Von wilden Schotterpisten, gesattelten Barhockern und einem Mietwagen, den Alamo versehentlich gelöscht hat
Heute haben wir einen ziemlich wichtigen Termin. Einen, bei dem wir ausnahmsweise nicht nach Lust und Laune irgendwo anhalten, noch schnell einen Abstecher machen oder uns von irgendeinem braunen Hinweisschild zu einer weiteren Sehenswürdigkeit verführen lassen können. Um 17 Uhr landet unsere Tochter Nadine in Phoenix! Nach einer Woche, in der Stefan und ich allein durch den amerikanischen Südwesten getourt sind, bekommen wir heute also Verstärkung. Und morgen treffen wir in Las Vegas auch noch Bianca und Patrick. Die Böhm’sche Reisegesellschaft wächst langsam wieder auf ihre gewohnte Größe an. Aber bevor wir am Flughafen stehen und unsere Tochter in Empfang nehmen können, haben wir uns für heute noch eine Kleinigkeit vorgenommen: den Apache Trail. Eine der spektakulärsten Straßen Arizonas, teilweise unbefestigt, stellenweise ziemlich abenteuerlich und ganz sicher nicht die schnellste Verbindung zwischen Tucson und Phoenix. Aber wer will schon schnell ankommen, wenn er stattdessen noch ein paar ordentliche Abenteuer erleben kann?
Zunächst beginnt der Morgen allerdings ausgesprochen zivilisiert. Wir frühstücken im benachbarten Schwesterhotel, wo uns ein Buffet erwartet, das wirklich keine Wünsche offenlässt. Hier muss niemand mit einem traurigen Toastbrot und einem Becher Filterkaffee in den Tag starten. Es gibt reichlich Auswahl, alles schmeckt hervorragend, und als wir entdecken, dass man sich sogar noch ein kleines „Breakfast to go“ zusammenstellen darf, sind wir endgültig begeistert. Schließlich wissen wir aus Erfahrung, dass amerikanische Straßen manchmal sehr lang und die Möglichkeiten zur Nahrungsaufnahme ausgesprochen übersichtlich sein können. Also wird noch ein bisschen Proviant eingepackt. Man weiß ja nie, wann einen mitten in der Wüste der kleine Hunger überfällt.

Gut gestärkt verlassen wir Tucson und fahren zunächst auf der Route 77 Richtung Norden. Über Winkelman und die Route 177 geht es weiter nach Superior, anschließend auf der Route 60 Richtung Globe. Die Landschaft verändert sich mit jedem Kilometer. Die Stadt verschwindet hinter uns, die Bebauung wird spärlicher, und bald übernehmen wieder die Berge, Kakteen und diese unglaubliche Weite das Kommando. Arizona zeigt sich von seiner schönsten Seite. Die Straßen ziehen sich durch die Landschaft, als hätte jemand mit einem Lineal ein paar Verbindungen zwischen die Berge gezeichnet, und wir genießen jeden Kilometer. Während Stefan fährt, wandert mein Blick ständig zwischen Straßenkarte, Landschaft und Kamera hin und her. Es gibt einfach zu viel zu sehen, und die Versuchung, alle paar Minuten anzuhalten, ist wie immer beträchtlich.
Unser erstes großes Ziel ist der Theodore Roosevelt Lake, ein gewaltiger Stausee mitten in dieser trockenen Berglandschaft. Schon die Anfahrt ist beeindruckend. Zwischen den braunen und rötlichen Berghängen taucht plötzlich dieses intensive Blau auf, das hier eigentlich überhaupt nicht hinzupassen scheint. Rundherum Wüste, Felsen und Kakteen, und mittendrin ein See, der aussieht, als hätte jemand ein riesiges Stück Mittelmeer nach Arizona verpflanzt. Aufgestaut wird das Wasser vom Theodore Roosevelt Dam, der bereits 1911 fertiggestellt wurde und damals als höchster gemauerter Staudamm der Welt galt. Eine beachtliche Ingenieursleistung, wenn man bedenkt, mit welchen technischen Möglichkeiten die Menschen vor über hundert Jahren hier gearbeitet haben. Wir stehen vor diesem gewaltigen Bauwerk, schauen auf die Wassermassen und die steilen Felswände und sind wieder einmal beeindruckt davon, was die Amerikaner mitten in die abgelegensten Gegenden ihrer Landschaft gebaut haben.

