200 Millionen Jahre alte Baumstämme, ein tiefgekühltes Frühstück und vier Bundesstaaten auf allen vieren
Unser erster Morgen im Wigwam Motel beginnt mit einer durchaus ungewöhnlichen Erkenntnis: Wir haben tatsächlich in einem Beton-Indianerzelt geschlafen! Und zwar richtig gut. Wer hätte gedacht, dass man mitten in Arizona in einer Unterkunft übernachten kann, die von außen aussieht wie die Behausung eines Indianerhäuptlings und von innen ungefähr den Charme eines amerikanischen Motelzimmers aus den Fünfzigerjahren besitzt? Ich finde es herrlich. Kein austauschbares Hotelzimmer, bei dem man morgens erst einmal überlegen muss, in welcher Stadt man sich eigentlich befindet. Hier genügt ein Blick auf die schräg zulaufenden Wände, und schon ist klar: Wir sind in Holbrook, an der legendären Route 66, und unser Urlaub könnte kaum amerikanischer sein.
Draußen begrüßt uns bereits die Sonne. Die alten Straßenkreuzer stehen noch genauso vor den Wigwams wie gestern Abend, und unser weißer Jeep wartet geduldig darauf, wieder über die Highways gescheucht zu werden. Viel Zeit zum Trödeln haben wir allerdings nicht, denn heute steht ein ziemlich umfangreiches Programm auf dem Plan. Arizona hat schließlich noch einiges zu bieten, und wir haben keineswegs vor, uns auf die faule Haut zu legen. Außerdem sind wir dank unseres hartnäckigen Jetlags ohnehin wieder früh wach. Ausschlafen wird offenbar völlig überbewertet. Andere Menschen brauchen im Urlaub einen Wecker, wir haben unsere innere Uhr, die konsequent darauf besteht, dass sechs Uhr morgens eine ausgezeichnete Zeit für den Beginn eines neuen Abenteuers ist.
Also Koffer ins Auto, ein letzter Blick auf unser Wigwam und los geht’s. Frühstück gibt es hier leider keines, aber das ist zunächst kein Problem. Wir sind schließlich in Amerika! Irgendwo wird sich schon ein Denny’s, ein McDonald’s oder wenigstens ein Diner finden, in dem man uns mit Kaffee, Eiern und einer ordentlichen Portion Pancakes versorgt. Amerikaner verhungern schließlich auch nicht, nur weil sie morgens ihr Haus verlassen.
Unser erstes Ziel liegt praktisch vor der Haustür: der Petrified Forest National Park. Ein Nationalpark voller versteinerter Baumstämme, die rund 200 Millionen Jahre alt sind. Ich bin gespannt. Stefan vermutlich auch, wobei ich nicht ausschließen möchte, dass er sich nach unserem gestrigen Besuch in Tuzigoot bereits auf eine weitere ausgedehnte Besichtigung alter Steine vorbereitet hat. Diesmal sind es allerdings keine gewöhnlichen Steine, sondern ehemalige Bäume. Das macht die Angelegenheit natürlich wesentlich interessanter. Jedenfalls für mich.
Wir fahren zum südlichen Parkeingang und stehen wenig später vor einem verschlossenen Tor. Na wunderbar! Da sind wir schon extra früh aufgestanden, und jetzt müssen wir warten, bis der Nationalpark ausgeschlafen hat. Auf einem Schild steht unmissverständlich „Park Closed – Do Not Enter“. Offenbar nimmt man das hier mit den Öffnungszeiten ziemlich genau. Während wir also bereits voller Tatendrang vor dem Tor stehen, hat die amerikanische Nationalparkverwaltung beschlossen, dass die Weltgeschichte noch ungefähr zwanzig Minuten auf uns warten kann.

