Von Aliens, geheimen Militärbasen und der Frage: „Was stimmt eigentlich mit euch nicht?“
Es gibt Urlaubspläne, bei denen die ganze Familie sofort begeistert ist. Ein schöner Strand, ein toller Pool, vielleicht ein bisschen Shopping oder ein gutes Restaurant. Und dann gibt es unsere Urlaubspläne. Wir befinden uns mitten in Las Vegas, einer Stadt, die praktisch rund um die Uhr darum bettelt, dass man sein Geld ausgibt und sich dabei prächtig amüsiert. Wir haben ein fantastisches Hotel, herrliches Wetter und könnten den ganzen Tag gemütlich am Pool verbringen. Stattdessen haben Stefan und ich beschlossen, mit dem Kids heute einen Ausflug in die Wüste zu machen. Nicht etwa zu einem besonders schönen Aussichtspunkt oder einem berühmten Nationalpark. Nein, wir wollen nach Rachel. Ein winziges Kaff mitten im Nirgendwo, in dessen Nähe angeblich Außerirdische versteckt werden. Und wenn wir schon einmal dort sind, wollen wir natürlich auch gleich zur sagenumwobenen Area 51 fahren. Die Kinder ahnen zu diesem Zeitpunkt vermutlich noch nicht, auf was sie sich da eingelassen haben. Besonders Nadine wird im Laufe des Tages einige sehr berechtigte Fragen stellen.
Aber zuerst wird gefrühstückt. Wir beginnen unseren Samstag bei IHOP, dem International House of Pancakes, wo man schon morgens dafür sorgen kann, dass der Körper genügend Kalorien für die nächsten drei Wochen bekommt. Hier gibt es Pfannkuchen in allen erdenklichen Variationen, Eier, Bacon, Sirup und Kaffee, der zuverlässig nachgeschenkt wird, bevor man überhaupt bemerkt hat, dass die Tasse leer ist. Genau das Richtige, wenn man anschließend einen halben Tag durch die Wüste fahren möchte. Wir lassen es uns schmecken, während draußen bereits die Sonne vom Himmel brennt. Dann geht es los. Zwei Autos, vier Böhms und ein Bald-schon-Böhm und eine Mission, bei der vermutlich selbst Indiana Jones kurz nachfragen würde, ob wir wirklich nichts Besseres zu tun haben.
Wir verlassen Las Vegas auf der Interstate 15, wechseln später auf die US 93 und fahren immer weiter hinaus in die endlose Landschaft Nevadas. Die Stadt verschwindet hinter uns, die Häuser werden weniger, und irgendwann besteht die Umgebung praktisch nur noch aus Bergen, Geröll, Wüste und einer Straße, die schnurgerade bis zum Horizont führt. Hier draußen ist wirklich nicht viel los. Gelegentlich kommt uns ein Auto entgegen, ansonsten haben wir die Landschaft weitgehend für uns allein. Nach rund 140 Kilometern erreichen wir Crystal Springs, wo wir auf die Nevada State Route 375 abbiegen. Und die hat einen Namen, der schon deutlich macht, dass wir uns nicht mehr auf einer gewöhnlichen Landstraße befinden: Extraterrestrial Highway. Außerirdischen-Highway! Natürlich müssen wir sofort anhalten und das berühmte grüne Straßenschild fotografieren, das bereits von unzähligen Besuchern mit Aufklebern verziert wurde. Schließlich kann man nicht behaupten, auf dem Weg zu den Aliens gewesen zu sein, wenn man nicht wenigstens ein Foto vom Ortsschild hat. Ich schaue mich vorsichtshalber um, ob irgendwo ein Raumschiff landet. Nichts. Offenbar haben die Außerirdischen samstags ebenfalls frei.