Auch die Roosevelt Lake Bridge ist ein echter Hingucker. Ihr riesiger Stahlbogen spannt sich elegant über das Wasser und bildet einen wunderbaren Kontrast zu den schroffen Bergen im Hintergrund. Natürlich müssen wir anhalten und fotografieren. So viel Zeit muss sein, selbst wenn Nadines Flugzeug vermutlich nicht extra ein paar Warteschleifen drehen wird, nur weil ihre Eltern gerade eine besonders schöne Brücke entdeckt haben.
Hinter dem Staudamm beginnt dann der Teil unserer heutigen Strecke, auf den wir uns besonders freuen. Der Apache Trail. Eine historische Straße, die sich durch die Superstition Mountains und entlang des Salt River schlängelt und schon auf der Karte deutlich interessanter aussieht als jede gewöhnliche Interstate. Der Weg folgt alten Verbindungen durch diese wilde Berglandschaft und wurde Anfang des 20. Jahrhunderts beim Bau des Roosevelt Dam ausgebaut. Heute ist er vor allem für seine spektakulären Ausblicke, engen Kurven und die unbefestigten Abschnitte bekannt. Genau die richtige Mischung für uns. Schließlich haben wir nicht den halben amerikanischen Südwesten durchquert, um jetzt plötzlich nur noch brav auf vierspurigen Autobahnen unterwegs zu sein.

Kaum liegt der Staudamm hinter uns, verabschiedet sich auch schon der Asphalt. Vor uns liegt eine staubige Schotterpiste, die sich zunächst noch recht harmlos durch die Landschaft zieht. Links und rechts ragen gewaltige Felsformationen auf, tief unter uns schimmert stellenweise das Wasser des Salt River, und dazwischen wachsen Saguaros, die aussehen, als würden sie mit erhobenen Armen den Verkehr regeln. Anfangs lässt sich die Strecke wunderbar fahren. Ein bisschen Gerumpel, ein bisschen Staub, aber nichts, was uns aus der Ruhe bringen könnte. Unser Mietwagen hat schließlich schon einiges mitgemacht und dürfte inzwischen ohnehin sämtliche Hoffnungen auf ein gepflegtes Leben als amerikanischer Vorzeige-SUV aufgegeben haben.
Je weiter wir fahren, desto abenteuerlicher wird die Strecke allerdings. Die Straße wird schmaler, die Kurven enger, und irgendwann geht es in Richtung Fish Creek Hill ordentlich bergauf. Auf einer Seite ragen die Felsen steil nach oben, auf der anderen geht es teilweise ziemlich eindrucksvoll bergab. Eine Leitplanke wäre hier sicherlich eine nette Idee gewesen, aber offenbar vertraut man in Arizona lieber auf die Fahrkünste seiner Besucher. Zwischendurch überqueren wir kleine Brücken, hinter denen die nächste Kurve wartet, und immer wieder eröffnen sich Ausblicke, bei denen man am liebsten mitten auf der Straße stehen bleiben würde. Was angesichts der gelegentlich entgegenkommenden Fahrzeuge allerdings keine besonders empfehlenswerte Idee ist.
Besonders beeindruckend finde ich, mit welcher Selbstverständlichkeit uns hier manche Einheimische entgegenkommen. Während wir die Straße durchaus mit dem nötigen Respekt behandeln, fahren andere mit riesigen Pickups und angehängten Boots-Trailern durch diese engen Kurven, als wären sie gerade auf dem Weg zum Supermarkt. Ich frage mich ernsthaft, wie die das machen. Vermutlich gehört das hier zum ganz normalen Alltag. Morgens die Kinder zur Schule bringen, anschließend mit dem Boot über den Apache Trail und abends noch schnell Milch holen. Wir dagegen freuen uns über jede Kurve, die wir ohne Gegenverkehr hinter uns bringen.
Aber genau deshalb sind wir hier. Diese Landschaft ist einfach fantastisch! Schroffe Felswände, tiefe Schluchten, gewaltige Kakteen und immer wieder dieser unglaubliche Blick über die Berge. Die Farben wechseln zwischen Braun, Rot, Grau und Grün, während darüber ein strahlend blauer Himmel hängt. An manchen Stellen wirkt die Landschaft beinahe unwirklich, als hätte jemand für einen Western besonders tief in die Kulissenkiste gegriffen. Nur dass hier alles echt ist. Sogar der Staub, der sich inzwischen großzügig auf unserem Auto verteilt.

