Grizzlys, Eisberge und 15 Kilometer sehr gute Ideen
Am Morgen stand eine dieser Entscheidungen an, bei denen man schon vorher ziemlich genau weiß, wie sie ausgehen wird, obwohl man noch eine Weile so tut, als würde man vernünftig darüber nachdenken. Der Iceberg Lake stand auf unserem Programm, erreichbar über einen rund 15 Kilometer langen Wanderweg, und wir waren uns plötzlich gar nicht mehr so sicher, ob wir das wirklich wollten. Nicht etwa, weil uns die Strecke abschreckte. Fünfzehn Kilometer klangen grundsätzlich machbar.
Das eigentliche Problem steckte bereits im Namen unseres Ziels: Iceberg Lake. Es war September. Was, wenn wir uns sieben oder acht Kilometer durch die Berge schleppten, am Ende an einem völlig eisfreien See standen und feststellen mussten, dass die Icebergs offenbar bereits geschlossen hatten? Noch interessanter waren allerdings die zahlreichen Hinweise darauf, dass wir uns hier in ausgesprochen gutem Grizzly-Gebiet befanden. Ein Grizzly in freier Wildbahn gehörte durchaus zu den Dingen, die ich unbedingt einmal sehen wollte. Allerdings vorzugsweise mit einem gewissen Abstand zwischen ihm und mir, der sich idealerweise nicht nur in Zentimetern ausdrücken ließ.
Natürlich fuhren wir trotzdem los. Dafür waren wir schließlich hier. Janice von der Paul Ranch hatte uns außerdem beruhigt und erklärt, dass die Bären normalerweise Menschen aus dem Weg gingen, solange man sich vernünftig verhielt, auf den Wegen blieb und sie nicht bedrängte. Das klang beruhigend, zumindest solange man nicht weiter darüber nachdachte, dass diese Vereinbarung vermutlich ausschließlich uns bekannt war und niemand überprüft hatte, ob sämtliche Grizzlys des Glacier National Parks das entsprechende Rundschreiben ebenfalls erhalten hatten. Also Rucksäcke gepackt, Schuhe an und los. Auf der Ranch schauten uns die Kühe bei der Abfahrt hinterher, und ich bildete mir ein, in ihren Gesichtern einen gewissen Ausdruck zu erkennen, der irgendwo zwischen Interesse und „Na, dann viel Glück“ lag.
Und dann brauchten wir noch nicht einmal den Trail, um den ersten Bären zu sehen. Direkt vor dem Parkeingang entdeckten wir eine Grizzlymutter mit ihren beiden Jungen. Drei Bären auf einmal, einfach so am Hang neben der Straße. Die beiden Kleinen tapselten durch das Gelände, während Mama in aller Ruhe damit beschäftigt war, nach etwas Essbarem zu suchen. Wir saßen sicher im Auto, hatten einen wunderbaren Blick und konnten unser Glück kaum fassen. Genau so hatte ich mir eine Grizzlybegegnung vorgestellt: Bären draußen, wir drinnen, Kamera dazwischen. Eine ausgezeichnete Aufgabenteilung. Dass wir wenige Stunden später feststellen würden, dass Grizzlybegegnungen auch in einer deutlich weniger komfortablen Variante erhältlich waren, wussten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Von dort führte uns die Straße immer weiter hinein in den Glacier National Park, vorbei am Lake Sherburne, dessen tiefblaues Wasser zwischen den Bergen lag, als hätte jemand für diesen Morgen die Farbsättigung ein wenig zu weit aufgedreht. Dazu dieser wolkenlose Himmel, Berge ringsherum und kaum Verkehr – schon die Anfahrt war so schön, dass wir ständig irgendwo hätten anhalten können. Gleichzeitig rückte damit allerdings auch unser eigentliches Vorhaben näher. Irgendwann musste man aus diesem gemütlichen Ford schließlich aussteigen und die Landschaft zu Fuß erobern. Ein ausgesprochen fragwürdiges Konzept, wenn man gerade festgestellt hatte, dass die Bären tatsächlich da waren.

Nach ungefähr zehn Meilen erreichten wir den Parkplatz am Iceberg-Ptarmigan Trailhead. Weil wir früh dran waren, war noch wenig los, wir fanden problemlos einen Parkplatz und konnten uns nicht länger mit organisatorischen Nebensächlichkeiten vor dem Wandern drücken. Der Trail machte auch keinerlei Versuch, uns sanft auf das Kommende einzustimmen. Die ersten ungefähr 400 Meter führten gleich ordentlich bergauf, teilweise über Steinstufen. Wir waren frisch, motiviert und noch in jener frühen Phase einer Wanderung, in der man Steigungen als sportliche Herausforderung bezeichnet. Einige Stunden später nennt man dieselben Steigungen meistens anders.