Kurz nach der Abzweigung entdecken wir dann tatsächlich den ersten Vertreter einer fremden Spezies. Er ist riesig, silbern, hat einen überdimensionalen Kopf und steht vor einer halbrunden Blechhalle. Ein Alien! Allerdings eines, das offenbar aus alten Metallteilen zusammengeschweißt wurde und sich seit seiner Ankunft keinen Zentimeter mehr bewegt hat. Daneben steht ein Container mit der Aufschrift „Alien Area-51“, und die ganze Anlage sieht aus, als hätte jemand beschlossen, mitten in der Wüste einen Science-Fiction-Film zu drehen, allerdings mit dem Budget einer durchschnittlichen Gartenhütte. Das dazugehörige Museum hat leider noch geschlossen, also bleibt uns nur die Außenbesichtigung. Wir fotografieren natürlich trotzdem begeistert. Immerhin haben wir bereits nach wenigen Kilometern den ersten Außerirdischen gefunden. Wenn das so weitergeht, können wir uns die Fahrt zur Area 51 vielleicht sparen.
Wir fahren weiter, und die Landschaft wird immer einsamer. Kilometer um Kilometer zieht die Straße durch die Wüste, rechts und links nichts als trockene Ebenen, karge Berge und gelegentlich ein paar Sträucher. Hier könnte man problemlos eine komplette Marsmission drehen, ohne auch nur einen einzigen Statisten engagieren zu müssen. Nach weiteren rund 65 Kilometern erreichen wir schließlich Rachel, ein winziges Dorf mit gerade einmal knapp hundert Einwohnern. Wobei „Dorf“ eigentlich schon ziemlich großzügig formuliert ist. Ein paar Häuser, Wohnwagen, Container, jede Menge Staub und mittendrin die Hauptattraktion: das berühmte Little A’Le’Inn. Der Name ist natürlich ein Wortspiel mit „Little Alien“, und damit ist auch schon ziemlich genau beschrieben, worum sich hier alles dreht. Rachel liegt in der Nähe der geheimnisumwitterten Area 51, und seit Ende der Achtzigerjahre zieht der Ort UFO-Fans, Verschwörungstheoretiker und neugierige Touristen an, die hoffen, hier vielleicht einen Blick auf etwas zu erhaschen, das offiziell überhaupt nicht existiert.
Schon vor dem Little A’Le’Inn wird deutlich, dass man das Thema Außerirdische hier durchaus ernst nimmt. Zumindest geschäftlich. Vor dem Gebäude steht ein riesiges Schild mit der Aufschrift „Earthlings Welcome – Little A’Le’Inn“, daneben hängt an einem Abschleppwagen ein silbernes UFO, das offenbar gerade aus irgendeinem intergalaktischen Verkehrsunfall geborgen wurde. Eine fliegende Untertasse am Haken eines amerikanischen Pickups! Ich finde das großartig. Das ist genau die Sorte amerikanischer Verrücktheit, für die ich solche Ausflüge liebe. Natürlich wird alles ausgiebig fotografiert. Nadine und Bianca posieren vor dem Schild, Patrick untersucht die Umgebung und Stefan betrachtet die Konstruktion mit dem fachmännischen Blick eines Mannes, der sich vermutlich gerade fragt, wie man so ein Ding eigentlich auf einen Abschleppwagen bekommt.
Und dann kommt er. Mein persönlicher Lieblingsmoment dieses Tages. Nadine steht vor ihrem Papa, hebt die Hand an die Stirn und schaut ihn an, als hätte er soeben vorgeschlagen, zu Fuß zum Mond zu laufen. Ich kann mir lebhaft vorstellen, was in diesem Moment in ihrem Kopf vorgeht. Schließlich spricht sie es aus: „Was stimmt eigentlich mit euch nicht?“ Eine durchaus berechtigte Frage, wenn man bedenkt, dass wir heute Morgen noch in Las Vegas waren. „Ich könnte jetzt in Las Vegas am Pool liegen! Stattdessen fahren wir kilometerweit durch die Wüste, damit ich hier vor einem Container stehe, an dem ein komischer Lastwagen mit einem noch komischeren UFO hängt! Und deswegen sind wir hierhergefahren?“ Stefan versucht, ihr die kulturelle und möglicherweise außerirdische Bedeutung dieses Ortes näherzubringen. Ich glaube allerdings, seine Argumente haben ungefähr dieselbe Wirkung, als würde man einem überzeugten Vegetarier die Vorzüge einer Schweinshaxe erklären. Nadine schaut ihn weiterhin fassungslos an. Ich stehe daneben und könnte mich wegwerfen vor Lachen. Das Beste daran ist, dass wir ihr noch gar nicht erzählt haben, dass wir anschließend noch weiterfahren wollen. Zu einem Zaun. Mit Warnschildern. Mitten in der Wüste. Ich beschließe, diese Information erst einmal für mich zu behalten.

