Von Raketen, Harleys und einem Bett auf Rädern – ein Roadtrip zurück in die Fünfziger
Der Morgen beginnt im White Sands Motel in Alamogordo, und während wir unsere sieben Sachen zusammenpacken, verabschieden wir uns gedanklich von den schneeweißen Dünen, die uns gestern noch das Gefühl gegeben haben, versehentlich auf einem fremden Planeten gelandet zu sein. Heute geht es wieder zurück auf die Straße, allerdings nicht, ohne vorher noch einen kleinen Abstecher in die amerikanische Militärgeschichte zu unternehmen. Schließlich befinden wir uns hier in einer Gegend, in der man offenbar nicht nur besonders viel Wüste besitzt, sondern auch schon immer ausgesprochen gern ausprobiert, wie weit man irgendwelche Gegenstände durch die Luft schießen kann. Unser erstes Ziel heißt deshalb White Sands Missile Range. Das klingt nach Raketen, Geheimhaltung und Männern mit Sonnenbrillen, die grundsätzlich keine Fragen beantworten. Und tatsächlich bekommen wir schon bei der Ankunft den Eindruck, dass man hier mit neugierigen Touristen etwas anders umgeht als beispielsweise im Yellowstone National Park.

Bevor wir überhaupt auf das Gelände dürfen, ist erst einmal Schluss mit lustig. An der Pforte müssen wir unsere Ausweise vorzeigen und erklären, was wir hier eigentlich wollen. Einfach mal Raketen anschauen, lautet sinngemäß unsere Antwort. Offenbar ein durchaus akzeptabler Grund, denn nach einer entsprechenden Kontrolle dürfen wir passieren. Allerdings nicht, ohne vorher eine ausführliche Einweisung zu bekommen. Fotografieren ist erlaubt, aber ausschließlich in Richtung der Berge. Nicht nach links, nicht nach rechts und schon gar nicht irgendwohin, wo möglicherweise etwas steht, das die amerikanische Regierung lieber für sich behalten möchte. Ich frage mich kurz, ob man hier auch für ein versehentlich schief geratenes Urlaubsfoto direkt nach Guantánamo weitergereicht wird, beschließe aber, diese Frage lieber nicht zu stellen. Wir nicken also brav, versprechen, unsere Kameras ausschließlich in die genehmigte Himmelsrichtung zu halten, und dürfen schließlich hinein.
Und dann stehen wir plötzlich zwischen Raketen. Richtigen Raketen. Nicht irgendwelchen Spielzeugmodellen aus dem Technikmuseum, sondern gewaltigen Flugkörpern, Abschussanlagen und militärischen Konstruktionen, bei denen man unwillkürlich darüber nachdenkt, wie viel Geld und technische Begeisterung wohl nötig gewesen sind, um solche Geräte zu entwickeln. Manche stehen kerzengerade in den Himmel, andere sind schräg auf ihren Abschussvorrichtungen montiert, als warteten sie nur noch darauf, dass jemand den richtigen Knopf drückt. Dazwischen Radaranlagen, Fahrzeuge und technische Gerätschaften, deren genaue Funktion sich uns nicht immer erschließt. Aber eines ist sicher: Für die heimische Garage wären die meisten dieser Ausstellungsstücke etwas überdimensioniert.
Besonders interessant ist die Geschichte dieses Geländes. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden hier unter anderem deutsche V2-Raketen getestet, die zusammen mit deutschen Raketenspezialisten ihren Weg in die Vereinigten Staaten gefunden hatten. Was ursprünglich als deutsche Kriegswaffe entwickelt worden war, wurde nun zum Bestandteil der amerikanischen Raketenforschung. Die Technikgeschichte hat manchmal Wendungen, für die selbst Hollywood keinen Drehbuchautor bezahlen würde. Wir laufen zwischen den Exponaten herum, lesen die Informationstafeln und staunen darüber, was hier in den vergangenen Jahrzehnten alles entwickelt und ausprobiert wurde. Zwischen den Raketen entdecken wir schließlich einen militärischen Spruch, der an amerikanischer Direktheit kaum zu überbieten ist: „If it flies, it dies.“ Frei übersetzt: Wenn es fliegt, wird es abgeschossen. Das nenne ich eine klare Aufgabenbeschreibung. Keine komplizierten Unternehmensleitbilder, keine Motivationsseminare und garantiert keine Missverständnisse bei der jährlichen Mitarbeiterbesprechung.

