Zwischen Brooklyn Bridge, 20.000 Kalorien und Times Square: Ein herrlich entspannter Tag in New York
Heute hatten wir ausnahmsweise überhaupt keinen Grund zur Eile. Kein Early-Bird-Parkhaus, keine Stahlsäule, kein Museumstermin, kein Aussichtsturm mit reservierter Uhrzeit. Einfach nur New York – und das fühlte sich nach den letzten Tagen fast schon verdächtig entspannt an. Entsprechend gemütlich ließen wir uns bei Danuta zum Frühstück nieder und genossen alles, was auf den Tisch kam. Dazu hatten wir noch Gesellschaft: John und Diane aus dem wunderschönen Norden Michigans, die extra nach New York gekommen waren, um die Hochzeit ihrer Tochter zu feiern. Sehr sympathische Leute, mit denen wir uns sofort festquatschten. Natürlich dauerte es nicht lange, bis wir bei Michigan, der bevorstehenden Präsidentschaftswahl und der Hochzeit landeten. Also einmal quer durch Landschaft, Politik und Familienleben – klassisches amerikanisches Frühstücksgespräch.

Am Ende wurden wir von John und Diane herzlich eingeladen, sie doch einmal in Michigan zu besuchen. Nun weiß man bei Amerikanern ja nie so genau, wie ernst solche Einladungen gemeint sind. „You have to come visit us!“ gehört dort ungefähr in dieselbe Kategorie wie „How are you?“ – theoretisch eine Frage, praktisch sollte man nicht unbedingt mit einem 20-minütigen Gesundheitsbericht antworten. Andererseits: Vielleicht meinen sie es ja doch ernst. Wir haben das bisher nur nie ausprobiert.
Das eigentliche Problem wäre ohnehin ein anderes: Wir hatten weder Nachnamen noch Adresse. Aber gut. Michigan ist ja überschaubar. Wir fahren einfach irgendwann hin, suchen uns ein großes hübsches Haus an einem See, klingeln und sagen: „Hallo, wir sind Gabi und Stefan aus Deutschland. John und Diane haben gesagt, wir sollen vorbeikommen. Wo ist unser Zimmer?“ Irgendwo wird es schon passen.
Nach dem Frühstück machten wir uns auf den Weg zur Staten Island Ferry. Das Auto war schnell beim Valet Parking abgegeben, der Shuttle brachte uns zum Terminal und wir schafften ganz entspannt die 10-Uhr-Fähre. Das Wetter zeigte sich morgens noch etwas grau und unentschlossen, aber der freundliche Herr vom Weather Channel hatte Besserung versprochen. Und einem amerikanischen Wettermoderator glaubt man natürlich. Die stehen schließlich nicht umsonst bei jedem Hurrikan mitten im Sturm und erklären, dass man besser nicht hinausgehen sollte.

In Manhattan angekommen überlegten wir kurz, ob sich für unsere drei Tage eine Wochenkarte für die Subway lohnen würde. Stefan rechnete, verglich und kam zu dem Ergebnis, dass einzelne Fahrkarten günstiger waren. Damit war die Sache geklärt, und wir fuhren mit der gelben Linie R Richtung Brooklyn. Sehr weit fuhren wir allerdings nicht. An der allerersten Haltestelle, Court Street, stiegen wir bereits wieder aus.
Eine U-Bahn-Fahrt von Manhattan nach Brooklyn über genau eine Station ist natürlich kein besonders ambitioniertes Verkehrsprojekt, aber immerhin konnten wir behaupten, die Subway benutzt zu haben. Von dort liefen wir zunächst durch einen kleinen Wochenmarkt, bevor wir langsam Richtung Brooklyn Bridge Park weiterzogen.
D.U.M.B.O. kannten wir bereits von früheren New-York-Besuchen. Der Name steht für „Down Under the Manhattan Bridge Overpass“, was deutlich weniger romantisch klingt als das Viertel selbst. Alte Backsteingebäude, Kopfsteinpflaster, Lagerhäuser, Cafés und darüber die gewaltigen Stahlkonstruktionen von Brooklyn Bridge und Manhattan Bridge. Eigentlich waren wir schon mehrfach hier gewesen – und hatten es trotzdem geschafft, einen der berühmtesten Fotospots New Yorks bislang konsequent zu übersehen. Das sollte heute korrigiert werden.

