Von sonnengelben Albträumen, Hollywood-Prominenz und einem Herz für Santa Monica
Unser letzter Morgen in Las Vegas begann in unserem sonnengelben Designexperiment im SLS, und ich kann nicht behaupten, dass uns der Abschied besonders schwerfiel. Nach einer Nacht im Zimmer mit Betondecke, beleuchtetem Plastiksofa und einem Badezimmer, das sich als Kleiderschrank tarnte, waren wir durchaus bereit, wieder in Hotels einzuziehen, in denen eine Toilettentür tatsächlich schließt. Wir packten also unsere Sachen zusammen, verabschiedeten uns vom Blick auf die Klimaanlage und machten uns auf den Weg zum Orleans. Das French Market Buffet hatte uns vorgestern derart überzeugt, dass wir beschlossen hatten, Las Vegas genau so zu verlassen, wie wir es in den vergangenen Tagen kultiviert hatten: satt. Sehr satt. Schließlich lagen einige hundert Meilen Fahrt vor uns, und niemand konnte wissen, wann uns unterwegs wieder eine akute Unterversorgung mit Pancakes drohen würde.

Das Orleans enttäuschte auch beim zweiten Besuch nicht. Wir arbeiteten uns noch einmal gewissenhaft durch das Buffet und verabschiedeten uns anschließend schweren Herzens – vom Frühstück jedenfalls. Las Vegas selbst ließ sich leichter verlassen, denn nach mehreren Tagen Casinos, kilometerlangen Märschen über den Strip, Buffets, Margaritas und einem Zimmer, in dem Stefan offiziell „in den Schrank scheißen“ musste, waren wir durchaus bereit für einen Tapetenwechsel. Also beluden wir den Explorer ein letztes Mal für eine längere Etappe und fuhren den Las Vegas Boulevard Richtung Süden. Hinter uns verschwanden langsam die Casinos, vor uns lag wieder Wüste, Interstate und diese herrlich unkomplizierte amerikanische Art von Straße, bei der man das Lenkrad theoretisch nach zwei Stunden festbinden könnte. Natürlich machten wir das nicht. Dafür hielten wir in Primm bei Starbucks, denn die wissenschaftlich erwiesene maximale Reichweite eines Böhm’schen Roadtrips ohne Kaffee liegt offenbar deutlich unter der eines Ford Explorer. Ein weiterer Koffeinstopp in Barstow sicherte schließlich auch die zweite Hälfte der Strecke ab.
Je näher wir Los Angeles kamen, desto eindeutiger zeigte uns Kalifornien, dass es uns wiederhatte. Die Straße wurde voller, dann noch voller und irgendwann bewegte sich alles in jenem Zustand, den man hier vermutlich großzügig noch als „Verkehr“ bezeichnet. Ich hatte ja schon am ersten Tag der Reise festgestellt, dass Los Angeles und ich automobil gesehen keine große Liebesgeschichte mehr beginnen würden, und die Stadt gab sich auch heute keinerlei Mühe, meine Meinung zu ändern. Irgendwann schafften wir es trotzdem hinein und erreichten gegen 14 Uhr Beverly Hills. Wenn man schon einmal dort ist, muss natürlich wenigstens eine Runde über den Rodeo Drive sein, auch wenn unsere persönliche Einkaufsliga nach den Outlets von Las Vegas eher nicht bei Cartier und Gucci angesiedelt war. Wir cruisten also zwischen den schicken Fassaden hindurch, sahen Menschen, deren Autos vermutlich mehr kosteten als unser Haus, und machten uns anschließend auf den Weg nach Hollywood.

