Zwei angeschlagene Mietwagen, drei Brautmoden-Omas und Elvis am Roulettetisch
Nach unserem gestrigen Abenteuer im Death Valley beginnt der Montag mit einem Programmpunkt, der in keinem vernünftigen Reiseführer steht: Wir fahren zur Autovermietung und tauschen unsere beiden Mietwagen um. Dass man nach einem Ausflug ins Death Valley möglicherweise einen Sonnenbrand, jede Menge Staub im Gepäck und ein paar hundert Fotos mit nach Hause bringt, war uns durchaus bewusst. Dass wir anschließend gleich zwei Autos reklamieren müssen, hatten wir allerdings nicht eingeplant. Patricks Jeep hat auf der Racetrack Road bekanntlich einen Vorderreifen in seine Einzelteile zerlegt, und unser eigener Wagen meldet inzwischen ebenfalls irgendein technisches Problem. Was genau ihm fehlt, lässt sich nicht eindeutig feststellen, aber irgendeine Warnleuchte macht uns unmissverständlich klar, dass er mit unserer bisherigen Reisegestaltung nicht ganz einverstanden ist. Offenbar haben sich unsere beiden Mietwagen über Nacht abgesprochen und beschlossen, gemeinsam in den Vorruhestand zu gehen.

Also stehen wir bei der Autovermietung und versuchen, unsere Fahrzeuge möglichst unauffällig gegen zwei neue einzutauschen. Besonders beim Jeep stellt sich natürlich die interessante Frage, wie man einen Reifen erklärt, der aussieht, als hätte ihn ein Rudel hungriger Kojoten bearbeitet. Ich hoffe inständig, dass niemand auf die Idee kommt, nach unserem gestrigen Ausflugsziel zu fragen. „Ach wissen Sie, wir waren nur ein bisschen im Death Valley unterwegs“ klingt schließlich deutlich harmloser als „Wir sind ungefähr 50 Kilometer über eine steinige Wüstenpiste gefahren, um uns einen ausgetrockneten See anzuschauen, auf dem Steine spazieren gehen.“ Letzteres könnte bei einem Autovermieter möglicherweise gewisse Fragen aufwerfen. Glücklicherweise verläuft die ganze Aktion ohne größere Schwierigkeiten, und wenig später sind wir wieder mit zwei funktionstüchtigen Fahrzeugen unterwegs. Ich würde sagen, das ist ein ausgesprochen erfolgreicher Start in den Tag. Zumindest für uns. Ob die Autovermietung das genauso sieht, wage ich zu bezweifeln.

Jetzt können wir uns endlich den wirklich wichtigen Dingen widmen. Denn in zwei Tagen wird Bianca heiraten! Am Mittwoch, dem 22. Juni, soll es so weit sein, und während ich mich bereits seit Monaten mit Hochzeitskapellen, Terminen und allerlei organisatorischen Feinheiten beschäftige, fehlt noch eine ziemlich entscheidende Kleinigkeit: das Brautkleid. Und natürlich auch die passende Ausstattung für Patrick. Die beiden haben sich dafür entschieden, ihre Hochzeitskleidung in Las Vegas zu leihen. Eine durchaus vernünftige Überlegung, denn warum sollte man viel Geld für ein Kleid und einen Anzug ausgeben, die anschließend jahrelang im Schrank hängen? Außerdem passt so ein Brautkleid nicht unbedingt problemlos in einen ohnehin schon gut gefüllten Urlaubskoffer. Und wenn ich an unsere bisherigen Einkäufe in den Outlets denke, dürfte der verfügbare Platz inzwischen sowieso eher theoretischer Natur sein.
Stefan und ich übernehmen also die Vorhut. Die Kinder sollen sich heute noch nicht mit Brautmodengeschäften beschäftigen müssen, denn wir wollen erst einmal herausfinden, wo man hier überhaupt vernünftige Hochzeitskleidung bekommt. Morgen sollen Bianca und Patrick dann zur Anprobe kommen. Was die beiden allerdings noch nicht wissen: Wir haben für ihren Hochzeitstag eine ganz besondere Überraschung organisiert. Nach der Trauung geht es mit dem Helikopter zum Grand Canyon! Davon ahnen die beiden natürlich nichts, und das soll auch so bleiben. Nur stellt uns dieses kleine Geheimnis vor ein nicht ganz unwichtiges Problem. Bianca braucht ein Brautkleid, das nicht nur hübsch aussieht, sondern auch in einen Hubschrauber passt. Eine ausladende Prinzessinnenrobe mit mehreren Metern Tüll wäre da vermutlich etwas unpraktisch. Ich sehe den Piloten schon vor meinem geistigen Auge, wie er versucht, erst die Braut und anschließend noch ungefähr zwölf Quadratmeter Brautkleid in seinen Helikopter zu stopfen. Also brauchen wir einen Kleiderverleih, der nicht nur schöne Sachen hat, sondern auch bereit ist, bei unserem kleinen Überraschungsmanöver mitzuspielen.