Wir nutzen die Gelegenheit, um uns ein bisschen umzuschauen, und erfahren dabei auch, weshalb der Park so streng bewacht wird. Hier verschwinden nämlich immer wieder Stücke des versteinerten Holzes. Manche Besucher scheinen der Ansicht zu sein, dass ein 200 Millionen Jahre altes Stück Erdgeschichte ein besonders hübsches Souvenir für die heimische Wohnzimmervitrine abgeben würde. Und weil offenbar nicht jeder zwischen „anschauen“ und „einpacken“ unterscheiden kann, wird hier ziemlich genau darauf geachtet, dass die Besucher abends den Park verlassen und möglichst nichts mitnehmen, was sie morgens noch nicht besessen haben.
Das kann ich durchaus verstehen. Wenn jeder Besucher nur ein kleines Stückchen versteinertes Holz einstecken würde, wäre irgendwann vermutlich nicht mehr viel vom Petrified Forest übrig. Dann könnte man den Nationalpark schließen und stattdessen einen großen Parkplatz eröffnen. Wäre schade drum.
Nach ungefähr zwanzig Minuten öffnet sich endlich das Tor, und wir dürfen hinein. Der Park gehört uns zwar nicht ganz allein, aber um diese Uhrzeit ist noch erfreulich wenig los. Herrlich! Keine Reisebusse, keine Menschenmassen und niemand, der einem ständig durchs Foto läuft. Wir können uns in aller Ruhe umsehen.
Und schon nach kurzer Zeit wird klar, dass sich das frühe Aufstehen gelohnt hat. Überall liegen versteinerte Baumstämme herum. Große, kleine, dicke, dünne, manche vollständig erhalten, andere in einzelne Stücke zerbrochen. Auf den ersten Blick könnte man tatsächlich meinen, hier hätte jemand einen riesigen Wald gefällt und die Stämme anschließend einfach liegen lassen. Doch sobald man näher herangeht, erkennt man, dass es sich längst nicht mehr um Holz handelt. Die Oberflächen glänzen in den unterschiedlichsten Farben, von tiefem Rot über Braun und Gelb bis hin zu beinahe durchsichtigem Weiß. Manche Stücke sehen aus, als hätte ein besonders begabter Künstler sie aus Edelsteinen zusammengesetzt. Ich bin begeistert!

Vor ungefähr 200 Millionen Jahren standen diese Bäume in einer völlig anderen Landschaft. Hier gab es Flüsse, üppige Vegetation und ein Klima, das mit der heutigen trockenen Wüste herzlich wenig gemeinsam hatte. Irgendwann wurden die umgestürzten Bäume von Sedimenten bedeckt, und über unvorstellbar lange Zeiträume ersetzten Mineralien nach und nach das ursprüngliche Holz. Herausgekommen sind diese fantastischen steinernen Überreste, bei denen man teilweise sogar noch die Jahresringe erkennen kann.
Ich knie mich vor einen besonders schönen Stamm und betrachte die Farben. Unglaublich, was die Natur da zustande gebracht hat! Wenn man bedenkt, wie alt diese Bäume sind, fühlt man sich mit seinen eigenen Lebensjahren plötzlich ausgesprochen jugendlich. Das ist doch auch mal eine erfreuliche Erkenntnis.
Stefan betrachtet die Baumstämme ebenfalls und muss zugeben, dass sie tatsächlich beeindruckend aussehen. Immerhin handelt es sich diesmal nicht einfach nur um irgendwelche alten Mauern, sondern um Holz, das beschlossen hat, Stein zu werden. Das muss man schließlich erst einmal schaffen.
Wir laufen durch den Crystal Forest, einen der schönsten Bereiche des Parks. Der Weg schlängelt sich durch eine karge, fast mondähnliche Landschaft, in der überall die bunten versteinerten Baumstämme verstreut liegen. Manche wirken, als hätte sie jemand mit einer riesigen Säge sauber in einzelne Scheiben geschnitten. Tatsächlich sind sie durch natürliche Spannungen zerbrochen, aber der Anblick ist verblüffend. Ich kann kaum glauben, dass diese perfekt wirkenden Stücke seit Millionen von Jahren hier herumliegen.
Natürlich wird fotografiert, was die Speicherkarte hergibt. Ganze Baumstämme, einzelne Stücke, Nahaufnahmen der glänzenden Oberflächen und immer wieder die unglaubliche Landschaft drumherum. Stefan darf zwischendurch sogar auf einem besonders großen versteinerten Stamm Platz nehmen, was selbstverständlich ebenfalls fotografisch dokumentiert werden muss. So ein 200 Millionen Jahre alter Baum ist schließlich nicht jeden Tag als Sitzgelegenheit verfügbar.
Und dann bekommen wir plötzlich Besuch. Auf einem Hügel entdecken wir einen Gabelbock, einen sogenannten Pronghorn. Ein wunderschönes Tier, das mit seiner schlanken Gestalt und den auffälligen Hörnern ein bisschen an eine Antilope erinnert. Es steht dort oben, schaut zu uns herunter und scheint sich ernsthaft zu fragen, was diese beiden Menschen schon wieder in seinem Wohnzimmer verloren haben.Wir bleiben stehen und beobachten es. Der Gabelbock wiederum beobachtet uns. Für einen kurzen Moment herrscht gegenseitiges Interesse, dann kommt das Tier offenbar zu dem Schluss, dass wir weder besonders gefährlich noch sonderlich unterhaltsam sind, und verschwindet wieder in der Landschaft.

