Von Zipfelmützen, Sägezähnen und der Geburt von Pussy-Bitch
Heute heißt es Abschied nehmen von unserer ziemlich coolen Suite in Kanab. Drei Nächte hatten wir hier unser kleines amerikanisches Zuhause, und ich könnte durchaus noch ein Weilchen bleiben. Kanab ist für mich sowieso einer dieser Orte, bei denen man sich irgendwann fragt, warum eigentlich alle Welt nach Page fährt. Rundherum liegen Zion, Bryce Canyon und der North Rim des Grand Canyon, dazu das Grand Staircase-Escalante National Monument mit Slot Canyons und Backcountry Roads in praktisch jeder Himmelsrichtung, die Coral Pink Sand Dunes, die Vermilion Cliffs, die Coyote Buttes und der Buckskin Gulch. Man könnte hier vermutlich drei Wochen verbringen und hätte anschließend immer noch eine Liste mit Dingen, für die man „unbedingt noch mal wiederkommen“ muss. Wir haben außerdem noch eine Rechnung mit der Wave offen. Dieses Jahr wollte uns die Permit-Lotterie wieder nicht, aber wir sind ja nachtragend und haben bereits beschlossen, nächstes Jahr erneut anzutreten. Irgendwann werden die schon mürbe.
Unser heutiges Ziel liegt weit im Süden, und statt einfach über die inzwischen bestens bekannte 89 Richtung Page zu fahren, nehmen wir die 89A. Einerseits, weil wir die Strecke zwischen Kanab und Page in den vergangenen Tagen nun wirklich oft genug gesehen haben, andererseits, weil eine Straße mit einem zusätzlichen Buchstaben grundsätzlich nach mehr Abenteuer klingt. Acht Meilen südlich von Kanab erreichen wir Fredonia und fahren anschließend hinauf auf das Kaibab Plateau. Am Jacob Lake zweigt die State Route 67 zum North Rim des Grand Canyon ab, gerade einmal 49 Meilen entfernt – nur leider ist Anfang März und die Straße dorthin saisonbedingt geschlossen.
Der North Rim muss also ebenfalls auf die stetig wachsende Liste „nächstes Mal“ und wir bleiben auf der 89A, die sich anschließend in langen Serpentinen wieder vom Plateau hinunter windet. Von oben können wir bereits weit über die Landschaft schauen und sehen die Straße vor uns verschwinden. Genau solche Strecken sind der Grund, warum ich hier so gerne Auto fahre: Man sieht kilometerweit nichts außer Landschaft und Asphalt und bekommt sofort das Gefühl, dass man heute noch irgendwo landen könnte, wo vernünftige Menschen gar nicht erst hinfahren.
Unterhalb der Vermilion Cliffs zieht sich die 89A anschließend durch eine Landschaft, bei der man eigentlich ständig irgendwo anhalten möchte. Links und rechts stehen diese gewaltigen rotbraunen Felswände, davor liegen helle Ebenen, und mittendrin schlängelt sich unsere Straße. Irgendwann erreichen wir den Marble Canyon und damit die Navajo Bridges über den Colorado River. Eigentlich sind es zwei fast identisch aussehende Stahlbogenbrücken, nur liegen zwischen den beiden satte 66 Jahre. Die alte Brücke stammt von 1929 und gehört heute ausschließlich den Fußgängern, während ihre 1995 eröffnete jüngere Schwester ein paar Meter daneben den kompletten Straßenverkehr übernimmt.
Sehr praktisch: Die alte Dame darf ihren Ruhestand genießen, während die junge Verwandtschaft die Trucks schleppt. Wir laufen natürlich über die historische Brücke und schauen hinunter in den Marble Canyon, wo der Colorado tief unter uns durch die Schlucht zieht. Wenn man von oben auf diesen schmalen grünen Fluss schaut, kann man sich kaum vorstellen, dass genau dieses Wasser ein Stück weiter südlich für eines der größten Löcher der Welt verantwortlich ist. Genau dort wollen wir später übrigens noch hin – auch wenn das morgens noch gar nicht Bestandteil unseres Plans ist.
Zunächst haben wir nämlich etwas anderes vor. Letztes Jahr wollten wir schon einmal zum Blue Canyon und mussten den Versuch ziemlich früh abbrechen, weil die unbefestigte Zufahrt offenbar beschlossen hatte, uns nicht durchzulassen. Dieses Jahr soll es einen zweiten Versuch geben. Wir fahren weiter Richtung Tuba City, stärken uns dort kurz bei McDonald’s und nehmen anschließend die 160 nach Norden. Bei der Red Lake Trading Post nahe Tonalea verlassen wir schließlich den Asphalt und biegen auf die Indian Route 21 ab. Von dort geht es über die Route 7 weiter Richtung Blue Canyon, rund 15 Meilen Backcountry liegen vor uns.
