New Mexico – Von Geisterstädten, außerirdischen Signalen und Schnee, der keiner ist
Unser Morgen beginnt im legendären El Rancho Hotel in Gallup, wo schon John Wayne, Humphrey Bogart und andere Hollywoodgrößen ihre müden Häupter gebettet haben. Ob die damals auch morgens mit zerzausten Haaren und dem dringenden Bedürfnis nach Kaffee durch die Gegend geschlurft sind, ist leider nicht überliefert. Ich gehe aber schwer davon aus, dass selbst ein John Wayne vor seiner ersten Tasse Kaffee nicht besonders gesprächig gewesen ist. Wir jedenfalls genießen noch unser Frühstück in diesem herrlich altmodischen Hotel, in dem man hinter jeder Ecke einen Cowboy vermutet und die Einrichtung aussieht, als hätte jemand 1950 beschlossen, dass jetzt endgültig genug modernisiert worden sei. Mir gefällt das ausgesprochen gut. Stefan ebenfalls, wobei dessen Begeisterung am frühen Morgen erfahrungsgemäß stark davon abhängt, wie schnell etwas Essbares auf dem Tisch steht.
Anschließend verstauen wir unsere sieben Sachen in unserem weißen Jeep Liberty, verabschieden uns von Gallup und nehmen Kurs Richtung Süden. Heute steht eine ordentliche Strecke auf dem Programm, denn unser Tagesziel ist Alamogordo. Dazwischen liegen jede Menge New Mexico, ein paar Orte, die vermutlich seit Jahrzehnten auf bessere Zeiten warten, und eine Landschaft, die so viel Platz bietet, dass man problemlos halb Deutschland darin verstecken könnte, ohne dass es jemandem auffällt.
Noch rollen wir durch Gallup, vorbei an den bunten Geschäften entlang der Route 66, den alten Fassaden und den typischen amerikanischen Reklametafeln, die einem in riesigen Buchstaben mitteilen, wo man essen, schlafen oder Dinge kaufen kann, die man eigentlich überhaupt nicht braucht. Besonders hübsch finde ich ein knallgelbes Gebäude der Indian House Trading Company. Gelb, Orange, Türkis und ein riesiges Wandbild – zurückhaltende Farbgestaltung scheint hier nicht unbedingt zum Geschäftsmodell zu gehören. Aber genau das liebe ich an Amerika. Während bei uns vermutlich erst einmal drei Behörden prüfen würden, ob eine Fassade in dieser Farbkombination überhaupt genehmigungsfähig ist, streicht man hier einfach drauflos. Hauptsache, es fällt auf.

Kaum haben wir Gallup hinter uns gelassen, wird es einsam. Richtig einsam. Die Straße zieht sich schnurgerade durch eine Landschaft aus trockenem Gras, niedrigen Büschen und Hügeln, die aussehen, als hätte jemand sie vor Urzeiten dort abgestellt und anschließend vergessen. Der Himmel ist strahlend blau, die Sonne meint es bereits ausgesprochen ernst, und außer uns scheint kaum jemand das Bedürfnis zu haben, hier herumzufahren. Herrlich! Genau wegen solcher Strecken lieben wir unsere amerikanischen Roadtrips. Fenster runter, ein bisschen warme Wüstenluft hereinlassen, Musik an und einfach fahren. Wobei das Fenster angesichts der Temperaturen meistens ziemlich schnell wieder hochgeht und die Klimaanlage ihren Dienst aufnehmen darf. Freiheit ist schließlich eine wunderbare Sache, aber man muss deshalb nicht gleich im eigenen Saft schmoren.
Unser Weg führt uns zunächst nach Quemado, einem dieser kleinen Orte, bei denen ich mich jedes Mal frage, ob die Bewohner eigentlich wissen, dass draußen längst das 21. Jahrhundert angebrochen ist. Entlang der Hauptstraße stehen alte Holzhäuser mit verwitterten Fassaden, eine ehemalige Tankstelle, deren Zapfsäulen vermutlich schon bessere Zeiten gesehen haben, und Geschäfte, bei denen man nicht so recht erkennen kann, ob sie geöffnet, geschlossen oder einfach seit 1973 unverändert sind. Besonders schön ist ein altes Holzgebäude mit dem Schriftzug „Back in Time“. Treffender hätte man es wirklich nicht nennen können. Hier fehlt eigentlich nur noch ein DeLorean, der mit qualmenden Reifen um die Ecke kommt, und Marty McFly, der verzweifelt versucht herauszufinden, in welchem Jahr er gelandet ist.
