Arizona Horseback Experience – Fünf Cowboys, 40 Grad und Sandwiches mit sechs Monaten Vorlauf
Heute steht ein ganz besonderer Tag auf unserem Programm. Heute tauschen wir den Asphalt gegen Pferderücken und die blinkenden Spielautomaten gegen die Landschaft Arizonas. Wir wollen reiten! Und zwar nicht eine Stunde gemütlich im Kreis, sondern einen richtigen Tagesritt durch die Wildnis. Das Ganze ist ein Weihnachtsgeschenk, das wir uns bereits vor einem halben Jahr ausgedacht haben. Damals, als in Deutschland noch Weihnachtsplätzchen auf dem Tisch standen, haben wir beschlossen, dass ein Ausritt durch Arizona doch eine wunderbare Idee wäre. Bei angenehmen Temperaturen im heimischen Wohnzimmer klang das jedenfalls ausgesprochen romantisch. Dass wir Ende Juni bei ungefähr 40 Grad im Schatten durch die Wüste reiten würden, haben wir damals vermutlich erfolgreich verdrängt. Aber was soll’s, John Wayne hat schließlich auch nicht ständig nach einer Klimaanlage gefragt.
Die Suche nach einem passenden Anbieter war allerdings gar nicht so einfach. Je näher der Sommer rückt, desto weniger Veranstalter bieten überhaupt noch Ausritte an. Offenbar haben die meisten Pferdebesitzer in Arizona irgendwann festgestellt, dass es bei diesen Temperaturen vernünftiger ist, die Pferde im Schatten stehen zu lassen, statt Touristen durch die Landschaft zu transportieren. Nach ausgiebiger Internetrecherche stoßen wir schließlich auf die Arizona Horseback Experience von Ron und Marge Izzo. Und die gefällt uns auf Anhieb! Hier werden nicht dreißig wildfremde Menschen auf Pferde verteilt, um anschließend im Gänsemarsch durch die Gegend zu schaukeln. Ron organisiert individuelle Ausritte für kleine Gruppen, und genau das suchen wir. Wir wollen schließlich ein bisschen Abenteuer erleben und nicht wie eine Schulklasse auf Wandertag hintereinander herreiten.
Was wir zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht ahnen: Ron nimmt seinen Job ausgesprochen ernst. Sehr ernst. Ungefähr so ernst wie ein deutscher TÜV-Prüfer, der gerade einen dreißig Jahre alten Wohnwagen unter die Lupe nimmt. Schon Monate vor unserer Reise beginnt ein reger E-Mail-Verkehr. Ron möchte alles über uns wissen. Körpergröße, Gewicht, Reiterfahrung und vermutlich hätte er auch noch unsere Schuhgröße und die Blutgruppe abgefragt, wenn er darin irgendeinen Vorteil für seine Pferde gesehen hätte. Jeder von uns soll schließlich ein Tier bekommen, das zu ihm passt. Das finde ich grundsätzlich hervorragend, auch wenn ich beim Ausfüllen der Gewichtsangaben kurz überlege, ob ich nicht doch ein paar Pfund unterschlagen sollte. Andererseits möchte ich natürlich auch nicht, dass mein Pferd nach fünf Kilometern einen Antrag auf vorzeitige Pensionierung stellt.
Dann kommt die Sache mit dem Mittagessen. Im Preis unseres Tagesritts ist nämlich ein Lunchpaket enthalten, und dafür müssen wir bereits im Januar unsere Bestellung aufgeben. Im JANUAR! Für ein Sandwich, das wir irgendwann Ende Juni essen werden! Ron schickt uns eine ausführliche Liste mit sämtlichen Möglichkeiten. Turkey, Roast Beef oder Ham? Weißbrot oder Vollkorn? Swiss Cheese, Cheddar oder American Cheese? Mayonnaise oder Senf? Salat oder lieber nicht? Ich sitze also mitten im deutschen Winter vor meinem Computer und soll entscheiden, worauf ich in sechs Monaten bei 40 Grad in der Wüste Appetit haben werde. Nicht einmal bei unserem Weihnachtsessen planen wir so weit im Voraus! Aber gut, wir arbeiten uns gewissenhaft durch die Auswahl und schicken unsere Bestellungen zurück. Ich hoffe nur, dass bis Juni niemand seine Meinung ändert. Bei Ron dürfte eine nachträgliche Änderung des Sandwichbelags vermutlich einen neuen Antrag in dreifacher Ausfertigung erfordern.
