Las Vegas zum Finale: Scharfe Schüsse, tanzende Fontänen und jede Menge schräge Vögel
Nach dem gestrigen Hochzeitsspektakel beginnt unser letzter kompletter Tag in Las Vegas erfreulich unspektakulär. Niemand muss heute zum Friseur, niemand benötigt ein Hochzeitskleid, und ich muss auch nicht mehr heimlich irgendwelche Überraschungen organisieren, während ich gleichzeitig versuche, möglichst unschuldig dreinzuschauen. Bianca und Patrick sind inzwischen ganz offiziell verheiratet, Elvis hat seinen Job hervorragend erledigt, und unser frischgebackenes Ehepaar hat sogar schon seinen ersten gemeinsamen Helikopterflug hinter sich. Wenn ich so darüber nachdenke, haben die beiden in den ersten Stunden ihrer Ehe vermutlich mehr erlebt als andere Paare während ihrer gesamten Flitterwochen. Und ich? Ich genieße es heute ganz besonders, dass mein Tagesprogramm ausnahmsweise nicht von einer Hochzeitskapelle, einem Brautmodengeschäft oder einem ziemlich durchgeknallten Friseur bestimmt wird. Wir haben tatsächlich Freizeit! Einfach so! In Las Vegas! Das muss man sich erst einmal auf der Zunge zergehen lassen.
Allerdings hat Patrick noch einen ganz besonderen Wunsch auf seiner persönlichen Las-Vegas-Liste stehen. Er möchte unbedingt einmal auf einen amerikanischen Schießstand. Nicht mit irgendwelchen Luftgewehren auf Jahrmarktsenten schießen, sondern mit richtigen Waffen, wie man sie sonst höchstens aus amerikanischen Actionfilmen kennt. Und wo könnte man so etwas besser ausprobieren als in Las Vegas, wo offenbar selbst die Freizeitgestaltung gelegentlich unter dem Motto „Eine Nummer größer geht immer“ steht? Also machen sich Bianca und Patrick auf den Weg zur Las Vegas Shooting Range. Bianca begleitet ihren frisch angetrauten Ehemann allerdings lieber als Zuschauerin. Schließlich muss ja irgendjemand dokumentieren, wie sich Patrick als Nachwuchs-Rambo schlägt. Die Fotos sprechen jedenfalls eine deutliche Sprache: Schutzbrille auf, Gehörschutz über die Ohren und dann wird mit einer Auswahl an Waffen hantiert, bei deren Anblick ich sofort an Arnold Schwarzenegger in „Terminator“ denken muss. Besonders das Maschinengewehr sieht aus, als könnte man damit problemlos eine komplette Hollywood-Produktion bestreiten. Patrick scheint jedenfalls mächtig Spaß zu haben, und Bianca grinst mit ihren rosafarbenen Ohrenschützern daneben. Während ihr Ehemann also seine ganz persönliche Actionfilm-Karriere startet, sorgt sie dafür, dass wenigstens ein paar Beweisfotos entstehen. Schließlich soll später niemand behaupten können, Patrick hätte seine Hochzeitsreise ausschließlich mit romantischen Spaziergängen verbracht.
Während die beiden sich mit der amerikanischen Waffenkultur beschäftigen, machen Stefan, Nadine und ich uns auf den Weg zum Strip. Wir haben uns nämlich vorgenommen, dem Bellagio noch einmal einen ausführlichen Besuch abzustatten. Dieses Hotel gehört für mich einfach zu den schönsten in Las Vegas. Schon von außen ist es mit seiner eleganten Fassade und dem riesigen See ein absoluter Hingucker. Gegenüber ragt der Eiffelturm des Paris Las Vegas in den strahlend blauen Himmel, und wenn man dort steht, könnte man beinahe glauben, mitten in Europa gelandet zu sein. Vorausgesetzt natürlich, man ignoriert die ungefähr 40 Grad im Schatten, die amerikanischen Straßenkreuzer und die Tatsache, dass hier alles mindestens doppelt so groß ist wie im Original. Die Amerikaner haben eben ihre ganz eigene Vorstellung von europäischen Sehenswürdigkeiten. Warum nach Paris fliegen, wenn man den Eiffelturm auch einfach mitten in die Wüste stellen kann? Und wenn man schon dabei ist, baut man gleich noch Venedig, Rom und ein bisschen Ägypten dazu. Spart schließlich jede Menge Flugkilometer.