Dort stellten wir den Explorer im Parkhaus des Hollywood & Highland Centers ab, das erfreulicherweise nicht versuchte, uns allein mit den Parkgebühren finanziell zu ruinieren. Unser Los-Angeles-Programm war ohnehin auf die kompakte Variante ausgelegt. Heute blieb uns nur dieser halbe Tag, denn morgen Nachmittag würde unser Flieger Richtung Heimat starten. Also konzentrierten wir uns auf das, was man in Hollywood eben macht, wenn man nur ein paar Stunden Zeit hat: Sterne anschauen, berühmte Namen suchen, Leute beobachten und sich darüber wundern, wie vollkommen selbstverständlich hier zwischen Touristen, Straßenkünstlern und Superman-Imitatoren das tägliche Chaos funktioniert.
Rund um das Dolby Theatre war natürlich einiges los. Auf dem Walk of Fame suchten wir nach bekannten Namen und fanden unter anderem William Shatner und Anthony Hopkins, während wenige Meter weiter bereits die nächste Sorte Prominenz herumstand. Michael Jackson saß mit Kaffeebecher vor einem Laden, Johnny Depp schaute uns etwas wächsern entgegen, Shrek hatte offenbar ebenfalls Zeit für einen Fototermin und irgendwo turnten weitere Gestalten herum, bei denen man kurzfristig nicht mehr wusste, ob man gerade in Hollywood oder auf einer etwas aus dem Ruder gelaufenen Faschingsveranstaltung gelandet war. Genau das macht den Boulevard aber irgendwie aus. Neben den großen Namen gibt es Menschen, die aussehen wie große Namen, Menschen, die glauben, sie sähen aus wie große Namen, und Touristen, die bereitwillig Geld dafür bezahlen, mit allen drei Kategorien fotografiert zu werden.
Natürlich schauten wir uns auch die berühmten Hand- und Fußabdrücke vor dem Chinese Theatre an. Dort lagen Jahrzehnte Hollywoodgeschichte im Beton, während daneben im Jahr 2016 gefühlt jeder zweite Besucher gleichzeitig versuchte, seine eigene Hand in irgendeinen berühmten Abdruck zu pressen und dabei ein Foto zu machen. Danach führte praktisch kein Weg am LA LA Land Souvenir Store vorbei. Für normale Menschen ist das ein Geschäft. Für mich ist so etwas eine Gefahrenzone. Riesig, vollgestopft mit allem, was irgendwie „Hollywood“, „Los Angeles“ oder „California“ aufgedruckt bekommen kann, und damit genau die Sorte Laden, in der Stefan normalerweise spätestens nach fünf Minuten nervös nach einem Ausgang sucht. Wir schafften es dennoch irgendwann wieder hinaus, ohne einen lebensgroßen Oscar oder eine Hollywood-Klapper in Handgepäckgröße kaufen zu müssen, was rückblickend durchaus als Erfolg gelten darf.

Am späten Nachmittag stand die nächste Entscheidung an. Griffith Observatory oder Santa Monica? Beides wäre schön gewesen, aber für zwei Ziele reichte die Zeit nicht mehr vernünftig. Vom Griffith hätten wir noch einmal über Los Angeles schauen und das Hollywood Sign sehen können. Santa Monica dagegen bedeutete Meer, Pier und Sonnenuntergang. Das Meer gewann. Nach fast zwei Wochen Wüste, roten Felsen, Canyons und Las Vegas hatten wir offenbar Lust auf Horizont ohne Casino davor. Also fuhren wir Richtung Küste und erreichten Santa Monica nach ungefähr 40 Minuten – zumindest behauptet meine Erinnerung das heute noch, wobei „40 Minuten Fahrt in Los Angeles“ vermutlich eine jener Zeitangaben ist, die man grundsätzlich mit einem gewissen Interpretationsspielraum betrachten sollte.