Auch bei der Kleidung überlässt Ron nichts dem Zufall. Wir bekommen ausführliche Hinweise zu Schuhen, Hosen, Socken, Kopfbedeckungen und sogar zur passenden Unterwäsche. Offenbar gibt es beim Reiten Dinge, über die man sich als Anfänger noch nie Gedanken gemacht hat, die einem nach fünf Stunden im Sattel aber vermutlich schmerzhaft bewusst werden. Eine Woche vor unserem Termin klingelt dann sogar unser Handy. Ron persönlich! Er möchte noch einmal sämtliche Einzelheiten durchgehen und sicherstellen, dass wir auch wirklich erscheinen. Ich bin begeistert. So viel Organisation habe ich selten erlebt. Wenn dieser Mann jemals nach Deutschland auswandert, könnte er problemlos eine Behörde leiten.

Und heute ist es endlich so weit. Wir haben die Nacht extra in Benson verbracht, damit wir am Morgen nicht erst aus Phoenix anreisen müssen. Um 8:30 Uhr stehen wir pünktlich auf der Ranch von Ron und Marge in der Nähe von Sonoita. Natürlich tragen wir unsere schwarzen „Böhm’s Group“-T-Shirts, die Nadine eigens für unsere Reise anfertigen ließ. Wenn wir schon als Cowboys durch Arizona reiten, dann wenigstens als geschlossene Mannschaft. Auf dem ersten Gruppenfoto sehen wir allerdings noch nicht besonders nach wildem Westen aus. Eher wie die Betriebsmannschaft einer deutschen Firma, die gerade zum jährlichen Teambuilding-Seminar eingetroffen ist. Stefan steht mit Sonnenbrille und Schnurrbart da, als wäre er persönlich für die Einhaltung der Ranchordnung zuständig, Patrick grinst ausgesprochen zuversichtlich, Nadine betrachtet die Angelegenheit zunächst mit einer gewissen Skepsis, und Bianca scheint bereits bestens gelaunt. Ich bin mir sicher, die Pferde haben uns längst beobachtet und sich ihre eigenen Gedanken gemacht.
Ron begrüßt uns herzlich, und dann beginnt zunächst einmal die Eingangskontrolle. Wir müssen tatsächlich noch einmal auf die Waage! Ich fasse es nicht. Da haben wir monatelang sämtliche Daten geliefert, und nun wird überprüft, ob wir in Amerika vielleicht zu viele Burger gegessen haben. Was angesichts unserer bisherigen Ernährung durchaus keine unbegründete Vermutung wäre. Ron vergleicht die Angaben, schaut sich unsere Größen an und entscheidet schließlich, dass zwei Pferde noch einmal ausgetauscht werden müssen. Hier wird wirklich nichts dem Zufall überlassen. Während Marge und Joel die Pferde vorbereiten, bekommen wir von Ron eine ausführliche Einführung in die hohe Kunst des Westernreitens.
Im Grunde erklärt er uns das Ganze so, dass selbst ein überzeugter Autofahrer damit etwas anfangen kann. Wie setzt man das Pferd in Bewegung? Wie hält man es wieder an? Wie lenkt man nach links oder rechts? Und vor allem: Was macht man, wenn das Pferd plötzlich eine andere Vorstellung von der geplanten Fahrtrichtung hat? Ich höre aufmerksam zu und hoffe insgeheim, dass mein zukünftiger vierbeiniger Untersatz über eine einigermaßen zuverlässige Lenkung verfügt. Eine Servolenkung wäre schön, aber vermutlich verlange ich damit schon wieder zu viel. Anschließend sprechen Ron, Marge und Joel noch ein kleines Gebet, in das ausdrücklich auch die Pferde eingeschlossen werden. Das finde ich eine ausgesprochen nette Geste. Wobei ich nach der ausführlichen Sicherheitseinweisung kurz überlege, ob die Sache vielleicht doch gefährlicher ist, als ich bisher angenommen habe.