Ich bin begeistert. So etwas liebe ich an unseren USA-Reisen! Man fährt wegen versteinerten Baumstämmen in einen Nationalpark und bekommt nebenbei noch eine kleine Wildtiersafari geboten. Und das alles ohne Eintrittskarte für einen Zoo.
Nachdem wir uns ausgiebig mit den steinernen Überresten der Urzeit beschäftigt haben, fahren wir weiter in Richtung Norden. Denn der Petrified Forest National Park hat noch eine zweite große Attraktion zu bieten: die Painted Desert. Und was für eine! Die Landschaft verändert sich allmählich. Die versteinerten Baumstämme werden seltener, dafür tauchen immer mehr Hügel und Felsformationen auf, die aussehen, als hätte jemand riesige Berge aus verschiedenfarbigem Sand aufgeschüttet. Rot, Rosa, Grau, Weiß, Violett und Braun wechseln sich ab, manchmal in schmalen Streifen, manchmal in breiten Schichten. Dazwischen ziehen sich tiefe Rinnen und kleine Täler durch das Gelände.

Wir halten am ersten Aussichtspunkt, steigen aus und stehen vor einer Landschaft, die man eigentlich gar nicht richtig beschreiben kann. Meine Güte, ist das schön! Vor uns breitet sich ein gewaltiges Labyrinth aus Hügeln, Schluchten und Tälern aus. Die Berge wirken teilweise wie riesige, übereinandergeschichtete Torten, bei denen jemand mit der Farbwahl etwas großzügig gewesen ist. Andere erinnern an zusammengefaltete Stoffbahnen oder gewaltige Sandburgen. Und mittendurch schlängelt sich die Straße, winzig klein zwischen all diesen fantastischen Formationen.
Ich schaue hinunter und frage mich, wie die Natur es schafft, solche Landschaften zu erschaffen. Bei uns zu Hause würde man für eine derartige Farbgestaltung vermutlich einen Landschaftsarchitekten benötigen, der anschließend ein Vermögen in Rechnung stellt. Hier hat die Erde das einfach selbst erledigt. Zugegeben, sie hatte dafür auch ein paar Millionen Jahre Zeit.
Wir fahren von Aussichtspunkt zu Aussichtspunkt und steigen immer wieder aus. Jeder Blick ist anders, jede Felsformation hat ihre eigenen Farben und Formen. Mal dominieren warme Rottöne, dann wieder graue und weiße Schichten, die beinahe wie Schnee aussehen. Besonders faszinierend finde ich die sanft geschwungenen Hügel, deren Oberflächen von unzähligen kleinen Erosionsrinnen durchzogen sind. Es sieht aus, als hätte jemand die Landschaft mit einem riesigen Kamm bearbeitet. Und überall diese unglaubliche Weite! Am Horizont verschwimmen die Hügel langsam mit dem Himmel, und man bekommt das Gefühl, dass diese Landschaft überhaupt kein Ende nimmt. Dazu herrscht eine herrliche Ruhe. Kaum andere Besucher, kein Verkehrslärm, nur gelegentlich der Wind. Wir können uns kaum sattsehen.
Ich muss allerdings feststellen, dass die Amerikaner bei der Namensgebung gelegentlich eine erstaunliche Treffsicherheit besitzen. Painted Desert – bemalte Wüste. Genau so sieht es aus. Als hätte jemand einen gigantischen Farbkasten über Arizona ausgeschüttet und anschließend beschlossen, dass Aufräumen völlig überbewertet wird.
Nach unzähligen Fotostopps verlassen wir schließlich den Park. Ich könnte problemlos noch stundenlang hier herumfahren, aber unser heutiges Programm ist ohnehin schon ambitioniert genug. Außerdem meldet sich inzwischen mein Magen. Und zwar ziemlich deutlich. Wir haben schließlich noch immer nicht gefrühstückt!