Wir halten natürlich an und machen Fotos. Ich liebe diese alten amerikanischen Orte, in denen die Zeit scheinbar stehen geblieben ist. Schiefe Veranden, verblasste Schilder, staubige Fenster und diese herrlich breiten Straßen, auf denen man locker einen Sattelschlepper wenden könnte. Bei uns würde man vermutlich längst alles abreißen, einen Supermarkt hinstellen und anschließend stolz von einer gelungenen Ortskernsanierung sprechen. Hier darf das alte Zeug einfach weiter vor sich hin altern. Und manchmal sieht das ausgesprochen fotogen aus.
Weiter geht es auf dem Highway 60 Richtung Magdalena. Die Straße führt uns durch eine Landschaft, die so weit und leer ist, dass ich mich langsam frage, ob unser Navi überhaupt noch weiß, wo wir sind. Hin und wieder taucht ein einzelnes Haus auf, manchmal ein Zaun, gelegentlich eine Tankstelle. Dazwischen kilometerweit nichts. Nicht einmal ein ordentliches Gebüsch, hinter dem man im Notfall verschwinden könnte. Auch das gehört zum amerikanischen Roadtrip: Man lernt ziemlich schnell, dass man besser tankt, wenn sich die Gelegenheit bietet, und die nächste Toilette nicht unbedingt hinter der nächsten Kurve wartet. Die nächste Kurve übrigens auch nicht.

Magdalena empfängt uns mit einer Hauptstraße, die aussieht wie die Kulisse eines alten Westerns. Besonders das Capitol Bar mit seiner roten Backsteinfassade und den großen, etwas blinden Fenstern könnte problemlos als Treffpunkt für zwielichtige Revolverhelden durchgehen. Daneben das Golden Spur Saloon, dessen Name bereits verspricht, dass hier eher Whisky als Cappuccino bestellt wird. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie gleich ein Cowboy durch die Schwingtür stolpert, seinen Hut auf den Tresen wirft und nach einem doppelten Bourbon verlangt. Stattdessen steht draußen ein ganz gewöhnliches Auto, und niemand schießt auf irgendwen. Ein bisschen enttäuschend ist das schon.
Dafür gibt es jede Menge zu fotografieren. Alte Häuser mit bröckelndem Putz, historische Backsteinfassaden und Geschäfte, die aussehen, als hätten sie schon mehrere Generationen kommen und gehen sehen. Manches ist liebevoll restauriert, anderes hält offenbar nur noch aus Gewohnheit zusammen. Aber gerade diese Mischung macht den Reiz aus. Hier wird nichts künstlich auf Western getrimmt. Das ist einfach so.
Auch Carrizozo passt wunderbar in diese Kategorie. Der Ort überrascht uns allerdings mit einer Farbenfreude, die man nach all den staubigen Fassaden gar nicht erwartet. Da steht plötzlich ein knallrotes Haus neben einer leuchtend pinkfarbenen Mauer, ein paar Meter weiter blättert an einem anderen Gebäude seit gefühlten hundert Jahren die Farbe ab. Dazwischen ein paar kleine Geschäfte, bunte Türen und jede Menge amerikanischer Kleinstadtcharme. Besonders die pinkfarbene Fassade ist kaum zu übersehen. Ich frage mich, ob der Besitzer damals einfach noch einen Eimer Farbe übrig hatte oder ob das tatsächlich genauso geplant war. Auf jeden Fall funktioniert es. In einer Landschaft, in der Braun, Beige und Staubgrau eindeutig die Mehrheit stellen, ist so ein kräftiger Farbklecks fast schon ein kleines Ereignis.
Überhaupt könnte ich in diesen Orten stundenlang herumlaufen. Stefan ist da etwas pragmatischer. Während ich noch überlege, aus welchem Winkel sich die nächste verrostete Tür am schönsten fotografieren lässt, hat er längst festgestellt, dass es sich dabei um eine verrostete Tür handelt. Punkt. Dass sie möglicherweise seit achtzig Jahren dort hängt und im richtigen Licht ausgesprochen dekorativ aussieht, beeindruckt ihn nur bedingt. Aber er wartet geduldig, während ich meiner fotografischen Leidenschaft nachgehe. Jedenfalls meistens.