Dann lernen wir endlich unsere Pferde kennen. Und was für eine Truppe! Patrick bekommt Joshua, einen kräftigen, gutmütigen Kerl, der auf den ersten Blick aussieht, als könnte ihn so schnell nichts aus der Ruhe bringen. Stefan wird Elijah zugeteilt, einem stattlichen Pferd, bei dem schon das Aufsteigen eine gewisse sportliche Herausforderung darstellt. Ron hat uns schließlich ausdrücklich darauf hingewiesen, dass man für Elijah entweder ziemlich groß oder ausgesprochen gelenkig sein sollte. Ich schaue Stefan an und bin gespannt, für welche dieser beiden Voraussetzungen er sich entscheiden wird. Bianca bekommt Jasper, einen wunderschönen Appaloosa mit grauem Fell und schwarzen Flecken. Jasper ist offenbar ein ausgesprochen schlaues Kerlchen und hat eine besondere Leidenschaft: Er kontrolliert gerne die Taschen seiner Reiter auf mögliche Leckereien. Nadine darf auf Light Platz nehmen, einem freundlichen Quarter Horse aus Wyoming, und mein Pferd heißt Samuel, kurz Sam. Ein ehemaliges Arbeitspferd, das früher beim Zusammentreiben von Rindern eingesetzt wurde und offenbar immer noch gerne beschäftigt ist. Na wunderbar! Während die anderen gemütliche Freizeitpferde bekommen, sitze ich demnächst auf einem pensionierten Cowboy, der möglicherweise bei jedem vorbeilaufenden Rind sofort wieder in den Dienstmodus schaltet.
Bevor wir allerdings losreiten können, müssen die Pferde zunächst in einen riesigen Anhänger verladen werden. Unsere Reittour beginnt nämlich nicht direkt auf der Ranch. Ron hat eine Strecke im Coronado National Forest ausgesucht, und dorthin müssen wir erst einmal fahren. Die Pferde steigen erstaunlich gelassen in ihren Transporter, als würden sie das jeden Morgen machen. Was vermutlich auch der Fall ist. Der kleine Hund Scottie darf ebenfalls mit. Er macht es sich bei Patrick im Fahrzeug gemütlich und scheint von der ganzen Angelegenheit ausgesprochen begeistert zu sein. Ich selbst fahre bei Joel im Truck mit, während die anderen mit Ron unterwegs sind. Etwa zwanzig Minuten geht es über staubige Gravel Roads, vorbei an Zäunen, Weideland und vereinzelten Ranchgebäuden. Die Landschaft wird immer ursprünglicher, und spätestens jetzt haben wir das Gefühl, tatsächlich im Wilden Westen angekommen zu sein.
Und das Wetter? Sensationell! Zumindest, wenn man eine Vorliebe für Backöfen hat. Über uns spannt sich ein wolkenloser blauer Himmel, die Sonne brennt erbarmungslos herunter, und das Thermometer bewegt sich irgendwo um die 40 Grad. Schatten ist hier ungefähr so häufig anzutreffen wie ein günstiger Parkplatz mitten auf dem Las Vegas Strip. Ich frage mich kurz, ob wir vielleicht doch besser einen Ausflug in eine klimatisierte Shoppingmall hätten buchen sollen. Aber dann werden die Pferde ausgeladen, die Sättel noch einmal kontrolliert, und plötzlich ist die Vorfreude wieder riesengroß.
Wenig später sitzen wir tatsächlich alle im Sattel. Fünf Mitglieder der Böhm’s Group, fünf Pferde und unsere beiden Begleiter Ron und Joel. Vor uns liegt die Landschaft Arizonas, und hinter uns bleiben die letzten Gebäude zurück. Die Pferde setzen sich in Bewegung, und wir reiten hinaus in eine Gegend, die mit den üblichen Touristenattraktionen herzlich wenig zu tun hat. Keine Souvenirläden, keine Restaurants, keine Menschenmassen. Nur trockene Hügel, Büsche, vereinzelte Bäume und immer wieder diese unglaubliche Weite. Der Weg führt uns durch das Gelände des Coronado National Forest, teilweise über schmale Pfade, die man als solche nur erkennt, wenn man sehr viel Fantasie besitzt oder Ron heißt.