Das Wigwam Motel hatte keine Verpflegung angeboten, und unsere optimistische Annahme, unterwegs würde sich schon irgendein Diner finden, erweist sich langsam als ausgesprochen gewagt. Seit Holbrook haben wir zwar jede Menge wunderschöne Landschaft gesehen, aber nichts, was auch nur entfernt nach einem ordentlichen Frühstück aussieht.
Wir fahren zurück auf die Interstate 40 und halten Ausschau nach den vertrauten amerikanischen Rettungsankern hungriger Reisender. Denny’s wäre wunderbar. McDonald’s würde es inzwischen auch tun. Selbst ein halbwegs vernünftiger Tankstellenkaffee mit einem Sandwich wäre willkommen. Aber nichts. Die Landschaft ist großartig, die Straßen sind herrlich leer, und offenbar hat hier niemand das Bedürfnis, morgens irgendwo etwas zu essen.
Wir verlassen die Interstate und biegen auf den Highway 191 Richtung Norden ab. Die Gegend wird noch einsamer, die Orte kleiner und unsere Hoffnung auf ein gemütliches Frühstück zunehmend unrealistisch. Ich beginne mich ernsthaft zu fragen, ob die Menschen hier ausschließlich von Sonnenlicht und guter Laune leben.

Irgendwann erreichen wir Ganado. Ein kleiner Ort, der zumindest eine Tankstelle besitzt. Und weil unser Magen inzwischen deutlich weniger anspruchsvoll geworden ist, beschließen wir, dort unser Glück zu versuchen. Drinnen finden wir tatsächlich Sandwiches! Wunderbar! Endlich etwas Essbares! Wir kaufen zwei abgepackte Exemplare und setzen uns damit ins Auto. Die Vorfreude ist groß. Nach einem ganzen Vormittag zwischen versteinerten Baumstämmen und bunten Wüstenlandschaften hat man schließlich Hunger auf etwas Handfestes. Ich beiße hinein. Und habe das Gefühl, gerade in einen Eiswürfel gebissen zu haben. Das Sandwich ist halb gefroren!
Nicht einfach nur gut gekühlt, sondern tatsächlich so kalt, dass man sich fragt, ob es ursprünglich als Tiefkühlprodukt gedacht war. Offenbar hat der Kühlschrank der Tankstelle beschlossen, seine Aufgabe etwas überzuerfüllen. Ich schaue Stefan an. Stefan schaut auf sein Sandwich. Wir müssen lachen. Da sitzen wir nun mitten in Arizona, umgeben von einer Landschaft, in der die Sonne alles gnadenlos aufheizt, und frühstücken tiefgekühlte Sandwiches. Das muss man auch erst einmal schaffen!
Aber Hunger macht erfinderisch. Wir essen trotzdem. Mit jedem Bissen wird das Brot ein bisschen weicher, und irgendwann schmeckt das Ganze sogar recht ordentlich. Vielleicht liegt es daran, dass wir inzwischen so hungrig sind, dass wir vermutlich auch eine Schuhsohle mit Mayonnaise für ein akzeptables Frühstück halten würden. Immerhin haben wir jetzt etwas im Magen. Und eine weitere Geschichte für unser Reisetagebuch. Weiter geht’s Richtung Canyon de Chelly!
Die Landschaft wird wieder weitläufiger, die Straßen ziehen sich durch das Gebiet der Navajo Nation, und wir genießen die Fahrt. Hier draußen ist Amerika noch einmal ganz anders als in den großen Städten. Kleine Siedlungen, vereinzelte Häuser, weite Ebenen und immer wieder diese beeindruckenden Felsformationen, die plötzlich aus der Landschaft aufragen.
Schließlich erreichen wir Chinle und damit den Canyon de Chelly National Monument. Schon der Name klingt geheimnisvoll. Canyon de Chelly – ausgesprochen ungefähr „de Schay“. Ich bin froh, dass wir hier nicht erst eine mündliche Prüfung ablegen müssen, bevor wir hineinfahren dürfen. Wir entscheiden uns für den South Rim Drive, der uns zu verschiedenen Aussichtspunkten entlang des Canyons führt. Und schon nach kurzer Zeit wird klar, dass sich auch dieser Abstecher mehr als gelohnt hat.
Der Canyon de Chelly ist unglaublich beeindruckend. Tief unter uns ziehen sich breite Täler durch die roten Felswände, und an manchen Stellen wachsen sogar Bäume und andere Pflanzen auf dem Talboden. Die steilen Felsen ragen teilweise mehrere Hundert Meter in die Höhe und leuchten in den unterschiedlichsten Rottönen.
Was mich besonders fasziniert, ist die Tatsache, dass dieser Canyon nicht einfach nur ein Naturdenkmal ist. Hier leben tatsächlich noch Menschen. Das Gebiet gehört zur Navajo Nation, und auf dem Talboden befinden sich Felder und Wohnbereiche. Während wir also von oben in diese gewaltige Landschaft schauen, spielt sich dort unten ganz normales Leben ab. Ein ziemlich außergewöhnlicher Wohnort, wenn man mich fragt.
Wir fahren weiter von Aussichtspunkt zu Aussichtspunkt, und natürlich muss ich überall fotografieren. Stefan kennt das Spiel inzwischen. Kaum haben wir einen Parkplatz verlassen, entdecke ich schon die nächste Stelle, an der wir unbedingt wieder anhalten müssen. Besonders beeindruckend ist der Spider Rock Overlook.
Dort erhebt sich mitten aus dem Canyon eine gewaltige, schmale Felsnadel, die rund 244 Meter hoch ist. Spider Rock! Ein riesiger steinerner Turm, der so senkrecht aus dem Talboden aufragt, dass man sich unwillkürlich fragt, weshalb er nicht längst umgefallen ist. Ich stehe am Aussichtspunkt und bin sprachlos. Na gut, zumindest beinahe. Ganz sprachlos bin ich ja bekanntlich selten.