Wir parkten in der Nähe der Third Street Promenade und machten zunächst das, worin wir auf dieser Reise eine beeindruckende Routine entwickelt hatten: etwas essen. Johnny Rockets kam uns gerade recht. Die Kette kannten und mochten wir ohnehin, und nach all den Buffets war ein ganz normaler Burger beinahe schon Diätkost. Besonders nett war die Bedienung, die mit Ketchup kleine Gesichter auf unsere Teller malte. Stefan bekam sein eigenes Portrait, ich meines, wobei man darüber diskutieren könnte, wie schmeichelhaft eine Darstellung aus Tomatenketchup überhaupt sein kann. Wir fotografierten sie natürlich trotzdem. Wenn man schon von einer Kellnerin in Gewürzsauce verewigt wird, lässt man das schließlich nicht undokumentiert verschwinden.
Anschließend liefen wir über die Third Street Promenade Richtung Meer. Es war Freitagabend, das Wetter angenehm warm, überall waren Menschen unterwegs, und Santa Monica hatte genau diese entspannte Atmosphäre, die uns nach Las Vegas richtig guttat. Keine Spielautomaten, keine blinkenden Gewinnversprechen und niemand bot uns Margaritas für einen Dollar fünfzig an. Stattdessen Geschäfte, Straßenmusiker, Palmen und irgendwann der Blick auf den Pazifik. Der Santa Monica Pier lag vor uns, das Riesenrad drehte sich über dem Wasser und natürlich stand dort auch dieses berühmte Schild: Route 66 – End of the Trail. Nachdem wir zwei Tage zuvor noch auf der historischen Route 66 durch Seligman, Hackberry und Oatman gefahren waren, war das ein ziemlich passender kleiner Abschluss. Von Chicago bis hierher waren wir natürlich nicht gefahren, aber immerhin hatten wir ein paar ihrer schönsten Meilen mitgenommen.

Wir liefen über den Pier, schauten dem bunten Treiben im Pacific Park zu und gingen schließlich hinunter an den Strand. Dort wurde es langsam ruhiger. Die Sonne hing bereits tief über dem Pazifik, und spätestens jetzt war klar, dass Santa Monica die richtige Entscheidung gewesen war. Ich holte die Kamera heraus – was ungefähr so überraschend war wie die Tatsache, dass Stefan in einem Steakhouse ein Ribeye bestellt – und fotografierte. Und fotografierte. Und noch ein bisschen mehr. Der Pier im Gegenlicht, das Riesenrad, die Wellen, die Sonne auf dem Wasser und natürlich wir selbst. Irgendwann entstand auch dieses Foto von Stefan und mir, bei dem wir mit den Händen ein Herz um die untergehende Sonne formen. Kitschig? Natürlich. Aber wenn man schon am letzten Abend einer USA-Reise am Pazifik steht und der Sonnenuntergang exakt an der richtigen Stelle hängt, darf man auch einmal völlig hemmungslos Reiseprospekt spielen.

Wir blieben noch eine ganze Weile am Wasser sitzen und sahen zu, wie die Sonne langsam im Pazifik verschwand. Nach den letzten Tagen war dieser Abend beinahe ungewohnt ruhig. Kein Programm, das wir noch unbedingt abhaken mussten, kein Aussichtspunkt, den wir noch vor Einbruch der Dunkelheit erreichen wollten, keine Dirt Road, keine Slot-Canyon-Stufe und erstaunlicherweise auch kein Barkeeper, dem wir „acht Margaritas“ zuriefen. Nur Meer, Strand und ein Sonnenuntergang. Für unseren letzten richtigen Urlaubsabend konnte es kaum besser passen.
Als es schließlich dunkel wurde, machten wir uns auf den Weg nach Inglewood. Für die letzte Nacht hatte ich bewusst kein großes Hotel mehr gebucht. Morgen würden wir ohnehin nur noch ein paar Stunden haben und anschließend zum Flughafen fahren, also reichte das Geneva Motel vollkommen. Es war eines dieser typisch amerikanischen Motels, bei denen man direkt vor dem Zimmer parkt, die Einrichtung schon ein paar Jahre gesehen hat und niemand auch nur im Ansatz versucht, einem einen beleuchteten Designerstuhl als Kunst zu verkaufen. Nach dem SLS war das geradezu wohltuend. Bett vorhanden, Badezimmer vorhanden, Dusche dort, wo man sie erwartet, Toilette mit Tür – fünf Sterne von uns.
Morgen früh wollten wir noch nach Venice Beach und dort frühstücken, bevor wir den Explorer zurückbringen und am Nachmittag Richtung Heimat fliegen würden. Aber heute war noch nicht morgen. Heute lag hinter uns noch einmal ein kompletter Querschnitt durch diese Reise: Frühstücksbuffet in Las Vegas, Wüste, Interstate, Los-Angeles-Verkehr, Beverly Hills, Hollywood und am Ende barfuß am Pazifik.
Und ganz am Horizont war die Sonne verschwunden. Viel besser kann man einen Roadtrip eigentlich kaum Richtung Zielgerade schicken.
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