Danach wurde der Weg angenehmer und genau jetzt zeigte sich, warum dieser Trail so einen Ruf hatte. Zunächst liefen wir durch offenes Gelände, mit freiem Blick auf die Berge, durch niedrige Vegetation und über einen schmalen Pfad, der sich an den Hängen entlangzog. Hinter jeder Kurve sah die Landschaft wieder anders aus. Mal lagen die Bergketten weit vor uns, mal verschwand der Weg zwischen Bäumen, dann öffnete sich plötzlich wieder das ganze Tal. Nach etwa zweieinhalb Kilometern tauchten wir tiefer in den Wald ein. Die Sonne fiel nur noch stellenweise durch die Bäume, unter unseren Füßen wechselten Erde, Wurzeln und Steine, irgendwo rauschte Wasser – und spätestens hier erinnerte ich mich natürlich wieder daran, dass wir uns offiziell in Bear Country befanden. Ein gelbes Warnschild mit einem schwarzen Bären darauf besitzt erstaunliche Fähigkeiten. Man nimmt danach jedes Knacken im Unterholz wesentlich ernster als vorher.
An den Ptarmigan Falls machten wir eine Pause. Das Wasser rauschte über breite Felsplatten hinunter, wir setzten uns für eine Weile auf die Steine und genossen diese herrliche Mischung aus Sonne, Bergluft und dem guten Gefühl, bereits ein ordentliches Stück geschafft zu haben. Noch waren die Beine kooperativ und die Stimmung ausgezeichnet. Danach ging es wieder weiter durch den Wald, bis sich die Landschaft erneut öffnete und wir entlang der gewaltigen Ptarmigan Wall liefen. Jetzt wurde der Trail endgültig spektakulär. Links und rechts Berge, unter uns das Tal, vor uns ein schmaler Weg, der sich durch diese riesige Landschaft zog. Man fühlte sich darin plötzlich ziemlich klein – und gleichzeitig ziemlich privilegiert, hier einfach hindurchlaufen zu dürfen.
Irgendwann kam dann der Moment, auf den wir die ganze Zeit gewartet hatten: Wir konnten unser Ziel zum ersten Mal erahnen. Zwischen den Bergen tauchte der Bereich des Iceberg Lake auf, und spätestens jetzt war klar, dass unsere Sorge vom Morgen völlig unbegründet gewesen war. Da war Eis. Und zwar nicht irgendwo als trauriger weißer Rest in einer schattigen Ecke, sondern tatsächlich auf dem Wasser. Der Iceberg Lake hatte seinen Namen offenbar auch im September noch nicht aus Marketinggründen behalten.
Wir überquerten eine kleine Holzbrücke über den Iceberg Creek, kamen am Lower Iceberg Lake vorbei und nahmen den letzten Anstieg in Angriff. Und dann standen wir plötzlich davor.
Der Iceberg Lake lag wie in einem riesigen steinernen Amphitheater vor uns. Türkisgrünes, unglaublich klares Wasser, darin weiße Eisschollen, dahinter diese beinahe senkrechten Felswände, die den See auf drei Seiten umschlossen. Auf den Hängen lagen noch Schneefelder, die Berge spiegelten sich im Wasser, und alles zusammen sah so unwirklich aus, dass selbst unsere Fotos nur ansatzweise wiedergeben konnten, wie beeindruckend dieser Ort tatsächlich war. Nach all den Kilometern standen wir da und wussten sofort: Jeder einzelne davon hatte sich gelohnt.

Iceberg Lake
Der Iceberg Lake im Glacier Nationalpark ist ein faszinierendes Naturwunder, das seinen Namen völlig zu Recht trägt. Eingebettet in einer tiefen Gletscherkette und umgeben von imposanten Steilwänden, bleibt der See auch im Sommer oft von Eisschollen bedeckt. Der See liegt auf einer Höhe von rund 1.850 Metern über dem Meeresspiegel und wird von den umliegenden Bergen, darunter dem Mount Wilbur und dem Iceberg Peak, eingeschlossen. Diese imposanten Felswände sorgen dafür, dass der See fast das ganze Jahr über im Schatten liegt, was dazu führt, dass das Wasser extrem kalt bleibt und die Eisschollen auch im Spätsommer noch auf der Oberfläche treiben können.