Der Spider Rock sieht aus, als hätte jemand mitten im Canyon einen riesigen Zeigefinger aufgestellt. Einen ziemlich roten Zeigefinger. Und einen, der offenbar seit Jahrtausenden keinerlei Interesse daran hat, seine Position zu verändern.
Natürlich gibt es auch eine Geschichte dazu. In der Mythologie der Navajo lebt hier die Spider Woman, eine sagenhafte Gestalt, die den Menschen einst das Weben beigebracht haben soll. Allerdings hatte die gute Dame offenbar auch eine etwas weniger freundliche Seite. Unartige Kinder sollen nämlich ebenfalls auf ihrem Speiseplan gestanden haben. Na wunderbar!
Ich stelle mir gerade vor, wie praktisch diese Geschichte für die Erziehung gewesen sein muss. „Wenn du jetzt nicht sofort dein Zimmer aufräumst, kommt die Spinnenfrau und holt dich!“ Dagegen wirkt die Drohung mit einer Woche Fernsehverbot geradezu lächerlich. Wir benehmen uns vorsichtshalber ausgesprochen ordentlich, bleiben brav auf den Wegen und fotografieren den Spider Rock aus sicherer Entfernung. Man muss schließlich nichts herausfordern.

Auch die übrigen Aussichtspunkte sind wunderschön. Immer wieder eröffnen sich neue Blicke in die tiefen Schluchten, auf die roten Felswände und die grünen Streifen am Talboden. Der Canyon de Chelly hat eine ganz eigene Atmosphäre. Nicht ganz so gewaltig wie der Grand Canyon, aber dafür irgendwie persönlicher, abwechslungsreicher und mit einer faszinierenden Geschichte.
Nach unserer ausgiebigen Besichtigung fahren wir denselben Weg zurück nach Chinle. Und dort erwartet uns eine Überraschung, die nach unserem heutigen Frühstücksabenteuer fast schon wie ein Geschenk des Himmels wirkt. Burger King! Ein richtiger Burger King! Mit warmem Essen! Ich könnte die goldenen Buchstaben zwar nicht küssen, aber viel fehlt nicht. Das halbgefrorene Sandwich von heute Morgen hat inzwischen längst seinen Dienst quittiert, und unser Magen verlangt nach etwas, das nicht erst während des Kauens auftauen muss.

Wir bestellen Burger, Pommes und Getränke und genießen unser verspätetes Mittagessen. Nichts Besonderes, könnte man meinen. Aber nach einem Vormittag voller wunderschöner Landschaften und kulinarischer Entbehrungen schmeckt so ein Burger plötzlich wie ein Fünf-Gänge-Menü.
Gut gestärkt geht es anschließend weiter nach Norden. Unser nächstes Ziel ist ein Ort, an dem man etwas tun kann, das normalerweise nur mit erheblichem organisatorischem Aufwand möglich wäre: gleichzeitig in vier amerikanischen Bundesstaaten stehen. Four Corners Monument!