Unser Ranchchef erklärt uns nämlich, dass diese Strecke noch relativ unberührt ist. Das merken wir spätestens, als wir an Stellen kommen, an denen Bäume und Sträucher offenbar beschlossen haben, den Weg wieder für sich zu beanspruchen. Ron und Joel müssen immer wieder Äste beiseiteschieben oder sogar absägen, damit wir mit unseren Pferden überhaupt durchkommen. Ich hatte mir einen Ausritt durch die Wildnis vorgestellt, aber dass wir uns den Weg stellenweise erst freischneiden müssen, stand nicht ausdrücklich in der Reisebeschreibung. Andererseits macht gerade das den Reiz aus. Wir reiten nicht über einen hübsch angelegten Touristenpfad, sondern tatsächlich mitten durch die Natur.
Zwischendurch führt uns der Weg an einem kleinen Fluss entlang und durch ein Gebiet, das einmal ein See gewesen sein muss. Viel Wasser ist davon allerdings nicht mehr übrig. Dafür wachsen hier riesige Schilfpflanzen, und die Landschaft verändert sich plötzlich völlig. Eben noch staubige Hügel und trockene Büsche, jetzt dichter Bewuchs und ein bisschen Grün. Die Pferde stapfen gelassen hindurch, während wir versuchen, möglichst würdevoll im Sattel zu sitzen. Was auf den Fotos teilweise sogar ganz gut gelingt. Zumindest solange niemand versucht, gleichzeitig zu reiten, sich umzudrehen und mit der Kamera zu fotografieren.
Nach einigen Stunden entdecken wir schließlich eine kleine Ansammlung von Bäumen, die tatsächlich so etwas wie Schatten spenden. Ein kleines Wunder mitten in dieser Hitze! Hier legen wir unsere Mittagspause ein. Die Pferde werden abgesattelt beziehungsweise angebunden und dürfen sich ebenfalls ausruhen, während wir uns auf die Suche nach geeigneten Sitzgelegenheiten machen. Einen Picknicktisch gibt es natürlich nicht. Wir befinden uns schließlich mitten in der Wildnis und nicht auf einem deutschen Wanderparkplatz mit Grillstelle und Hinweistafel zur Mülltrennung.
Aber zum Glück haben wir Stefan und Patrick dabei. Die beiden entdecken ein paar Baumstämme und beschließen kurzerhand, daraus eine improvisierte Sitzgruppe zu bauen. Es wird geschleppt, gerückt und ausprobiert, bis schließlich eine Konstruktion entsteht, die zumindest entfernt an Campingmöbel erinnert. Ich bin beeindruckt. Andere Menschen kaufen für viel Geld ultraleichte Outdoor-Ausrüstung, wir benötigen lediglich ein paar herumliegende Baumstämme und zwei Männer, die offensichtlich gerade Beschäftigung brauchen. Auf den Fotos sieht man wunderbar, wie wir schließlich zwischen Bäumen und Pferden sitzen und unsere Mittagspause genießen. Keine Tischdecke, keine Servietten, kein Kellner. Dafür eine Aussicht, die uns kein Restaurant der Welt bieten könnte.
Und dann kommt endlich der große Moment: Unsere Sandwiches werden ausgepackt!
Die Sandwiches, die wir im Januar bestellt haben! Ich kann es kaum glauben, aber tatsächlich bekommt jeder genau das, was er sich vor einem halben Jahr ausgesucht hat. Ron hat offenbar ein Gedächtnis wie ein Elefant oder ein Ablagesystem, das selbst einen deutschen Verwaltungsbeamten vor Neid erblassen lassen würde. Dazu gibt es Chips und Wasserflaschen, die zu Beginn unseres Ausritts noch komplett gefroren waren und inzwischen langsam auftauen. Eine ausgesprochen clevere Idee! Bei diesen Temperaturen wäre normales Wasser vermutlich schon nach kurzer Zeit so warm wie frisch aufgebrühter Tee. Unseres ist dagegen wunderbar kühl, teilweise sogar noch halb gefroren. Ich sitze also irgendwo in der Wildnis Arizonas auf einem Baumstamm, esse ein Sandwich, das ich vor sechs Monaten bestellt habe, und trinke Wasser aus einer Flasche, die langsam wieder in ihren ursprünglichen Aggregatzustand zurückkehrt. Manchmal ist das Leben wirklich herrlich absurd.