An der Kreuzung von Water Street und Washington Street standen wir plötzlich genau vor diesem Bild: rechts und links hohe rote Backsteinhäuser, dazwischen die Manhattan Bridge, deren mächtiger Pfeiler die Straße geradezu abschließt. Und wenn man sich an die richtige Stelle stellt, schaut unter dem Brückenbogen in der Ferne tatsächlich das Empire State Building hervor. Das ist eines dieser Motive, bei denen man im ersten Moment denkt: Ach, deshalb fotografieren das alle. Und im zweiten Moment beginnt man selbst damit.
Aus einem Foto wurden zwei. Dann noch eins ein bisschen weiter links. Noch eins etwas tiefer. Vielleicht mit mehr Straße. Vielleicht mit weniger Himmel. Vielleicht kommt gleich noch ein gelbes Taxi. Vielleicht verschwindet das Auto da vorne noch. Vielleicht ist die Wolke in zwei Minuten schöner. Kurz gesagt: Stefan hatte ausreichend Zeit, die nähere Umgebung kennenzulernen.
Die Szene wirkt tatsächlich wie extra für eine Postkarte gebaut. Die alte Backsteinarchitektur links und rechts, das dunkle Stahlgerüst der Manhattan Bridge und genau mittendrin das Empire State Building. New York schafft es immer wieder, völlig zufällig auszusehen, als hätte jemand die komplette Stadt für ein Filmset arrangiert.

Nachdem ich irgendwann akzeptierte, dass ich wahrscheinlich genügend Fotos hatte – eine rein theoretische Annahme –, liefen wir weiter zur Waterfront. Und dort wurde es noch besser. Auf der einen Seite die Manhattan Bridge, auf der anderen die Brooklyn Bridge, vor uns der East River und dahinter die Skyline von Manhattan.
Dazu hielt der Weather Channel tatsächlich Wort. Die Wolken verschwanden immer mehr, das Blau setzte sich durch und plötzlich lag Manhattan unter einem strahlenden Himmel vor uns. Manchmal entwickelt Wetter im Urlaub ja eine ganz eigene Boshaftigkeit. Heute hatte es offenbar frei.
Wir liefen gemütlich am Wasser entlang und genossen die Aussicht. Es war genau diese Art von New-York-Tag, die wir diesmal wollten. Nicht möglichst schnell von Sehenswürdigkeit A zu Aussichtspunkt B, sondern einfach schauen, laufen, sitzen bleiben, weiterlaufen und zwischendurch natürlich fotografieren, bis die Speicherkarte um Gnade bittet.
Unser nächstes Ziel war die Manhattan Bridge selbst. Die 1909 eröffnete Brücke ist schon allein technisch beeindruckend: zwei Ebenen, vier Subway-Gleise, sieben Fahrspuren, dazu Fußgänger- und Radweg. Ein gewaltiges Stück Stahl über dem East River. Und wir beschlossen, die knapp zwei Kilometer zurück nach Manhattan zu Fuß zu gehen.
Warum ausgerechnet über die Manhattan Bridge und nicht über die berühmtere Brooklyn Bridge? Ganz einfach: Von der Manhattan Bridge sieht man die Brooklyn Bridge. Und da ich zu diesem Zeitpunkt noch immer der Meinung war, dass meine bisherige Fotosammlung der Brooklyn Bridge erschreckende Lücken aufwies, war die Entscheidung praktisch alternativlos.
Der Fußweg führte uns langsam höher über den East River. Unter uns zogen Autos und Subway-Züge vorbei, auf der einen Seite breitete sich Brooklyn aus, auf der anderen Manhattan. Und natürlich lag dort die Brooklyn Bridge perfekt vor der Skyline. Von hier oben sah man erst richtig, wie elegant ihre steinernen Türme und die filigranen Stahlseile über dem Wasser wirkten.
