Ankunft mit Hindernissen: Wie unser erster Tag in Boston begann
Eigentlich begann diese Reise bereits einige Monate vorher mit einem dieser Angebote, bei denen man kurz auf den Preis schaut, noch einmal hinschaut und anschließend vorsichtshalber überprüft, ob man irgendwo das Kleingedruckte „einfache Strecke, Gepäck reist separat per Containerschiff“ übersehen hat. Air Berlin bot Stuttgart – Boston – Stuttgart für gerade einmal 490 Euro pro Person an. New England stand schon lange ziemlich weit oben auf unserer Wunschliste, Boston sowieso, und bei diesem Preis gab es eigentlich nichts mehr zu überlegen. Also buchten wir im Winter unseren Flug für den Sommer 2016 und freuten uns monatelang darauf, endlich wieder in die USA zu kommen.
Natürlich hatte ich den günstigsten Tarif gebucht. Wir wollten schließlich nach Boston und nicht Air Berlin kaufen. Was ich dabei allerdings nicht bedacht hatte: In diesem Tarif wurden die Sitzplätze automatisch zugeteilt und angeblich war nicht einmal garantiert, dass gemeinsam Reisende auch nebeneinandersitzen. Einen Fensterplatz hätte man sich für zusätzliche 49 Euro sichern können, was ich für einigermaßen sportlich hielt. Für 49 Euro wollte ich nicht nur am Fenster sitzen, sondern hätte zumindest erwartet, dass zwischendurch jemand vorbeikommt und es putzt. Also beschlossen wir, es darauf ankommen zu lassen und beim Online-Check-in zu schauen, was das Schicksal für uns vorgesehen hatte.
Der Check-in öffnete pünktlich 24 Stunden vor Abflug, allerdings zunächst nur für die erste Teilstrecke von Stuttgart nach Düsseldorf. Der Weiterflug nach Boston ließ sich erst drei Stunden später einchecken. Kein Drama, dachte ich. Dann erledige ich das eben am nächsten Morgen. Schließlich hatten wir einen gültigen Flug, eine bestätigte Buchung und bereits die Bordkarten für Düsseldorf. Was sollte da schon schiefgehen?
Diese Frage sollte man vor einer Reise grundsätzlich niemals stellen.

Am nächsten Morgen saß ich also völlig ahnungslos vor dem Rechner, loggte mich bei Air Berlin ein und stellte fest, dass unser Flug nach Düsseldorf storniert war. Einfach so. Keine E-Mail, keine Nachricht, keine Erklärung und schon gar kein freundlicher Hinweis darauf, dass die Bordkarten, die vor mir auf dem Tisch lagen, inzwischen ungefähr denselben praktischen Nutzen hatten wie zwei Bierdeckel. Unser Flug existierte nicht mehr. Das war insofern etwas beunruhigend, als Düsseldorf eigentlich eine nicht ganz unwichtige Rolle in unserem Plan spielte, schließlich sollte dort das Flugzeug nach Boston auf uns warten.
Also begann die morgendliche Recherche. „Check my Trip“ behauptete plötzlich, wir würden mit Lufthansa über Frankfurt fliegen. Interessant. Davon wusste Lufthansa offenbar mehr als wir, denn tatsächlich funktionierte unser alter Buchungscode dort und wir konnten für die neue Verbindung einchecken. So fuhren wir schließlich mit jeweils zwei Bordkarten zum Stuttgarter Flughafen: einmal Air Berlin über Düsseldorf und einmal Lufthansa über Frankfurt. Man ist ja gern auf alles vorbereitet. Warum unser ursprünglicher Flug gestrichen worden war und weshalb offenbar jeder außer uns bereits wusste, dass wir stattdessen nach Frankfurt fliegen würden, haben wir übrigens nie erfahren. Aber Hauptsache Boston. Ob wir dort über Düsseldorf, Frankfurt oder notfalls Helsinki hinkamen, war inzwischen zweitrangig.

