Sieben Leitern, eine wütende Klapperschlange und einmal quer durch alle Klimazonen
Jetlag ist ja so eine Sache. Für die einen ist er lästig, für mich ist er in den USA oft eine Art kostenlos eingebauter Wecker mit leicht aggressivem Leistungsanspruch. Während normale Menschen um fünf Uhr morgens noch friedlich schlafen, liege ich bereits wach da und denke: So. Was machen wir heute? An diesem Morgen war die Antwort eindeutig: wandern.
Und zwar nicht irgendeine kleine Runde, bei der man nach einer halben Stunde wieder am Auto steht und sich für außerordentlich sportlich hält, sondern durch den Painted Canyon und den Ladder Canyon. Also standen wir zu einer Uhrzeit auf, zu der selbst die Sonne noch nicht ganz überzeugt von diesem Tag war, packten unsere Kühltasche, die Rucksäcke und alles, was man für einen mehrstündigen Wüstenausflug braucht. Wasser, Essen, Kamera, Sonnencreme und vermutlich noch ungefähr zwölf Dinge, die man erst dann vermisst, wenn sie im Auto liegen.

Vor dem Abenteuer musste allerdings gefrühstückt werden. Sehr wichtig. Man kann schließlich nicht mit leerem Magen irgendwo an einer Leiter in einer Felsspalte hängen. Also fuhren wir nach Indio zu Denny’s. Denny’s und IHOP sind für mich ohnehin wunderbare amerikanische Einrichtungen. Rund um die Uhr geöffnet, vollkommen unbeeindruckt davon, welche Tageszeit gerade herrscht, und jederzeit bereit, einem entweder Pancakes, Eier, Speck oder notfalls auch ein Steak vor die Nase zu stellen. Morgens um sechs ein Steak? Warum nicht. Abends Pancakes? Selbstverständlich. In Amerika darf Frühstück schließlich mehr sein als eine Scheibe Brot mit Marmelade und stillem Bedauern.
Als wir in Indio ankamen, ging gerade die Sonne auf. Palmen standen dunkel vor einem Himmel, der langsam von Grau zu Orange wechselte, und für ein paar Minuten sah die ganze Gegend so aus, als hätte jemand beschlossen, Kalifornien für einen Werbespot besonders hübsch auszuleuchten. Wir standen also erst einmal draußen und schauten. So viel zum Thema zielstrebig frühstücken.
Danach ging es hinein zu Denny’s, wo wir uns kalorientechnisch sehr unterschiedlich auf die anstehende Wanderung vorbereiteten. Manche Menschen bestellen morgens etwas Gesundes mit Obst, Eiweiß und einem guten Gewissen. Andere nehmen ein Santa Fe Skillet. Ich möchte an dieser Stelle niemanden verurteilen. Jeder trägt seine Last selbst den Berg hinauf, gell Stefan?
Nach dem Frühstück fuhren wir Richtung Mecca und weiter zur Painted Canyon Road. Irgendwann war der Asphalt weg und vor uns lag eine staubige Piste, die sich ungefähr fünf Meilen durch die Landschaft zog. Genau mein Geschmack. Unser frisch erkämpfter Ford Explorer bekam damit auch endlich eine Aufgabe, die seine Existenz rechtfertigte. Gestern hatte er noch Koffer und Walmart-Einkäufe transportiert, heute durfte er Staub fressen. Am Ende der Straße lag ein großer Parkplatz. Dort begann unser Weg.
Es war kurz nach acht Uhr und gerade einmal etwa zehn Grad warm. Wüste hatte ich mir irgendwie wärmer vorgestellt, aber gut. Wir waren kaum losgelaufen, da zeigte sich bereits, warum der Painted Canyon seinen Namen trägt. Die Felsen wirkten an manchen Stellen, als hätte jemand sämtliche Erdfarben gleichzeitig verarbeitet: Beige, Rot, Grau, Braun, Rosa, dazwischen dunkle Schichten und helle Flächen. Kein Disneyland, kein künstlicher Themenpark, einfach nur Stein. Sehr viel Stein. Und trotzdem hatte man ständig das Bedürfnis, stehenzubleiben und noch ein Foto zu machen.
