücken und Gebäude, bis Manhattan schließlich als riesiges Lichtermeer unter uns lag.
Wir konnten uns kaum sattsehen. Tagsüber beeindruckt New York durch seine Größe, nachts sieht die Stadt von oben fast unwirklich aus. Überall Licht, bis weit zum Horizont, und dazwischen die dunklen Flächen des Wassers. Wir liefen immer wieder von einer Seite des Observatory zur anderen, weil jede Richtung einen völlig anderen Blick bot.
Einen kleinen Nachteil hatte das One World Observatory allerdings: Alles befindet sich hinter Glas. Fotografieren funktioniert, aber dieses offene Gefühl, das wir vom Top of the Rock kannten, fehlte ein wenig. Dafür war die Höhe hier noch einmal eine andere Dimension. Man stand nicht einfach über Manhattan. Man hatte beinahe das Gefühl, weit darüber zu schweben.

Wieder auf festem Boden angekommen, zieht es uns noch durch den World Trade Center Transportation Hub – und der haut uns erneut vom Hocker. Dieser Bahnhof ist alles andere als funktional-nüchtern. Schon beim Betreten bleibt man automatisch stehen. Das Herzstück bildet eine riesige, elliptische Halle, die sich nach oben öffnet und mit ihren weißen Rippen tatsächlich an ausgebreitete Vogelflügel erinnert. Leicht, futuristisch, fast schwebend. Ein Bauwerk, das nicht nur Verkehr abwickeln will, sondern bewusst ein Zeichen setzt: Hier geht es weiter.
Dass dieses architektonische Statement seinen Preis hat, merkt man spätestens beim Blick auf die Zahlen. Rund vier Milliarden Dollar hat der Bau verschlungen – und macht den Transportation Hub damit zum teuersten Bahnhof der Welt. Viel Geld, keine Frage. Aber während wir durch die lichtdurchflutete Halle gehen, verstehen wir, worum es hier geht: nicht nur um Züge und Gleise, sondern um Symbolik, Wiederaufbau und einen selbstbewussten Blick nach vorne. Wir schauen, staunen, drehen uns noch einmal um – und sind uns einig: Das ist mutig. Und beeindruckend.
Von hier aus laufen wir weiter zum Fulton Center. Zeit für eine Pause. Und für etwas Handfestes. Unsere Wahl fällt auf Shake Shack. Die Burger werden keine architektonischen Preise gewinnen, und sie können natürlich nicht mit der Aussicht vom One World Trade Center konkurrieren – aber sie tun genau das, was sie sollen: Hunger beseitigen. Mission erfüllt.
Gut gesättigt machen wir uns schließlich auf den Weg zur Staten Island Ferry. Der Weg dorthin ist kein bloßes Zurücklaufen, sondern ein letzter, bewusster Spaziergang durch Lower Manhattan – jetzt am Abend, wenn die Stadt ein anderes Gesicht zeigt. Die Geräusche sind gedämpfter, die Lichter übernehmen langsam die Regie, und vieles wirkt konzentrierter, fast schwerer.
Wir kommen noch einmal am 9/11 Memorial vorbei. Die beiden Brunnen sind nun nächtlich beleuchtet, das Wasser stürzt gleichmäßig in die Tiefe, die Namen der Opfer schimmern sanft im Licht. Die Atmosphäre ist still, beinahe ehrfürchtig. Menschen stehen schweigend am Rand, manche legen die Hand auf die eingravierten Namen, andere schauen einfach nur. Am Abend wirkt dieser Ort noch intensiver als tagsüber – ruhiger, klarer, eindringlicher.
Danach liefen wir weiter Richtung Süden, vorbei am Bowling Green, dem ältesten öffentlichen Park New Yorks, und natürlich am Charging Bull, der auch am Abend noch seine Stellung hielt. Die Wall Street war inzwischen deutlich ruhiger als am Nachmittag. Wo tagsüber Menschenmassen unterwegs gewesen waren, konnte man nun beinahe gemütlich durch die Straßenschluchten laufen. Manhattan schien zumindest hier unten für ein paar Stunden einen Gang zurückgeschaltet zu haben.
Am Fährterminal angekommen, waren wir froh, einfach nur noch sitzen zu können. Die Staten Island Ferry legte ab und langsam entfernte sich Manhattan wieder von uns. Hinter dem Schiff lag die dunkle Upper Bay, vor uns Staten Island und hinter uns die funkelnde Skyline, die mit jedem Meter kleiner wurde. Nach diesem langen Tag war die halbstündige Überfahrt fast schon Erholung. Zehn Minuten nach unserer Ankunft auf Staten Island waren wir wieder bei Danuta im Victorian Bed & Breakfast.
Auf Staten Island angekommen läuft alles wie am Schnürchen. Der Bus zum Parkplatz steht schon bereit, wir bekommen unser Auto zurück, und zehn Minuten später sind wir wieder im Hotel. Ein langer Tag geht zu Ende. Vollgepackt mit Eindrücken, Emotionen und Momenten, die bleiben. Und während wir ankommen, wissen wir: New York hat uns wieder.

















