Die Kulisse macht das Ganze noch ein bisschen unwirklicher. Hinter den Raketen erheben sich die zerklüfteten Berge, darüber spannt sich ein makellos blauer Himmel, und auf dem staubigen Gelände stehen diese technischen Ungetüme, als hätte jemand eine Ausstellung über den Kalten Krieg mitten in die Wüste gestellt. Man könnte sich problemlos vorstellen, dass gleich ein paar Wissenschaftler in weißen Hemden und schmalen Krawatten um die Ecke kommen und aufgeregt über irgendwelche geheimen Berechnungen diskutieren. Stattdessen laufen wir mit unseren Kameras herum und achten peinlich genau darauf, dass die Berge auch wirklich immer schön im Hintergrund bleiben. Nach einer ausgiebigen Besichtigung verabschieden wir uns schließlich von der Welt der Raketenforschung und machen uns wieder auf den Weg. Für heute haben wir genug militärische Hochtechnologie gesehen. Jetzt darf es gern wieder etwas Bodenständigeres sein. Beispielsweise ein amerikanischer Highway.
Wobei „bodenständig“ bei uns natürlich ein ausgesprochen dehnbarer Begriff ist. Seit unserer ersten USA-Rundreise verfolgen wir nämlich ein kleines Sammelprojekt, das inzwischen beinahe wissenschaftliche Ausmaße angenommen hat. Aus jedem Bundesstaat, den wir besuchen, muss ein Kühlschrankmagnet mit nach Hause. Warum? Weil das eben so ist. Andere Menschen sammeln Briefmarken, Münzen oder wertvolle Kunstgegenstände. Wir sammeln kleine bunte Dinger, die irgendwann unseren Kühlschrank aussehen lassen wie eine amerikanische Landkarte nach einem mittelschweren Souvenirunfall. Und heute steht Texas auf dem Programm. Texas! Der Bundesstaat, in dem bekanntlich alles etwas größer ausfällt, weshalb wir natürlich davon ausgehen, dass man dort auch besonders eindrucksvolle Kühlschrankmagnete bekommt.
Wir nehmen also Kurs auf El Paso. Doch kaum nähern wir uns der Stadt, gerät unser sorgfältig ausgearbeiteter Reiseplan bereits wieder ins Wanken. Am Straßenrand entdecken wir ein Schild, das auf einen Harley-Davidson-Händler hinweist. Und damit ist die Sache eigentlich schon entschieden. Wer uns kennt, weiß, dass ein Harley-Davidson-Händler für uns ungefähr dieselbe Wirkung hat wie ein riesiges Spielwarengeschäft auf einen Achtjährigen. Man kann theoretisch vorbeifahren. Praktisch ist das allerdings völlig ausgeschlossen. Also wird kurzerhand abgebogen, denn schließlich wäre es ausgesprochen unhöflich, einem amerikanischen Harley-Händler keinen Besuch abzustatten, wenn man schon einmal in der Gegend ist.

Kaum stehen wir im Verkaufsraum, ist es um unsere guten Vorsätze geschehen. Überall glänzen Motorräder, Chromteile blitzen im Licht, Lederjacken hängen ordentlich aufgereiht an den Ständern, und natürlich gibt es jede Menge T-Shirts, Aufnäher, Accessoires und sonstige Dinge, die man ganz offensichtlich dringend benötigt, obwohl man bis vor fünf Minuten noch gar nichts von ihrer Existenz wusste. Wir schauen uns um, bewundern die Maschinen und landen schließlich dort, wo solche Besuche erfahrungsgemäß enden: bei den Klamotten. Es ist schon erstaunlich, wie schnell man in einem Harley-Shop vom harmlosen Schaufensterbummel zu einer Einkaufstour übergehen kann. Am Ende verlassen wir den Laden jedenfalls mit mehreren Tüten und dem angenehmen Gefühl, die amerikanische Wirtschaft wieder ein kleines bisschen unterstützt zu haben. Dass wir eigentlich wegen eines Kühlschrankmagneten nach Texas gefahren sind, gerät dabei vorübergehend in Vergessenheit.