Zunächst schauen wir uns das Little A’Le’Inn von innen an. Wer hier ein modernes Besucherzentrum erwartet, wird vermutlich ziemlich enttäuscht sein. Das Ganze ist eher eine Mischung aus Kneipe, Souvenirladen und privatem UFO-Archiv, eingerichtet mit einer bemerkenswerten Liebe zum Detail und einer gewissen Gleichgültigkeit gegenüber modernen Einrichtungstrends. An den Wänden hängen Fotos angeblicher UFO-Sichtungen aus aller Welt. Meistens sind darauf irgendwelche verschwommenen Lichtpunkte zu erkennen, die genauso gut eine Straßenlaterne, ein Flugzeug oder ein schlecht fotografierter Vollmond sein könnten. Aber wer bin ich schon, solche Beweise anzuzweifeln? Vielleicht haben Außerirdische einfach grundsätzlich etwas gegen scharfe Fotos. Dazu gibt es Alien-Puppen, Alien-T-Shirts, Alien-Aschenbecher, Alien-Poster, Alien-Mousepads und wahrscheinlich auch Alien-Zahnstocher, falls man lange genug sucht. Hier wird wirklich jede erdenkliche Gelegenheit genutzt, aus kleinen grünen Männchen ein Geschäft zu machen.
Während sich eine Reisegruppe durch den kleinen Laden schiebt, schauen Patrick und ich nach passenden Souvenirs. Die beiden Mädels verschwinden derweil Richtung Toilette. Patrick entdeckt unter anderem Alien-Masken und T-Shirts mit ziemlich fragwürdigen Motiven. Wir amüsieren uns prächtig, während Nadine vermutlich noch immer darüber nachdenkt, wie sie ihren Eltern erklären soll, dass ein Urlaub in Las Vegas für sie normalerweise anders aussieht. Draußen machen wir noch ein paar Fotos mit dem UFO am Abschleppwagen, bevor wir uns wieder auf den Weg machen. Denn jetzt kommt der eigentliche Höhepunkt unseres Ausflugs: Wir wollen zur Area 51!

Die Area 51 ist eine streng geheime Militäranlage, deren Existenz die amerikanischen Behörden lange Zeit am liebsten überhaupt nicht diskutiert haben. Hier werden geheime Flugzeuge entwickelt und getestet, und seit Jahrzehnten ranken sich die wildesten Geschichten um das Gelände. Angeblich lagern dort abgestürzte UFOs, außerirdische Leichen und Technologien, die nicht von dieser Welt stammen. Andere vermuten schlicht geheime militärische Forschungsprojekte. Was davon stimmt, wissen wir natürlich nicht. Aber genau deshalb wollen wir ja wenigstens einmal bis an die Grenze fahren. Nicht, dass wir ernsthaft erwarten, dort von einem freundlichen Mitarbeiter begrüßt zu werden, der uns anschließend durch die UFO-Garage führt. Ein Foto vor den berühmten Warnschildern würde uns schon völlig reichen.
