Death Valley – Keine Teekessel, wandernde Steine und ein Jeep, der die Nase voll hat
Nach unserem gestrigen Ausflug zu den Außerirdischen könnte man meinen, dass wir heute vielleicht einmal etwas Vernünftiges unternehmen. Am Pool liegen beispielsweise. Ein bisschen durch Las Vegas bummeln, gemütlich frühstücken, vielleicht ein paar Dollar im Casino verspielen. Schließlich befinden wir uns in einer Stadt, die eigens dafür gebaut wurde, Menschen rund um die Uhr zu beschäftigen. Aber nein, natürlich nicht. Wir haben etwas viel Besseres vor: Wir fahren ins Death Valley. Im Juni. Und weil uns die üblichen Sehenswürdigkeiten offenbar nicht ausreichen, wollen wir auch noch zur Racetrack Playa, einem ausgetrockneten See mitten im Nirgendwo, auf dem angeblich Steine von ganz allein durch die Gegend wandern. Dafür müssen wir allerdings erst einmal rund 30 Meilen über eine ziemlich üble Schotterpiste fahren. Klingt doch nach einem wunderbaren Familienausflug! Unsere Kinder dürften inzwischen ernsthaft darüber nachdenken, ob sie beim nächsten Urlaub nicht lieber selbst die Reiseleitung übernehmen.
Wir verlassen Las Vegas in westlicher Richtung und fahren hinaus in die Wüste. Die glitzernden Hotels verschwinden im Rückspiegel, die Landschaft wird immer karger und die Temperaturen steigen. Schon die Anfahrt ist beeindruckend. Riesige Gebirgszüge wechseln sich mit endlosen Ebenen ab, die Straßen ziehen sich schnurgerade durch eine Landschaft, in der offenbar seit ein paar Millionen Jahren niemand mehr einen Rasenmäher gebraucht hat. Hier draußen gibt es keine Einkaufszentren, keine Ampeln und auch sonst nicht viel, was nach menschlicher Zivilisation aussieht. Dafür jede Menge Steine. Und von denen werden wir heute noch mehr kennenlernen, als uns lieb ist.

Unser erster Halt ist das Badwater Basin, der tiefste Punkt Nordamerikas, 86 Meter unter dem Meeresspiegel. Eine riesige weiße Salzfläche erstreckt sich vor uns, eingerahmt von mächtigen Bergen, die in der flirrenden Hitze fast unwirklich aussehen. Das Salz stammt aus einem ehemaligen See, dessen Wasser längst verdunstet ist und eine dicke Kruste zurückgelassen hat. Wir laufen ungefähr 500 Meter hinaus auf die weiße Fläche, was sich bei diesen Temperaturen ungefähr so anfühlt, als würde man freiwillig in einen vorgeheizten Backofen steigen. Nur dass der Backofen wenigstens eine Tür hat, die man wieder zumachen kann.
Die Sonne brennt erbarmungslos, unter unseren Schuhen knirscht das Salz, und ringsum liegt diese unglaubliche Weite. Wir treffen ein deutsches Paar, kommen ins Gespräch und machen gegenseitig Fotos. Natürlich darf auch ein Familienbild nicht fehlen. Wir stehen also zu fünft mitten in der Salzwüste, lächeln tapfer in die Kamera und sehen vermutlich noch einigermaßen frisch aus. Dass wir innerlich bereits auf Betriebstemperatur eines Kernreaktors laufen, erkennt man auf den Bildern zum Glück nicht.
Der nächste Stopp führt uns zum Devils Golf Course. Schon der Name klingt wenig einladend, und als wir aussteigen, verstehen wir sofort, warum. Vor uns liegt eine riesige Fläche aus scharfkantigen, aufgebrochenen Salzbrocken, die aussehen, als hätte jemand einen gigantischen Betonboden zertrümmert und anschließend vergessen, die Baustelle aufzuräumen. Angeblich könnte hier nur der Teufel Golf spielen. Ich persönlich bezweifle sogar das. Spätestens nach dem ersten Abschlag wäre der Golfball vermutlich verschwunden und der Spieler hätte sich beide Knöchel gebrochen.