Es wurden Fotos gemacht. Einige. Viele. Sagen wir einfach: Die Brooklyn Bridge dürfte anschließend ausreichend dokumentiert gewesen sein. Zumindest für diesen Vormittag.
Auf der Manhattan-Seite spuckte uns die Brücke direkt in Chinatown wieder aus. Innerhalb weniger Meter veränderte sich die Umgebung komplett: chinesische Schriftzeichen, kleine Läden, Restaurants, dichter Verkehr und Menschen überall. Von dort liefen wir weiter Richtung Little Italy, denn unser eigentliches Ziel war die Mulberry Street und damit Lombardi’s.
Was wir nicht wussten: Wir hatten uns ausgerechnet den Tag ausgesucht, an dem Little Italy das 90th Annual Feast of San Gennaro feierte.
Und damit war auf der Mulberry Street nichts mit gemütlichem Spaziergang. Die Straße war voll. Richtig voll. Zwischen den Häusern drängten sich Menschen, überall standen Buden, Musik spielte, dazwischen Fahrgeschäfte, Händler und vor allem Essen. Sehr viel Essen. Würste, Pizza, Pasta, Cannoli, Süßigkeiten, frittiertes Irgendwas, von dem man keine Ahnung hatte, was es war, das aber trotzdem hervorragend roch.
Wir waren mitten in einem italienisch-amerikanischen Straßenfest gelandet und fanden das großartig. Eigentlich hätten wir uns problemlos einfach von Stand zu Stand essen können. Unser Plan stand allerdings fest: Lombardi’s. Lombardi’s bezeichnet sich als erste Pizzeria der Vereinigten Staaten und war uns vor einigen Jahren von einem Tourguide empfohlen worden. Seitdem gehörte die Pizza dort bei unseren New-York-Besuchen praktisch zum festen Programm. Manche Menschen besichtigen bei jeder Reise eine bestimmte Kirche. Wir essen italienische Pizza. In New York.
Trotz des Trubels draußen bekamen wir sofort einen Tisch. Wir bestellten eine Pizza Margherita und kurze Zeit später stand eine gewaltige Pizza vor uns, die offensichtlich nicht davon ausging, dass Menschen irgendwann an diesem Tag vielleicht noch etwas anderes essen möchten. Sehr optimistisch. Die Pizza war jedenfalls wieder hervorragend. Dünner Boden, Tomate, Mozzarella, Basilikum – kein unnötiger Firlefanz. Genau so muss das sein. Damit wäre ein vernünftiger Mensch kulinarisch für mehrere Stunden versorgt gewesen.
Wir hatten allerdings noch einen Termin mit Schokolade.
Unser nächstes Ziel war Serendipity III und die legendäre Frrrozen Hot Chocolate, die bei unseren New-York-Besuchen ebenfalls zu den festen Ritualen gehört. Zu Fuß wäre es von Little Italy doch ein bisschen weit gewesen, weshalb wir an der Ecke Spring Street und Lafayette Street in die Subway stiegen und mit der grünen Linie Richtung 51st Street fuhren. Von dort war es nur noch ein kurzer Spaziergang bis Serendipity.
Wie üblich standen dort bereits Menschen. Viele Menschen. Die geschätzte Wartezeit lag bei 30 bis 45 Minuten. Das schreckte uns allerdings nicht ab. Wenn man schon bereit ist, Unmengen von Kalorien in Form kalter Schokolade zu sich zu nehmen, kommt es auf eine halbe Stunde Wartezeit auch nicht mehr an.
Die Frrrozen Hot Chocolate ist ohnehin ein kleines Paradox. Heiße Schokolade, nur gefroren. In einem gigantischen Glas. Mit Sahne. Und allem, was Ernährungsberater nachts schreiend aufwachen lässt. Irgendwann waren wir an der Reihe und bekamen jeder dieses monströse Schokoladenbauwerk vor die Nase gestellt. Es schmeckte fantastisch. Natürlich. Nach Pizza und gefrorener Schokolade hatten wir vermutlich den Energiebedarf einer mittelschweren Wanderung durch die Rocky Mountains abgedeckt. Für die nächsten drei Tage.