Der Iceberg Lake hat eine besondere Entstehungsgeschichte. Er ist das Ergebnis eines uralten Gletscherprozesses, bei dem die massiven Eisströme die Landschaft formten und tiefe Täler schufen. Diese geologischen Kräfte haben den See in einem natürlichen Amphitheater aus Felsen und Steilwänden eingebettet. Der Zugang zum Iceberg Lake erfolgt über den Iceberg-Ptarmigan Trail, ein etwa 15 Kilometer langer Wanderweg, der durch dichte Wälder, vorbei an Wasserfällen und beeindruckenden Bergpanoramen, führt.
Ein weiterer faszinierender Fakt ist, dass der Iceberg Lake ein wichtiger Lebensraum für viele Tierarten ist. Es gibt hier Grizzlybären, Wapitis und Murmeltiere.
Die Wanderung zum Iceberg Lake ist nicht nur wegen der Eisschollen und der beeindruckenden Landschaft so beliebt, sondern auch wegen der Vielfalt der Umgebung.
Von weiten Bergwiesen voller Wildblumen bis hin zu schattigen Waldabschnitten – der Weg zum See ist abwechslungsreich und bietet Naturfreunden viele Highlights. Der See selbst gilt als einer der schönsten Alpenseen im Glacier Nationalpark und ist ein Muss für jeden, der die wilde Schönheit der Region hautnah erleben möchte.

Wir gingen direkt hinunter ans Ufer, suchten uns einen Platz zwischen den Steinen und blieben erst einmal sitzen. Vor uns trieben die Eisbrocken langsam über das Wasser, manche klein, andere erstaunlich groß und teilweise in Formen geschmolzen, bei denen man unwillkürlich irgendwelche Tiere oder Figuren zu erkennen glaubte. Das Wasser war so klar, dass man die Steine auf dem Grund sehen konnte, und ringsherum spiegelten sich die Felswände im See. Wir machten unser kleines Picknick und hatten damit vermutlich einen der schöneren Mittagstische dieser Reise erwischt. Keine Tischdecke, kein Kellner und der Kühlschrank bestand aus einem kompletten Bergsee, aber die Aussicht war schwer zu schlagen.
Eine ganze Weile hatten wir den See fast für uns gehabt, doch inzwischen war Mittag und nach und nach kamen immer mehr Wanderer an. Der Platz am Ufer füllte sich, Kameras wurden ausgepackt, Rucksäcke geöffnet und überall saßen Menschen zwischen den Felsen und schauten auf den See. Unsere frühe Entscheidung hatte sich also gleich doppelt gelohnt. Wir hatten den Trail in Ruhe erlebt und waren am Iceberg Lake angekommen, bevor der größere Betrieb begann. Irgendwann mussten allerdings auch wir wieder zurück. Das Problem bei einem 15-Kilometer-Trail ist schließlich, dass das Erreichen des Ziels nur die Hälfte der Veranstaltung darstellt. Der Ford hatte keinerlei Absicht, uns am See abzuholen.

Also verabschiedeten wir uns von den Eisbergen und machten uns auf denselben Weg zurück. Bergab lief es zunächst angenehm, die Landschaft kannten wir inzwischen, die Beine wussten, was von ihnen erwartet wurde, und wir waren noch völlig geflasht von dem, was wir gerade gesehen hatten. Etwa auf halber Strecke begegneten uns dann Wanderer, die ziemlich aufgeregt erzählten, weiter vorne sei gerade ein Grizzly auf dem Trail unterwegs.
Nun hätte ein vernünftiger Mensch möglicherweise kurz überlegt, was die Worte „Grizzly“ und „auf dem Trail“ in Kombination bedeuten. Wir dagegen dachten hauptsächlich: Wo?
Wir gingen weiter und erfuhren von anderen Wanderern, dass der Bär vom Hang heruntergekommen war, eine Weile direkt auf dem Weg gestanden hatte und anschließend wieder bergab verschwunden war. Das große Fotomotiv hatten wir damit knapp verpasst. Kurz darauf sahen wir ihn allerdings tatsächlich noch einmal im Gebüsch – und diesmal ohne schützendes Auto zwischen ihm und uns. Keine zehn Meter entfernt bewegte er sich durch die Vegetation. Plötzlich bekam die Sache eine völlig andere Qualität. Ich versuchte natürlich trotzdem, die Kamera irgendwie einsatzbereit zu bekommen, denn offenbar besitzt mein Gehirn einen speziellen Schalter, der bei seltenen Wildtieren sämtliche vernünftigen Gedanken kurzzeitig durch „Foto!“ ersetzt. Der Grizzly hatte allerdings keinerlei Interesse an einer Porträtsitzung und verschwand, bevor ich ihn vernünftig vor die Linse bekam. Im Nachhinein betrachtet war das vermutlich eine sehr akzeptable Lösung für alle Beteiligten.