Wir versuchen trotzdem, ein paar Schritte über diese bizarre Landschaft zu laufen. Gar nicht so einfach, denn die Oberfläche ist uneben, brüchig und teilweise messerscharf. Man muss wirklich aufpassen, wohin man tritt. Besonders hübsch finde ich die Fotos von Bianca, die sich vorsichtig ihren Weg durch dieses Chaos sucht. Eine junge Frau mitten in einer Landschaft, in der offenbar selbst die Steine schlechte Laune haben.

Weiter geht es zum Artist Drive, einer etwa neun Meilen langen Panoramastraße, die sich durch eine Landschaft schlängelt, als hätte jemand sämtliche Farbreste eines Malergeschäfts über die Berge gekippt. Die Felsen leuchten in Gelb, Ocker, Braun, Rosa und stellenweise sogar Grün. Besonders die Gegend um die Artist’s Palette sieht aus, als hätte sich ein etwas übermotivierter Künstler mit seinem Farbkasten ausgetobt. Die Straße ist schmal, kurvig und führt durch kleine Einschnitte zwischen den Felsen hindurch. Hinter jeder Kurve wartet eine neue Aussicht, und natürlich halten wir ständig an, um Fotos zu machen. Es ist wirklich unglaublich, wie abwechslungsreich diese scheinbar lebensfeindliche Wüste sein kann. Mal sieht alles aus wie eine Mondlandschaft, dann wieder wie die Kulisse eines Westerns, und wenige Minuten später könnte man meinen, man sei auf einem fremden Planeten gelandet. Nach unserem gestrigen Besuch an der Area 51 sind wir für solche Vergleiche inzwischen ja bestens qualifiziert.
Anschließend fahren wir nach Furnace Creek, wo wir uns im General Store ein wenig umsehen und eine kurze Pause einlegen. Hier gibt es tatsächlich eine Tankstelle, was angesichts der riesigen Entfernungen ausgesprochen beruhigend ist. Weniger beruhigend sind allerdings die Preise. Offenbar wird das Benzin hier nicht mit Tankwagen angeliefert, sondern von Hand aus Saudi-Arabien hergetragen. Anders lässt sich dieser Preis kaum erklären. Aber was will man machen? Wer mitten im Death Valley tanken muss, befindet sich nicht gerade in einer günstigen Verhandlungsposition. Wir gönnen unseren Autos also ihren kostspieligen Durstlöscher und machen uns anschließend auf den Weg nach Norden.

Unser eigentliches Tagesziel liegt nämlich noch ein gutes Stück entfernt. Die Racetrack Playa, berühmt für ihre geheimnisvollen wandernden Steine. Und während die meisten Besucher des Death Valley auf den befestigten Straßen bleiben und sich die bekannten Aussichtspunkte anschauen, haben wir natürlich wieder beschlossen, dorthin zu fahren, wo die Straßenkarte langsam unübersichtlich wird und das Navi vermutlich innerlich kündigt.
Über die Scotty’s Castle Road geht es weiter zum Ubehebe Crater, wo die asphaltierte Straße schließlich endet. Ab hier beginnt der Teil unserer Reise, den die Autovermietung vermutlich lieber nicht in ihrem Reisebericht lesen möchte. Vor uns liegt die Racetrack Valley Road, eine rund 27 Meilen lange Schotterpiste, die sich durch eine der abgelegensten Gegenden des Nationalparks zieht. Die Strecke ist berüchtigt für ihre scharfkantigen Steine, tiefen Spurrillen und das sogenannte Waschbrettprofil, bei dem das gesamte Auto so durchgeschüttelt wird, dass man anschließend seine eigenen Zahnfüllungen zählen kann. Aber wir haben schließlich zwei SUVs, und nach unseren bisherigen Erfahrungen auf amerikanischen Gravelroads fühlen wir uns für solche Abenteuer bestens gerüstet. Eine Einschätzung, die sich später als ausgesprochen optimistisch herausstellen wird.