Und genau hier beginnt wieder diese spezielle Sorte amerikanischer Wegbeschreibung, bei der man nach einer Weile nicht mehr sicher ist, ob man zu einer Sehenswürdigkeit fährt oder versehentlich das Land verlässt. Auf den Straßen begegnet uns kein einziges anderes Auto. Dafür stehen Kühe herum, und irgendwann schaut uns sogar ein Coyote interessiert hinterher. Vermutlich wollte er nur wissen, warum drei Deutsche freiwillig über diese Straße fahren.
Denn die Piste ist zwar grundsätzlich gut befahrbar, besteht aber stellenweise aus knochentrockenem Washboard. Der Explorer wird ordentlich durchgeschüttelt und alles im Auto bekommt Gelegenheit, seinen angestammten Platz zu verlassen. Dabei sieht der Untergrund so massiv aus, dass man kaum glauben möchte, dass ein bisschen Regen reichen kann, um daraus eine nahezu unpassierbare Schlammpiste zu machen.
Gleichzeitig beschäftigt uns noch eine andere Frage: Für den Blue Canyon findet man immer wieder Hinweise, dass für einen Besuch ein Permit erforderlich sei. Nur stehen wir hier mitten im Nirgendwo, weit und breit gibt es weder Rangerstation noch Kassenhäuschen noch irgendeinen Menschen, dem wir ein solches Permit zeigen könnten. Selbst die Kühe wirken nicht sonderlich interessiert an unseren Papieren. Also fahren wir weiter und warten darauf, dass irgendwo jemand auftaucht und uns erklärt, wie das System funktioniert. Es taucht niemand auf.
Von einer Anhöhe sehen wir schließlich zum ersten Mal den Blue Canyon – und ich habe sofort eine Frage: Warum heißt der eigentlich Blue Canyon? Vor uns liegt eine Landschaft aus Weiß, Creme, Orange und kräftigem Rot. Blau ist ungefähr die einzige Farbe, die fehlt. Erst aus der Vogelperspektive erkennt man, dass sich durch das Gebiet tatsächlich blaugraue Gesteinsschichten ziehen; von unserem Standort aus bleibt der Name allerdings ein kleines Marketingrätsel. Dafür sehen die Felsformationen aus der Nähe umso verrückter aus. Überall stehen Hoodoos herum, unten hell und oben mit roten, kugeligen Kappen versehen, als hätte jemand einer ganzen Armee aus Stein Zipfelmützen aufgesetzt. Wir können mit dem Explorer fast bis an die Formationen heranfahren, stellen ihn ab und laufen los. Eigentlich wäre der Nachmittag fotografisch perfekt, weil die Sonne die roten Kappen wunderbar anstrahlen würde. Unsere Sonne hat heute allerdings frei. Der Himmel ist grau, die Felsen sehen trotzdem großartig aus und wir beschließen, dass man schließlich nicht wegen ein paar Wolken wieder 15 Meilen Washboard zurückfährt.
Wir streifen eine ganze Weile zwischen den Formationen herum und entdecken hinter jeder Ecke neue Gestalten. Manche sehen aus wie Pilze, andere wie Burgen, wieder andere wie Figuren, bei denen man nach kurzer Betrachtung anfängt, Gesichter zu erkennen. Das bekannteste Motiv sind die „Five Padres“, fünf Hoodoos, die einmal gemeinsam ihre roten Steinkappen getragen haben. Inzwischen haben allerdings nur noch zwei Padres ihre Mützen auf, die übrigen drei liegen unten auf dem Boden. Offenbar hält selbst bei katholischem Felsenklerus nicht jede Kopfbedeckung ewig. Ein Stück weiter finden wir „Mother & Child“, und spätestens jetzt ist klar, warum Fotografen hier Stunden verbringen können. Es ist kein großer Canyon im klassischen Sinn, sondern eher eine komplett durchgedrehte kleine Felsenwelt, die jemand mitten ins Nirgendwo gestellt hat. Wir fotografieren entsprechend ausgiebig, bis vermutlich selbst unsere Speicherkarten anfangen, sich nach Asphalt zu sehnen.