Irgendwann lassen wir die letzten Häuser hinter uns und befinden uns wieder mitten im Nirgendwo. Auf dem Highway 380 zieht sich der Asphalt schnurgerade bis zum Horizont. Rechts und links nichts als trockenes Grasland, vereinzelte Büsche und weit entfernte Berge, die im Dunst fast mit dem Himmel verschmelzen. Und dann entdecken wir plötzlich Bewegung am Straßenrand. Gabelböcke!
Eine kleine Gruppe dieser hübschen Tiere steht direkt neben der Straße und schaut uns neugierig entgegen. Wir halten an, und während ich sofort zur Kamera greife, überlegen die Gabelböcke offenbar, was sie von diesem weißen Jeep mit den beiden aufgeregten Insassen halten sollen. Besonders einer steht da wie ein professionelles Fotomodell, den Kopf leicht gedreht, die Ohren aufmerksam aufgestellt und mit einem Gesichtsausdruck, als würde er gleich fragen, ob wir mit den Aufnahmen endlich fertig seien.
Die Tiere sind wunderschön. Mit ihrem hellbraunen Fell, den weißen Hinterteilen und den markanten Hörnern sehen sie aus wie eine Mischung aus Antilope und Reh. Und schnell sind sie! Gabelböcke gehören zu den schnellsten Landsäugetieren überhaupt. Was sie allerdings heute nicht unter Beweis stellen möchten. Stattdessen lassen sie sich erstaunlich geduldig fotografieren. Vermutlich wissen sie genau, dass wir ohnehin keine Chance hätten, hinterherzukommen. Wir sind schließlich mit einem Jeep unterwegs und nicht mit einem Ferrari.
Nach einer ausgiebigen Fotosession geht es weiter. Die Landschaft wird immer weiter, immer trockener und immer menschenleerer. Und genau in dieser scheinbar endlosen Einöde taucht plötzlich etwas auf, das hier ungefähr so gut hineinpasst wie ein Kühlschrank in eine Sauna.
Eine riesige weiße Satellitenschüssel! Mitten in der Wüste steht dieses gewaltige technische Ungetüm und richtet seinen riesigen Teller in den Himmel. Willkommen beim Very Large Array, kurz VLA, einer Anlage des National Radio Astronomy Observatory. Hier lauschen Wissenschaftler mit riesigen Radioteleskopen ins Universum. Insgesamt gehören 27 solcher Antennen zur Anlage, jede einzelne mit einem Durchmesser von 25 Metern. Die Dinger stehen auf Schienen und können je nach Forschungsaufgabe unterschiedlich angeordnet werden. Im Grunde eine gigantische Modelleisenbahn für Astronomen, nur dass die Wagen Satellitenschüsseln sind und das Ganze ein paar Millionen Dollar mehr kostet.
Wir stehen vor einer dieser riesigen Antennen und kommen uns ziemlich klein vor. Das Ding sieht aus, als könnte es problemlos die Fernsehsignale sämtlicher Haushalte zwischen New Mexico und Stuttgart gleichzeitig empfangen. Tatsächlich geht es hier natürlich um ganz andere Dinge: ferne Galaxien, Sterne, kosmische Strahlung und Signale aus den Tiefen des Weltalls.
Spätestens jetzt fühle ich mich wie mitten in einem Science-Fiction-Film. „Contact“ mit Jodie Foster wurde schließlich genau hier gedreht. Ich warte eigentlich nur darauf, dass plötzlich irgendwo ein aufgeregter Wissenschaftler aus einem Gebäude rennt und verkündet, man habe gerade eine Nachricht von Außerirdischen empfangen. Vielleicht fragen sie ja nach dem Weg zur nächsten Tankstelle. Würde mich hier draußen nicht wundern.