Die neue Verbindung war zeitlich sogar fast identisch mit der alten, und damit hätte die Sache eigentlich erledigt sein können. Nur hatte unser Zubringer nach Frankfurt Verspätung. Aus den ursprünglich komfortablen zwei Stunden Umsteigezeit wurde zunächst eine Stunde, was am Frankfurter Flughafen zwar nicht unbedingt gemütlich, aber noch machbar ist. Vorausgesetzt natürlich, das Flugzeug hält nach der Landung ungefähr dort an, wo es anhalten soll. Unser Pilot schaffte es allerdings beim ersten Versuch offenbar nicht ganz, die zugewiesene Position korrekt zu treffen, sodass wir noch einmal eine zusätzliche Runde drehen mussten. Damit waren weitere 25 Minuten weg und unsere gemütliche Umsteigezeit hatte sich inzwischen in eine sportliche Herausforderung verwandelt.
Als wir endlich richtig standen, kam die nächste gute Nachricht: Es war keine Gangway verfügbar. Wir saßen also in einem Flugzeug in Frankfurt, konnten das Flughafengebäude praktisch sehen und kamen trotzdem nicht hinein, während irgendwo dort draußen unser Flug nach Boston langsam Richtung Boardingende marschierte. Während wir noch auf eine Treppe warteten, begann die Crew bereits, die Gate-Nummern der knappen Anschlussflüge durchzusagen. Boston war dabei und wartete glücklicherweise noch auf uns. Sobald wir endlich aus dem Flugzeug durften, begann deshalb unser persönlicher Airport-Marathon. Wir rannten mit dem Handgepäck durchs Terminal, vorbei an Menschen, die beneidenswert entspannt irgendwo saßen und Kaffee tranken, während wir versuchten, innerhalb kürzester Zeit mehrere Kilometer Flughafenarchitektur zu überwinden. Am Gate angekommen, ging es praktisch direkt ins Flugzeug, wir setzten uns und kurz darauf wurden bereits die Türen geschlossen. Viel später hätten wir wirklich nicht kommen dürfen. Immerhin saßen wir nebeneinander. Ganz ohne 49 Euro für ein Fenster.
Nach diesem Auftakt hätte man eigentlich erwartet, dass der Atlantikflug ebenfalls noch irgendeine Überraschung bereithielt, aber erstaunlicherweise verlief der völlig entspannt. Sogar das Essen war OK. Statt der üblichen Entscheidung zwischen irgendeiner Form von Hühnchen und Pasta gab es Rindergulasch mit Kartoffelpüree, und spätestens damit hatten wir unseren Frieden mit diesem Reisetag geschlossen. Wir waren im richtigen Flugzeug, es flog in die richtige Richtung und niemand verlangte von uns, noch einmal durch einen Flughafen zu rennen. Mehr Ansprüche hatten wir zu diesem Zeitpunkt nicht mehr.
Trotz des ganzen Durcheinanders am Morgen landeten wir tatsächlich pünktlich in Boston. Auch die Einreise ging dank der Self-Service-Automaten erstaunlich flott, und bereits ungefähr eine Stunde nach der Landung standen wir bei Alamo, um unseren Mietwagen abzuholen. Gebucht hatten wir einen SUV, und ein Mitarbeiter zeigte uns zwei Fahrzeuge unserer Kategorie, zwischen denen wir auswählen konnten. Beide waren vollkommen in Ordnung. Wahrscheinlich sogar sehr vernünftig. Leider stand in unmittelbarer Nähe ein schwarzer Pickup-Truck, und damit hatten die beiden vernünftigen SUVs bei mir praktisch verloren.
Ich fragte den Mitarbeiter, ob wir nicht vielleicht den Pickup nehmen könnten. Er grinste, schüttelte den Kopf und meinte sinngemäß: netter Versuch, aber nein. Damit hätte man die Angelegenheit eigentlich als geklärt betrachten können. Wir gingen also zu den beiden SUVs, schauten sie uns an und ich stellte fest, dass ich keinen von beiden besonders hübsch fand. Was natürlich ein außerordentlich wichtiges Kriterium bei einem Mietwagen ist. Irgendwann fragte ich deshalb noch einmal nach dem schwarzen Pickup. Der Mitarbeiter lachte inzwischen über mich, ich offenbar über ihn, und nach ein bisschen Hin und Her gab er schließlich auf: Wenn ich ihn unbedingt haben wolle, solle ich ihn eben nehmen.
Stefan betrachtete die Angelegenheit erwartungsgemäß etwas nüchterner. Während ich innerlich bereits mit wehenden Haaren in diesem schwarzen amerikanischen Pickup über die Highways Neuenglands fuhr, stellte er eine ausgesprochen profane Frage: Wo genau sollte eigentlich unser Gepäck hin? Das war natürlich grundsätzlich berechtigt, interessierte mich in diesem Moment aber ungefähr so sehr wie der aktuelle Ölpreis. Vor uns stand ein schwarzer Pickup. Wir waren in Amerika. Der Mann hatte gerade gesagt, wir dürften ihn nehmen. In solchen Momenten muss man Prioritäten setzen, und Koffer besitzen erstaunlicherweise die Fähigkeit, sich später irgendwie unterbringen zu lassen. Also verließen wir die Alamo-Station kurze Zeit später tatsächlich mit dem Pickup. Stefan hatte seine Kofferfrage irgendwie gelöst und ich war überglücklich.