Stefan hat die Route ins Navi eingegeben, und zunächst sieht alles ganz einfach aus. Zumindest auf dem Bildschirm. In Wirklichkeit führt uns das Gerät allerdings kreuz und quer über irgendwelche Schotterpisten, die sich irgendwo im Nirgendwo verlieren. Wir fahren ein Stück, biegen ab, fahren wieder zurück und stehen schließlich vor der Erkenntnis, dass unser Navi offenbar selbst nicht so genau weiß, wo die Area 51 liegt. Vielleicht ist das ja Absicht. Möglicherweise haben die Amerikaner sämtliche Navigationsgeräte so programmiert, dass neugierige Touristen grundsätzlich erst einmal im Kreis fahren. Jedenfalls kommen wir nicht weiter. Also drehen wir um und fahren zurück zum Little A’Le’Inn. Dort gibt es tatsächlich eine kleine Wegbeschreibung zur geheimen Militärbasis. Für drei Dollar bekommen wir eine kopierte Skizze, auf der ein paar Straßen und Abzweigungen eingezeichnet sind. Hochmoderne Navigation im Jahr 2011! Wir haben zwei Autos, ein GPS-Gerät und jede Menge Technik, aber am Ende rettet uns ein kopierter Zettel für drei Dollar. Manchmal ist Fortschritt eben relativ.

Mit unserer neuen Geheimkarte geht es zurück auf den Extraterrestrial Highway. Nach wenigen Kilometern erreichen wir die berühmte Black Mailbox. Auch hier müssen wir natürlich anhalten, denn dieser Briefkasten ist unter UFO-Fans beinahe so berühmt wie die Area 51 selbst. Ursprünglich gehört er dem Rancher Steve Medlin, dessen Grundstück sich in der Gegend befindet. Weil der Briefkasten so einsam am Highway steht, haben ihn UFO-Jäger irgendwann zu ihrem Treffpunkt erklärt. Vermutlich in der Hoffnung, dass Außerirdische ihre Post ebenfalls über den amerikanischen Postdienst verschicken. Leider blieb es nicht bei friedlichen Treffen. Immer wieder verschwand Medlins Post, der Briefkasten wurde beschädigt und sogar beschossen. Irgendwann hatte der arme Mann die Nase voll und stellte einen stabileren, weißen Briefkasten auf. Was die UFO-Fans natürlich nicht davon abhielt, weiterhin von der „Black Mailbox“ zu sprechen. Als wir dort ankommen, ist der berühmteste Briefkasten Nevadas jedenfalls weiß und mit allerlei Aufklebern und Kritzeleien verziert. Wir fotografieren ihn trotzdem. Man muss sich das einmal vorstellen: Wir sind heute Hunderte Kilometer gefahren, haben einen Blech-Alien fotografiert und stehen jetzt begeistert vor einem Briefkasten. Nadine hat wirklich allen Grund, an unserem Geisteszustand zu zweifeln.

Direkt hier zweigt auch die staubige Piste ab, die uns zur Grenze des militärischen Sperrgebiets führen soll. Und plötzlich wird unser Ausflug tatsächlich richtig spannend. Die Straße zieht sich schnurgerade durch eine wunderschöne Wüstenlandschaft. Links und rechts wachsen riesige Joshua Trees, dazwischen liegen trockene Ebenen und karge Berge. Der Himmel ist tiefblau, ein paar weiße Wolken ziehen darüber hinweg, und weit und breit ist kein Mensch zu sehen. Es ist eine dieser Landschaften, bei denen man das Gefühl bekommt, sich am Ende der Welt zu befinden. Wir halten zwischendurch an, machen Fotos und genießen diese unglaubliche Weite. Natürlich müssen auch unsere beiden Mietwagen mit aufs Bild, schließlich sehen der Jeep und unser SUV vor dieser Kulisse schon ziemlich abenteuerlich aus.
Wobei ich kurz darauf feststelle, dass die eigentliche Attraktion offenbar nicht die Landschaft ist, sondern unser Jeep. Nadine, die uns vorhin noch ernsthaft gefragt hat, was eigentlich mit uns nicht stimmt, beschließt nämlich plötzlich, das Auto zu besteigen. Und zwar nicht auf die übliche Art durch eine der Türen, sondern über die Motorhaube beziehungsweise die Windschutzscheibe aufs Dach. Auf den Fotos sieht das aus, als würde sie gerade versuchen, einen entlaufenen Bergziegenbock einzufangen. Patrick sitzt derweil schon oben und beobachtet ihre akrobatischen Bemühungen mit einer Seelenruhe, als wäre das Dach eines Mietwagens der natürlichste Aufenthaltsort der Welt.