Hier treffen Arizona, Utah, Colorado und New Mexico an einem einzigen Punkt aufeinander. Vier Bundesstaaten, vier Grenzen, ein gemeinsamer Mittelpunkt. Und natürlich hat man daraus eine Sehenswürdigkeit gemacht. Schließlich wäre es doch ausgesprochen schade, wenn man eine derart praktische geografische Besonderheit einfach ungenutzt herumliegen ließe.
Wir bezahlen drei Dollar Eintritt pro Person und betreten das Gelände. Rund um den eigentlichen Grenzpunkt befinden sich Verkaufsstände, an denen Navajo-Kunsthandwerk, Schmuck und Souvenirs angeboten werden. Alles wirkt angenehm überschaubar, und in der Mitte liegt das eigentliche Monument.
Eine große runde Metallplatte markiert den Punkt, an dem die vier Bundesstaaten zusammentreffen. Die Namen sind sauber eingraviert, und natürlich stehen bereits andere Besucher dort, die versuchen, möglichst viele Körperteile gleichzeitig auf möglichst viele Bundesstaaten zu verteilen. Wir schauen uns das Schauspiel an und wissen sofort: Das müssen wir natürlich auch machen!

Ich begebe mich also auf alle viere, verteile Hände und Füße möglichst geschickt auf Arizona, Utah, Colorado und New Mexico und versuche dabei, nicht völlig bescheuert auszusehen. Ein hoffnungsloses Unterfangen. Aber was soll’s? Wann hat man schon einmal die Gelegenheit, gleichzeitig in vier Bundesstaaten herumzukrabbeln? Zu Hause würde man mich vermutlich fragen, ob ich etwas verloren habe. Hier gehört das zum offiziellen Besucherprogramm.
Stefan übernimmt die fotografische Dokumentation, während ich versuche, meine Gliedmaßen geografisch korrekt zu sortieren. Ein Arm in Utah, ein Bein in Arizona, die andere Hand in Colorado und der restliche Körper irgendwo zwischen New Mexico und einem akuten Lachanfall. Geschafft! Vier Bundesstaaten gleichzeitig besucht. Das soll uns erst einmal jemand nachmachen!
Natürlich darf auch Stefan seine geografischen Verrenkungen absolvieren, denn schließlich wollen wir beide etwas von dieser einmaligen Gelegenheit haben. Die Fotos werden vermutlich nicht unbedingt in einem Hochglanz-Reisemagazin erscheinen, aber dafür sorgen sie garantiert noch lange für Erheiterung. Nach diesem kleinen sportlichen Einsatz verlassen wir das Monument wieder. Vier Staaten auf einmal sind schließlich genug für einen Nachmittag. Unser nächstes Ziel liegt in Colorado: der Mesa Verde National Park. Und damit steht uns noch einmal ein richtiges Highlight bevor.
Die Landschaft verändert sich erneut, während wir in Richtung Mesa Verde fahren. Die Berge werden höher, die Straßen kurviger, und allmählich wird deutlich, dass wir uns inzwischen weit von der flachen Wüstenlandschaft des heutigen Morgens entfernt haben.
Schon die Auffahrt zum Nationalpark hat es in sich. Die Straße windet sich in zahlreichen Kurven den Berg hinauf, und immer wieder eröffnen sich herrliche Ausblicke auf die umliegende Landschaft. Stefan konzentriert sich auf die Fahrbahn, während ich natürlich am liebsten schon wieder alle paar Minuten anhalten würde.
Nach ungefähr 15 Kilometern erreichen wir den Bereich des Visitor Centers. Hier oben merkt man sofort, dass Mesa Verde kein Nationalpark ist, den man mal eben in einer halben Stunde besichtigt. Die Entfernungen sind beträchtlich, und die eigentlichen Sehenswürdigkeiten liegen noch ein gutes Stück weiter entfernt.

