French Toast, Beach Bums und sechs Donuts fürs Handgepäck
Abreisetage sind eine ganz eigene Form von Gemeinheit. Der Urlaub ist eigentlich vorbei, aber man befindet sich noch im Urlaub, was dazu führt, dass man ständig auf die Uhr schaut und versucht, aus ein paar übrig gebliebenen Stunden noch einen vollwertigen Reisetag herauszuquetschen. Zu wenig Zeit für etwas Großes, viel zu viel Zeit, um einfach am Flughafen herumzusitzen, und irgendwo dazwischen lauert immer die Frage, ob man es wirklich riskieren möchte, kurz vor dem Rückflug noch im Verkehr von Los Angeles festzustecken.
Unser Ford musste um 13 Uhr zurück zu Alamo, der Flieger ging erst am Nachmittag – also beschlossen wir, uns vom letzten Tag nicht einfach so aus dem Land komplimentieren zu lassen. Wenn Kalifornien uns schon hinauswerfen wollte, dann wenigstens erst nach einem vernünftigen Frühstück am Strand.
Vom Geneva Motel aus waren wir schnell in Venice Beach, und zu dieser frühen Stunde hatte der Ort einen geradezu ungewohnten Vorteil: Man konnte tatsächlich noch kostenlos in einer Seitenstraße parken. Wer Los Angeles kennt, weiß, dass ein freier Parkplatz ohne Kreditkartenautomat ungefähr denselben Seltenheitswert besitzt wie eine freie Wave-Permit. Wir nahmen das Geschenk also dankbar an und liefen Richtung Boardwalk. Der berühmte kalifornische Himmel hatte allerdings beschlossen, sich zu unserem Abschied noch einmal in seiner weniger fotogenen Variante zu präsentieren. Über dem Strand hing der typische graue Küstennebel, das Meer versteckte sich dahinter und die Palmen wirkten, als seien auch sie noch nicht richtig wach. Dafür war es angenehm mild, und auf dem Ocean Front Walk herrschte eine Ruhe, die man dort ein paar Stunden später vermutlich vergeblich suchen würde.
Das Sidewalk Cafe hatte bereits geöffnet und bot genau das, was wir suchten: einen Tisch direkt an der offenen Front, Kaffee und ein Frühstück, mit dem man die nächsten Stunden überleben konnte. Wir bestellten French Toast, Bacon und alles, was noch dazugehörte, und machten es uns gemütlich. Nach Buffets in Las Vegas, bei denen man morgens schon vor der schwierigen Entscheidung zwischen Omelett, Pancakes, Bratkartoffeln und drei verschiedenen Sorten Kuchen stand, wirkte ein normaler Teller Frühstück beinahe übersichtlich. Stefan und Benni saßen mir gegenüber, der Kaffee stand auf dem Tisch und draußen begann Venice ganz langsam aufzuwachen. Für einen Moment fühlte sich das überhaupt nicht nach Abreisetag an, sondern eher so, als hätten wir irgendwo heimlich noch einen zusätzlichen Urlaubsmorgen gefunden, von dem die Fluggesellschaft nichts wusste.

Während wir aßen, änderte sich draußen die Kulisse. Rolläden gingen hoch, Händler bauten ihre Stände auf, die ersten Straßenkünstler suchten sich ihre Plätze und auf dem Boardwalk tauchten nach und nach genau jene Menschen auf, wegen denen Venice Beach vermutlich in keinem Reiseführer mit dem Wort „langweilig“ beschrieben wird. Venice ist nämlich weniger klassischer Traumstrand und mehr Freilufttheater mit Pazifikanschluss. Zwischen Palmen, Skatepark und Souvenirbuden treffen hier Surfer, Skater, Musiker, Hippies, Touristen, Lebenskünstler und Menschen aufeinander, bei denen man nicht einmal versucht herauszufinden, was genau sie eigentlich machen. Dazwischen lebten und schliefen sichtbar auch Obdachlose, die amerikanisch gern etwas verharmlosend als „Beach Bums“ bezeichnet werden. Das gehörte ebenso zu Venice wie die bunten Fassaden und die T-Shirt-Läden und machte den Ort gleichzeitig faszinierend und stellenweise ziemlich ernüchternd.