Mit geschätzten 20.000 zusätzlichen Kalorien im Bauch verließen wir Serendipity deshalb nicht wirklich gehend, sondern eher rollend. Zeit für einen Verdauungsspaziergang.
Wir liefen Richtung Fifth Avenue und tauchten damit direkt wieder in die Hochglanzwelt Manhattans ein. Natürlich mussten wir in den Apple Store. Man kann offenbar nicht an einem Apple Store vorbeigehen, selbst wenn man am Vortag bereits eine Apple Watch gekauft hat. Danach ging es weiter an Tiffany’s vorbei, wo hinter den Schaufenstern Dinge lagen, deren Preise man besser nicht laut ausspricht, wenn man nicht versehentlich einen Sicherheitsmitarbeiter auf sich aufmerksam machen möchte.
Und dann standen wir vor dem Trump Tower. Das Gebäude an der Fifth Avenue fällt schon von außen auf, weil es sich mit seiner dunklen Glasfassade ziemlich selbstbewusst zwischen die Nachbarn stellt. Über dem Eingang prangt in großen goldenen Buchstaben der Name TRUMP – dezent geht anders. Aber immerhin muss niemand lange rätseln, wem das Haus gehört. Natürlich gingen wir hinein.

Die Lobby war noch einmal eine ganz eigene Welt. Viel Marmor, viel Gold, viel Glas, mehrere Ebenen, Rolltreppen und in der Mitte ein großer Wasserfall, der sich über die Wand ergoss. Alles wirkte äußerst gepflegt, sehr glänzend und vor allem so, als hätte bei der Gestaltung irgendwann niemand mehr „reicht jetzt“ gesagt. Überall spiegelte sich Licht in den polierten Flächen, die Rolltreppen führten nach oben und unten, und man konnte sich gut vorstellen, dass hier täglich eine Menge Menschen einfach nur hereinkamen, um sich das Ganze anzusehen.
Wir fuhren mit der Rolltreppe ein Stück nach oben und schauten uns die Lobby aus verschiedenen Perspektiven an. Von oben wirkte sie fast noch beeindruckender, weil man erst dort die ganze Höhe und die offenen Ebenen richtig wahrnahm. Unten liefen Besucher herum, manche machten Fotos, andere standen einfach nur da und sahen sich um. Wir natürlich ebenfalls. Wenn man schon einmal in einem Gebäude steht, das so viel Gold und Marmor auf engem Raum unterbringt, muss das schließlich dokumentiert werden.
2016 war der Trump Tower außerdem längst nicht mehr nur irgendein auffälliges Hochhaus an der Fifth Avenue. Donald Trump war zu diesem Zeitpunkt mitten im Präsidentschaftswahlkampf, und entsprechend hatte das Gebäude noch einmal eine ganz andere Aufmerksamkeit. Man betrat also nicht nur eine luxuriöse Lobby, sondern gleichzeitig einen Ort, der praktisch täglich in den Nachrichten auftauchte.
Wir ließen uns davon allerdings nicht zu tief in politische Gedanken ziehen. Für uns war es in diesem Moment vor allem eines: ein ziemlich spektakuläres Stück New York, herrlich übertrieben, ein bisschen protzig und dadurch schon wieder sehenswert. Und außerdem bot die Lobby deutlich mehr fürs Auge als so manches Museum, nur ohne Eintritt.
Von der Fifth Avenue liefen wir weiter Richtung Park Avenue und machten unterwegs noch einen Abstecher ins Waldorf Astoria. Das gehört für uns bei einem New-York-Besuch fast schon dazu. Nicht, weil wir dort wohnen – unser Reisebudget und das Waldorf hatten diesbezüglich durchaus unterschiedliche Vorstellungen –, sondern weil man auch als Nicht-Hotelgast einfach hineingehen und sich die prachtvollen öffentlichen Bereiche anschauen kann.