Nach ungefähr 30 Meilen Schotterpiste erreichen wir schließlich Tortilla Flat. Und damit einen Ort, der beweist, dass man in Amerika selbst aus einer ehemaligen Postkutschenstation mitten in den Bergen eine Sehenswürdigkeit machen kann. Wobei Tortilla Flat tatsächlich etwas Besonderes ist. Ein paar historische Holzhäuser, eine kleine Ansammlung von Geschäften und natürlich der berühmte Superstition Saloon. Viel mehr braucht es offenbar nicht, um einen Ort auf die touristische Landkarte zu setzen. Und nachdem wir uns gerade kilometerweit durch die Berge geschaukelt haben, kommt uns diese kleine Ansammlung von Zivilisation ausgesprochen gelegen.
Schon von außen sieht der Saloon aus, als könnte jederzeit John Wayne durch die Tür kommen, seinen Hut auf die Theke werfen und einen Whiskey bestellen. Drinnen wird es allerdings erst richtig interessant. Die Wände sind über und über mit Dollarnoten tapeziert. Nicht einfach ein paar Scheine als Dekoration, sondern Tausende! Besucher haben ihre Namen daraufgeschrieben und sie anschließend an die Wände geklebt. Angeblich hängen hier inzwischen mehr als 15.000 Dollar. Ich betrachte die Geldscheine und frage mich unwillkürlich, wie lange man wohl brauchen würde, um die ganze Tapete wieder abzuziehen. Andererseits dürfte das hier die einzige Kneipe sein, in der man bei einer Renovierung zunächst einmal reicher wird.
Die nächste Überraschung wartet direkt an der Bar. Normale Barhocker sucht man hier nämlich vergeblich. Stattdessen stehen dort echte Pferdesättel! Offenbar ist man der Meinung, dass ein anständiger Cowboy auch beim Essen nicht unbedingt vom Pferd steigen muss. Stefan nimmt natürlich sofort auf einem dieser Sättel Platz, und ich muss lachen. Da sitzt er nun, mitten in Arizona, mit seinem Harley-Shirt auf einem Pferdesattel und studiert die Speisekarte. Eigentlich fehlt nur noch, dass jemand die Tür aufreißt und ruft: „Die Dalton-Brüder kommen!“
Auf der Speisekarte entdecken wir dann auch noch das „Killer Chili – The Chili your Mama warned you ’bout!“ Das klingt nach einer Mahlzeit, die einem möglicherweise noch Stunden später sehr eindrucksvoll in Erinnerung bleibt. Nach unserer staubigen Bergfahrt und mit einem wichtigen Flughafentermin am Nachmittag beschließen wir allerdings, dass heute nicht unbedingt der richtige Zeitpunkt für kulinarische Mutproben ist. Stattdessen bestellen wir einen Cowboy Burger. Eine ausgezeichnete Entscheidung! Das Essen schmeckt hervorragend, die Atmosphäre ist herrlich schräg, und wir genießen unsere Mittagspause zwischen Dollarnoten, Pferdesätteln und Western-Dekoration. Tortilla Flat ist genau die Art von Zwischenstopp, die wir an Amerika so lieben. Eigentlich braucht man hier nichts außer einem Burger und ein bisschen Zeit, und schon hat man wieder eine Geschichte mehr zu erzählen.
Irgendwann müssen wir uns allerdings losreißen. Schließlich wartet in Phoenix nicht nur eine große Stadt auf uns, sondern vor allem unsere Tochter. Also geht es zurück ins Auto und weiter Richtung Westen. Nach der abenteuerlichen Schotterpiste fühlt sich der Asphalt beinahe luxuriös an. Unser Mietwagen dürfte ebenfalls erleichtert sein, endlich wieder auf einer Straße unterwegs zu sein, die diesen Namen ohne Einschränkungen verdient.