Unser eigentliches Ziel sind aber die Bellagio Conservatory & Botanical Gardens, die wunderschönen botanischen Gärten im Inneren des Hotels. Ich liebe diese Anlage! Hier wird nicht einfach ein bisschen Grünzeug in die Ecke gestellt und mit einem Schild „Bitte nicht gießen“ versehen. Nein, hier werden ganze Landschaften aus Blumen, Pflanzen und fantasievollen Figuren aufgebaut, die regelmäßig komplett neu gestaltet werden. Schon beim Betreten schlägt uns dieser herrliche Duft frischer Blumen entgegen, und plötzlich stehen wir mitten in einer farbenfrohen Fantasiewelt. Überall blüht und grünt es, riesige Blumenarrangements wechseln sich mit kunstvoll gestalteten Figuren ab, und selbst die Bilder an den Wänden bestehen aus unzähligen Blüten. Besonders lustig finde ich die beiden riesigen Bären, die offenbar beschlossen haben, sich für ihren Ausflug in den botanischen Garten besonders schick anzuziehen. Einer trägt eine gelbe Weste, sein kleiner Begleiter eine grüne, und beide schauen so gemütlich drein, als würden sie gleich gemeinsam zum Picknick aufbrechen. Dazu gibt es ein wunderschönes Karussell, einen kleinen Bachlauf, jede Menge Sonnenblumen und sogar eine riesige Freiheitsglocke, die mitten in dieser Blumenpracht thront. Ich frage mich jedes Mal, wie viele Gärtner hier wohl beschäftigt sind und wie lange sie brauchen, um diese ganze Pracht aufzubauen. Bei mir zu Hause ist es ja schon eine Herausforderung, ein paar Balkonblumen über den Sommer zu bringen. Hier dagegen verwandeln sie mal eben eine komplette Hotelhalle in einen botanischen Vergnügungspark.
Natürlich lassen wir uns reichlich Zeit, schauen uns alles genau an und machen jede Menge Fotos. Nadine ist ebenfalls begeistert, und Stefan nimmt unsere fotografische Begeisterung mit der Gelassenheit eines Mannes hin, der inzwischen weiß, dass man gegen zwei Frauen mit Kameras ohnehin keine Chance hat. Anschließend bummeln wir noch ein wenig durch die Umgebung des Bellagio und des Paris Las Vegas. Hier gibt es schließlich an jeder Ecke etwas zu entdecken, und selbst wenn man schon mehrmals in Las Vegas gewesen ist, findet man immer wieder neue Perspektiven. Besonders schön ist der Blick über den See des Bellagio hinüber zum Eiffelturm und zum Paris-Hotel. Das Wasser schimmert türkisblau in der Sonne, dahinter erheben sich die riesigen Hotelgebäude, und alles sieht so perfekt aus, als hätte jemand die komplette Kulisse für einen Hollywoodfilm aufgebaut. Wir schlendern gemütlich weiter, genießen die Atmosphäre und freuen uns darüber, heute einfach einmal keine festen Termine einhalten zu müssen. Nach den vergangenen Tagen ist das beinahe schon ein ungewohntes Gefühl.
Am Abend treffen wir uns wieder mit Bianca und Patrick, denn einen Programmpunkt wollen wir uns zum Abschied auf keinen Fall entgehen lassen: die berühmten Fontänen des Bellagio. Tagsüber ist der riesige See vor dem Hotel ja schon beeindruckend, aber sobald es dunkel wird, verwandelt er sich in eine gigantische Bühne. Wir suchen uns einen schönen Platz am Geländer und warten gespannt auf den Beginn der nächsten Show. Dann setzt die Musik ein, und plötzlich schießen die ersten Wasserfontänen in die Höhe. Was jetzt folgt, ist einfach sensationell! Die Wasserstrahlen bewegen sich im Takt der Musik, schwingen elegant von einer Seite zur anderen, kreuzen sich, verschwinden wieder und schießen im nächsten Moment mit unglaublicher Kraft senkrecht nach oben. Dazu wird die gesamte Wasserfläche wunderschön beleuchtet, während im Hintergrund die riesige Fassade des Bellagio erstrahlt. Manchmal sieht es aus, als würden die Fontänen miteinander tanzen, dann wieder schießen sie wie eine gewaltige Wasserwand in den Nachthimmel. Ich könnte hier stundenlang stehen und zuschauen. Und tatsächlich bleiben wir auch nicht nur für eine einzige Vorstellung, denn jede Show ist anders und hat ihren ganz eigenen Reiz.