Und anschauen lohnt sich hier wirklich. Schon die Lobby versprüht diesen herrlich klassischen New Yorker Luxus: dunkler Marmor, Gold, schwere Teppiche, Kronleuchter und mittendrin die berühmte historische Uhr. Dazu kommt natürlich, dass das Waldorf Astoria immer wieder als Kulisse für Filme und Fernsehserien gedient hat. Entsprechend macht es uns als Filmfans gleich doppelt Spaß, ein bisschen durch die Lobby zu schlendern und sich umzusehen. Man hat ständig das Gefühl, irgendeine Ecke schon einmal auf einer Leinwand gesehen zu haben – oder dass gleich jemand im perfekt sitzenden Anzug um die nächste Säule kommt und eine ausgesprochen wichtige Filmakte übergibt.
Und dann gibt es noch einen ausgesprochen praktischen Nebeneffekt, den man als Manhattan-Fußgänger ruhig kennen darf: Auch die sehr gepflegten öffentlichen Toiletten des Waldorf Astoria können von Besuchern benutzt werden. Wer also nach mehreren Stunden quer durch Manhattan dringend eine gewisse Infrastruktur benötigt, findet hier eine deutlich elegantere Lösung als die übliche verzweifelte Suche nach Starbucks oder McDonald’s. Man geht hinein, bewundert ganz nebenbei eines der berühmtesten Hotels New Yorks und erledigt, falls nötig, noch eine etwas profanere Angelegenheit unter einem Kronleuchter.
Wir verbanden selbstverständlich beides miteinander, warfen noch einen letzten Blick in die prächtige Lobby und machten uns anschließend wieder auf den Weg. Nach so viel altehrwürdigem New Yorker Luxus wartete nur wenige Blocks entfernt bereits das nächste Gebäude, das bei keinem unserer Besuche fehlen darf: das Grand Central Terminal.
Egal, wie oft man dort hineingeht: Die große Haupthalle beeindruckt jedes Mal. Die hohen Fenster, die berühmte Uhr in der Mitte, die gewaltige Decke und darunter Menschen, die in alle Richtungen unterwegs sind. Ein Bahnhof, der eher aussieht wie ein Palast, in den zufällig Züge hineinfahren.

Seit seiner Eröffnung 1913 gilt Grand Central mit seinen 44 Bahnsteigen und 67 Gleisen als größter Bahnhof der Welt, wenn man nach der Anzahl der Gleise geht. Zwei Ebenen, 41 Gleise oben, 26 unten – Dimensionen, bei denen selbst ein Eisenbahnfan kurz beschäftigt ist. Und natürlich gab es auch hier einen Apple Store.
2011 hatte Apple auf dem Balkon des Main Concourse seinen damals größten Store eröffnet. Rund 320 Mitarbeiter arbeiteten dort. Der Rekord hielt zwar nicht ewig und wurde inzwischen von einem noch größeren Apple Store in China übertroffen, aber selbst das passt irgendwie zu New York: Wenn etwas groß ist, muss irgendwo garantiert jemand auftauchen und es noch größer bauen.
Draußen war das Wetter inzwischen endgültig traumhaft. Strahlend blauer Himmel, angenehm warm – also machten wir uns auf den Weg zum Bryant Park. Dieser kleine Park nur wenige Blocks vom Times Square entfernt ist einer unserer Lieblingsorte in Manhattan. Ringsherum Hochhäuser, Verkehr und Großstadtlärm, und mittendrin stehen grüne Stühle auf einer Wiese, Menschen trinken Kaffee, lesen, spielen oder sitzen einfach herum.
An diesem Samstag allerdings war von stiller Parkidylle wenig zu spüren. Es war richtig was los. Eine Country-Band spielte live, Menschen tanzten und tatsächlich wurde zum Square Dance aufgefordert. Mitten in Manhattan. Zwischen Wolkenkratzern. Wir suchten uns zwei freie Stühle, setzten uns hin und sahen dem Treiben eine Weile zu. Und genau da fiel uns wieder auf, wie anders sich dieser New-York-Besuch anfühlte.
