Steuerfrei shoppen in New Hampshire und ein Streifzug durch Boston
Unser erster Morgen in Boston begann ausgesprochen früh. Nicht etwa, weil wir besonders diszipliniert waren oder einen ausgeklügelten Reiseplan hatten, sondern weil unser Körper nach wie vor der Meinung war, wir befänden uns irgendwo zwischen Deutschland und amerikanischer Ostküste. Jetlag hat immerhin einen Vorteil: Man bekommt im Urlaub plötzlich Dinge zu Uhrzeiten erledigt, zu denen man zu Hause nicht einmal freiwillig die Augen öffnen würde.
Eigentlich gehörte zu unserem Bed & Breakfast natürlich auch ein Frühstück, und unsere Gastgeber hätten uns sehr gerne etwas zubereitet. Da wir aber ohnehin schon wach waren und den frühen Start nutzen wollten, ersparten wir ihnen die Mühe und machten uns auf den Weg. Heute stand nämlich zunächst kein Boston auf dem Programm, sondern New Hampshire. Und der Grund dafür war weniger landschaftlicher als finanzieller Natur: In New Hampshire gibt es keine Verkaufssteuer. Ein Umstand, der selbstverständlich ausgiebig gewürdigt werden musste. Wenn ein amerikanischer Bundesstaat schon der Meinung ist, dass Einkaufen ohne zusätzliche Steuer eine gute Idee sei, wollten wir nicht unhöflich sein.
Bevor wir allerdings die Wirtschaft von New Hampshire ankurbeln konnten, brauchten wir Frühstück. In der Nähe fanden wir ein kleines Café, in dem bei unserer Ankunft außer uns gerade einmal ein weiterer Gast saß, der sich gemütlich mit der Kellnerin unterhielt. Alles war noch herrlich ruhig und verschlafen, während wir innerlich längst mehrere Stunden weiter waren. Es gab Rührei, Speck und French Toast – also genau die Art von Frühstück, bei der niemand versucht, einem mit Vollkornbrot, fettarmem Joghurt und einem Apfel ein schlechtes Gewissen einzureden. So gestärkt konnten wir uns guten Gewissens auf den Weg nach New Hampshire machen.
Unser erstes Ziel war der Harley-Davidson-Händler in Manchester. Stefan hatte selbstverständlich eine Einkaufsliste dabei, und die bestand nicht etwa aus zwei oder drei Kleinigkeiten, sondern aus stolzen 15 Positionen. Wenn man schon einmal in Amerika ist und dann auch noch in einem Bundesstaat ohne Verkaufssteuer, muss man schließlich vorbereitet sein. Kurz vor neun standen wir erwartungsfroh vor dem Laden und stellten fest, dass dieser noch geschlossen hatte. Unsere Begeisterung über den frühen Start hatte offenbar nicht jeder in Manchester geteilt.

Glücklicherweise lag gegenüber ein Starbucks, sodass wir die Wartezeit bei einem Cappuccino überbrücken und nebenbei ein paar Nachrichten nach Hause schicken konnten. Kurz darauf öffnete Harley-Davidson endlich seine Türen, wir marschierten mit Stefans Einkaufsliste hinein und stellten ziemlich schnell fest, dass von den 15 gewünschten Teilen exakt eines vorrätig war. Eine beeindruckende Trefferquote. Zum Glück würden wir auf dem Rückweg unserer Reise in etwa zwei Wochen ohnehin wieder hier vorbeikommen. Also bestellten wir den Rest zur Abholung und verließen den Laden mit dem beruhigenden Gefühl, zumindest schon einmal einen beträchtlichen Teil unseres Geldes verplant zu haben.

Nun konnte das eigentliche Shopping beginnen. Die Merrimack Premium Outlets warteten mit über 100 Geschäften auf uns, und Namen wie Levi’s, Nike oder Tommy Hilfiger sorgten dafür, dass wir gegen 10:30 Uhr ausgesprochen motiviert auf dem Parkplatz standen. In Deutschland nennt man so etwas vielleicht Einkaufszentrum, in Amerika ist es eher eine sportliche Großveranstaltung mit Kreditkarte. Wir arbeiteten uns gut drei Stunden durch Jeans, Schuhe und Shirts, und zwischendurch gab es im Food Court eine Portion Orange Chicken. Schließlich muss man bei einer derartigen körperlichen Belastung auf eine ausreichende Energiezufuhr achten.