Stefan betrachtet die Anlage ebenfalls interessiert, und wir versuchen uns vorzustellen, welche unfassbaren Entfernungen diese riesigen Antennen überbrücken können. Während wir zu Hause schon froh sind, wenn der Fernseher bei schlechtem Wetter ein ordentliches Bild liefert, horcht man hier Milliarden Lichtjahre weit ins Universum. Irgendwie beeindruckend. Und ein bisschen unheimlich. Sollte tatsächlich irgendwo ein kleines grünes Männchen antworten, hoffe ich jedenfalls, dass es freundlich ist.
Nach unserem kurzen Ausflug in die Welt der Astronomie setzen wir die Fahrt fort. Die Landschaft bleibt zunächst so karg, dass man sich fragt, wovon hier eigentlich irgendetwas lebt. Aber offenbar kommen die Tiere und Pflanzen bestens zurecht. Wir dagegen sind inzwischen sehr dankbar für unsere Klimaanlage und die gut gefüllten Getränkeflaschen.
Unser Tagesziel rückt langsam näher: Alamogordo. Ein Name, den ich schon deshalb mag, weil er so wunderbar amerikanisch klingt. Wir checken im White Sands Motel ein, verstauen unser Gepäck und machen uns gleich wieder auf den Weg. Schließlich wartet heute noch das eigentliche Highlight auf uns. White Sands National Monument!
Schon die Fahrt dorthin ist interessant. Die Landschaft wird zunehmend heller, und irgendwann taucht am Horizont ein weißer Streifen auf. Zunächst sieht es tatsächlich aus, als läge dort Schnee. Mitten in New Mexico. Bei diesen Temperaturen. Entweder hat sich der Wetterbericht gewaltig vertan, oder hier stimmt etwas anderes nicht. Wenig später wissen wir, was los ist. Vor uns breitet sich eine riesige Landschaft aus schneeweißen Dünen aus, die in der Sonne so hell leuchten, dass man beinahe eine Sonnenbrille für die Sonnenbrille bräuchte.

Wir fahren auf dem Dunes Drive immer tiefer hinein in dieses unglaubliche Weiß. Anfangs wachsen noch Büsche und Gräser zwischen den Dünen, doch je weiter wir kommen, desto mehr verschwinden die vertrauten Farben. Irgendwann gibt es nur noch Weiß und Blau. Weißer Sand, blauer Himmel. Dazwischen gelegentlich eine einsame Yucca-Pflanze, die offenbar beschlossen hat, sich von ein paar Millionen Tonnen Gips nicht unterkriegen zu lassen.
Es sieht tatsächlich aus wie eine Winterlandschaft. Nur dass die Temperaturen eher dazu geeignet wären, ein Spiegelei auf der Motorhaube zu braten. Eine ziemlich merkwürdige Kombination. Ich ertappe mich dabei, wie ich auf die weißen Hügel schaue und beinahe darauf warte, dass irgendwo ein Skilift auftaucht. Stattdessen stehen am Straßenrand Picknickplätze mit futuristisch wirkenden Sonnendächern, unter denen amerikanische Familien gemütlich ihre Kühltaschen auspacken.
Der Sand besteht aus Gips, genauer gesagt aus winzigen Gipskristallen, die über Jahrtausende durch Wind und Wetter zerkleinert wurden. Anders als gewöhnlicher Wüstensand heizt er sich nicht so stark auf. Das ist auch gut so, denn wir möchten uns die Füße schließlich nicht schon beim ersten Spaziergang medium rare grillen.
Natürlich müssen wir aussteigen. Nur durch die Windschutzscheibe schauen wäre bei dieser Landschaft ungefähr so sinnvoll, wie nach Las Vegas zu fahren und sich die Casinos ausschließlich von außen anzusehen. Also Schuhe an, Kamera geschnappt und hinein in die Dünen.
Schon nach den ersten Schritten stellen wir fest, dass sich das Laufen hier etwas anders gestaltet als auf einem gemütlichen Waldweg. Der feine Sand gibt unter jedem Schritt nach, und sobald es bergauf geht, fühlt man sich, als würde man auf einem Laufband trainieren, das jemand heimlich auf die höchste Schwierigkeitsstufe gestellt hat. Zwei Schritte vorwärts, gefühlt einer zurück. Sehr effektiv, wenn man seine Beinmuskulatur kennenlernen möchte.