Direkt nebenan entdecken wir anschließend einen Fuddruckers. Besser kann man einen Zwischenstopp kaum organisieren. Erst Motorräder anschauen, dann Burger essen. Das ist amerikanische Reiseplanung in ihrer schönsten Form. Wir gönnen uns also eine ordentliche Mittagspause, bevor wir uns wieder ins Auto setzen und Richtung Downtown El Paso fahren.

El Paso ist eine Stadt, die sich so gar nicht nach dem Texas anfühlt, das man aus Westernfilmen kennt. Hier stehen keine Cowboys vor Saloons und warten darauf, dass jemand zum Duell erscheint. Stattdessen begegnet uns eine lebendige Grenzstadt, in der amerikanische und mexikanische Einflüsse ganz selbstverständlich ineinander übergehen. Spanische Schriftzüge, bunte Geschäfte, Straßenstände und jede Menge Menschen prägen das Straßenbild. Zwischen den älteren Gebäuden ragen hohe Häuser auf, Palmen sorgen für ein bisschen Urlaubsatmosphäre, und auf den Straßen herrscht geschäftiges Treiben. Wir schlendern durch Downtown, schauen uns die Architektur an und genießen diese besondere Mischung aus amerikanischer Großstadt und mexikanischem Lebensgefühl. Man merkt deutlich, dass die Grenze zu Mexiko hier nicht nur irgendeine Linie auf der Landkarte ist, sondern den Alltag der Stadt prägt.

Natürlich wird auch fotografiert. Historische Fassaden, Straßenzüge, kleine Plätze und alles, was uns sonst noch vor die Kamera läuft. Wir entdecken sogar einen Stand, an dem sich Hüte in sämtlichen erdenklichen Formen und Farben stapeln. Wer hier keinen passenden Cowboyhut findet, hat vermutlich grundsätzlich etwas gegen Kopfbedeckungen. Irgendwann haben wir genug Stadtluft geschnuppert und machen uns wieder auf den Weg. Schließlich liegt noch eine ordentliche Strecke vor uns, und unser heutiges Ziel befindet sich bereits wieder in Arizona.
Wir verlassen El Paso, fahren zunächst Richtung Las Cruces und nehmen anschließend die Interstate 10 nach Westen. Die Häuser werden weniger, die Straßen breiter und die Landschaft wieder so herrlich amerikanisch, wie wir sie lieben. Viel Himmel, viel Wüste und dazwischen ein Asphaltband, das scheinbar bis zum Horizont reicht. Nach ungefähr 40 Meilen taucht plötzlich Akela Flats auf. Wobei „Ort“ vielleicht etwas übertrieben ist. Eigentlich handelt es sich eher um eine Ansammlung von Gebäuden, die sich offenbar darauf verständigt haben, gemeinsam mitten in der Wüste zu stehen und vorbeifahrenden Autofahrern Souvenirs zu verkaufen. Kommt man Näher sieht man: Alles ist Fake. Einfach Bretter mit aufgemalten Häusern.

Natürlich halten wir an. Das hier ist einer dieser typisch amerikanischen Roadside-Stops aus, bei denen man nie genau weiß, ob einen drinnen ein kleiner Laden, ein halbes Museum oder die gesammelten Bestände von fünfzig aufgelösten Flohmärkten erwarten. Und tatsächlich ist es eine Mischung aus allem. Überall stehen und hängen Souvenirs, Dekorationen, Schilder und irgendwelche Gegenstände, deren praktischer Nutzen sich uns nicht auf Anhieb erschließt. Aber das ist ja gerade das Schöne an solchen Läden. Man kommt hinein, braucht eigentlich nichts und entdeckt innerhalb weniger Minuten mindestens fünf Dinge, ohne die man unmöglich weiterleben kann.
Besonders interessant ist natürlich die Magnetabteilung. Schließlich haben wir einen Auftrag. Texas muss an unseren Kühlschrank, und wenn wir dafür durch halb New Mexico fahren müssen. Tatsächlich werden wir fündig, womit unser kleines Sammelprojekt wieder ein Stück vollständiger ist. Zufrieden stöbern wir noch ein bisschen weiter, bevor wir schließlich wieder ins Auto steigen. Ich liebe solche Stopps. Sie stehen in keinem großen Reiseführer, haben keine weltberühmten Sehenswürdigkeiten und sind trotzdem genau das, was für mich einen amerikanischen Roadtrip ausmacht. Ein bisschen schräg, ein bisschen kitschig und meistens viel unterhaltsamer, als man vorher gedacht hätte.