Nach ungefähr 700 Metern erschien auf dem Boden ein Pfeil aus kleinen Steinen. Das war unser Wegweiser. Nicht etwa ein großes Schild mit „Ladder Canyon, bitte hier entlang“, sondern ein Steinpfeil. Vertrauen ist schließlich wichtig beim Wandern. Wir schauten uns die Stelle an und mussten tatsächlich ein bisschen suchen, denn der Eingang zum Ladder Canyon wirkte eher so, als wäre dort eigentlich gar kein Weg. Zwischen Geröll und Felsen ging es in eine enge Spalte hinein. Genau dort sollten wir also rein. Natürlich gingen wir rein.
Am Eingang wartete zunächst ein größerer Geröllberg auf uns, und kaum waren wir darüber geklettert, stand da die erste Leiter. Spätestens jetzt versteht man auch den Namen.
Der Ladder Canyon, verdankt seine Bezeichnung nicht irgendeiner poetischen Fantasie, sondern der schlichten Tatsache, dass hier tatsächlich Leitern stehen. Mehrere. Sie führen über sogenannte Dry Falls, also Stellen, an denen nach seltenen starken Regenfällen Wasser durch die Schlucht schießt. Heute war glücklicherweise nichts mit Wasser, denn eine Leiter hochzuklettern ist deutlich angenehmer, wenn einem dabei kein Sturzbach entgegenkommt.
Die erste Leiter führte hinauf in einen schmalen Slotcanyon. Danach wurde es richtig interessant. Die Felswände rückten immer näher zusammen, stellenweise war der Weg weniger als einen Meter breit, links und rechts ragte der Canyon hoch über uns auf. An manchen Stellen gingen wir seitlich, an anderen kletterten wir wieder über Geröll oder die nächste Leiter hinauf. Insgesamt sollten es sieben Leitern werden.
Man läuft eben nicht einfach auf einem breiten Wanderweg von A nach B. Man muss schauen, wo es weitergeht, irgendwo durchschlüpfen, hochklettern, sich umdrehen, weil man schon wieder ein Foto machen möchte, und gelegentlich überlegen, wer eigentlich die Leitern hier hineingestellt hat und wie viel Vertrauen man einer Metallkonstruktion mitten in einer Wüstenschlucht schenken sollte.

Benni war inzwischen endgültig in unseren USA-Urlaubsmodus eingestiegen. Sein zweiter Tag in Amerika und schon kroch er mit uns durch einen Slotcanyon. Das war wahrscheinlich eine ganz gute Einführung. Wir hatten ihn jedenfalls nicht mit einem ruhigen Stadtspaziergang in San Diego an das Land gewöhnt.
Mit jeder weiteren Leiter gewannen wir an Höhe. Irgendwann wurden die Canyonwände niedriger und die enge Schlucht öffnete sich. Nach ungefähr zwei Stunden standen wir oben auf der Hochebene des Big Painted Canyon. Und plötzlich war Sommer.
Unten am Parkplatz hatten wir noch bei zehn Grad unsere Wanderung begonnen, jetzt lagen wir bei ungefähr 25 Grad. Das ging schnell. Jacken verschwanden im Rucksack, Wasser wurde deutlich interessanter und die Sonne hatte offenbar beschlossen, ihren morgendlichen Dienst nun vollständig aufzunehmen.
Dafür bekamen wir oben eine Aussicht, bei der man die Anstrengung sofort vergisst. Im Westen lagen die San Jacinto Mountains, im Süden glitzerte der Salton Sea, und direkt unter uns zog sich der breite Painted Canyon durch die Landschaft. Man steht dort oben, schaut kilometerweit über die Wüste und denkt für einen Moment tatsächlich nichts. Was bei mir durchaus erwähnenswert ist. Der Weg führte anschließend über einen schmalen Pfad hinunter in einen breiten Wash. Zwei Drittel der Strecke lagen hinter uns, und inzwischen meldete sich das Frühstück mit der Information, dass es nun endgültig Geschichte sei. Zeit für Mittagessen.