Wenig später thronen die beiden gemeinsam auf dem Jeep, während Bianca davor posiert. Ich stehe daneben, fotografiere das ganze Theater und frage mich, ob ich Nadine vielleicht noch einmal an ihre Frage von vorhin erinnern sollte. „Was stimmt eigentlich mit euch nicht?“ Ja, mein Kind, das frage ich mich inzwischen auch. Allerdings eher in Bezug auf die nächste Generation. Wir fahren Hunderte Kilometer durch die Wüste, um uns eine geheime Militärbasis anzuschauen, und unsere Kinder nutzen die Gelegenheit, einen Mietwagen in einen Abenteuerspielplatz umzubauen. Ich möchte gar nicht wissen, was der freundliche Herr von der Autovermietung dazu sagen würde. Vermutlich würde er uns die Kaution nicht nur einbehalten, sondern vorsichtshalber gleich den ganzen Jeep in Rechnung stellen. Immerhin haben wir jetzt ein paar ausgesprochen schöne Familienfotos. Andere Leute fotografieren ihre Kinder vor Sehenswürdigkeiten. Wir fotografieren unsere beim Besteigen eines Mietwagens mitten in der Wüste von Nevada. Auch eine Form von Urlaubserinnerung.

Je näher wir der Area 51 kommen, desto aufmerksamer werden wir. Irgendwann tauchen die ersten Überwachungseinrichtungen auf, und schließlich stehen wir tatsächlich vor den berühmten Warnschildern. „RESTRICTED AREA – NO TRESPASSING BEYOND THIS POINT“ steht dort in großen Buchstaben. Daneben weitere Schilder, die unmissverständlich darauf hinweisen, dass Fotografieren verboten ist, militärisches Gelände beginnt und unbefugtes Betreten ernsthafte Konsequenzen haben kann. Sogar vom Einsatz tödlicher Gewalt ist die Rede. Na wunderbar. Bis eben waren wir noch auf einer lustigen Alien-Safari unterwegs, und jetzt stehen wir plötzlich vor einer Grenze, an der die amerikanische Regierung offenbar überhaupt keinen Spaß versteht.

Auf einem Hügel entdecken wir tatsächlich ein Fahrzeug, in dem jemand sitzt. Die berühmten Sicherheitsleute, von UFO-Fans gerne „Cammo Dudes“ genannt, scheinen uns bereits zu beobachten. Ich stelle mir vor, wie irgendwo in einem geheimen Kontrollraum unsere beiden Mietwagen auf einem Bildschirm auftauchen und ein Mitarbeiter seufzend feststellt: „Schon wieder Touristen aus Deutschland.“ Wir haben jedenfalls keinerlei Interesse daran, herauszufinden, wie schnell diese Leute reagieren, wenn man eines ihrer Schilder ignoriert.
Stefan und Patrick wenden vorsichtshalber die Autos, während ich noch kurz überlege, ob ich mich traue, die Warnschilder zu fotografieren. Schließlich sind wir nicht den ganzen Weg hierhergefahren, um anschließend ohne Beweis wieder umzudrehen. Also Kamera raus, zwei schnelle Fotos und wieder rein ins Auto. Mein persönlicher James-Bond-Moment! Wobei James Bond vermutlich mit einem Aston Martin und einer ausgeklügelten Geheimwaffe unterwegs gewesen wäre. Ich habe einen Mietwagen und eine Digitalkamera. Aber man muss eben mit dem arbeiten, was man hat.