Die Fahrt geht weiter Richtung Arizona. Draußen ziehen die Berge vorbei, die Sonne brennt auf die Landschaft, und wir genießen dieses herrliche Gefühl, einfach unterwegs zu sein. Doch plötzlich verändert sich der Horizont. Über den Bergen steigt eine gewaltige Rauchwolke auf, die immer größer wird, je näher wir kommen. Zunächst sieht es aus wie eine ungewöhnlich dunkle Wolkenformation, doch schnell wird klar, dass hier irgendwo ein gewaltiger Brand wütet. Der Rauch türmt sich hoch in den Himmel, färbt sich stellenweise bräunlich und breitet sich wie eine riesige Decke über den Bergen aus. Das ist schon ein ziemlich beklemmender Anblick. Eben noch blauer Himmel und entspannte Roadtrip-Stimmung, jetzt eine Rauchwolke, die aussieht, als hätte jemand hinter den Bergen ein gigantisches Lagerfeuer angezündet und anschließend die Kontrolle verloren.
Wir halten kurz an und fotografieren das Schauspiel aus sicherer Entfernung. So beeindruckend die Dimensionen auch sind, so sehr wird einem bewusst, welche Gewalt hinter einem solchen Feuer steckt. In dieser trockenen Landschaft braucht es vermutlich nicht viel, damit aus einem kleinen Brand eine ausgewachsene Katastrophe wird. Wir hoffen, dass niemand zu Schaden kommt, und fahren weiter. Unser Ziel heißt Bisbee, und langsam wird es Zeit, dort anzukommen.
Bevor wir allerdings die Stadt erreichen, wartet noch ein Anblick, bei dem man unwillkürlich vom Gas geht. Plötzlich öffnet sich neben der Straße ein gigantisches Loch in der Erde. Die Lavender Pit, der ehemalige Kupfertagebau von Bisbee, liegt vor uns wie ein Krater, den jemand mit einem überdimensionierten Eisportionierer aus dem Berg geschält hat. Nur dass hier nicht eine Kugel Vanilleeis fehlt, sondern über Jahrzehnte hinweg gewaltige Mengen Gestein abgetragen wurden. Die terrassenförmig angelegten Wände fallen tief hinunter, und die verschiedenen Gesteinsschichten leuchten in Grau, Braun, Gelb und rostigem Rot. Ganz unten sieht man den Boden der Grube, der aus dieser Höhe beinahe unwirklich weit entfernt erscheint.
Wir stehen am Aussichtspunkt und versuchen, die Dimensionen zu begreifen. Auf den Fotos sieht das Ganze schon beeindruckend aus, aber in Wirklichkeit ist es noch einmal eine andere Hausnummer. Hier wurde nicht einfach ein bisschen nach Kupfer gebuddelt. Hier hat man gleich einen halben Berg zerlegt. Die Lavender Pit ist ein gewaltiges Denkmal der Bergbaugeschichte, und spätestens bei diesem Anblick versteht man, warum Bisbee einst zu den bedeutenden Kupferstädten Arizonas gehörte.

Wenig später fahren wir hinein nach Bisbee selbst, und plötzlich ist von den endlosen, flachen Wüstenlandschaften der vergangenen Stunden nicht mehr viel übrig. Die Stadt liegt in einem engen Tal, und die Häuser kleben an den Berghängen, als hätte jemand sie dort nach dem Zufallsprinzip verteilt. Manche stehen direkt an der Straße, andere thronen mehrere Etagen höher am Hang, dazwischen führen Treppen und schmale Wege kreuz und quer durch die Stadt. Schon auf den ersten Blick ist klar: Bisbee ist anders. Hier gibt es keine ordentlich angelegten Wohnsiedlungen mit identischen Vorgärten und perfekt gestutzten Rasenflächen. Hier sieht es eher so aus, als hätten sich ein paar alte Bergarbeiterhäuser, viktorianische Gebäude und Künstlerateliers zu einer ziemlich eigenwilligen Wohngemeinschaft zusammengeschlossen.