Nach drei Stunden hätte man durchaus der Meinung sein können, dass wir genug eingekauft hätten. Diese Meinung vertraten wir allerdings nicht. Nur etwa eine halbe Stunde entfernt lag schließlich die Mall at Rockingham Park mit über 150 weiteren Geschäften. Zwar kein Outlet, dafür aber unter anderem mit Victoria’s Secret und einem Apple Store – und wir brauchten ohnehin noch ein Geburtstagsgeschenk. Der Wechselkurs spielte uns 2016 zwar nicht gerade begeistert in die Hände, aber durch die fehlende Verkaufssteuer ließ sich das Ganze zumindest ein wenig freundlicher rechnen. Und beim Einkaufen in Amerika gehört das Schönrechnen von Preisen schließlich fast genauso dazu wie die Frage, ob im Koffer noch irgendwo Platz ist.
Vor dem Apple Store war erstaunlich viel los. Eine lange Schlange zog sich vor dem Geschäft entlang, weil zahlreiche Kunden offenbar ihre vorbestellten iPhones abholen wollten. Wir hatten es dagegen gar nicht auf ein iPhone abgesehen und verließen den Laden stattdessen mit einer Apple Watch. So schnell kann aus „Wir schauen nur mal“ ein Einkauf werden. Anschließend warfen wir noch einen Blick bei Victoria’s Secret hinein und beobachteten nebenbei den Microsoft Store in unmittelbarer Nachbarschaft. Während sich bei Apple die Menschen praktisch stapelten, herrschte dort eine Ruhe, bei der man beinahe das Bedürfnis bekam, aus Mitleid hineinzugehen und wenigstens einmal freundlich Guten Tag zu sagen. Wir ließen es trotzdem bleiben.
Gegen 16 Uhr erklärten wir unseren Shopping-Einsatz schließlich offiziell für beendet. Der Pickup hatte inzwischen ausreichend Gelegenheit bekommen zu beweisen, dass Stefans gestrige Sorgen wegen des Gepäcks durchaus nicht völlig aus der Luft gegriffen waren, und wir machten uns zurück auf den Weg nach Boston. Schließlich wollten wir nicht den kompletten Tag in Einkaufszentren verbringen. Zumindest nicht, wenn draußen eine ganze Stadt auf uns wartete.
Nach knapp einer Stunde waren wir wieder in Boston und hatten sogar ausgesprochenes Glück bei der Parkplatzsuche. Mitten in der Innenstadt fanden wir einen erstaunlich günstigen Parkplatz, noch dazu direkt beim Hard Rock Cafe. Das war natürlich praktisch, denn dort mussten wir selbstverständlich hinein. Ein paar T-Shirts wechselten den Besitzer, dazu ein Shot-Glas für unsere Tochter, und damit war auch dieser Programmpunkt erfolgreich erledigt. Man könnte meinen, nach mehreren Stunden Shopping in New Hampshire hätten wir inzwischen genug Tüten gehabt. Aber ein Hard Rock Cafe zählt nicht als Shopping. Das fällt unter Kultur.
Ganz in der Nähe entdeckten wir anschließend den kleinen North End Park mit seinen Wasserfontänen. Nach dem Einkaufsprogramm und bei den sommerlichen Temperaturen kam die kleine Abkühlung gerade recht, bevor wir weiter Richtung Union Street spazierten. Hier änderte sich die Atmosphäre sofort. Kleine gemütliche Pubs, alte Gebäude und mittendrin immer wieder diese rote Linie auf dem Boden, die einem in Boston ständig begegnet und selbst Menschen mit ausgeprägtem Orientierungstalent zuverlässig zeigt, wo es langgeht: der Freedom Trail.
Der rund vier Kilometer lange Weg verbindet insgesamt 17 historische Sehenswürdigkeiten in Downtown Boston und führt quer durch die amerikanische Geschichte. Das Schöne daran ist, dass man dafür weder Karte noch außergewöhnliche navigatorische Fähigkeiten benötigt. Man folgt einfach der roten Linie. Selbst wir sollten das schaffen. Heute liefen wir allerdings nur ein Stück entlang, vorbei an den gemütlichen Pubs der Union Street bis zur South Market Street. Für den nächsten Tag hatten wir uns den Freedom Trail richtig vorgenommen, und damit würde Boston dann endgültig unsere volle Aufmerksamkeit bekommen.