Unser erstes Ziel war das Harrington House Bed & Breakfast in Winthrop, einem Vorort von Boston, ungefähr 30 Minuten vom Flughafen entfernt. Maggie und Joey begrüßten uns herzlich und zeigten uns ihr wunderschönes, charmantes Haus und unser Zimmer. Nach Flugstornierung, überraschendem Wechsel der Fluggesellschaft, Sprint durch Frankfurt, Atlantiküberquerung, Einreise und erfolgreicher Übernahme eines Autos, das wir überhaupt nicht gebucht hatten, hätten vernünftige Menschen vermutlich beschlossen, dass dieser Tag genug Programm gehabt hatte. Wir stellten dagegen lediglich unser Gepäck ab und überlegten, wo wir essen gehen könnten.
Diese Frage war schnell beantwortet, denn nur etwa 25 Minuten entfernt gab es ein Texas Roadhouse. Unsere liebste Steakhouse-Kette und damit praktisch eine Art kulinarischer Pflichttermin nach der Landung in den USA. Wir bekamen sofort einen Tisch und kurze Zeit später standen zwei Ribeye-Steaks vor uns. Spätestens jetzt waren wir wirklich angekommen. Es gibt nach einem langen Flug wenig, was einen schneller wieder mit der Welt versöhnt als ein ordentliches amerikanisches Steak, vor allem wenn man seit dem Frühstück das Gefühl hatte, dass der gesamte Tag von jemandem organisiert wurde, der Reisen normalerweise nur theoretisch kennt.
Als wir mit dem Essen fertig waren, war es allerdings gerade einmal 19 Uhr. Das Wetter war klar, Boston lag praktisch vor der Haustür und offenbar hatten wir beide beschlossen, die Tatsache zu ignorieren, dass unsere innere Uhr längst etwas völlig anderes behauptete. Also fuhren wir nicht zurück ins B&B, sondern machten uns gleich auf zu einer ersten kleinen Runde durch Boston. Wenn wir schon einmal da waren, konnten wir schließlich auch anfangen.
Unser erstes Ziel war die 500 Boylston Street, für normale Menschen vermutlich einfach ein Bürogebäude, für uns dagegen das „Boston-Legal-Building“. Wir waren große Fans der Serie mit James Spader und William Shatner, und damit war völlig klar, dass wir dieses Gebäude sehen mussten. Andere Menschen besichtigen historische Stätten, wir standen begeistert vor einer Hausfassade, weil dort in einer Fernsehserie Denny Crane und Alan Shore gearbeitet hatten. Jeder setzt seine kulturellen Schwerpunkte eben anders.
Danach ging es weiter zur Leonard P. Zakim Bunker Hill Memorial Bridge über den Charles River. Die riesige Schrägseilbrücke mit ihren zehn Fahrspuren und den markanten Pylonen war schon aus der Entfernung beeindruckend, und vom North Point Park hatten wir einen tollen Blick auf das Bauwerk. Natürlich wurde fotografiert. Ausgiebig.

Zum Abschluss unserer spontanen ersten Boston-Runde fuhren wir zum Fan Pier Park. Von dort hatten wir einen großartigen Blick auf die Skyline, die sich im Wasser spiegelte, und liefen noch ein Stück am Harborwalk entlang. Die Kameras liefen inzwischen praktisch im Dauerbetrieb, weil hinter jeder Ecke schon wieder ein Motiv auftauchte, das unbedingt ebenfalls mit nach Hause musste. Boston machte es uns allerdings auch wirklich leicht. Nach dem hektischen Start am Morgen war es fast ein bisschen unwirklich, nun bei klarem Wetter am Wasser entlangzulaufen, die Skyline vor uns zu haben und zu wissen: Wir sind tatsächlich hier.

Gegen 21:30 Uhr machten wir uns schließlich zurück auf den Weg nach Winthrop. Irgendwann musste selbst unser erstaunlich hartnäckig ignorierter Jetlag eine Chance bekommen, und nach diesem ersten Tag freuten wir uns tatsächlich auf unser Bett. Morgens hatten wir noch Bordkarten für einen Flug besessen, den es gar nicht mehr gab, wenige Stunden später waren wir durch Frankfurt gerannt, anschließend über den Atlantik geflogen, hatten in Boston einen schwarzen Pickup erbeutet, Ribeye-Steaks gegessen und waren abends noch durch die Stadt gezogen. Für einen Anreisetag war das eine durchaus ordentliche Ausbeute.
Und am nächsten Morgen stand Shopping auf dem Programm. Schließlich hatten wir jetzt einen Pickup. Da musste man ja auch irgendwann herausfinden, wie viel tatsächlich hineinpasste.