Wir fahren durch die engen Straßen und entdecken an jeder Ecke etwas Neues. Alte Backsteingebäude, bunt gestrichene Häuser, kleine Geschäfte und Überreste aus der Bergbauzeit. Vor einem historischen Gebäude stehen rostige Grubenwagen und alte Maschinen, die aussehen, als hätte man sie gestern nach der letzten Schicht einfach dort abgestellt. Alles wirkt ein bisschen aus der Zeit gefallen, aber auf eine ausgesprochen sympathische Art. Bisbee hat Charakter. Und zwar nicht den glattgebügelten Charakter einer Stadt, die sich extra für Touristen hübsch gemacht hat, sondern den einer alten Dame, die seit hundert Jahren dieselben Geschichten erzählt und trotzdem noch immer interessant ist.
Für unsere heutige Übernachtung haben wir uns allerdings etwas ausgesucht, das selbst für unsere Verhältnisse ein bisschen ungewöhnlich ist. Ein normales Motel wäre schließlich viel zu einfach gewesen. Nein, heute schlafen wir im Shady Dell Trailer Park. Und wer jetzt an einen gewöhnlichen amerikanischen Campingplatz mit Wohnwagen, Plastikstühlen und Grillgeruch denkt, liegt gründlich daneben. Das Shady Dell ist eine Reise in die Vergangenheit. Hier stehen liebevoll restaurierte amerikanische Wohnwagen aus den Fünfzigerjahren, jeder für sich ein kleines Stück rollende Nostalgie. Schon bei der Einfahrt haben wir das Gefühl, versehentlich in eine Filmkulisse geraten zu sein.
Ein alter gelber amerikanischer Wagen steht vor einem Gebäude, daneben parken silbern glänzende Airstreams, historische Trailer und andere fahrbare Behausungen, die aussehen, als hätten sie schon Dwight Eisenhower persönlich vorbeifahren sehen. Zwischen den Wohnwagen stehen bunte Gartenmöbel, kleine Zäune, Dekorationen und jede Menge Dinge, die das Gesamtbild perfekt machen. Nichts sieht hier nach einem modernen Campingplatz aus. Und genau das ist der Reiz. Es fehlt eigentlich nur noch, dass Elvis aus einem der Trailer steigt und fragt, ob jemand seine Gitarre gesehen hat.

Unsere Ankunft gestaltet sich allerdings etwas merkwürdig. Wir suchen zunächst nach der Rezeption, aber dort ist niemand. Kein Mitarbeiter, kein freundliches „Welcome“, nicht einmal jemand, der uns erklärt, wo wir hinmüssen. Wir schauen uns ein bisschen ratlos um und entdecken schließlich unseren reservierten Airstream. Der steht tatsächlich schon bereit, die Tür ist offen, und drinnen liegt eine ausführliche Anleitung für uns. Offenbar läuft das Einchecken hier nach dem Prinzip: Ihr habt gebucht, ihr wisst, wo ihr schlafen sollt, also macht es euch gemütlich. Das ist doch einmal unkompliziert. In Deutschland würde man vermutlich zunächst drei Formulare ausfüllen, eine Einweisung in die Benutzung des Türschlosses erhalten und anschließend unterschreiben müssen, dass man den Wohnwagen nicht versehentlich mitnimmt.

Wir betreten also unser Zuhause für die kommende Nacht und sind augenblicklich begeistert. Der Airstream ist ein echtes Schmuckstück. Außen diese typische silberne Aluminiumhülle, rund und glänzend wie eine überdimensionierte Konservendose, innen eine Einrichtung, bei der offenbar jemand sehr konsequent beschlossen hat, dass die Zeit nach 1959 einfach nicht mehr stattfindet. Holzschränke, eine kleine Küche mit glänzender Spüle, gemütliche Sitzbänke, bunte Vorhänge und jede Menge liebevoll ausgesuchte Kleinigkeiten. Alles ist so perfekt aufeinander abgestimmt, dass man beinahe Angst bekommt, mit einem modernen Gegenstand die historische Atmosphäre zu zerstören.
Besonders schön ist der kleine Essbereich. Zwei blaue Sitzbänke, dazwischen ein Tisch, und rundherum diese herrlich altmodische Einrichtung, die sofort Bilder von amerikanischen Familienurlauben in den Fünfzigern entstehen lässt. Ich sehe förmlich eine Hausfrau (mich) mit Petticoat vor mir, die ihrem Mann gerade eine Tasse Kaffee serviert, während draußen die Kinder mit einem roten Plastikball spielen. Wahrscheinlich läuft im Radio irgendein Schlager, und irgendwo wird gerade die Erfindung des Farbfernsehers als größter Fortschritt der Menschheit gefeiert.