Den bekommen sie schließlich auch. Wir schütteln uns über die Backroads zurück zur 160, fahren wieder Richtung Tuba City und biegen dort auf die 264 nach Süden ab. Denn ein Canyon reicht für einen Vormittag selbstverständlich nicht. Letztes Jahr hatten uns die Straßenverhältnisse zum Upper Coalmine Canyon gezwungen, dieses Mal wollen wir auf die andere Seite und zum Lower Coalmine Canyon. Etwa 20 Meilen hinter Tuba City geht es kurz vor Milepost 337 erneut auf eine Dirt Road. Die Umgebung sieht zunächst so spektakulär aus wie ein durchschnittlicher Parkplatz hinter einem Baumarkt: flach, trocken, unscheinbar. Ein riesiges Windrad dient uns als Orientierungspunkt und nach rund zweieinhalb Meilen stehen wir plötzlich am Rand eines gigantischen Abgrunds. Das ist eine dieser Landschaften, die offenbar Spaß daran haben, sich bis zum letzten Moment zu verstecken.
Der Navajo-Name des Canyons lautet Honoo Jí, sinngemäß „Sägezahn“ oder „gezacktes Land“, und sobald man an der Kante steht, muss man über diese Namensgebung nicht lange diskutieren. Unter uns breitet sich ein Labyrinth aus Badlands, tiefen Rinnen, weißen und gelben Felstürmen und messerscharfen Zacken aus. Dazwischen tauchen rote und braune Schichten auf, während am Horizont gestreifte Tafelberge die Szenerie abschließen.
Ein weiterer Name für die Gegend ist Leejin haageed, der „Ort, an dem Kohle abgebaut wird“, woher schließlich auch der englische Name Coalmine Canyon stammt. Wir laufen ein Stück am Rand entlang und fotografieren natürlich wieder, was das Zeug hält. Vor allem ist hier praktisch niemand. Kein Visitor Center, kein Shuttlebus, keine Absperrung mit Selfie-Schlange – nur wir, ein Windrad und ein Canyon, der aussieht, als hätte die Erde beim Modellieren kurz sämtliche Werkzeuge gleichzeitig ausprobiert.

Mittlerweile ist es 14 Uhr und der Hunger meldet sich ziemlich nachdrücklich. Bis zur Cameron Trading Post sind es noch knapp 50 Meilen, weshalb wir die Landschaft schweren Herzens gegen Asphalt tauschen und gegen 15 Uhr dort einrollen. Die Trading Post ist riesig und der Souvenirshop liegt strategisch so geschickt zwischen Eingang und Restaurant, dass man ihm praktisch nicht entkommen kann. Ich schaffe es trotzdem zunächst bis zum Essen. Meine Befürchtung, dass man in einem derart touristischen Laden vermutlich in Rekordzeit abgefertigt wird, erweist sich zum Glück als völlig unbegründet. Unser Kellner ist ausgesprochen nett und mein Navajo Burger auf Fried Bread ist fantastisch. Dieses dicke, frisch gebackene Brot unter dem Burger ist zwar vermutlich ernährungsphysiologisch irgendwo zwischen „Urlaub“ und „wir reden später darüber“ einzuordnen, aber genau dafür sind wir schließlich hier.
Nach dem Essen führt der Weg zwangsläufig wieder durch den Shop. T-Shirts, handgewebte Decken, Gemälde, Schmuck, Lederarbeiten, Pfeil und Bogen, Weihnachtsdekoration, Magnete und ungefähr achttausend weitere Dinge, von denen ich fünf Minuten vorher noch nicht wusste, dass ich sie dringend brauchen könnte. Stefan kennt das Problem. Benni vermutlich inzwischen auch. Umso bemerkenswerter ist das Ergebnis: Ich verlasse die Cameron Trading Post tatsächlich lediglich mit fünf Postkarten. Fünf. Postkarten. Angesichts dieses Souvenirshops darf man das durchaus als persönlichen Triumph verbuchen.

Eigentlich könnten wir jetzt einfach weiter Richtung Süden fahren. Allerdings sitzt Benni neben uns, ist zum ersten Mal in den USA unterwegs und hat den Grand Canyon noch nie gesehen. Und wir befinden uns gerade in Cameron. Man kann einem Menschen schlecht erzählen, dass ungefähr anderthalb Stunden entfernt eines der berühmtesten Naturwunder der Welt liegt, und anschließend sagen: „Aber wir fahren jetzt woanders hin.“
Also ändern wir kurzerhand den Plan und fahren zum South Rim. Über den Osteingang erreichen wir zunächst Desert View mit dem Watchtower, wo Benni seinen ersten Blick in den Grand Canyon bekommt. Wir lassen ihm einen Moment Zeit. Beim ersten Mal ist dieses Ding nämlich schwer zu begreifen. Man kennt tausend Fotos, hat es in Filmen gesehen und weiß selbstverständlich, wie ein Canyon aussieht – und steht dann davor und stellt fest, dass sämtliche Bilder völlig unbrauchbar waren, um einem auch nur annähernd die Dimensionen zu erklären.