Zunächst meldete sich allerdings etwas anderes: der Hunger. Kurz stand wieder das Texas Roadhouse zur Diskussion, aber zweimal hintereinander wäre selbst für uns vielleicht etwas einfallslos gewesen. Außerdem entdeckten wir an der Market Street ein Lokal, dessen Eigenwerbung deutlich interessanter klang: Dick’s Last Resort – „Warm beer, lousy food & bad service.“ Warmes Bier, mieses Essen und schlechter Service. Das war immerhin eine Ansage. Wenn ein Restaurant schon offensiv damit wirbt, dass man dort eigentlich nicht hingehen sollte, mussten wir natürlich hinein.
Das Konzept verstanden wir ziemlich schnell. Hier gehört es zum Programm, dass die Kellner ihre Gäste nicht gerade mit ausgesuchter Höflichkeit behandeln. Das Besteck wurde eher auf den Tisch geknallt als gelegt, die Papiertischdecke bekam ebenfalls keine besondere Zuwendung, und unser Kellner versorgte uns währenddessen mit frechen Sprüchen. Dazu bastelte er uns die typischen albernen Papierhüte, die man bei Dick’s mit irgendeinem passenden Blödsinn auf dem Kopf trägt. Das Ganze war wunderbar respektlos und genau deshalb ausgesprochen unterhaltsam. Wer hier einen dezenten Abend bei Kerzenschein und diskretem Service erwartet, hat vermutlich schon beim Lesen des Namens mehrere wichtige Hinweise übersehen.
Beim Essen log die Werbung übrigens schamlos. Unsere Chicken Wings und Spare Ribs kamen in kleinen Eimern auf den Tisch und schmeckten hervorragend. Von „lousy food“ konnte jedenfalls keine Rede sein. Wir hatten einen Riesenspaß, und gerade nach einem Tag, an dem wir stundenlang durch Geschäfte gezogen waren und anschließend noch Boston erkundet hatten, war Dick’s Last Resort genau der richtige Abschluss. Laut, unkompliziert, ein bisschen bekloppt und herrlich amerikanisch.
Nach dem Essen hätten wir eigentlich noch gemütlich an der Waterfront entlanglaufen oder langsam zurück ins Bed & Breakfast fahren können. Allerdings hatten wir noch einen Auftrag. Unsere Tochter erwartete ihr erstes Baby und hatte uns gebeten, in Amerika nach ein paar Babysachen zu schauen. Und wenn man schon den ganzen Tag bewiesen hat, dass man hervorragend einkaufen kann, sollte man eine solche Serie nicht leichtfertig abreißen lassen. Also steuerten wir noch einen großes Babies“R”Us an.
Damit betraten wir eine völlig neue Einkaufswelt. Zwischen winzigen Stramplern, Babysachen und allem, was ein Mensch offenbar bereits benötigt, bevor er überhaupt richtig auf der Welt angekommen ist, begannen wir zu stöbern. Besonders hilfreich waren dabei Rabattaktionen nach dem amerikanischen Prinzip „zwei kaufen, eins bezahlen“, denn solche Schilder besitzen eine faszinierende Wirkung auf das menschliche Gehirn. Plötzlich braucht man Dinge, von denen man fünf Minuten vorher noch nicht einmal wusste, dass es sie gibt. Und wenn sie dann auch noch niedlich sind und für das erste Baby der eigenen Tochter bestimmt, ist ohnehin jede Gegenwehr zwecklos.
Mit unserer Beute waren wir jedenfalls ausgesprochen zufrieden und machten uns schließlich endgültig auf den Rückweg nach Winthrop. Hinter uns lagen ein amerikanisches Frühstück, ein Harley-Händler mit beeindruckend leerem Lager, zwei Einkaufszentren, eine Apple Watch, diverse Tüten, ein erster Spaziergang durch Boston, ein ausgesprochen unhöfliches Abendessen und zum Abschluss noch eine Ladung Babysachen.
Für einen Tag, der eigentlich nur mit ein bisschen steuerfreiem Shopping begonnen hatte, war das eine ziemlich ordentliche Bilanz.
Am nächsten Morgen sollte das Einkaufen allerdings Pause haben. Dann gehörte der Tag endlich ganz Boston – und der roten Linie, der man angeblich nur folgen musste. Was sollte da schon schiefgehen?

