Nach dem Frühstück gingen wir erst einmal Richtung Norden. Der Nebel lichtete sich allmählich, zwischen den Wolken kam mehr Blau hervor und plötzlich sah das Ganze deutlich mehr nach Kalifornien aus. Im Skatepark drehten die ersten ihre Runden, Fahrräder und Rollschuhe rauschten vorbei, Händler hängten Shirts und Sonnenbrillen in Mengen auf, mit denen man vermutlich eine mittelgroße deutsche Fußgängerzone komplett hätte ausstatten können. An manchen Fassaden prangten riesige Wandbilder, aus kleinen Läden quoll alles heraus, was sich irgendwie als Venice-, California- oder Route-66-Andenken verkaufen ließ, und wir schlenderten mitten hindurch. Wirklich schön im klassischen Sinn ist der Boardwalk nicht überall. Er ist laut, bunt, etwas schmuddelig und teilweise ziemlich durchgeknallt – und gerade deshalb unverwechselbar. Einen auf Hochglanz polierten Strandboulevard findet man woanders. Venice bekommt man nur hier.

Natürlich kamen wir auch an Muscle Beach vorbei, diesem legendären Stück kalifornischer Fitnessgeschichte, das man aus alten Bildern mit braungebrannten Muskelbergen kennt. Arnold Schwarzenegger und andere Größen der Bodybuilding-Szene machten die Gegend berühmt, weshalb ich vermutlich zumindest mit einer gewissen Menge glänzend eingeölter Oberarme gerechnet hatte. Tatsächlich war an diesem Morgen eher wenig Betrieb, und die Anlage wirkte deutlich unspektakulärer, als ihr berühmter Name vermuten lässt. Die zuverlässigsten Geschäfte rundherum machten offenbar ohnehin die Händler mit T-Shirts, Caps und Sonnenbrillen. Auch eine Form von Muskeltraining – zumindest wenn man genügend Einkaufstüten trägt.
Wir schlenderten noch ein Stück weiter, machten Fotos, schauten den Skatern zu und genossen dieses letzte bisschen Kalifornien, bis irgendwann leider die Uhr das Kommando übernahm. So gern ich einen Abreisetag durch konsequentes Ignorieren der Zeit verlängert hätte: Der Explorer musste zurück. Also machten wir uns langsam wieder auf den Weg zum Auto und fädelten uns ein letztes Mal in den Verkehr von Los Angeles ein. Ganz ohne eine kleine Zusatzmission ging das natürlich nicht. Auf dem Weg zum Flughafen lag noch ein Harley-Händler, und ich benötigte dringend eine Gürteltasche. „Dringend“ ist in diesem Zusammenhang vermutlich ein dehnbarer Begriff, denn bis zu diesem Zeitpunkt meines Lebens hatte ich erstaunlicherweise auch ohne genau diese Gürteltasche überlebt. Aber jetzt wusste ich, dass es sie gab. Damit war die Sache entschieden.
Danach fehlte eigentlich nur noch ein Ort, um den Kreis dieser Reise zu schließen. Unser erster Stopp nach der Landung vor gut zwei Wochen war Randy’s Donuts gewesen – also musste Randy’s selbstverständlich auch kurz vor dem Abflug noch einmal herhalten. Diesmal war die Schlange deutlich länger als bei unserem ersten Besuch, aber wir hatten noch ausreichend Zeit und stellten uns brav an. Schließlich konnte man unmöglich einen Langstreckenflug antreten, ohne einen gewissen Notvorrat an Donuts mitzuführen. Ich kaufte eine Sechserbox. Natürlich ausschließlich für mich. Man muss für so einen Flug schließlich vorbereitet sein, und wer weiß schon, ob KLM über dem Atlantik plötzlich in eine schwere Donut-Versorgungskrise gerät.
Kurz danach hieß es endgültig Abschied nehmen von unserem Ford Explorer. Seit Los Angeles hatte er uns durch Kalifornien, Nevada, Utah und Arizona getragen, über Dirt Roads, einsame Highways, Bergpässe und durch den ganz normalen Wahnsinn von Las Vegas. Bei Alamo verlief die Rückgabe angenehm unspektakulär. Kein großes Drama, kein langes Protokoll – Auto abstellen, Gepäck raus und fertig. Nach unserer rekordverdächtig schnellen Übernahme am ersten Tag passte das eigentlich ganz gut. Dann ging es mit dem Shuttle zum LAX, wo wir Koffer, Handgepäck und eine inzwischen vermutlich streng bewachte Donut-Reserve durch den Flughafen bewegten und irgendwann tatsächlich am Gate saßen. Jetzt war er wirklich vorbei, unser Roadtrip.