Dann machen wir uns auf den Rückweg. Keine Verfolgungsjagd, keine schwarzen Hubschrauber, keine Männer in dunklen Anzügen und leider auch kein UFO, das plötzlich über unseren Köpfen auftaucht. Ein bisschen enttäuschend ist das natürlich schon. Andererseits bin ich durchaus froh, dass wir nicht als vermisste Touristen in irgendeiner geheimen Militärakte enden. Die Fahrt durch die Wüste ist auch ohne außerirdische Begegnung wunderschön. Die Joshua Trees stehen wie bizarre Skulpturen in der Landschaft, gelegentlich begegnen uns ein paar Kühe, die hier offenbar völlig unbeeindruckt von sämtlichen militärischen Geheimnissen ihrem Alltag nachgehen, und die endlose Schotterstraße führt uns langsam zurück in Richtung Zivilisation. Ich muss dabei an den Film Paul – Ein Alien auf der Flucht denken, der gerade erst in die Kinos gekommen ist. Wer ihn gesehen hat, kennt das Little A’Le’Inn vielleicht sogar wieder. Genau dort waren wir heute! Und irgendwie passt dieser Film perfekt zu unserem Ausflug. Nur dass unser Alien aus Blech bestand und unser Abenteuer glücklicherweise ohne intergalaktische Verfolgungsjagd endete.

Als wir schließlich wieder Richtung Las Vegas fahren, haben wir einen ganzen Tag voller ziemlich ungewöhnlicher Eindrücke hinter uns. Ob Nadine inzwischen überzeugt ist, dass sich die Fahrt gelohnt hat, wage ich allerdings zu bezweifeln. Ich kann ihre Argumentation durchaus nachvollziehen. Man könnte in Las Vegas am Pool liegen, sich einen Cocktail bringen lassen und einfach das Leben genießen. Stattdessen sitzt man stundenlang im Auto, um einen Container, einen Briefkasten und ein paar Verbotsschilder zu besichtigen. Wenn man es so zusammenfasst, klingt es tatsächlich ein bisschen bescheuert. Aber genau deshalb liebe ich solche Ausflüge. Wo sonst erlebt man so etwas? Und ich bin mir ziemlich sicher, dass Nadine sich später einmal eher an diesen völlig verrückten Tag erinnern wird als an irgendeinen Nachmittag auf einer Sonnenliege. Zumindest hoffe ich das. Sonst muss ich mir irgendwann noch anhören, dass wir sie in Amerika um einen wertvollen Pooltag gebracht haben.
Zurück in Las Vegas wartet schon unser nächstes Hotel auf uns: das Stratosphere am nördlichen Ende des Strips. Nach unserer luxuriösen Nacht im Aria sind wir damit wieder in etwas bodenständigeren Preisregionen angekommen. Das Stratosphere gehört zu den günstigeren Hotels der Stadt, was uns allerdings überhaupt nicht stört. Wir sind ohnehin den ganzen Tag unterwegs, und ein ordentliches Bett reicht uns völlig. Außerdem hat dieses Hotel einen ganz entscheidenden Vorteil: Es besitzt einen 356 Meter hohen Turm, von dem aus man über ganz Las Vegas schauen kann. Und als Hotelgäste dürfen wir kostenlos hinauf, während andere Besucher dafür 15 Dollar pro Person bezahlen müssen. Das ist doch mal ein Argument! Bevor wir allerdings irgendwelche Höhenrekorde brechen, müssen wir erst einmal einchecken. Unser Gepäck hat inzwischen beachtliche Ausmaße angenommen. Auf dem Foto stehen Stefan und Patrick neben einem Berg aus Koffern, Taschen und Einkaufstüten, der aussieht, als würden wir nicht in ein Hotel einziehen, sondern eine kleine Auswanderung vorbereiten. Dabei sind wir erst seit gut zwei Wochen unterwegs. Ich möchte gar nicht wissen, wie das am Ende unserer Reise aussehen wird.