Bevor wir allerdings zum Flughafen fahren, steht noch ein weiterer wichtiger Programmpunkt an. Harley-Davidson! Stefan möchte für seine Harley eine neue Windschutzscheibe kaufen, die in den USA erheblich günstiger ist als zu Hause. Und wenn man schon einmal in Amerika ist, wäre es natürlich geradezu fahrlässig, diese Gelegenheit ungenutzt verstreichen zu lassen. Also steuern wir den Harley-Händler in Phoenix an. Leider ist das gewünschte Teil nicht vorrätig. Aber das lässt sich lösen. Wir bestellen die Scheibe kurzerhand und vereinbaren, sie in zwei Wochen abzuholen. Schließlich müssen wir für unseren Rückflug ohnehin wieder nach Phoenix zurück. Ein kleiner Umweg, ein bisschen Organisation, und schon ist das Problem erledigt. So weit läuft heute alles erstaunlich gut.

Und genau an diesem Punkt hätten wir eigentlich misstrauisch werden müssen. Denn während wir uns Phoenix nähern, betrachten wir unseren Mietwagen etwas genauer. Oder besser gesagt: das, was nach den vergangenen Tagen von seinem ursprünglich gepflegten Erscheinungsbild übrig geblieben ist. Der Apache Trail hat jedenfalls deutliche Spuren hinterlassen. Staub auf dem Lack, Staub in den Ritzen, Staub vermutlich auch an Stellen, von denen der Hersteller nicht einmal wusste, dass sie existieren. Unser Auto sieht aus, als hätte es gerade erfolgreich an der Rallye Dakar teilgenommen. Und die Öllampe leuchtet. Das ist ungünstig. Da wir ohnehin zum Flughafen müssen, kommt uns eine Idee: Warum tauschen wir den Wagen nicht einfach bei Alamo gegen einen anderen?
Gesagt, getan. Zunächst checken wir in unserem Motel ein und laden unser gesamtes Gepäck aus. Was sich über eine Woche Roadtrip so alles ansammelt, ist wirklich erstaunlich. Taschen, Koffer, Einkäufe, Souvenirs und diverse Dinge, die irgendwann einmal ganz dringend mitmussten. Das Motelzimmer wird kurzerhand zum Zwischenlager umfunktioniert. Anschließend fahren wir mit unserem inzwischen ziemlich staubigen Mietwagen zum Flughafen. Eigentlich eine ganz einfache Angelegenheit. Alten Wagen abgeben, neuen aussuchen, fertig. So zumindest unser Plan.
Bei Alamo erklären wir freundlich, dass wir unser Fahrzeug gerne tauschen möchten. Die Mitarbeiterin ist ausgesprochen nett und macht sich sofort daran, alles im Computer zu erledigen. Sie tippt, klickt, schaut auf den Bildschirm und tippt weiter. Dann verändert sich ihr Gesichtsausdruck. Erst ein bisschen. Dann deutlich. Sie starrt auf den Monitor, drückt ein paar Tasten und schaut uns schließlich mit einer Mischung aus Entsetzen und Verlegenheit an. Unser Mietvertrag ist weg.

Nicht etwa verlegt oder falsch abgeheftet. Nein, sie hat ihn versehentlich im Computersystem gelöscht. Einfach verschwunden. Wir stehen also bei einer der größten Autovermietungen Amerikas, besitzen einen Mietwagen, haben diesen ordnungsgemäß bezahlt und sind plötzlich offenbar Kunden ohne Mietvertrag. Das muss man auch erst einmal schaffen.
Die arme Frau ist völlig fertig. Sie entschuldigt sich mehrfach und versucht verzweifelt, den Vertrag wiederherzustellen. Leider stellt sich das als wesentlich komplizierter heraus als das Löschen. Was ja bei Computern durchaus eine gewisse Tradition hat. Ein falscher Klick, und schon ist alles weg. Um es wiederzubekommen, braucht man dann mindestens drei Mitarbeiter, zwei Passwörter und jemanden, der sich mit dem System tatsächlich auskennt.
Also wird ein Kollege gerufen. Gemeinsam sitzen die beiden vor dem Bildschirm, diskutieren, tippen und versuchen, unsere ursprünglichen Mietbedingungen wieder einzugeben. Wir stehen daneben und beobachten das Schauspiel mit zunehmender Faszination. Eigentlich wollten wir nur ein anderes Auto. Jetzt haben wir unbeabsichtigt eine kleine IT-Krise ausgelöst. Immerhin bleibt die Mitarbeiterin ausgesprochen freundlich und entschuldigt sich gefühlt bei jedem zweiten Tastendruck. Wir können ihr gar nicht böse sein. Fehler passieren schließlich, und solange am Ende wieder ein Mietvertrag auftaucht, ist die Welt in Ordnung.