Links am Weg fanden wir Felsen, die genügend Schatten spendeten, und machten es uns dort gemütlich. Kühltasche auf, Sandwiches raus, Schuhe kurz entspannen lassen und einfach sitzen. Das sind beim Wandern ohnehin oft die besten Momente. Nicht unbedingt der spektakulärste Aussichtspunkt, sondern irgendein schattiger Stein mitten im Nirgendwo, auf dem man plötzlich findet, dass ein simples Sandwich gerade die größte kulinarische Erfindung der Menschheitsgeschichte ist.
Nach der Pause ging es weiter durch den Wash. Noch zwei Leitern lagen vor uns. An der unteren hatte sich allerdings eine kleine Zusatzattraktion eingerichtet. Bienen. Nicht zwei oder drei, sondern genügend, dass man sie deutlich wahrnahm. Sie flogen rund um die Leiter herum, genau dort, wo wir hinunter mussten. Sehr schön.

Wir standen also oben und betrachteten die Situation. Die Bienen betrachteten vermutlich uns. Wobei sie insgesamt deutlich gelassener wirkten. Für sie war das schließlich ihr Wohnort. Wir waren die Idioten, die unbedingt an einer Leiter mitten durch ihr Revier steigen wollten. Also kletterten wir vorsichtig hinunter. Langsam, ohne hektische Bewegungen, und mit diesem wunderbar entspannten Gefühl, wenn man mit dem Gesicht nur wenige Zentimeter von summenden Insekten entfernt an einer Metallleiter hängt. Die Bienen interessierten sich am Ende überhaupt nicht für uns. Wir dagegen sehr für sie.
Nach insgesamt etwa zehn Kilometern und ungefähr fünf Stunden erreichten wir schließlich wieder unseren Ford. Schuhe staubig, Beine müde, Speicherkarten schon deutlich voller als am Morgen. Damit hätte ein vernünftiger Mensch den Wandertag vermutlich beendet. Wir nicht. Es war schließlich erst früher Nachmittag.

Also beschlossen wir, noch zum Palm Canyon zu fahren. Ich hatte über die Jahre ein etwas zwiespältiges Verhältnis zu Attraktionen auf Indianerland entwickelt. Monument Valley, Antelope Canyon, Crazy Horse Memorial und Co. – landschaftlich beeindruckend, preislich teilweise ebenfalls beeindruckend. Irgendwann sitzt man vor der nächsten Eintrittsgebühr und fragt sich, ob man gerade eine Sehenswürdigkeit besucht oder versehentlich Anteile daran kauft. Beim Palm Canyon war ich daher zunächst eher skeptisch, bis ich Bilder davon sah. Palmen mitten in der Wüste, schattige Wege, Wasser – das sah schon verdächtig gut aus. Und dann las ich auch noch irgendwo, dass es dort Klapperschlangen geben sollte. Damit war mein Widerstand praktisch gebrochen. Ich wollte schon lange einmal eine Klapperschlange sehen, selbstverständlich mit dem nötigen Sicherheitsabstand und möglichst in einer Situation, in der wir beide entspannt unserer jeweiligen Beschäftigung nachgehen konnten. Sie dekorativ auf einem Stein, ich dekorativ hinter der Kamera. Neun Dollar Eintritt pro Person erschienen mir unter diesen Voraussetzungen plötzlich ausgesprochen vernünftig.