Aber wir sind schließlich nicht hierhergekommen, um nach der ersten Kurve wieder umzudrehen. Also fahren wir weiter auf den kurvenreichen Straßen durch den Park. Die Landschaft ist wunderschön. Bewaldete Hochebenen wechseln sich mit tiefen Schluchten ab, und immer wieder bieten sich fantastische Ausblicke. Doch das eigentlich Faszinierende wartet in den Felswänden. Dort befinden sich die berühmten Cliff Dwellings, die jahrhundertealten Felsensiedlungen der Ancestral Puebloans. Und was für unglaubliche Bauwerke das sind!
Unter gewaltigen Felsüberhängen liegen ganze Ansammlungen kleiner Häuser, Türme und Räume. Manche bestehen aus mehreren Stockwerken, andere schmiegen sich so geschickt in die natürlichen Nischen der Felsen, dass man sie auf den ersten Blick beinahe übersieht. Ich stehe am Aussichtspunkt und kann kaum glauben, was ich da sehe. Wie um alles in der Welt haben die Menschen damals diese Siedlungen gebaut? Mitten in steilen Felswänden, teilweise hoch über dem Talboden, ohne moderne Maschinen, ohne Baugerüste und vermutlich auch ohne die Möglichkeit, mal eben im Baumarkt fehlende Schrauben zu kaufen.

Schon der Gedanke, dort täglich ein- und auszugehen, wäre für mich eine echte Herausforderung. Ich stelle mir gerade vor, wie ich morgens verschlafen aus meinem Felsenhaus klettere, um irgendwo unten Wasser zu holen. Spätestens nach dem dritten Aufstieg würde ich vermutlich ernsthaft über eine Wohnung im Erdgeschoss nachdenken.
Stefan betrachtet die Siedlungen ebenfalls und muss diesmal sogar zugeben, dass diese alten Steine wirklich beeindruckend sind. Immerhin! Wir machen Fortschritte. Wir entscheiden uns allerdings gegen eine geführte Tour direkt in die Felsensiedlungen. Dafür müsste man sich an feste Zeiten halten, und nach unserem ohnehin schon ziemlich umfangreichen Tagesprogramm möchten wir lieber in unserem eigenen Tempo unterwegs sein. Außerdem kann man viele der Anlagen von den Aussichtspunkten aus hervorragend sehen.
Also fahren wir weiter über die verschiedenen Rundstraßen, halten immer wieder an und bestaunen die alten Bauwerke. Besonders beeindruckend finde ich, wie geschickt die Siedlungen in die Felswände eingepasst wurden. Teilweise erkennt man erst beim zweiten Hinsehen, dass sich dort überhaupt Häuser befinden. Die Menschen, die hier vor vielen Jahrhunderten lebten, hatten offensichtlich ein bemerkenswertes Gespür für Architektur. Und vermutlich auch eine ausgesprochen gute Kondition.
Während wir von einem Aussichtspunkt zum nächsten fahren, wird es langsam später. Die Sonne steht inzwischen tiefer, und wir merken allmählich, dass unser heutiger Tag doch ziemlich lang geworden ist.
Wir haben heute Morgen in einem Wigwam in Holbrook angefangen, sind durch den Petrified Forest und die Painted Desert gefahren, haben im Canyon de Chelly den Spider Rock bestaunt, uns am Four Corners Monument auf alle viere begeben und stehen jetzt mitten in Colorado vor jahrhundertealten Felsensiedlungen. Und das alles an einem einzigen Tag! Ich glaube, andere Menschen verteilen ein solches Programm auf eine ganze Urlaubswoche. Aber wir sind eben wir. Wenn irgendwo eine interessante Sehenswürdigkeit liegt, dann muss sie auch angeschaut werden. Schließlich weiß man nie, wann man wieder in diese Gegend kommt.
Irgendwann verabschieden wir uns von Mesa Verde und machen uns auf den Weg nach Durango, wo wir heute übernachten möchten. Gegen 20 Uhr erreichen wir schließlich die Stadt. Wobei uns die Uhrzeit ein wenig irritiert, denn unterwegs haben wir durch den Wechsel von Arizona nach Colorado auch noch eine Stunde verloren. Einfach so! Man fährt gemütlich über eine Staatsgrenze, und plötzlich ist es eine Stunde später. Ich finde, man sollte wenigstens gefragt werden, ob man diese Stunde nicht vielleicht noch braucht. Gerade an einem Tag wie heute könnten wir sie durchaus gebrauchen.