Aber die Mühe lohnt sich. Von oben eröffnet sich ein unglaublicher Blick über diese endlose weiße Landschaft. Die Dünen liegen wie riesige, weich geschwungene Wellen nebeneinander, manche mit messerscharfen Kanten, andere rund und sanft wie frisch aufgeschüttete Schneehügel. Der Wind hat feine Linien in den Sand gezeichnet, so gleichmäßig, dass man meinen könnte, jemand sei vorher mit einem überdimensionalen Kamm darübergegangen.
Besonders faszinierend finde ich die vereinzelten Pflanzen. Da wächst tatsächlich mitten aus dem weißen Nichts ein kleiner grüner Büschel, als hätte jemand vergessen, ihn rechtzeitig wegzuräumen. Eine Yucca ragt stolz aus einer Düne heraus und scheint sich von der Tatsache, dass sie ringsherum langsam zugeschüttet wird, überhaupt nicht beeindrucken zu lassen. Andere Pflanzen kämpfen sich nur noch mit ihren Spitzen aus dem Sand. Überleben unter erschwerten Bedingungen. Dagegen erscheint mir unser heimischer Garten plötzlich ausgesprochen pflegeleicht.

Wir laufen weiter, bleiben ständig stehen und fotografieren. Ich weiß gar nicht, wohin ich zuerst schauen soll. Jede Düne sieht anders aus, jeder Blickwinkel liefert ein neues Motiv, und selbst ein einzelner Grashalm wird hier plötzlich zum Hauptdarsteller. Stefan hat vermutlich längst akzeptiert, dass wir heute nicht mehr besonders schnell vorankommen. Aber auch er ist begeistert. Und wenn Stefan freiwillig stehen bleibt, um sich eine Sanddüne anzuschauen, dann muss sie wirklich etwas Besonderes sein.
In einiger Entfernung entdecken wir Kinder, die auf Plastikschlitten die weißen Hänge hinunterrutschen. Ich muss lachen. Rodeln in der Wüste! Die Amerikaner schaffen es tatsächlich, aus jeder Landschaft einen Freizeitpark zu machen. Während wir in Deutschland sehnsüchtig auf den ersten Schnee warten, kaufen die hier einfach einen Schlitten und fahren damit in die Wüste. Praktisch. Und vor allem deutlich zuverlässiger als unser Winterwetter.
Wir begnügen uns allerdings mit dem Wandern und Fotografieren. Wobei ich zugeben muss, dass so eine rasante Abfahrt auf einem Plastikschlitten durchaus ihren Reiz hätte. Andererseits möchte ich ungern feststellen, wie viel Sand in eine Hose passt, wenn man unten etwas unsanft landet. Also bleiben wir vernünftig. Zumindest für heute.
Je länger wir durch die Dünen laufen, desto unwirklicher wird die Landschaft. Es gibt kaum Orientierungspunkte. Keine Bäume, keine Häuser, keine Berge in unmittelbarer Nähe. Nur diese endlosen weißen Wellen, die sich bis zum Horizont ziehen. Man könnte problemlos die Richtung verlieren, wenn man nicht aufpasst. Und da ich wenig Lust habe, später als verschollene deutsche Touristin aus einer Gipsdüne ausgegraben zu werden, behalten wir unseren Ausgangspunkt lieber im Auge.
Die Sonne steht inzwischen etwas tiefer, und das Licht wird wunderschön. Die Schatten auf den Dünen werden länger, die feinen Strukturen im Sand treten deutlicher hervor, und das Weiß bekommt stellenweise einen zarten bläulichen Schimmer. Ich könnte hier noch stundenlang bleiben. Allerdings meldet sich irgendwann der Magen, und auch unsere Füße haben inzwischen genug vom kostenlosen Wüstentraining.
Also machen wir uns langsam auf den Rückweg. Ein letzter Blick über diese unglaubliche Landschaft, noch ein paar Fotos, und dann geht es zurück zum Auto. Der Sand begleitet uns natürlich. In den Schuhen, an den Beinen und vermutlich auch an Stellen, an denen er überhaupt nichts verloren hat. Ein Souvenir, das man garantiert nicht extra kaufen muss.
Auf dem Rückweg nach Alamogordo entdecken wir dann noch etwas, womit ich nun wirklich nicht gerechnet hätte. Ein Dönerladen! Mitten in New Mexico steht tatsächlich ein Schild mit der Aufschrift „DÖNER Grill – Germany’s Favorite Fast Food“.