Nach einiger Zeit gelingt es tatsächlich, alles wieder korrekt einzutragen. Wir sind offiziell wieder Alamo-Kunden und dürfen uns einen anderen Wagen aussuchen. Halleluja! Nach diesem kleinen Verwaltungsabenteuer entscheiden wir uns für das größte verfügbare Fahrzeug. Es wird ein Kia. Ein Kia! In Amerika! Ich gebe zu, dass ich bei amerikanischen Roadtrips eigentlich lieber amerikanische Autos fahre. Ein Ford, Chevrolet oder Dodge gehört für mich irgendwie dazu. Aber dieser Kia ist wirklich riesig. So geräumig, dass wir darin vermutlich problemlos eine kleine Familienfeier veranstalten könnten. Und da ab heute ohnehin ein Koffer mehr mitreisen wird, ist Platz sicherlich keine schlechte Idee. Also nehmen wir ihn.

Inzwischen rückt allerdings unser wichtigster Termin des Tages immer näher. Nadine landet um 17 Uhr, und wir müssen noch zu den internationalen Ankünften. Sollte eigentlich kein Problem sein. Schließlich befinden wir uns bereits am Flughafen. Dachten wir.
Der Phoenix Sky Harbor International Airport entpuppt sich nämlich als eine Anlage, bei deren Planung offenbar jemand beschlossen hat, dass ein Flughafen ruhig die Ausmaße einer mittelgroßen Stadt haben darf. Wir fahren durch Zufahrten, folgen Schildern, wechseln Fahrspuren und versuchen herauszufinden, wo man sein Auto abstellen muss, wenn man einen internationalen Fluggast abholen möchte. Was zunächst recht einfach klingt, entwickelt sich langsam zu einer kleinen Orientierungsprüfung.
Irgendwann finden wir tatsächlich einen Parkplatz. Ob es der richtige ist, wissen wir allerdings nicht. Wir steigen aus, schauen uns um und stellen fest, dass wir zwar irgendwo am Flughafen stehen, die internationalen Ankünfte aber offenbar in einer anderen Zeitzone liegen. Zumindest fühlt es sich so an. Also fragen wir einen Mitarbeiter. Der erklärt uns freundlich, wohin wir müssen, und schickt uns los. Wir folgen seinen Anweisungen, laufen ein Stück und stellen irgendwann fest, dass wir jetzt zwar woanders sind, aber nicht unbedingt dort, wo wir hinwollten.
Glücklicherweise hat man am Flughafen von Phoenix eine wirklich wunderbare Einrichtung. Überall stehen freundliche Helfer bereit, darunter viele ältere Damen, die offensichtlich nichts lieber tun, als orientierungslose Reisende wieder einzusammeln und an den richtigen Ort zu bringen. Eine dieser Damen nimmt sich unserer an und begleitet uns tatsächlich bis zu den internationalen Ankünften. Nicht nur ein paar Meter in die richtige Richtung, sondern richtig bis ans Ziel. Was für ein Service! Ich bin begeistert. Ohne diese freundlichen Flughafenlotsen würden vermutlich noch heute irgendwelche Touristen zwischen Parkhäusern und Terminals umherirren. Und dann stehen wir endlich dort, wo wir hinwollen. Vor der Tür, durch die Nadine jeden Moment kommen müsste.
Wir warten. Schauen. Warten weiter. Immer wieder kommen Menschen heraus, werden begrüßt, fallen sich in die Arme und verschwinden mit ihren Koffern. Nur unsere Tochter ist nicht dabei. Offenbar hat sie sich bei der Einreise ganz hinten angestellt. Oder die amerikanischen Grenzbeamten haben beschlossen, sich mit ihr besonders ausführlich zu unterhalten. Jedenfalls dauert es. Und dann, endlich, geht die Tür auf, und Nadine kommt heraus!
Da ist sie! Nach einer Woche zu zweit sind wir nun wieder zu dritt unterwegs. Die Freude ist natürlich riesig, und für einen Moment sind sämtliche Schotterpisten, Computerprobleme und Flughafenirrgärten vergessen. Unsere Tochter ist da, wohlbehalten in Amerika angekommen, und jetzt kann der nächste Teil unserer Reise beginnen. Allerdings müssen wir zunächst noch unser Auto wiederfinden.