Laut Internet gibt es in Downtown Las Vegas jede Menge Geschäfte für Brautmoden und Hochzeitskleidung. Das klingt zunächst ausgesprochen vielversprechend. Wir fahren also los, fest davon überzeugt, dass wir uns gleich zwischen unzähligen weißen Kleidern, Schleiern und eleganten Anzügen entscheiden müssen. Die Realität sieht allerdings etwas anders aus. Wir fahren durch die Straßen, schauen nach links, schauen nach rechts und entdecken vor allem eines: keine Brautmodengeschäfte. Zumindest nicht dort, wo wir sie vermuten. Vielleicht verstecken sie sich besonders geschickt, vielleicht haben wir die falschen Straßen erwischt, oder vielleicht ist die amerikanische Vorstellung von „zahlreichen Geschäften in unmittelbarer Nähe“ einfach etwas großzügiger ausgelegt als unsere.
Irgendwann finden wir im Internet einen Anbieter namens Rose Eren, der ein Komplettpaket für Braut und Bräutigam für ungefähr 300 Dollar anbietet. Das klingt doch wunderbar! Also nichts wie hin. Der Laden ist schnell gefunden, und als wir eintreten, beschleicht mich allerdings bereits ein leicht ungutes Gefühl. Von außen wirkt das Geschäft wenig einladend, und innen wird dieser Eindruck nicht unbedingt besser. Im hinteren Bereich sitzen drei ältere Damen, die offenbar gerade mit etwas ausgesprochen Wichtigem beschäftigt sind. Vielleicht lösen sie ein Kreuzworträtsel, vielleicht beraten sie über die Weltpolitik, vielleicht sitzen sie auch einfach nur da. Jedenfalls scheint unsere Anwesenheit nicht unbedingt zu den Höhepunkten ihres Tages zu gehören.
Wir stehen also erst einmal etwas verloren im Laden herum. Die Damen sitzen weiterhin hinten. Wir schauen uns um. Die Damen schauen nicht zurück. Irgendwann scheint eine der drei zu der Erkenntnis zu gelangen, dass wir möglicherweise nicht von allein wieder verschwinden, und erhebt sich schließlich zu einem wenig begeisterten „Hello!“. Na bitte, geht doch. Ich erkläre freundlich, dass ich das Angebot im Internet gesehen habe und gerne wissen möchte, wie die Ausleihe funktioniert. Schließlich heiratet meine Tochter übermorgen, und wir würden gerne morgen mit dem Brautpaar zur Anprobe kommen.
Was nun folgt, ist eine verbale Schnellzugdurchfahrt, bei der selbst ein amerikanischer Auktionator vermutlich um eine Wiederholung bitten würde.
„ThreehundrednintyfiveDollarsforallcomeonedaybeforeweddingpriceisjustfortwentyfourhoursfittingforbridemaximumthirtyminutesforgroomtenminuteswannamakeanappointmentwhenisthemarriage?“
Ich stehe da und versuche verzweifelt, aus diesem Wortschwall einzelne Informationen herauszufiltern. Irgendetwas mit 395 Dollar, 24 Stunden, 30 Minuten für die Braut und zehn Minuten für den Bräutigam. Zehn Minuten! Offenbar wird der zukünftige Ehemann hier nach dem Prinzip ausgestattet: Hose an, Jacke drüber, passt schon, der Nächste bitte. Für die Braut gibt es immerhin eine halbe Stunde. Das nenne ich doch einmal romantische Hochzeitsvorbereitungen. Da bleibt vermutlich gerade genug Zeit, um festzustellen, ob das Kleid vorne oder hinten geschlossen wird.