Ich muss zweimal hinschauen. Wir befinden uns mitten im amerikanischen Südwesten, haben gerade eine riesige weiße Wüste durchquert, und plötzlich begegnet uns ein Stück deutscher Imbisskultur. Fehlt eigentlich nur noch, dass jemand aus dem Laden ruft: „Mit alles und scharf?“
Ich finde das herrlich. Tausende Kilometer von zu Hause entfernt, zwischen amerikanischen Highways, Wüstenlandschaften und Militäranlagen, wird der gute alte Döner als deutsche Spezialität angepriesen. Wenn das der Erfinder des Döners in Berlin sehen könnte! Vermutlich würde er vor Stolz eine Extraportion Knoblauchsoße spendieren.
Kurz überlegen wir tatsächlich, ob wir dort etwas essen sollen. Aber irgendwie haben wir heute keine Lust auf Döner. Außerdem frage ich mich, wie authentisch ein deutscher Döner in Alamogordo wohl schmeckt. Vielleicht bekommt man ihn hier mit Barbecuesoße, Jalapeños und einer Portion Pommes obendrauf. In Amerika muss man schließlich mit allem rechnen.
Stattdessen entscheiden wir uns für einen Besuch bei Walmart. Das ist zwar kulinarisch ungefähr so aufregend wie ein Besuch im heimischen Kühlschrank, aber nach einem langen Tag haben wir keine große Lust mehr auf Restaurantsuche. Also schlendern wir durch die riesigen Gänge, bestaunen wie immer die amerikanischen Verpackungsgrößen und kaufen uns ein paar Fertiggerichte und Snacks fürs Abendessen.
Ich finde diese Supermärkte jedes Mal faszinierend. Während man bei uns schon überlegen muss, wo man eine Familienpackung unterbringt, gibt es hier Lebensmittel in Mengen, mit denen man problemlos eine kleine Armee versorgen könnte. Chips in Säcken, Getränke in Kanistern und Süßigkeiten in Packungen, die vermutlich eine eigene Postleitzahl benötigen. Wir halten uns einigermaßen zurück. Schließlich müssen wir unser Gepäck irgendwann auch wieder nach Hause bekommen.
Zurück im White Sands Motel machen wir es uns gemütlich. Die Schuhe werden ausgezogen, der Sand herausgeschüttelt und unser Abendessen auf dem Zimmer verteilt. Nach einem Tag voller staubiger Westernorte, neugieriger Gabelböcke, riesiger Radioteleskope und schneeweißer Wüstendünen braucht es wirklich kein Fünf-Gänge-Menü mehr. Ein bisschen Walmart-Kulinarik reicht vollkommen.
Während wir essen, lassen wir den Tag noch einmal Revue passieren. Heute Morgen sitzen wir noch unter den Cowboybildern im El Rancho Hotel, mittags fahren wir durch Orte, in denen jederzeit John Wayne um die Ecke reiten könnte, anschließend stehen wir vor riesigen Antennen, die ins Weltall lauschen, und am Nachmittag stapfen wir durch eine Landschaft, die aussieht wie die Alpen im tiefsten Winter – nur ohne Schnee, ohne Kälte und ohne Après-Ski.
Wenn man das jemandem erzählt, der noch nie im amerikanischen Südwesten unterwegs gewesen ist, hält er einen vermutlich für leicht übergeschnappt. Aber genau das ist es, was ich an diesen Reisen so liebe. Man weiß morgens nie so ganz, was einen unterwegs erwartet. Selbst wenn die Route längst geplant ist, hält Amerika immer noch irgendeine Überraschung bereit. Und sei es ein Dönerladen mitten in der Wüste.
Irgendwann werden die Augen schwer, die Fotos sind gesichtet und der letzte Krümel unseres improvisierten Abendessens verschwunden. Draußen liegt Alamogordo inzwischen im Dunkeln, während wir uns zufrieden in unsere Betten kuscheln. Morgen geht unsere Reise weiter. Aber jetzt ist erst einmal Feierabend. Schließlich muss man auch als begeisterter Roadtripper irgendwann schlafen. Am besten, bevor der Sand aus White Sands endgültig unser Motelzimmer übernimmt.





