Zum Glück kennen wir inzwischen das Prinzip dieses Flughafens: Wenn man nicht mehr weiterweiß, sucht man sich einfach eine freundliche Dame, die weiß, wo es langgeht. Irgendwann stehen wir tatsächlich wieder vor unserem Kia, verstauen Nadines Gepäck und machen uns auf den Weg. Jetzt sind wir komplett für die nächste Etappe. Zumindest fast. Bianca und Patrick fehlen noch, aber die warten morgen in Las Vegas auf uns.
Bevor wir allerdings den Abend gemütlich ausklingen lassen, haben wir noch zwei wichtige Dinge zu erledigen. Erstens brauchen wir natürlich einen Besuch im Hard Rock Cafe Phoenix. Unsere Sammlung an Hard-Rock-T-Shirts wächst schließlich nicht von allein, und wenn wir schon in einer Stadt mit entsprechendem Café sind, führt daran praktisch kein Weg vorbei. Andere Menschen sammeln Briefmarken, wir sammeln Kühlschrankmagnete und T-Shirts. Jeder braucht schließlich ein Hobby. Und unseres hat den Vorteil, dass wir dafür regelmäßig nach Amerika reisen müssen.

Nachdem auch diese Mission erfolgreich erledigt ist, meldet sich langsam der Hunger. Und zwar nicht der kleine Hunger, den man mit einem Müsliriegel aus der Handtasche besänftigen könnte, sondern die ausgewachsene amerikanische Variante. Also steuern wir das Texas Roadhouse an. Eine ausgezeichnete Entscheidung, wie sich wenig später herausstellt.
Wir bekommen einen gemütlichen Tisch, bestellen unsere Steaks und lassen den Tag endlich ein bisschen langsamer werden. Vor uns stehen große Teller mit saftigem Fleisch und leckeren Beilagen, dazu gibt es reichlich zu erzählen. Nadine berichtet, was in der vergangenen Woche zu Hause alles passiert ist, während Stefan und ich versuchen, unsere bisherigen Reiseerlebnisse einigermaßen chronologisch zusammenzufassen. Was gar nicht so einfach ist. Schließlich haben wir in den vergangenen Tagen so viel gesehen und erlebt, dass man daraus problemlos mehrere Urlaube machen könnte. Von Santa Fe über die skurrilen Dörfer New Mexicos, von Raketen und weißen Sanddünen bis zu unserem Airstream-Abenteuer in Bisbee. Und heute dann noch der Apache Trail, ein Saloon voller Dollarnoten und ein Mietvertrag, der zwischenzeitlich beschlossen hat, sich vollständig aus dem Computersystem zu verabschieden.
Nadine hört zu, lacht, erzählt selbst, und plötzlich fühlt es sich wieder ganz selbstverständlich an, zu dritt an einem Tisch in Amerika zu sitzen. Genau darauf haben wir uns gefreut. Die erste Woche war wunderschön, aber jetzt beginnt der Teil unserer Reise, bei dem nach und nach die ganze Familie zusammenkommt.
Während wir unsere Steaks genießen, schweifen die Gedanken natürlich schon zum nächsten Tag. Las Vegas! Dort werden wir Bianca und Patrick treffen, und dann ist unsere Reisegesellschaft endlich vollständig. Ich freue mich riesig darauf, die beiden wiederzusehen und gemeinsam durch diese verrückte Stadt zu ziehen. Las Vegas ist schließlich nicht unbedingt dafür bekannt, dass man dort früh ins Bett geht und sich ausschließlich von Mineralwasser ernährt.
Aber für heute reicht es uns. Wir haben eine spektakuläre Bergstrecke bezwungen, auf Pferdesätteln Burger gegessen, einen Mietwagen getauscht, dabei beinahe unseren Mietvertrag verloren, uns durch den Flughafen von Phoenix gekämpft und schließlich unsere Tochter eingesammelt. Eigentlich ein ganz normaler Tag auf einem unserer amerikanischen Roadtrips.
Und während wir später zurück zum Motel fahren, bin ich mir ziemlich sicher, dass unser neuer Kia noch keine Ahnung hat, was in den kommenden Tagen auf ihn zukommt.
Morgen geht es nach Las Vegas. Die Böhms rücken an. Und die Stadt weiß noch nichts von ihrem Glück.