Der Rückflug selbst verlief erfreulich ereignislos. Irgendwann kam wieder die bekannte Frage „Chicken or Pasta?“, irgendwo über dem Atlantik wurde aus amerikanischer Zeit europäische, und draußen vor dem Fenster wechselte der Himmel langsam von Dunkelblau zu diesem typischen Morgenlicht, bei dem man zwar weiß, dass ein neuer Tag beginnt, der eigene Körper aber energisch widerspricht. Um 8:30 Uhr landeten wir in Amsterdam, und nach dem Umstieg ging es weiter nach Stuttgart. Dort standen wir bereits um 10:10 Uhr wieder auf deutschem Boden. Unser Shuttle wartete, und kaum eine halbe Stunde später saßen wir tatsächlich wieder zu Hause. Zwei Wochen lang waren wir durch Wüste, Canyons, Casinos und völlig abgelegene Gegenden gefahren – und dann steht plötzlich wieder die eigene Haustür vor einem. Das ist jedes Mal ein ziemlich merkwürdiger Moment.
Was blieb, waren ziemlich viele Meilen, noch mehr Fotos und ein Roadtrip, bei dem kaum ein Tag so verlief wie der vorherige. Wir waren durch den Ladder Canyon geklettert und Benni ist im Palm Canyon beinahe über eine Klapperschlange gestolpert, wir hatten im Joshua Tree Kakteen näher kennengelernt, als Benni vermutlich lieb war, im Death Valley ausgerechnet Regen und einen Super Bloom erlebt und Wolfman mit seiner Dino-Kacka getroffen. Wir waren über den Extraterrestrial Highway gefahren, hatten vor den Toren von Area 51 herumfotografiert, im Blue Canyon zwischen Hoodoos gestanden und am Grand Canyon erst Sonnenuntergang und am nächsten Morgen Schnee erlebt. Wir hatten in Jerome zwischen alten Harleys zur Live-Musik Bier getrunken, in Oatman mit Eseln um die Vorfahrt verhandelt, uns im Valley of Fire durch roten Sandstein treiben lassen und anschließend in Las Vegas bewiesen, dass acht Margaritas durchaus als Tradition gelten können, wenn man sie nur oft genug bestellt.
Und mittendrin war Benni, für den diese Reise die erste in den Westen der USA gewesen war und der nach diesen gut zwei Wochen vermutlich endgültig verstanden hatte, dass „heute haben wir eigentlich nur einen Fahrtag“ bei uns keineswegs bedeutet, dass man einfach acht Stunden geradeaus fährt und irgendwann im Hotel landet. Stattdessen können daraus Pilot Cars, wilde Mustangs, Aliens, Dirt Roads, Souvenirshops und ein 520-Meilen-Tag werden. Dafür hatte er uns im Gegenzug Momente beschert, die wir vermutlich noch lange hervorholen werden – allen voran seine unfreiwillige Karriere als „Pussy-Bitch“ in Tusayan. Es war genau diese Mischung aus gemeinsamem Blödsinn, Running Gags und völlig ungeplanten Situationen, die diese Reise am Ende mindestens genauso geprägt hat wie all die großen Landschaften.
Nur eine Sache hatte nicht funktioniert: die Wave. Wieder kein Permit. Das war ärgerlich, aber inzwischen beinahe schon Teil des Spiels. Und außerdem hatten wir längst beschlossen, dass dies nicht unser letzter Versuch gewesen sein würde. Die Flüge für März 2017 waren bereits gebucht, Kanab stand wieder auf dem Plan und damit bekam die Wave noch eine Chance, sich kooperativ zu zeigen.
Bis dahin hatten wir genug Erinnerungen für mindestens ein Jahr. Und sechs Donuts.
Bonuslevel unserer Reise: Benni
Benni – oder soll ich lieber Pussy-Bitch sagen? –, es war schlicht großartig, dich dabeizuhaben. Dieses tägliche Lachen über Dinge, die für Außenstehende vermutlich überhaupt nicht lustig gewesen wären, die völlig unnötigen Blödeleien und diese Momente, in denen einer etwas sagte und die anderen beiden schon wussten, dass daraus jetzt mindestens für den Rest des Urlaubs ein Running Gag werden würde, gehören genauso zu dieser Reise wie jeder Canyon und jeder Highway.
Du warst nicht einfach nur dabei, sondern mittendrin – ob zwischen Kakteen, vor Area 51, bei Eseln in Oatman, mit Margaritas in Las Vegas oder mit einem neuen Namen am Grand Canyon. Genau deshalb werden vermutlich noch Jahre später bei irgendeinem Bier Geschichten auftauchen, bei denen einer nur „Wolfman“, „Cat-Bitch“ oder „Pilot Car“ sagen muss und der Rest schon wieder lacht.
Und falls dich die Sehnsucht nach Amerika irgendwann wieder packt: Du weißt ja, wo du uns findest. Platz im Herzen ist sowieso da – und irgendwo im nächsten Reiseplan kriegen wir dich auch wieder unter.
Gabi & Stefan – der IMPI


