Ich schaffe es schließlich, den Hochzeitstermin am 22. Juni um 13 Uhr mitzuteilen. Daraufhin bekommen wir die Anweisung, dass das Brautpaar morgen um 14 Uhr erscheinen soll. Und damit scheint das Gespräch auch schon beendet zu sein. „Bye!“ Die Dame dreht sich um und verschwindet wieder zu ihren beiden Kolleginnen. Stefan und ich stehen noch einen Moment im Laden, schauen uns an und überlegen, ob wir gerade tatsächlich einen Termin vereinbart haben oder möglicherweise versehentlich ein Auto gekauft haben. So ganz sicher bin ich mir nämlich nicht.
Draußen müssen wir erst einmal lachen. Was war denn das bitte? Ich hatte ja nicht erwartet, dass man uns mit Champagner empfängt und auf einem roten Teppich zu den Brautkleidern führt. Aber ein kleines bisschen Begeisterung für eine bevorstehende Hochzeit wäre vielleicht ganz nett gewesen. Schließlich möchten wir hier nicht die Winterreifen wechseln lassen, sondern unsere Tochter verheiraten! Und dafür soll sie sich wenigstens bei der Kleiderauswahl ein bisschen wie eine Braut fühlen dürfen und nicht wie eine Kundin, die fünf Minuten vor Ladenschluss noch schnell ein Pfund Hackfleisch braucht.
Wir fahren noch einmal durch die Gegend, finden aber weiterhin nichts, was uns wirklich überzeugt. Langsam werde ich nervös. Übermorgen ist die Hochzeit, und wir haben weder Kleid noch Anzug. Dafür haben wir jetzt zwei frisch ausgetauschte Mietwagen und einen Termin bei drei Damen, die offensichtlich lieber ungestört ihren Nachmittag verbringen möchten. Eine ausgesprochen beruhigende Bilanz.
Da kommt mir eine Idee. Warum fahren wir nicht einfach zur Wee Kirk O’the Heather Wedding Chapel? Dort haben wir schließlich die Trauung gebucht, und mit Lynn hatte ich während der Vorbereitungen einen wirklich netten E-Mail-Kontakt. Vielleicht kann sie uns einen guten Tipp geben. Also fahren wir zur kleinen Hochzeitskapelle und klingeln. Lynn ist leider nicht da, aber ihre Kollegin empfängt uns ausgesprochen freundlich. Was für eine Wohltat nach unserem vorherigen Erlebnis! Wir erzählen ihr von unserem Problem, und sie versteht sofort, worum es geht. Statt uns irgendeine Adresse auf einen Zettel zu kritzeln, greift sie kurzerhand zum Telefon und ruft eine Bekannte namens Cynthia an, die ein Brautmodengeschäft betreibt. Innerhalb weniger Minuten ist alles geklärt. Cynthia erwartet uns bereits.
Keine fünf Minuten später stehen wir vor ihrem Geschäft. Ohne den Tipp aus der Kapelle wären wir hier vermutlich niemals gelandet. Und kaum betreten wir den Laden, wissen wir, dass wir endlich richtig sind. Cynthia begrüßt uns herzlich, freut sich mit uns über die bevorstehende Hochzeit und nimmt sich tatsächlich Zeit für uns. Man glaubt es kaum, aber hier scheint jemand seinen Beruf wirklich gerne zu machen! Wir erzählen ein bisschen von unserer Reise, von Bianca und Patrick und davon, dass die beiden am Mittwoch in Las Vegas heiraten werden. Cynthia zeigt uns verschiedene Kleider, erklärt die Möglichkeiten und macht uns schließlich ein Angebot, bei dem ich am liebsten sofort eingeschlagen hätte: 350 Dollar für die komplette Ausstattung von Braut und Bräutigam, inklusive Schuhe, Schleier, Ohrringe und Tiara. Und die Steuer ist auch schon drin. Wunderbar! Das ist ja beinahe günstiger als ein ordentlicher Einkaufsbummel durch eines unserer Outlets.

Jetzt kommt allerdings der etwas heiklere Teil unserer Mission. Wir müssen Cynthia nämlich noch in unser kleines Geheimnis einweihen. Ich erkläre ihr, dass Bianca und Patrick nach der Hochzeit einen Helikopterflug zum Grand Canyon geschenkt bekommen. Die beiden wissen davon absolut nichts, und wir möchten, dass das auch bis zur letzten Minute so bleibt. Deshalb wäre es ausgesprochen hilfreich, wenn sie Bianca morgen bei der Anprobe möglichst zu einem schmal geschnittenen Kleid raten könnte. Nicht zu viel Tüll, keine riesigen Reifröcke und möglichst nichts, wofür man beim Einsteigen in einen Helikopter einen zusätzlichen Sitzplatz buchen müsste.