Aber Colorado interessiert sich offenbar nicht für unsere Zeitplanung. In Durango angekommen, müssen wir zunächst unser Hotel finden. Gebucht haben wir das Alpine Inn, ein gemütliches Motel, das laut unseren Unterlagen irgendwo hier liegen müsste. Nur leider finden wir es nicht. Wir fahren die Straße entlang, schauen nach links und rechts und entdecken alles Mögliche. Tankstellen, Restaurants, andere Motels. Aber kein Alpine Inn. Seltsam. Wir kontrollieren die Adresse. Die stimmt. Also fahren wir noch einmal zurück. Wieder nichts. Langsam frage ich mich, ob unser Hotel möglicherweise beschlossen hat, sich vor uns zu verstecken. Vielleicht haben wir auch einfach zu viele Stunden in der Sonne verbracht und übersehen inzwischen ganze Gebäude.

Beim dritten Versuch fällt uns schließlich ein Motel auf, das verdächtig genau dort steht, wo eigentlich unser Alpine Inn sein sollte. Knights Inn steht auf dem Schild. Aha! Unser Hotel hat offenbar zwischen Buchung und Anreise beschlossen, sich einen neuen Namen zuzulegen. Ohne uns darüber zu informieren, versteht sich. Wahrscheinlich wollte es einfach noch einmal ganz von vorne anfangen. Andere Leute wechseln die Frisur, amerikanische Motels eben gleich den Namen. Wir halten an, gehen zur Rezeption und fragen vorsichtshalber nach. Und tatsächlich: Das ist unser Hotel! Na wunderbar. Wieder ein Rätsel gelöst.
Wir checken ein, bringen unsere Sachen ins Zimmer und stellen fest, dass wir eigentlich ziemlich müde sind. Kein Wunder nach diesem Tag. Aber bevor wir endgültig ins Bett fallen, müssen wir noch etwas erledigen. Abendessen! Und zwar möglichst etwas Ordentliches.
Also machen wir uns noch einmal auf den Weg in die Innenstadt von Durango. Schon bei der Fahrt durch die Straßen gefällt uns die Stadt ausgesprochen gut. Alte Gebäude, hübsche Geschäfte, gemütliche Restaurants und eine angenehme Atmosphäre. Durango wirkt wie eine dieser amerikanischen Kleinstädte, in denen man sich sofort wohlfühlt.
Wir schlendern ein wenig durch die Straßen und entdecken schließlich Francisco’s Mexican Restaurant. Das sieht doch vielversprechend aus! Drinnen empfängt uns eine gemütliche Atmosphäre, und nach einem kurzen Blick in die Speisekarte steht fest, was wir essen möchten. Steak! Schon wieder. Aber nach einem Tag voller Nationalparks, Felsensiedlungen und geografischer Verrenkungen hat man sich schließlich etwas Ordentliches verdient. Außerdem sind amerikanische Steaks einfach zu gut, um sie ständig zugunsten irgendwelcher Experimente links liegen zu lassen.
Wir bestellen und bekommen wenig später genau das, worauf wir gehofft haben: ein großes, wunderbar gebratenes Steak, das uns sofort mit sämtlichen Strapazen des Tages versöhnt. Herrlich!
Während wir essen, lassen wir den Tag noch einmal Revue passieren. Besonders unser tiefgekühltes Frühstück sorgt dabei für Erheiterung. Wer hätte gedacht, dass wir ausgerechnet in Arizona Schwierigkeiten bekommen würden, ein warmes Sandwich aufzutreiben? Und dass ich am Nachmittag auf allen vieren über vier Bundesstaaten krabbeln würde, stand heute Morgen ebenfalls nicht unbedingt auf meiner persönlichen To-do-Liste.
Nach dem Essen schlendern wir noch ein bisschen durch Durango. Die Straßen sind inzwischen angenehm beleuchtet, vor den Restaurants sitzen Menschen, und die ganze Stadt hat eine gemütliche, fast schon einladende Atmosphäre. Hier könnte man es durchaus länger aushalten. Allerdings meldet sich inzwischen unser Körper mit einer ziemlich eindeutigen Botschaft: Feierabend!
Wir machen uns auf den Rückweg zum Hotel, fallen wenig später in unsere Betten. Morgen geht es weiter, und ich bin gespannt, welche Überraschungen Amerika dann für uns bereithält. Vielleicht finden wir ja sogar ein Frühstück, das bereits vor dem ersten Bissen vollständig aufgetaut ist. Das wäre zur Abwechslung auch mal ganz nett.
Good night from Durango!






