Bei früheren Reisen hatten wir Walking Tours gebucht, saßen in Doppeldeckerbussen, liefen von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten und versuchten in möglichst kurzer Zeit möglichst viel New York zu erwischen. Heute hatten wir keinen Druck. Wenn uns ein Platz gefiel, blieben wir eben sitzen. Wenn irgendwo Musik spielte, hörten wir zu. New York wurde dadurch plötzlich nicht kleiner, aber irgendwie entspannter.
Der Nachmittag ging langsam in den Abend über und damit rückte unser letzter Programmpunkt näher. Einer, der bei uns eigentlich immer dazugehört. Times Square. Egal, wie oft wir hier waren: Ein New-York-Tag ohne Times Square am Abend fühlt sich einfach nicht vollständig an. Diese völlig überdrehte Mischung aus Leuchtreklamen, Menschen, Musik, Verkehr und gigantischen Bildschirmen zieht uns immer wieder an.
Für heute Abend hatten wir über OpenTable einen Tisch bei HB Burger direkt am Times Square reserviert. Den Tipp hatten wir bei einer früheren Food-Tour bekommen. HB Burger gehörte zur Heartland Brewery und bot selbstgebrautes Bier und richtig gute Burger zu Preisen, bei denen man angesichts der Lage nicht sofort einen Kleinkredit aufnehmen musste.
Wir bestellten beide Beef Burger. Ich dazu – passend zur Jahreszeit – ein Pumpkin Ale. Schon wieder Kürbis im Bier. Offenbar hatte ich meine persönliche Herbstmission gefunden. Burger und Bier waren hervorragend, und anschließend liefen wir hinüber zur roten Treppe über dem TKTS-Schalter. Eigentlich werden dort vergünstigte Tickets für Broadway-Shows verkauft. Uns interessierten die Tickets an diesem Abend überhaupt nicht. Wir wollten nur hoch.
Die Treppe war bereits gut gefüllt, aber wir fanden weit oben einen Platz und machten es uns bequem. Unter uns lag der Times Square in seiner ganzen herrlichen Überforderung. Tausende Menschen schoben sich über die Plätze, Taxis krochen durch den Verkehr, Reklamen flackerten, Musik kam irgendwoher und riesige Werbebilder wechselten im Sekundentakt.
Wir saßen einfach da und schauten zu. Und vielleicht war genau das der beste Moment des ganzen Tages. Nicht irgendeine Sehenswürdigkeit, kein Museum, kein Aussichtsturm. Einfach auf einer roten Treppe sitzen und New York beim New-York-Sein beobachten.
Gegen 21:30 Uhr machten wir uns schließlich auf den Rückweg. Mit der Subway fuhren wir hinunter zum Staten Island Ferry Terminal und erwischten tatsächlich noch die 22-Uhr-Fähre. Wieder diese halbe Stunde übers Wasser. Wieder Manhattan hinter uns. Und wieder die Freiheitsstatue, die nachts angestrahlt im Hafen stand.

Spätestens bei solchen Fahrten versteht man, warum wir so gern auf Staten Island wohnen. Andere bezahlen für eine Bootstour durch den Hafen, wir bekommen diesen Blick morgens und abends einfach auf dem Weg ins Hotel. Kurz vor 23 Uhr waren wir zurück bei Danuta.
Ein langer Tag lag hinter uns, obwohl wir heute eigentlich gar nichts Großes „abgearbeitet“ hatten. Brooklyn, DUMBO, Manhattan Bridge, Little Italy mitten im San-Gennaro-Fest, Lombardi’s, gefrorene Schokolade bei Serendipity, Fifth Avenue, unser luxuriöser Toilettenbesuch im Waldorf Astoria, Grand Central, Country-Musik im Bryant Park und zum Abschluss Times Square bei Nacht. Vielleicht war gerade das das Schönste daran.
Wir hatten New York heute nicht besichtigt. Wir hatten uns einfach darin herumgetrieben. Für morgen hatten wir uns bei Danuta übrigens vom Frühstück abgemeldet. Es war schließlich Sonntag. Und wir wollten in die Kirche. Was sonst!?
















