Cynthia versteht sofort, was wir vorhaben, und ist begeistert. Innerhalb weniger Minuten haben wir eine neue Verbündete für unsere Hochzeitsverschwörung gewonnen. Wir besprechen, wie die Anprobe morgen ablaufen soll, und klären auch gleich einige organisatorische Details für den Hochzeitstag. Patrick soll Bianca natürlich nicht schon vor der Trauung im Brautkleid sehen. Also müssen wir die beiden irgendwie getrennt voneinander ausstatten, ohne dass jemand versehentlich zur falschen Zeit um die Ecke kommt. Cynthia verspricht, sich darum zu kümmern. Und beim Kleid wird sie Bianca ganz unauffällig in die richtige Richtung beraten. Ich bin begeistert. So stelle ich mir amerikanischen Service vor! Nicht drei mürrische Damen, die einem innerhalb von 30 Sekunden sämtliche Informationen um die Ohren hauen, sondern eine Frau, die sich mit uns freut und sogar bereit ist, bei unserer kleinen Geheimoperation mitzumachen.
Als wir den Laden verlassen, fällt mir ein riesiger Stein vom Herzen. Das Brautkleid ist zwar noch nicht ausgesucht, aber wir haben endlich den richtigen Ort gefunden. Morgen kommen wir mit den Kindern wieder, und dann darf Bianca ganz in Ruhe ihre Auswahl treffen. Natürlich ohne zu ahnen, dass ihre Mutter und Cynthia bereits einen ziemlich genauen Plan haben, welches Kleid besonders geeignet wäre. Ich hoffe nur, dass Bianca nicht ausgerechnet das Modell entdeckt, bei dem man zum Umdrehen einen eigenen Kreisverkehr benötigt. Dann müssten wir uns für den Helikopterflug vermutlich noch etwas einfallen lassen.
Inzwischen haben wir übrigens auch unser Hotel gewechselt. Nach unserer Nacht im Stratosphere ziehen wir heute ins Imperial Palace, mitten hinein ins Herz des Las Vegas Strip. Und was soll ich sagen? Der Unterschied zu unserem kürzlichen Aufenthalt im hochmodernen Aria könnte kaum größer sein. Dort haben wir noch mit der Fernbedienung die Vorhänge auf- und zugefahren und uns gefühlt wie die Besatzung eines Raumschiffs. Hier betreten wir ein Zimmer, bei dem die Innenarchitekten offenbar irgendwann in den Achtzigern beschlossen haben, dass Blümchenmuster niemals aus der Mode kommen werden.
Die Tagesdecken sind bunt gemustert, die Vorhänge ebenfalls, und selbst die Polster der Stühle scheinen sich an diesem floralen Gesamtkunstwerk beteiligen zu wollen. Dazu weiße Möbel, ein kleiner Fernseher und eine Einrichtung, die vermutlich schon einige Generationen amerikanischer Urlauber gesehen hat. Ich muss lachen. Das Imperial Palace ist wirklich kein Luxushotel, aber dafür liegt es fantastisch zentral, und schließlich wollen wir hier auch nicht unsere Flitterwochen verbringen. Wobei ich mir ziemlich sicher bin, dass dieses Zimmer schon so manches frisch verheiratete Paar gesehen hat. Vielleicht sogar noch in denselben Tagesdecken.
Der Pool sieht dagegen ausgesprochen einladend aus. Eine große Wasserfläche, Palmen, Liegestühle und künstliche Felsen, über die Wasser plätschert. Eigentlich genau der richtige Ort, um sich nach unseren bisherigen Abenteuern einmal ein paar Stunden auszuruhen. Aber dafür haben wir natürlich keine Zeit. Wir sind schließlich in Las Vegas, und hier gibt es an jeder Straßenecke irgendetwas zu entdecken. Außerdem müssen wir den Kindern später noch von unserem erfolgreichen Brautmoden-Einsatz berichten. Zumindest von dem Teil, den sie wissen dürfen.
Wir machen uns also auf den Weg und erkunden den mittleren- und südlichen Strip. Das ist einer der großen Vorteile unseres neuen Hotels: Wir wohnen jetzt wirklich mittendrin. Kaum treten wir vor die Tür, stehen wir zwischen riesigen Hotels, blinkenden Reklametafeln und Menschen aus aller Welt. Die Sonne brennt vom Himmel, aber das scheint hier niemanden davon abzuhalten, durch die Gegend zu laufen. Überall wird fotografiert, gelacht und gestaunt. Vor einem Geschäft steht ein lebensgroßer Bumblebee aus Transformers, der natürlich sofort unsere Aufmerksamkeit bekommt. Ein gelber Roboter mitten auf dem Strip – warum auch nicht? In Las Vegas wäre es vermutlich eher ungewöhnlich, wenn irgendwo einmal nichts Verrücktes herumstehen würde.