Während wir essen, kommen wir natürlich auch mit Ron und Joel ins Gespräch. Die beiden kennen diese Gegend wie ihre Westentasche und erzählen uns jede Menge Geschichten über die Vergangenheit Arizonas. Von alten Eisenbahnstrecken, die früher durch die Region führten, von Goldminen und den Menschen, die hier einst ihr Glück suchten. Ich schaue mich um und versuche mir vorzustellen, wie es gewesen sein muss, vor hundert Jahren durch diese Landschaft zu reisen. Ohne Klimaanlage, ohne Handy, ohne GPS und vor allem ohne die Gewissheit, dass irgendwo ein gekühltes Getränk auf einen wartet. Dagegen haben wir es heute ausgesprochen komfortabel.
Auch die Nähe zur mexikanischen Grenze ist immer wieder Thema. Ron und Joel erzählen von Menschen, die versuchen, illegal durch diese abgelegene Gegend in die USA zu gelangen. Wenn man sich hier umschaut, bekommt man eine Ahnung davon, wie gefährlich so ein Weg sein muss. Kilometerweit kaum Schatten, wenig Wasser, unwegsames Gelände und eine Hitze, die einem schon nach wenigen Minuten die Energie aus dem Körper zieht. Wir sind mit erfahrenen Begleitern unterwegs, haben ausreichend Getränke dabei und wissen genau, wohin wir wollen. Trotzdem sind wir froh über jede Pause im Schatten. Wie Menschen diese Landschaft zu Fuß und oft ohne ausreichende Versorgung durchqueren, kann ich mir kaum vorstellen.
Nach unserer ausgiebigen Mittagspause heißt es wieder aufsitzen. Und jetzt macht sich langsam bemerkbar, dass wir schon einige Stunden auf dem Pferderücken verbracht haben. Beim ersten Aufsteigen heute Morgen war noch alles wunderbar. Inzwischen melden sich allerdings Körperregionen, von deren Existenz ich bisher nur theoretisch wusste. Ich glaube, mein Hinterteil hat inzwischen die Form des Sattels angenommen und wird vermutlich noch einige Tage benötigen, um sich wieder an gewöhnliche Sitzmöbel zu gewöhnen. Aber wir lassen uns nichts anmerken. Schließlich sind wir Cowboys! Und Cowboys jammern bekanntlich nicht. Zumindest nicht, solange jemand mit einer Kamera in der Nähe steht.
Unsere Pferde tragen uns weiterhin zuverlässig durch die Landschaft. Sam macht seine Sache hervorragend, und ich habe inzwischen richtig Vertrauen zu ihm gefasst. Es ist ein tolles Gefühl, auf diesem kräftigen Tier zu sitzen und die Umgebung einmal aus einer ganz anderen Perspektive zu erleben. Die trockene Erde, das Knirschen der Hufe, das gelegentliche Schnauben der Pferde und die Stimmen unserer Begleiter – viel mehr hört man hier draußen nicht. Nach dem ununterbrochenen Lärm von Las Vegas ist diese Ruhe beinahe ungewohnt. Keine Spielautomaten, keine Musik aus Lautsprechern und niemand, der einem ein kostenloses Getränk anbietet, wenn man nur lange genug an einem Automaten sitzen bleibt. Stattdessen Natur pur. Und ich muss sagen, das gefällt mir ausgesprochen gut.
Natürlich werden unterwegs auch jede Menge Fotos gemacht. Ron lässt uns immer wieder anhalten, damit wir die Pferde und die Landschaft fotografieren können. Auf manchen Bildern sehen wir tatsächlich aus wie eine richtige kleine Cowboytruppe. Auf anderen eher wie fünf Touristen, die sich bemühen, nicht vom Pferd zu fallen. Aber das ist völlig egal. Wir haben einen Riesenspaß! Besonders schön finde ich die Aufnahmen, auf denen wir gemeinsam durch die offene Landschaft reiten. Die Berge im Hintergrund, die Pferde nebeneinander und darüber dieser unglaubliche blaue Himmel. Genau solche Bilder hatte ich im Kopf, als wir im Winter unseren Ausflug geplant haben.