Nach dem Einchecken meldet sich erst einmal der Hunger. Kein Wunder, schließlich haben wir den ganzen Tag mehr Staub als Nahrung zu uns genommen. Zum Glück befindet sich direkt im Hotel das Roxy’s Diner, ein herrlich amerikanisches Restaurant im Stil der Fünfzigerjahre. Rote Sitzbänke, Chrom, Neonlichter und jede Menge Rock ‘n’ Roll – genau mein Geschmack! Wir lassen uns an einem der Tische nieder und studieren die Speisekarte. Burger, Sandwiches, Pommes, Milkshakes – hier gibt es alles, was man nach einem langen Tag in der Wüste dringend braucht. Besonders lustig ist allerdings, dass die Kellnerinnen und Kellner nicht nur Essen servieren, sondern zwischendurch auch zum Mikrofon greifen und singen. Und zwar richtig gut! Während wir auf unser Essen warten, bekommen wir also gleich noch eine kleine Rock-‘n’-Roll-Show geboten. Ich finde das großartig. In Amerika kann man wirklich nicht einmal einen Burger essen, ohne dass daraus gleich eine komplette Veranstaltung wird.
Gut gestärkt machen wir uns anschließend auf den Weg zum Stratosphere Tower. Schon von unten ist das Ding beeindruckend, aber erst wenn man oben steht, wird einem klar, wie hoch 356 Meter tatsächlich sind. Der Aufzug bringt uns in wenigen Sekunden hinauf zur Aussichtsplattform, und plötzlich liegt ganz Las Vegas unter uns. Was für ein Anblick! Die Stadt erstreckt sich in alle Richtungen, ein endloses Meer aus Lichtern, Straßen und Gebäuden. Der Strip zieht sich wie ein glitzerndes Band durch die Dunkelheit, und bis zum Horizont leuchten die Häuser der riesigen Metropole. Von hier oben sieht Las Vegas fast friedlich aus. Man hört weder die Spielautomaten noch die Musik, keine hupenden Autos und keine Menschenmassen. Nur ein gigantisches Lichtermeer mitten in der Wüste. Wir stehen lange an der Brüstung, machen Fotos und versuchen, die verschiedenen Hotels zu erkennen. Das ist wirklich einer dieser Momente, in denen man einfach nur staunt.
Aber natürlich reicht es Nadine und Patrick nicht, gemütlich auf einer Aussichtsplattform zu stehen und die Aussicht zu genießen. Nein, die beiden entdecken die Fahrgeschäfte auf dem Turm. Und als ich sehe, was hier angeboten wird, frage ich mich ernsthaft, ob die Betreiber noch alle Tassen im Schrank haben. Da gibt es den Big Shot, der seine Fahrgäste an einer Stange in die Höhe katapultiert, Insanity, ein Karussell, das über dem Abgrund hängt, und den SkyJump, bei dem man sich gleich selbst vom Turm stürzen kann. Natürlich alles bestens gesichert, aber das hilft meinem Magen bei der Vorstellung überhaupt nicht. Nadine und Patrick entscheiden sich schließlich für X-Scream. Das klingt schon wie eine Warnung, ist aber tatsächlich der Name des Fahrgeschäfts. Dabei sitzt man in einem offenen Wagen auf einer Art Wippe, die über den Rand des Turms hinausragt. Der Wagen rollt nach vorne, kippt über den Abgrund und bleibt erst im letzten Moment stehen. Unter einem liegen rund 260 Meter Luft. Zweihundertsechzig! Ich bekomme schon beim Zuschauen weiche Knie.
Die beiden dagegen sind begeistert. Sie steigen ein, lassen sich anschnallen und winken noch fröhlich in die Kamera. Ich stehe mit Stefan an der Seite und frage mich, ob wir bei der Erziehung irgendwann einen entscheidenden Fehler gemacht haben. Dann setzt sich das Ding in Bewegung. Der Wagen rollt nach vorne, die Schiene kippt, und plötzlich hängen die beiden praktisch über Las Vegas. Mir bleibt beinahe das Herz stehen. Nadine hebt begeistert die Arme, als säße sie in einer gemütlichen Kinderachterbahn, während ich innerlich bereits sämtliche Schutzengel zum Dienst antreten lasse. Das Ganze geht mehrmals vor und zurück, und jedes Mal sieht es aus, als würde der Wagen gleich endgültig über die Kante verschwinden. Ich kann kaum hinschauen. Die beiden haben dagegen offensichtlich den Spaß ihres Lebens. Als sie schließlich wieder festen Boden unter den Füßen haben, strahlen sie über das ganze Gesicht. Ich bin einfach nur froh, dass wir alle noch vollständig sind. Erst fahren wir freiwillig zu einer Militärbasis, an deren Grenze vor tödlicher Gewalt gewarnt wird, und anschließend setzen sich zwei unserer Kinder in eine Maschine, die sie über den Rand eines Hochhauses schaukelt. Ein ganz normaler Familienurlaub bei den Böhms.