Wir laufen am Flamingo vorbei, schauen uns die Umgebung des Caesars Palace an und schlendern durch die Forum Shops. Auch hier hat man sich bei der Gestaltung nicht gerade zurückgehalten. Riesige Säulen, kunstvolle Fassaden und Geschäfte, in denen man vermutlich schon beim Betreten das Gefühl bekommt, sein Kreditkartenlimit überprüfen zu müssen. Stefan entdeckt unterwegs natürlich auch wieder irgendwelche Sonderangebote. Auf einem Foto steht er mit einer roten SALE-Tüte am Wasser und sieht ausgesprochen zufrieden aus. Ich bin mir nicht sicher, was er gekauft hat, aber allein die Tatsache, dass irgendwo SALE draufsteht, scheint in Las Vegas bereits ein ausreichender Grund zu sein, sich näher damit zu beschäftigen.
Zwischendurch gönnen wir uns eine kleine Pause und etwas zu trinken. Stefan sitzt mit seinem Becher da und saugt konzentriert an einem grünen Strohhalm, als würde er versuchen, die letzten Reserven aus einer Ölquelle zu fördern. Nach unseren bisherigen Ausflügen ist so eine ganz normale Erfrischung allerdings auch dringend notwendig. Immerhin müssen wir heute weder einen Reifen wechseln noch durch eine Salzwüste marschieren. Das ist für unsere Verhältnisse inzwischen schon fast ein Wellnessprogramm.

Am Abend fahren wir zum Rio Hotel & Casino. Das liegt etwas abseits des Strips und ist vor allem für sein großes Buffet bekannt. Und da wir nach all den aufregenden Tagen wieder einmal ordentlich Hunger haben, erscheint uns das als ausgesprochen vernünftige Entscheidung. Das Rio leuchtet schon von Weitem mit seiner riesigen bunten Reklame, und im Inneren erwartet uns natürlich wieder ein Casino, in dem unzählige Spielautomaten vor sich hin blinken und klingeln. Wir schlendern ein wenig durch die Spielbereiche, schauen uns um und genießen anschließend das Buffet. In Las Vegas sind solche Buffets ja beinahe eine eigene Sehenswürdigkeit. Man bekommt eine Auswahl serviert, für die man zu Hause vermutlich drei Supermärkte und eine mittelgroße Großküche bräuchte. Und natürlich möchte man am liebsten alles probieren. Schließlich hat man ja bezahlt. Eine Einstellung, die spätestens beim dritten Gang zum Dessertbuffet gewisse körperliche Konsequenzen haben kann.

Nach dem Essen drehen wir noch eine Runde durch das Casino. Überall sitzen Menschen vor Spielautomaten, beobachten konzentriert die Walzen oder hoffen beim nächsten Knopfdruck auf den großen Gewinn. Manche wirken dabei so ernst, als würden sie gerade über das Schicksal der Welt entscheiden. Andere sitzen mit einem Getränk in der Hand da und lassen sich von den blinkenden Lichtern unterhalten. Wir schauen uns das Ganze eine Weile an, bevor wir uns wieder auf den Weg machen.
Auf dem Parkplatz des Rio bietet sich uns dann noch ein fantastischer Blick auf die nächtliche Skyline von Las Vegas. Von hier aus sehen wir die riesigen Hotelkomplexe des CityCenters, die beleuchteten Fassaden und die unzähligen Lichter der Stadt. Besonders die modernen Glastürme wirken bei Nacht beeindruckend. Wir machen natürlich wieder jede Menge Fotos. Ich finde diesen Blick fast noch schöner als direkt vom Strip aus, weil man von hier erst richtig erkennt, wie gigantisch diese Hotelanlagen eigentlich sind. Tagsüber sieht Las Vegas schon verrückt aus, aber nachts legt die Stadt noch einmal eine ordentliche Schippe drauf. Überall glitzert und blinkt es, und man könnte meinen, hier hätte jemand beschlossen, sämtliche Weihnachtsbeleuchtungen der Welt gleichzeitig einzuschalten.