Irgendwann zieht Ron dann auch noch eine Mundharmonika hervor und spielt ein paar Westernmelodien. Ich fasse es nicht! Jetzt fehlt wirklich nur noch, dass irgendwo John Wayne hinter einem Kaktus auftaucht und uns fragt, ob wir zufällig eine Postkutsche gesehen haben. Ron scheint jedenfalls genau zu wissen, wie man aus einem ohnehin schon großartigen Ausflug ein richtiges Erlebnis macht. Und dabei wirkt nichts aufgesetzt oder künstlich. Er ist einfach ein unglaublich herzlicher Mensch, der seine Pferde, seine Heimat und offenbar auch seine Mundharmonika liebt.
Nach ungefähr fünf Stunden erreichen wir schließlich wieder den Pferdetransporter. Ich bin ehrlich gesagt nicht unglücklich darüber, als ich endlich aus dem Sattel steige. Wobei „steigen“ vielleicht etwas optimistisch formuliert ist. Es fühlt sich eher so an, als müsste ich meine Beine erst einmal daran erinnern, dass sie normalerweise auch ohne Pferd funktionieren. Die ersten Schritte auf festem Boden sind jedenfalls etwas gewöhnungsbedürftig. Ich vermute, wir werden morgen alle einen ausgesprochen interessanten Gang haben. Aber das ist uns völlig egal. Wir sind glücklich, staubig, verschwitzt und begeistert von diesem Tag.
Natürlich verabschieden wir uns auch ausgiebig von unseren Pferden. Die haben heute wirklich ganze Arbeit geleistet und uns geduldig durch die Landschaft getragen. Ich streichle Sam noch einmal über den Hals und bedanke mich bei ihm. Er nimmt das vermutlich mit der Gelassenheit eines erfahrenen Arbeitspferdes zur Kenntnis, das schon ganz andere Gestalten auf seinem Rücken transportiert hat. Auch die anderen verabschieden sich von ihren vierbeinigen Begleitern, bevor diese wieder in den Anhänger steigen dürfen.
Zurück auf der Ranch wartet dann noch eine besonders nette Überraschung auf uns. Ron und Marge haben für jedes unserer Pferde einen kleinen persönlichen Steckbrief vorbereitet. Mit Namen, Eigenschaften und einer kurzen Beschreibung des jeweiligen Charakters. Ich finde diese Idee einfach großartig! So nehmen wir nicht nur Fotos und Erinnerungen mit nach Hause, sondern erfahren auch noch ein bisschen mehr über die Tiere, die uns heute begleitet haben.
Unsere Pferde
LorJoshua, Patricks Pferd, ist laut Beschreibung ein stattlicher, kräftiger Kerl mit einem ausgesprochen liebenswerten Charakter. Stark, gutmütig und ein echter Schmusebär. Das passt doch wunderbar zu einem frisch verheirateten Mann, der seit zwei Tagen offiziell unter der Haube ist.
Elijah, Stefans Pferd, kam ausgerechnet an Heiligabend auf die Ranch. Mit seiner auffälligen Fellzeichnung erinnert er Ron und Marge an Weihnachten. Er ist groß, hat einen angenehm weichen Gang und verlangt von seinem Reiter beim Aufsteigen entweder eine gewisse Körpergröße oder bemerkenswerte Gelenkigkeit. Ich vermute, Stefan wird sich vor allem an Letzteres erinnern.
Jasper, Biancas Pferd, ist ein wunderschöner Appaloosa mit grauem Fell und schwarzen Flecken. Er eignet sich sowohl für erfahrene Reiter als auch für Anfänger und Kinder. Wer die richtigen Schenkelhilfen beherrscht, kann mit ihm offenbar fast alles machen. Allerdings sollte man seine Taschen im Auge behalten, denn Jasper kontrolliert diese gerne auf mögliche Leckereien. Ein Pferd mit eingebauter Süßigkeitenkontrolle – ausgesprochen sympathisch.
Light, Nadines Pferd, ist ein ausgebildetes Western-Pleasure-Pferd, freundlich, unkompliziert und sehr kommunikativ. Ein registriertes Quarter Horse aus Wyoming, stattliche 16 Hands hoch. Also auch nicht gerade ein Pony, das man mal eben unter den Arm klemmt.