Es ist schon verrückt, was man in Las Vegas alles geboten bekommt, ohne auch nur einen Dollar Eintritt bezahlen zu müssen. Im Casino kann man innerhalb weniger Minuten ein kleines Vermögen loswerden, aber draußen vor der Tür bekommt man eine der schönsten Wassershows der Welt völlig kostenlos serviert. Vielleicht ist das ja die eigentliche Geschäftsstrategie: Erst lockt man die Leute mit den Fontänen an, und wenn sie anschließend ins Casino gehen, holt man sich das Geld eben an den Spielautomaten zurück. Bei uns funktioniert das allerdings nur bedingt. Wir schauen lieber noch eine Runde den tanzenden Wasserstrahlen zu und genießen diesen herrlichen Abend. Morgen werden wir Las Vegas verlassen, und irgendwie kann ich mir noch gar nicht vorstellen, dass wir dann wieder durch die endlosen Landschaften des amerikanischen Westens fahren werden. In den vergangenen Tagen haben wir so viel erlebt, dass es sich beinahe anfühlt, als wären wir schon eine halbe Ewigkeit hier.
Aber noch sind wir nicht fertig mit Las Vegas! Schließlich wohnen wir im Golden Nugget, und das bedeutet, dass uns zum Abschluss noch eine ordentliche Portion Fremont Street bevorsteht. Also fahren wir zurück nach Downtown und stürzen uns ein letztes Mal in dieses herrlich schräge Durcheinander aus blinkenden Casinos, Straßenmusikern, bunten Reklamen und Menschen, die offenbar schon beim Anziehen beschlossen haben, sämtliche gesellschaftlichen Konventionen für den heutigen Abend außer Kraft zu setzen. Ich liebe diese Straße! Hier weiß man wirklich nie, was einem als Nächstes begegnet. Kaum sind wir ein paar Meter gelaufen, stehen plötzlich die Blues Brothers vor uns. Schwarze Anzüge, schwarze Hüte, Sonnenbrillen und diese herrlich ernsten Gesichter, mit denen sie aussehen, als wären sie gerade auf einer wichtigen Mission unterwegs. Natürlich müssen wir sofort ein Foto machen. Ich meine, wenn Jake und Elwood Blues schon einmal persönlich auf der Fremont Street herumstehen, kann man schließlich nicht einfach vorbeilaufen. Wir posieren also gemeinsam, und ich bin mir ziemlich sicher, dass die beiden ihre Mission diesmal nicht im Auftrag des Herrn, sondern eher im Auftrag der Touristenfotografie erfüllen.
Ein paar Meter weiter wird es dann endgültig absurd. Da steht plötzlich ein Kerl, der aussieht, als hätte man einen Indianerhäuptling, einen Cowboy und einen Chippendale in einen Mixer gesteckt und anschließend beschlossen, dass ein bisschen mehr Haut bestimmt nicht schaden könnte. Sein Outfit besteht jedenfalls hauptsächlich aus Accessoires, und ich frage mich unwillkürlich, ob er sich beim Anziehen versehentlich im Kleiderschrank vergriffen hat. Aber hier interessiert das niemanden. Im Gegenteil, die Leute bleiben stehen, fotografieren und lachen. Gleich daneben laufen SpongeBob Schwammkopf und Patrick Star herum, wobei ich mir bei Letzterem nicht sicher bin, ob er nach ein paar Stunden in dieser Hitze nicht langsam tatsächlich zu einem Seestern wird. Auch Captain Jack Sparrow ist unterwegs, und ein ziemlich schräger Hutmacher scheint direkt aus Alice im Wunderland nach Downtown Las Vegas ausgewandert zu sein. Fehlen eigentlich nur noch Darth Vader und der Terminator, dann hätten wir die komplette Filmgeschichte auf einer einzigen Straße versammelt.
Besonders faszinierend finde ich, dass hier wirklich jeder seine ganz persönliche Vorstellung von Unterhaltung ausleben darf. Da stehen Piraten neben Comicfiguren, halbnackte Showgirls neben Cowboys, und zwischendurch begegnet man Gestalten, bei denen man lieber gar nicht erst wissen möchte, welche Geschichte hinter ihrem Kostüm steckt. Die einen wollen für ein Foto ein paar Dollar haben, andere machen Musik, und wieder andere scheinen einfach nur Spaß daran zu haben, möglichst viele Menschen zum Staunen zu bringen. Über unseren Köpfen laufen die riesigen Lichtshows der Fremont Street Experience, aus den Casinos dröhnt Musik, und überall herrscht eine ausgelassene Stimmung. Es ist laut, bunt, manchmal ziemlich geschmacklos und gerade deshalb unglaublich unterhaltsam. Wenn man hier einen Abend verbringt, braucht man eigentlich gar kein weiteres Unterhaltungsprogramm. Man stellt sich einfach irgendwo hin und schaut zu. Die besten Geschichten laufen einem früher oder später ganz von allein vor die Kamera.