Als kleine fotografische Entschädigung schickte uns die Natur kurz darauf ein paar Chipmunks vorbei. Deutlich kleiner, wesentlich weniger geeignet, einen Menschen in ernsthafte Schwierigkeiten zu bringen, und erfreulich kooperativ vor der Kamera. Nach einem Grizzly in zehn Metern Entfernung hatten diese kleinen Kerle beinahe etwas Beruhigendes. Niemand musste sich fragen, ob ein Chipmunk möglicherweise gerade überlegte, wie viel Fleisch eigentlich an einem durchschnittlichen deutschen Touristen dran ist.
Mit inzwischen ziemlich müden Beinen kamen wir schließlich wieder am Auto an. Damit hätten wir den Tag problemlos als erledigt betrachten können: 15 Kilometer Wanderung, Iceberg Lake, eine Grizzlyfamilie am Morgen und ein weiterer Grizzly praktisch neben dem Wanderweg. Für normale Menschen wäre das vermutlich ein ausreichendes Tagesprogramm gewesen. Wir hatten allerdings noch die Going-to-the-Sun Road vor uns.
Also verabschiedeten wir uns vom Many-Glacier-Gebiet, fuhren zurück Richtung Babb und weiter nach Saint Mary. Von dort wollten wir den Glacier National Park einmal komplett von Ost nach West durchqueren. Die Going-to-the-Sun Road zieht sich ungefähr 80 Kilometer quer durch den Park und gehört zu diesen Straßen, bei denen die Fortbewegung eigentlich nur Nebensache ist. Kaum waren wir unterwegs, ging das große Schauen wieder von vorne los. Saint Mary Lake lag tiefblau zwischen den Bergen, die Straße schmiegte sich an die Hänge, Wasserfälle stürzten von den Felsen herunter und hinter jeder Kurve wartete ein neuer Grund, irgendwo anzuhalten. Natürlich hielten wir ständig an.
Going-To-The-Sun-Road
Die Going-to-the-Sun Road im Glacier Nationalpark ist eine der spektakulärsten Panoramastraßen der Welt und zieht jährlich Tausende Besucher an. Sie erstreckt sich über rund 80 Kilometer und führt von Saint Mary im Osten des Parks bis nach West Glacier im Westen. Diese Straße bietet atemberaubende Ausblicke auf die zerklüfteten Berge, weite Täler, klare Seen und üppige Wälder, die den Glacier Nationalpark so besonders machen.
Die Straße wurde zwischen 1921 und 1932 erbaut und gilt als ein Meisterwerk der Ingenieurskunst. Sie durchquert die Rocky Mountains und windet sich durch dramatische Landschaften, während sie steile Klippen, tiefe Schluchten und unberührte Bergwiesen passiert. Die Going-to-the-Sun Road ist die einzige Straße, die den Park von Ost nach West vollständig durchquert und erreicht ihren höchsten Punkt am Logan Pass auf rund 2.025 Metern über dem Meeresspiegel. Von hier aus bietet sich ein beeindruckender Blick auf die umliegenden Gipfel und das darunterliegende Tal.
Eines der herausragenden Merkmale der Going-to-the-Sun Road ist, dass sie den Besuchern Zugang zu einigen der schönsten und abgelegensten Bereiche des Parks bietet. Entlang der Strecke gibt es zahlreiche Aussichtspunkte, an denen man anhalten und die atemberaubende Landschaft genießen kann. Zu den Höhepunkten gehören der Saint Mary Lake, der oft als eines der Wahrzeichen des Parks gilt, sowie die Weeping Wall, eine Felswand, an der während der Schneeschmelze das Wasser die Straße hinunterfließt.
Was die Going-to-the-Sun Road so besonders macht, ist auch ihr hoher Schwierigkeitsgrad beim Bau und ihre Erhaltung. Aufgrund der extremen Witterungsbedingungen im Glacier Nationalpark ist die Straße oft nur von Ende Juni bis Mitte Oktober geöffnet, da sie im Winter von tiefem Schnee bedeckt ist. Jedes Frühjahr müssen spezialisierte Schneeräumungsteams bis zu 25 Meter hohen Schnee beseitigen, bevor die Straße wieder für den Verkehr freigegeben werden kann.