Gegen halb drei erreichten wir die Indian Canyons bei Palm Springs. Der Palm Canyon gehört zusammen mit dem Andreas Canyon und dem Murray Canyon zu diesem Gebiet, und nachdem wir am kleinen Kassenhäuschen unseren Eintritt bezahlt hatten, fuhren wir die Straße weiter bis ganz nach hinten zum Parkplatz. Dort standen gerade einmal drei weitere Autos, was uns sehr gelegen kam. Nach den Stunden im Ladder Canyon hatten wir keine große Sehnsucht nach Menschenmassen und Reisebussen, sondern eher nach etwas Ruhe, Schatten und vielleicht – rein zufällig natürlich – einem Reptil mit eingebauter Rassel. Direkt hinter dem Parkplatz führte ein schmaler Weg hinunter in die Oase, und innerhalb weniger Minuten änderte sich die Landschaft vollständig. Eben noch trockene, helle Wüste, dann plötzlich hohe Palmen, Grün, Schatten und ein Bachbett, an dem tatsächlich Wasser entlanglief. Der Temperaturunterschied war sofort spürbar. Nach dem staubigen Vormittag fühlte sich dieser Weg fast luxuriös an, als hätte jemand mitten in die Wüste eine klimatisierte Grünanlage gebaut und vergessen, Eintritt in dreistelliger Höhe zu verlangen.

Wir liefen tiefer in den Canyon hinein, immer am Bach entlang. Über die Felsen huschten Eidechsen, über uns flogen Vögel und irgendwann entdeckten wir sogar einen kleinen Frosch, der sich in dieser Wüstenkulisse ungefähr so erwartbar anfühlte wie ein Pinguin am Gardasee. Ich fand das alles wirklich schön und fotografierte selbstverständlich jedes Lebewesen, das lange genug stillhielt. Nur eine bestimmte Tierart fehlte noch.
Irgendwann erzählte ich Benni, dass ich wahnsinnig gern einmal eine Klapperschlange sehen würde. Nicht anfassen, nicht streicheln, nicht mit nach Hause nehmen – einfach sehen. Schön aus sicherer Entfernung, ein paar Fotos machen, vielleicht klappert sie noch ein bisschen für die Atmosphäre, und dann ziehen wir respektvoll weiter. Benni nahm diesen Wunsch offenbar als persönlichen Auftrag entgegen. Von da an scannte er jeden Busch, jeden Felsspalt und jeden Schatten neben dem Weg, als hätte ich ihm eine Prämie auf Schlangensichtung ausgesetzt. Natürlich fanden wir erst einmal gar nichts. Die Klapperschlangen hatten offenbar beschlossen, sich an diesem Nachmittag nicht für unseren Reiseblog zur Verfügung zu stellen.
Ich konnte meine Begeisterung nicht verbergen und erzählte Benni, dass es mein Traum sei, eine Klapperschlange in sicherer Entfernung zu sehen. Natürlich verstand er das als Aufforderung, jedes Versteck und jeden Winkel auf mögliche Schlangensichtungen zu überprüfen – allerdings ohne Erfolg. Stattdessen schenkten uns die Geheimnisse der Wüste andere faszinierende Einblicke. Wir entdeckten Eidechsen, die geschickt über die Felsen huschten, Vögel, die majestätisch am Himmel kreisten, und sogar einen kleinen Frosch, der uns neugierig aus einem schattigen Versteck betrachtete.
Dann lief Benni ein Stück neben dem Weg entlang und achtete für einen kurzen Moment nicht auf den Boden. Was danach geschah, ging so schnell, dass wir erst Benni sahen und dann plötzlich sehr viel mehr Luft unter Benni als gewöhnlich. Er machte einen Sprung zur Seite, der sportlich durchaus bemerkenswert war und den ich ihm ohne entsprechende Motivation wahrscheinlich nicht zugetraut hätte. Unter ihm lag eine große Klapperschlange, auf die er beinahe getreten wäre. Die wiederum fand die ganze Situation noch weniger lustig als Benni und machte ziemlich unmissverständlich klar, dass unser Auftauchen nicht auf ihrer Tagesordnung gestanden hatte. Sie züngelte, klapperte und lag deutlich angespannt im Sand, während wir sofort Abstand hielten. Und ich muss leider zugeben: Ich war begeistert.