Lange bleiben wir am Desert View allerdings nicht, denn wir haben inzwischen ein neues Ziel: Sonnenuntergang am Hopi Point. Bei der Bright Angel Lodge beginnt zunächst die deutlich weniger romantische Disziplin „Parkplatzsuche am Grand Canyon“. Wir finden schließlich etwas weiter entfernt einen Platz, laufen zurück und nehmen den kostenlosen Shuttlebus zum Hopi Point.
Gegen 18 Uhr stehen wir dort, und diesmal spielt sogar das Wetter mit. Die tief stehende Sonne trifft einzelne Felsrücken und Plateaus, während andere Bereiche bereits im Schatten liegen. Dadurch verändert sich der Canyon praktisch minütlich, und aus den eher gedämpften Farben des Nachmittags werden plötzlich leuchtende Rot-, Orange- und Goldtöne. Genau dafür sind wir hergekommen. Selbst wir, die den Grand Canyon schon kennen, stehen wieder da und schauen. Und Benni dürfte spätestens jetzt verstanden haben, warum wir den kleinen Umweg für zwingend erforderlich hielten.

Kaum ist die Sonne verschwunden, beginnt allerdings die große Rückführung der Menschheit. Shuttlebus um Shuttlebus rollt heran und die Besucher sammeln sich an den Haltestellen. Darauf haben wir keine große Lust. Bis zur Bright Angel Lodge sind es knapp zwei Meilen, es ist noch einigermaßen hell und Taschenlampen haben wir sowieso dabei. Also laufen wir. Der Trail ist nahezu leer und der Spaziergang entlang des Canyonrands ist nach dem ganzen Trubel am Hopi Point richtig angenehm. Nach und nach wird es dunkler, die Konturen verschwinden und die letzten zehn Minuten laufen wir tatsächlich nur noch im Licht unserer Taschenlampen. Tief unten im Canyon erkennen wir vereinzelt ebenfalls kleine Lichter von Wanderern. Das wirkt aus unserer Perspektive sehr romantisch, wobei diejenigen da unten vermutlich gerade ganz andere Gedanken haben.
Um 19:30 Uhr sind wir wieder am Explorer. Für heute Nacht haben wir zwei Zimmer in Tusayan gebucht, direkt vor dem Eingang zum Nationalpark, und nach knapp zwanzig Minuten Fahrt stehen wir im Canyon Plaza Hotel. Da wir noch genügend Proviant besitzen und morgen zum Sonnenaufgang wieder am Canyon sein wollen, beschließen wir, einfach im Zimmer etwas zu essen. Einchecken müssen wir allerdings vorher noch – und damit liefert uns dieser ohnehin schon ziemlich volle Tag ganz unerwartet seinen eigentlichen Höhepunkt.
Ich hatte zwei Zimmer reserviert, eines davon auf Bennis Nachnamen Katzbichler. Die arme Mitarbeiterin an der Rezeption betrachtet den Namen ungefähr so, wie wir vermutlich ein Navajo-Wort mit zwölf Silben betrachten würden. Sie setzt mehrfach an, versucht sich tapfer durch die Buchstaben zu arbeiten und produziert irgendwann etwas, das verdächtig nach „Cat-Bitch“ klingt. In dem Moment merkt sie selbst, was sie gerade gesagt hat, und schaut mich entsetzt an. Ich kann natürlich nicht mehr ernst bleiben und erkläre ihr lachend, dass „Katz“ tatsächlich etwas mit „cat“ zu tun hat – schließlich fehlt nur ein „e“ – und ihre Interpretation deshalb zumindest nicht vollkommen aus der Luft gegriffen ist. Irgendwo zwischen meiner Erklärung, ihrem Englisch und unserem zunehmenden Gelächter nimmt die Unterhaltung dann allerdings eine Richtung, die niemand vorhersehen konnte. Plötzlich strahlt sie mich an und fragt: „Like pussy cat – and bichler like bitch? So I can call him Pussy-Bitch?“
Damit war es vorbei. Wir lachen beide Tränen, Benni bekommt seinen Zimmerschlüssel und gleichzeitig einen neuen Namen, den er vermutlich deutlich länger behalten wird als die Zimmernummer. Nach einem Tag mit Vermilion Cliffs, Navajo Bridges, Blue Canyon, Coalmine Canyon und einem Sonnenuntergang am Grand Canyon hätte man eigentlich meinen können, das landschaftliche Programm sei schwer zu toppen. Aber manchmal reicht eben eine amerikanische Rezeptionistin und der Nachname Katzbichler, um sämtliche Naturwunder des Tages kurzzeitig auf Platz zwei zu verweisen. Gute Nacht, Pussy-Bitch.











