Zurück im Imperial Palace wartet allerdings noch eine ganz besondere Attraktion auf uns. Denn dieses Hotel ist nicht nur wegen seiner Lage interessant, sondern auch wegen seiner sogenannten Dealertainers. Das ist eine Mischung aus Dealer und Entertainer, und die Idee ist so herrlich verrückt, dass sie eigentlich nur aus Las Vegas stammen kann. An den Spieltischen stehen nämlich keine gewöhnlichen Croupiers, sondern Mitarbeiter, die als berühmte Musiker verkleidet sind und zwischendurch auch noch auftreten.
Und so begegnen wir an diesem Abend unter anderem Elvis Presley. Nicht nur einem, sondern gleich mehreren! Einer trägt einen knallroten Glitzeranzug, ein anderer steht in einem weißen Bühnenkostüm am Mikrofon, und zwischendurch taucht auch noch ein Elvis in Gold auf. Dazu kommen weitere musikalische Doppelgänger, die mit erstaunlicher Begeisterung ihre Auftritte absolvieren. Eben noch werden am Spieltisch Karten verteilt, und im nächsten Moment steht der Dealer auf einer kleinen Bühne und singt. Das ist doch einmal eine interessante Stellenbeschreibung. „Gesucht: Blackjack-Dealer mit Erfahrung im Kartengeben, guten Elvis-Imitationen und sicherem Hüftschwung.“

Besonders lustig finde ich die Mischung aus Glücksspiel und Show. Da sitzt man gemütlich am Tisch, versucht vielleicht gerade sein Glück beim Blackjack, und plötzlich beginnt der Mann, der eben noch die Karten ausgeteilt hat, ein Lied zu schmettern. Ein Elvis-Doppelgänger in goldenem Anzug sitzt sogar direkt am Spieltisch. Ich muss unwillkürlich daran denken, dass Bianca übermorgen in Las Vegas heiraten wird. Elvis spielt bei unserer Hochzeit zwar keine Rolle, aber hier begegnet man ihm inzwischen so häufig, dass ich langsam den Eindruck bekomme, der King habe seinen Tod lediglich vorgetäuscht, um anschließend in Nevada eine neue Karriere als Casinoangestellter zu beginnen.
Wir bleiben eine ganze Weile stehen, schauen den Auftritten zu und amüsieren uns köstlich. Gerade diese etwas schrägen Attraktionen machen Las Vegas für mich so besonders. Hier muss nicht immer alles perfekt oder besonders edel sein. Manchmal reicht es völlig, wenn ein Mann mit schwarzer Perücke, Sonnenbrille und Glitzeranzug auf einer kleinen Bühne steht und voller Überzeugung Elvis spielt, während wenige Meter daneben jemand sein Urlaubsgeld am Roulettetisch verspielt. Das ist Unterhaltung, wie sie nur diese Stadt zustande bringt.
Als wir schließlich auf unsere Zimmer zurückkehren, bin ich ziemlich zufrieden mit unserem Tag. Die Autos sind wieder in Ordnung, wir haben ein neues Hotel mitten am Strip, einen wunderbaren Abend erlebt und vor allem endlich eine Lösung für die Hochzeitskleidung gefunden. Morgen steht die große Anprobe an. Cynthia ist eingeweiht, Stefan und ich kennen den Plan, und Bianca und Patrick ahnen noch immer nichts von ihrem Helikopterflug. Wenn alles klappt, wird unsere Tochter morgen ein wunderschönes Brautkleid finden, das zufällig auch noch hervorragend für einen Flug über den Grand Canyon geeignet ist.
Ich bin gespannt, ob wir sie tatsächlich so unauffällig in die richtige Richtung lotsen können. Schließlich kennt Bianca ihre Mutter, und wenn ich mich plötzlich auffallend begeistert für schmale Brautkleider interessiere, könnte sie möglicherweise misstrauisch werden. Aber wir haben ja Cynthia. Und die hat heute bereits bewiesen, dass sie nicht nur etwas von Brautmode versteht, sondern auch eine ausgezeichnete Komplizin abgibt.
Jetzt muss morgen nur noch alles funktionieren. Und übermorgen wird geheiratet.
Bis dahin wäre es allerdings ausgesprochen nett, wenn uns Las Vegas keine weiteren Überraschungen in Form von kaputten Autoreifen, technischen Warnleuchten oder schlecht gelaunten Brautmodenverkäuferinnen bescheren würde. Wir haben schließlich noch eine Hochzeit zu organisieren.



