Natürlich müssen wir alles ganz genau anschauen. Jede Schublade, jedes Regal, jede noch so kleine Ecke. Dabei entdecken wir einen alten Plattenspieler samt Schallplatten. Einen richtigen Plattenspieler! Nicht irgendeine moderne Bluetooth-Kiste im Retrodesign, sondern ein Gerät, bei dem man noch eine schwarze Scheibe auflegt und vorsichtig die Nadel aufsetzt. Daneben stehen weitere kleine Schätze aus vergangenen Jahrzehnten, alte Bücher, Bilder und Dekorationen. Selbst die Bettwäsche passt zum Stil. Überall Blumenmuster, Pastellfarben und Accessoires, die man heute vermutlich nur noch auf Flohmärkten findet.
Das Bett allerdings sorgt bei uns für einen kurzen Moment des Nachdenkens. Es ist klein. Wirklich klein. Und zwar nicht nach amerikanischen Maßstäben, wo ein gewöhnliches Doppelbett gelegentlich die Grundfläche unserer heimischen Garage besitzt, sondern nach dem Motto: Wenn zwei Menschen gleichzeitig darin schlafen wollen, sollten sie sich vorher über ihre bevorzugte Liegerichtung einigen. Wir betrachten die Schlafstätte, betrachten uns gegenseitig und beschließen, dass das schon irgendwie funktionieren wird. Schließlich sind wir im Urlaub, und ein bisschen körperliche Nähe hat noch niemandem geschadet. Zumindest solange keiner nachts beschließt, sich einmal komplett umzudrehen.

Auch draußen ist alles mit viel Liebe zum Detail gestaltet. Vor unserem Airstream stehen Gartenstühle, ein kleiner Tisch und ein Stück künstlicher Rasen, das vermutlich dafür sorgen soll, dass man sich mitten in Arizona ein bisschen wie im eigenen Vorgarten fühlt. Rundherum glänzen weitere historische Trailer in der Sonne. Manche sind silbern, andere bunt lackiert, einige sehen aus wie kleine Raumschiffe aus einer Zeit, in der man noch glaubte, dass wir spätestens im Jahr 2000 alle mit fliegenden Autos unterwegs sein würden. Wir laufen über das Gelände, schauen uns die verschiedenen Wohnwagen an und fotografieren natürlich ausgiebig. So etwas sieht man schließlich nicht alle Tage.
Nachdem wir unsere Sachen verstaut und uns häuslich eingerichtet haben, meldet sich allerdings ein Problem, das auch die schönste Zeitreise nicht lösen kann: Wir haben Hunger. Und zwar richtig. Die Entscheidung fällt schnell. Heute soll es ein ordentliches Steak geben, und dafür fahren wir nach Sierra Vista, rund 23 Meilen entfernt. Dort gibt es ein Texas Roadhouse, und damit ist die kulinarische Planung des Abends praktisch abgeschlossen. Wer schon einmal in einem Texas Roadhouse gegessen hat, weiß, dass man dort nicht hingeht, um ein kleines Salatblatt auf einem kunstvoll dekorierten Teller zu bewundern. Hier gibt es Fleisch, ordentliche Portionen und eine Atmosphäre, in der man sich nicht dafür entschuldigen muss, wenn man nach dem Essen die oberste Hosenknopfposition noch einmal überdenkt.

Wir genießen unser Abendessen ausgiebig und machen anschließend noch einen kurzen Abstecher in einen Supermarkt. Schließlich haben wir für morgen früh kein Hotelfrühstück gebucht, sondern wohnen in einem Wohnwagen, der zwar jede Menge historischen Charme besitzt, aber leider keinen persönlichen Frühstückskoch mitbringt. Also kaufen wir ein paar Kleinigkeiten ein, damit wir am nächsten Morgen nicht völlig unvorbereitet in den Tag starten müssen.