Natürlich werfen wir auch noch den einen oder anderen Blick in die Casinos. Schließlich wäre es beinahe unhöflich, Las Vegas zu verlassen, ohne den Spielautomaten wenigstens noch eine letzte Gelegenheit zu geben, uns reich zu machen. Die zeigen sich allerdings weiterhin ausgesprochen unkooperativ. Offenbar haben sie beschlossen, unser Geld lieber für sich zu behalten. Na gut, dann eben nicht. Wir haben schließlich auch ohne Jackpot genügend Spaß gehabt. Irgendwann sitzen wir noch gemütlich zusammen, trinken etwas und lassen die vergangenen Tage Revue passieren. Und was waren das bitte für Tage! Erst unser Familientreffen in Las Vegas, dann die Ausflüge in die Wüste, die Abenteuer mit unseren Mietwagen und schließlich diese völlig verrückte, wunderschöne Hochzeit. Ich muss immer noch grinsen, wenn ich daran denke, wie Elvis in seinem goldenen Jackett vor Bianca und Patrick stand und seine ganz speziellen Eheversprechen zum Besten gegeben hat. Oder wie unser frisch vermähltes Brautpaar anschließend im Hochzeitsoutfit in einen Helikopter gestiegen ist, um am Grand Canyon mit Sekt anzustoßen. Und als krönenden Abschluss gab es dann noch Hamburger zum Hochzeitsessen. Ich glaube, wenn wir diese Geschichte irgendwann zu Hause erzählen, werden uns die Leute vermutlich fragen, ob wir nicht ein bisschen übertreiben. Aber nein, genau so war es. Und es war großartig!
Langsam wird es allerdings Zeit, den Rückweg ins Golden Nugget anzutreten. Morgen müssen wir unsere Koffer wieder ins Auto verfrachten, denn dann heißt es Abschied nehmen von Las Vegas. Unsere Reise geht weiter nach Arizona, und damit tauschen wir die blinkenden Neonreklamen, riesigen Hotelpaläste und verrückten Straßenkünstler wieder gegen die beeindruckenden Landschaften des amerikanischen Südwestens. Ein bisschen freue ich mich schon darauf, denn so sehr ich Las Vegas liebe, irgendwann hat man auch genug von klimpernden Spielautomaten und Menschen, die einem alle fünf Meter irgendeine Show, einen Clubbesuch oder sonstige Vergnügungen andrehen möchten. Außerdem wartet da draußen noch jede Menge Amerika auf uns.
Zurück im Hotel beginnt deshalb das inzwischen vertraute Ritual: Koffer öffnen, sämtliche Einkäufe irgendwie darin unterbringen und sich wundern, wie sich unser Gepäck innerhalb weniger Tage offenbar auf wundersame Weise vermehrt hat. Ich bin ziemlich sicher, dass wir mit weniger Sachen angekommen sind, aber das scheint in Amerika ein Naturgesetz zu sein. Man betritt ein Outlet mit einem halbwegs überschaubaren Kofferbestand und verlässt es mit dem dringenden Bedürfnis, einen zusätzlichen Anhänger zu mieten. Irgendwie bekommen wir schließlich alles verstaut, und dann ist für heute tatsächlich Feierabend.
Während draußen auf der Fremont Street noch immer die Musik dröhnt und vermutlich gerade irgendwo ein Elvis-Imitator, ein halbnackter Cowboy und SpongeBob gemeinsam für ein Foto posieren, fallen wir müde, aber glücklich in unsere Betten. Las Vegas hat uns wieder einmal alles geboten, was diese Stadt so einzigartig macht: Glamour und Kitsch, Luxus und Wahnsinn, großartige Unterhaltung und jede Menge herrlich schräge Begegnungen. Vor allem aber hat uns diese Stadt eine Hochzeit beschert, die wir garantiert niemals vergessen werden.

Morgen geht es weiter nach Arizona. Aber eines steht jetzt schon fest: Diese Hochzeit in Las Vegas war mit Sicherheit die verrückteste, lustigste und gleichzeitig eine der schönsten Hochzeiten, die wir jemals erlebt haben. Und das ganz ohne streitende Tanten, beleidigte Onkel oder eine Sitzordnung, über die sich anschließend die halbe Verwandtschaft beschwert.
Viva Las Vegas! Wir kommen bestimmt wieder!