Da war sie tatsächlich. Meine Klapperschlange. Nicht ganz so arrangiert, wie ich es mir vorgestellt hatte, denn in meinem Kopf war Benni bei dieser Begegnung eigentlich nicht Bestandteil des Überraschungsprogramms gewesen, aber immerhin hatte er durch seinen beherzten Ausweichsprung verhindert, dass aus einer schönen Urlaubsgeschichte plötzlich ein deutlich komplizierterer Nachmittag geworden wäre. Wir standen in sicherer Entfernung, holten die Kameras heraus und fotografierten dieses wunderschöne Tier, während es uns mit seiner Rassel sehr überzeugend vermittelte, was es von unserer Anwesenheit hielt. Für mich war das ein fantastischer Moment. Für Benni wahrscheinlich eher einer, bei dem man später feststellt, dass „eine Schlange finden“ und „beinahe auf eine Schlange treten“ zwei sehr unterschiedliche Dienstleistungen sind.

Nach einer Weile zog sich die Klapperschlange beleidigt zurück und verschwand zwischen den Felsen. Wir ließen sie selbstverständlich in Ruhe und machten uns weiter auf den Weg. Ich war völlig aus dem Häuschen, Benni vermutlich eher erleichtert, dass seine erste USA-Reise auch weiterhin ohne Besuch in einer Notaufnahme verlief. In diesem Zusammenhang kann ich nur sagen: Benni, you made my day. Gewünscht hatte ich mir eine Klapperschlange, geliefert hat er eine Klapperschlange. Über die Ausführung reden wir nicht.
Benni, you made my day!
Auf dem Rückweg kamen wir an der kleinen Trading Post vorbei, wo es eiskalte Cola für einen Dollar gab. Einen Dollar! Nach zehn Kilometern Ladder Canyon, zusätzlicher Runde durch den Palm Canyon und einer sehr persönlichen Begegnung mit der heimischen Tierwelt war das vermutlich das beste Preis-Leistungs-Verhältnis des gesamten Tages. Wir setzten uns auf eine Bank, tranken unsere Cola und beobachteten die Kolibris, die an aufgehängten Nektarspendern herumflogen. Diese winzigen Vögel wirken immer ein bisschen, als hätten sie versehentlich die Geschwindigkeitseinstellung auf „Fast Forward“ gestellt. Eben noch eine wütende Klapperschlange, jetzt Kolibris am Zuckerwasser – die Wüste bot an diesem Tag wirklich ein erstaunlich abwechslungsreiches Unterhaltungsprogramm.

Damit hätte man es eigentlich gut sein lassen können. Wir waren seit dem frühen Morgen unterwegs, hatten zehn Kilometer Wanderung in den Beinen, Leitern erklommen, Bienen passiert, eine Palmenoase besichtigt und Benni hatte ganz nebenbei beinahe die persönliche Bekanntschaft einer Klapperschlange gemacht. Ein vernünftiger Mensch wäre jetzt vermutlich zurück ins Apartment gefahren, hätte geduscht und sich irgendwo mit ausgestreckten Beinen hingesetzt. Wir beschlossen stattdessen, noch mit der Palm Springs Aerial Tramway auf den Mt. San Jacinto zu fahren.
Die Seilbahn hatten Stefan und ich bei früheren Reisen schon mehrfach auf dem Schirm gehabt und jedes Mal dieselbe Diskussion geführt: Lohnt sich das wirklich? Rund 25 Dollar pro Person, nur um auf einen Berg zu fahren? Irgendwie hatten wir es jedes Mal vertagt. Diesmal wollten wir es endlich wissen und fuhren zur Talstation. Gegen 16 Uhr checkten wir ein und hatten sogar Glück, denn ab dieser Uhrzeit gab es ein um fünf Dollar reduziertes Twilight Ticket. Das passte perfekt, denn so konnten wir oben den Sonnenuntergang erleben und anschließend bei Dunkelheit zurückfahren.