Für viele Reisende ist die Going-to-the-Sun Road nicht nur ein einfacher Weg durch den Park, sondern eine Reise durch die spektakuläre und wilde Natur Montanas. Sie ist das Herzstück des Glacier Nationalparks und gilt als eine der landschaftlich schönsten Straßen in den USA. Ob man sie mit dem Auto befährt oder eine der vielen Wanderungen entlang der Route unternimmt – die Going-to-the-Sun Road bietet ein unvergessliches Erlebnis inmitten der unberührten Berglandschaft.

Besonders spektakulär wurde es, als sich die Straße immer höher in die Berge hinaufschraubte. Auf der einen Seite ragten die Felswände auf, auf der anderen ging es ziemlich beeindruckend nach unten, und dazwischen lag eine Straße, deren Erbauer offenbar beschlossen hatten, dass Leitplanken in einer solchen Landschaft die Aussicht unnötig stören könnten. Wir passierten Wasserfälle und die berühmte Weeping Wall, an der das Wasser direkt über die Felswand zur Straße herunterläuft. Dazu diese gewaltigen Täler, schroffen Gipfel und immer wieder Blicke zurück auf die Seen tief unter uns. Nach 15 Kilometern Wandern hätten unsere Beine zwar gerne Feierabend gehabt, aber Augen und Kamera liefen weiterhin im Vollbetrieb.
Am Saint Mary Lake entdeckte Bianca dann Wild Goose Island, diese winzige bewaldete Insel mitten im Wasser, und erklärte sie kurzerhand zu einem durchaus akzeptablen zukünftigen Wohnort. Man konnte ihr kaum widersprechen. Die Aussicht wäre hervorragend gewesen. Bei der Infrastruktur sah ich allerdings gewisse Schwächen, und spätestens beim ersten Großeinkauf hätte sich die Immobilienlage vermutlich etwas relativiert.

Auch die Tierwelt wollte offenbar noch einen Beitrag zu diesem Tag leisten. Neben der Straße entdeckten wir eine Bergziege in den Felsen, die dort mit einer Selbstverständlichkeit herumstand, als seien senkrechte Bergwände völlig normales Gelände. Nach den Grizzlys vom Morgen und Nachmittag war unser Bedarf an Wildlife eigentlich längst gedeckt, aber wir nahmen sie natürlich trotzdem gerne mit. Dieser Tag hatte offensichtlich beschlossen, uns noch einmal das komplette Glacier-National-Park-Paket auszuhändigen.
Als wir schließlich West Glacier erreichten, lagen immer noch rund 60 Kilometer bis Bigfork vor uns. Inzwischen war aus dem sportlichen Elan des Morgens ein sehr konkretes Bedürfnis nach Sitzen und Essen geworden. Deshalb ignorierten wir unser Hotel zunächst vollständig und fuhren direkt zum The Raven Restaurant am Flathead Lake. Prioritäten muss man setzen können.
Und dort saßen wir wenig später auf der Terrasse, direkt am Wasser, vor uns der riesige Flathead Lake und hinter uns ein Tag, bei dem man am Morgen noch darüber diskutiert hatte, ob sich 15 Kilometer für ein paar möglicherweise gar nicht mehr vorhandene Eisbrocken überhaupt lohnen würden. Nun hatten wir eine Grizzlymutter mit zwei Cubs gesehen, waren zum Iceberg Lake gewandert, hatten dort tatsächlich zwischen schwimmenden Eisschollen gepicknickt, waren auf dem Rückweg einem weiteren Grizzly begegnet, hatten anschließend noch den Glacier National Park über die Going-to-the-Sun Road durchquert und saßen jetzt mit Essen vor der Nase am See. Manchmal sind die Entscheidungen, über die man morgens am längsten nachdenkt, rückblickend die eindeutigsten.
Danach waren es nur noch wenige Minuten bis zum Timbers Motel. Viel mehr brauchten wir an diesem Abend auch nicht mehr. Zimmer, Dusche, Bett. Unsere Beine hatten ihre Arbeit für heute erledigt und kündigten vorsorglich an, dass sie sich am nächsten Morgen noch einmal ausführlich zu den 15 Kilometern äußern würden. Aber das war ein Problem für morgen.
Heute war nur noch eines wichtig: Dieser Iceberg Lake hatte Eis. Und wir hatten unsere Grizzlys gesehen. Was für ein Tag.

















