Als wir schließlich wieder im Shady Dell ankommen, hat sich die Atmosphäre auf dem Gelände deutlich verändert. Bei unserer Ankunft war alles noch herrlich ruhig gewesen, fast schon ein bisschen ausgestorben. Jetzt dagegen sind offenbar sämtliche Bewohner der umliegenden Trailer aus ihren silbernen Behausungen gekrochen. Vor den Wohnwagen sitzen kleine Gruppen, es wird geredet, gelacht und offensichtlich auch das eine oder andere Bier getrunken. Wir setzen uns ebenfalls vor unseren Airstream, gönnen uns ein Bier und beobachten das muntere Treiben. Eigentlich ist es ausgesprochen gemütlich. Die warme Abendluft, die nostalgischen Wohnwagen und die entspannte Stimmung – das alles hat schon etwas Besonderes. Und dann entdecken wir unsere unmittelbaren Nachbarn.
Direkt neben uns hat sich eine kleine Gruppe eingerichtet, die offenbar beschlossen hat, den Abend etwas ausgiebiger zu feiern. Besonders eine Dame, schätzungsweise Mitte vierzig, sorgt dabei für beste Unterhaltung. Sie hat offensichtlich schon einige Biere Vorsprung und entwickelt im Laufe des Abends eine bemerkenswerte Beziehung zur Eingangstür ihres Wohnwagens. Immer wieder verschwindet sie darin, nur um kurz darauf erneut herauszustolpern. Mal klappt das erstaunlich elegant, mal erinnert ihr Auftritt verdächtig an James, den Butler aus Dinner for One, kurz nachdem er zum wiederholten Mal über den Tigerkopf gestolpert ist. Wir sitzen mit unserem Bier davor und verfolgen das Schauspiel mit wachsender Begeisterung. Eigentlich fehlt nur noch jemand, der „The same procedure as every year?“ ruft. Wobei ich mir ziemlich sicher bin, dass unsere Nachbarin darauf mit einem überzeugten „Same procedure as every night!“ antworten würde.
Mit jedem weiteren Auftritt scheint die Schwerkraft ein bisschen stärker zu werden, und wir beginnen ernsthaft darüber zu diskutieren, wo die gute Frau wohl die Nacht verbringen wird. Im Wohnwagen? Vor dem Wohnwagen? Oder möglicherweise halb drin und halb draußen, falls sie auf der Türschwelle endgültig die Verhandlungen mit ihrem Gleichgewichtssinn einstellt? Wir sind uns nicht ganz einig, halten aber vorsichtshalber fest, dass der Rasen vor ihrem Trailer immerhin eine vergleichsweise weiche Landefläche bieten würde. Die übrigen Mitglieder ihrer Gruppe nehmen das Ganze ausgesprochen gelassen. Offenbar kennt man sich und weiß, dass solche Abende gelegentlich einen etwas unkoordinierten Verlauf nehmen können.
Irgendwann beschließen wir allerdings, dass wir für heute genug amerikanisches Freilufttheater gesehen haben. Wir ziehen uns in unseren Airstream zurück und überlassen unsere Nachbarin ihrem weiteren Schicksal. Ob sie es letztendlich noch bis ins Bett geschafft hat oder am nächsten Morgen mit einem etwas ungewöhnlichen Blickwinkel auf ihren Wohnwagen aufgewacht ist, erfahren wir leider nicht mehr. Dabei hätte mich das durchaus interessiert. Jedenfalls wird es auf dem Gelände später erstaunlich ruhig, und wir können uns ohne weitere Störungen unserer eigenen Herausforderung widmen: zu zweit in einem Bett zu schlafen, das vermutlich ursprünglich für ein frisch verliebtes Ehepaar mit einer gemeinsamen Körperbreite von höchstens einem Meter konstruiert wurde.
Das Erstaunlichste ist: Wir schlafen richtig gut. Keine Rückenschmerzen, keine nächtlichen Platzkämpfe und auch keine feiernden Nachbarn, die uns um drei Uhr morgens mit Countrymusik aus den Träumen reißen. Offenbar wussten die Amerikaner schon in den Fünfzigern, wie man auf engstem Raum gemütlich übernachtet.
Morgen geht es weiter. Aber heute bleiben wir erst einmal im Jahr 1955. Und ganz ehrlich: Hier lässt es sich ausgesprochen gut aushalten.











