Die Fahrt selbst ist schon ein Erlebnis. Von ungefähr 805 Metern geht es auf fast 2600 Meter hinauf, und die Gondel dreht sich während der Fahrt langsam um die eigene Achse. Man muss also nicht einmal um den besten Fensterplatz kämpfen, irgendwann kommt jede Aussicht bei einem vorbei. Unter uns lagen Palm Springs und die gesamte Wüstenlandschaft, in der Ferne konnte man das Gebiet des Joshua Tree National Parks erkennen, und je höher wir kamen, desto stärker veränderte sich die Umgebung. Unten noch trockene Wärme und Palmen, oben plötzlich Felsen, Wald und Schnee. Innerhalb weniger Minuten wechselten wir vom Wüstentag in eine Winterlandschaft. Am Vormittag hatten wir bei 25 Grad durch einen Canyon geklettert, ein paar Stunden später standen wir im Schnee. Mehr Kontrast bekommt man an einem Urlaubstag kaum untergebracht, es sei denn, irgendwo hätte noch ein tropischer Strand auf uns gewartet.
Oben war es etwa 15 Grad kälter als im Tal, und wir liefen ein Stück durch die verschneite Landschaft, während die Sonne langsam hinter den Bergen verschwand. Palm Springs lag weit unter uns, die Wüste wurde mit dem sinkenden Licht immer dunkler und der Himmel wechselte seine Farben. In diesen Momenten verstanden wir dann auch, warum wir die 25 Dollar Diskussion jahrelang unnötig geführt hatten. Ja, es lohnte sich. Manchmal könnte man sich viel Zeit sparen, wenn man einfach etwas macht, statt drei Urlaube lang darüber zu sprechen.

Als wir später wieder in der rotierenden Gondel nach unten fuhren, war es bereits stockdunkel. Unter uns lagen die Lichter der Desert Cities wie ein riesiges leuchtendes Netz in der schwarzen Wüste. Der Anblick war großartig und natürlich versuchten wir, ihn zu fotografieren. Das Ergebnis bestand erwartungsgemäß aus Lichtstreifen, Unschärfe und moderner Kunst. Nachtaufnahme aus einer fahrenden, rotierenden Gondel ist eben nicht die ideale Ausgangslage. Also blieb dieses Bild ausnahmsweise einfach im Kopf.
Wieder im Tal machten wir uns auf den Weg nach Downtown Palm Springs und landeten im Ruby’s Diner. Nach diesem Tag war ein Burger geradezu medizinisch notwendig. Das Ruby’s mit seinem nostalgischen amerikanischen Diner-Look passte perfekt, und wir ließen uns das Abendessen schmecken, bevor wir noch zum Hard Rock Hotel hinüberliefen. Dort kauften wir die obligatorischen T-Shirts, denn ohne irgendein Hard-Rock-Shirt im Gepäck fühlt sich ein USA-Urlaub bei uns offenbar unvollständig an.
Als wir schließlich zurück nach Palm Desert fuhren, war es längst dunkel und der Tag eigentlich mehr als ausreichend gefüllt. Benni sah das offenbar anders und sprang noch in den Pool. Wo er diese Restenergie hernahm, ist bis heute ungeklärt. Stefan setzte sich an seine allabendliche Urlaubsverwaltung, sicherte Fotos und sortierte Rechnungen, damit wenigstens einer von uns den Überblick behielt, wie viel wir jeden Tag für Essen, Eintritt, Benzin und sonstigen Blödsinn ausgaben.
Ich wiederum sah das Bett. Damit war mein persönlicher Abend beendet. Ich weiß nicht, was Hotelbetten mit mir machen, aber sobald ich eines sehe, setzt bei mir ein sehr zuverlässiger Mechanismus ein. Hinlegen, Augen zu, Feierabend. Keine langen Gespräche, kein Fernsehen, kein „ich setze mich noch kurz dazu“. Ich bin weg. Das Problem daran haben vor allem meine Mitreisenden am nächsten Morgen, denn sobald ich ausgeschlafen habe, funktioniert das Ganze exakt andersherum. Dann öffne ich die Augen und bin sofort wach, fit, gesprächig und hungrig. Gerne lange vor Sonnenaufgang. Stefan kennt das. Benni lernt es gerade kennen.
Aber natürlich werde ich morgen früh ganz leise sein. Ganz bestimmt.





























