Und dann ist da natürlich Samuel, mein Sam. Mit seiner hellen Mähne und seinem freundlichen Wesen ist er ein ausgesprochen angenehmer Begleiter. Früher war er ein richtiges Arbeitspferd, das beim Zusammentreiben von Rindern eingesetzt wurde. Und offenbar steckt ihm diese Leidenschaft noch immer im Blut. Ich bin jedenfalls froh, dass uns unterwegs keine größere Rinderherde begegnet ist. Wer weiß, ob Sam dann nicht plötzlich beschlossen hätte, dass seine Mittagspause beendet ist und er wieder arbeiten muss.
Wir bedanken uns herzlich bei Ron, Marge und Joel für diesen wunderbaren Tag. Ich muss wirklich sagen, dass ich selten einen Ausflug erlebt habe, der so persönlich und liebevoll organisiert war. Angefangen bei den unzähligen E-Mails im Winter über die sorgfältige Auswahl der Pferde bis hin zu den Sandwiches, die tatsächlich genauso belegt waren, wie wir sie sechs Monate zuvor bestellt hatten. Hier merkt man einfach, dass Menschen mit Begeisterung bei der Sache sind. Und genau deshalb war dieser Ausritt so viel mehr als eine gewöhnliche Touristenattraktion.
Schließlich verabschieden wir uns und machen uns auf den Weg zurück nach Phoenix. Unser Urlaub neigt sich nun tatsächlich dem Ende entgegen, denn morgen geht es wieder nach Deutschland. Aber vorher haben wir noch ein letztes Mal Hunger. Und wo könnten wir diesen besser stillen als im Texas Roadhouse? Schließlich haben wir heute fünf Stunden im Sattel gesessen, und das dürfte zumindest gefühlt ungefähr dem Kalorienverbrauch eines Marathonlaufs entsprechen. Ein ordentliches Steak haben wir uns also redlich verdient. Zumindest rede ich mir das ein, während ich mich vorsichtig auf einen Restaurantstuhl setze und feststelle, dass mein Hinterteil inzwischen eine ausgesprochen kritische Einstellung gegenüber sämtlichen Sitzgelegenheiten entwickelt hat.

Beim Abendessen lassen wir den Tag noch einmal Revue passieren. Wir erzählen von unseren Pferden, lachen über die kleinen Erlebnisse unterwegs und sind uns alle einig, dass dieses Weihnachtsgeschenk ein Volltreffer war. Was für ein Unterschied zu den vergangenen Tagen! Vorgestern noch Elvis, Hochzeitskleid und Helikopterflug über den Grand Canyon, heute staubige Reitstiefel, Pferde und Sandwiches unter einem Baum. Genau diese Mischung macht unsere Reisen so besonders. Wir möchten nicht nur Sehenswürdigkeiten abhaken, sondern Dinge erleben, an die wir uns auch Jahre später noch erinnern werden.
Als wir schließlich im Hotel ankommen, sind wir alle ziemlich erledigt. Die Koffer müssen für den morgigen Rückflug noch einmal ordentlich gepackt werden, und vermutlich werden wir dabei feststellen, dass sich unser Gepäck während der vergangenen Wochen auf wundersame Weise vermehrt hat. Aber das ist ein Problem für später. Heute bin ich einfach nur glücklich über diesen wunderbaren Tag.
Und während ich mich ins Bett fallen lasse, denke ich noch einmal an Sam, an die staubigen Wege durch Arizona und an unsere kleine Cowboytruppe in ihren schwarzen Böhm’s-Group-T-Shirts. Was für ein Urlaub! Wir haben Amerika wieder einmal von so vielen unterschiedlichen Seiten erlebt, dass ich kaum glauben kann, wie viel in diese paar Wochen hineingepasst hat.
Morgen geht es nach Hause. Und ich habe da so eine Ahnung, dass ich den Rückflug hauptsächlich im Stehen verbringen möchte. Mein Hinterteil und ich müssen nämlich erst noch ein ernstes Gespräch über die vergangenen fünf Stunden führen.








