Wir bleiben noch eine Weile oben und genießen den Blick auf das nächtliche Las Vegas. Inzwischen ist es richtig dunkel geworden, und die Stadt glitzert unter uns wie ein riesiger Teppich aus Millionen kleinen Lichtern. Wir machen noch ein paar Familienfotos, und ich freue mich, dass wir jetzt endlich alle fünf zusammen unterwegs sind. Stefan, Nadine, Bianca, Patrick und ich – unsere kleine Reisegesellschaft, die sich vor ein paar Wochen noch über mehrere Flugrouten und amerikanische Bundesstaaten verteilt hatte. Und in wenigen Tagen wird aus dieser Reisegesellschaft auch noch eine Hochzeitsgesellschaft. Der Gedanke gefällt mir ausgesprochen gut.
Während ich dort oben stehe, muss ich auch kurz an all die Vorbereitungen denken, die bereits hinter uns liegen. Die Hochzeitsringe haben Bianca und Patrick noch zu Hause besorgt, und allein das war schon eine kleine Geschichte für sich. Gekauft wurden sie bei 123gold in Stuttgart, wo man es tatsächlich geschafft hat, aus einer eigentlich recht einfachen Bestellung ein kleines Geduldsspiel zu machen. Vergessene Gravuren, Probleme bei der Bestellung und ein Kundenservice, der offenbar ebenfalls gerade auf dem Extraterrestrial Highway unterwegs war. Irgendwann waren die Ringe dann endlich fertig, und sie sind wirklich wunderschön geworden. Immerhin! Ich hoffe nur, dass der Rest der Hochzeit etwas reibungsloser verläuft. Wobei ich nach unserem heutigen Ausflug inzwischen davon überzeugt bin, dass man mit genügend Geduld und einer guten Wegbeschreibung praktisch alles organisieren kann. Selbst eine Hochzeit mit Elvis.


Irgendwann fahren wir schließlich wieder hinunter und ziehen uns in unsere Zimmer zurück. Was für ein Tag! Heute Morgen haben wir noch gemütlich bei IHOP gefrühstückt, dann einen riesigen Blech-Alien besucht, einen berühmten Briefkasten fotografiert, uns bis an die Grenze einer geheimen Militärbasis vorgewagt, in einem singenden Diner gegessen und zum Abschluss zwei unserer Kinder dabei beobachtet, wie sie sich freiwillig über den Rand eines 356 Meter hohen Turms schaukeln lassen. Wenn man das jemandem zu Hause erzählt, klingt es vermutlich, als hätte man mehrere Filme durcheinandergebracht. Ein bisschen Men in Black, ein bisschen Akte X und zum Schluss noch eine ordentliche Portion Hangover.

Und während ich mich endlich ins Bett lege, denke ich noch einmal an Nadines entsetzten Gesicht vor dem Little A’Le’Inn. „Was stimmt eigentlich mit euch nicht?“ Tja, mein Kind, das ist eine ausgezeichnete Frage. Ich fürchte allerdings, darauf gibt es keine vernünftige Antwort. Und wenn doch, dann haben wir sie heute irgendwo zwischen Rachel und der Area 51 verloren.
Morgen geht es übrigens ins Death Valley. Wieder Wüste, wieder Hitze, wieder jede Menge Kilometer. Ich bin gespannt, wann Nadine endgültig beantragt, ihre Eltern gegen ein paar normale Urlauber einzutauschen.







