Die Landschaft entlang der Strecke ist allerdings fantastisch. Weit und breit kein Haus, keine Stromleitung, kein Mensch. Nur Berge, Steine, vereinzelte Wüstenpflanzen und diese unglaubliche Stille, die man in Europa kaum noch findet. Immer wieder halten wir an, um Fotos zu machen. Die beiden Autos kämpfen sich tapfer über die Piste, während wir uns langsam, aber stetig unserem Ziel nähern. Besonders schnell geht es natürlich nicht voran, aber wir haben es ja auch nicht eilig. Noch nicht.
Nach ungefähr 20 Meilen erreichen wir die berühmte Teakettle Junction. Dieser Wegweiser ist eigentlich eine kleine Berühmtheit, denn Reisende hängen hier seit Jahren alte Teekessel an die Holzpfosten. Manche sind bunt bemalt, andere tragen Namen oder kleine Botschaften. Ein völlig verrückter Brauch mitten in der Wüste, und genau deshalb wollten wir natürlich unbedingt hierher. Ich habe mich schon auf einen Wegweiser gefreut, an dem Dutzende Teekessel baumeln und im Wind vor sich hin klappern. Stattdessen stehen wir vor einem ziemlich nackten Holzschild. Kein einziger Teekessel! Nicht einmal ein kleines Milchkännchen. Offenbar hat hier jemand gründlich aufgeräumt und sämtliche Kessel entfernt. Wir fahren also kilometerweit durch die Wüste, um einen Wegweiser namens Teakettle Junction zu fotografieren, an dem nicht ein einziger Teekessel hängt. Das muss man sich erst einmal auf der Zunge zergehen lassen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Nadine bei dieser Gelegenheit wieder kurz darüber nachdenkt, was eigentlich mit ihren Eltern nicht stimmt. Aber immerhin steht das Schild noch da. Man muss schließlich auch die kleinen Erfolge würdigen.
Von hier sind es nur noch wenige Meilen bis zur Racetrack Playa. Und als wir schließlich das ausgetrocknete Seebecken erreichen, ist die Enttäuschung über die verschwundenen Teekessel sofort vergessen. Vor uns liegt eine riesige, vollkommen ebene Fläche, eingerahmt von dunklen Bergen. Der Boden ist hellbraun und von unzähligen feinen Rissen durchzogen, die ein faszinierendes Muster bilden. Es sieht aus, als hätte jemand die gesamte Landschaft mit einem riesigen Lineal in kleine Vielecke aufgeteilt. Und irgendwo da draußen sollen sie liegen, die berühmten wandernden Steine.
Also steigen wir aus und gehen Steine suchen. Was sich zunächst nach einer Beschäftigung für besonders gelangweilte Menschen anhört, ist tatsächlich unglaublich spannend. Denn diese Steine liegen nicht einfach nur herum. Hinter ihnen ziehen sich teilweise meter- oder sogar hunderte Meter lange Spuren durch den ausgetrockneten Schlamm. Manche verlaufen schnurgerade, andere machen Kurven, und wieder andere scheinen sich überhaupt nicht entscheiden zu können, wohin sie eigentlich wollen. Die Steine selbst sind unterschiedlich groß, manche kaum größer als eine Faust, andere richtige Brocken. Und das Verrückte daran ist, dass niemand sie schiebt oder zieht. Sie bewegen sich unter bestimmten Bedingungen tatsächlich von allein.

Wie genau das funktioniert, darüber wird noch gerätselt. Eine Theorie besagt, dass starke Winde die Steine über den feuchten, glitschigen Boden schieben. Wenn der See nach seltenen Regenfällen kurzzeitig unter Wasser steht, können die Steine offenbar leichter ins Rutschen geraten. Wir stehen jedenfalls staunend vor diesen Spuren und versuchen uns vorzustellen, wie ein schwerer Felsbrocken ganz gemütlich über den Seegrund wandert. Vermutlich bewegt er sich dabei schneller als wir auf den letzten 20 Meilen Schotterpiste.
Wir verbringen einige Zeit damit, die verschiedenen Spuren zu fotografieren und über die ausgetrocknete Fläche zu laufen. Die Dimensionen sind beeindruckend. Auf den Fotos sieht man erst richtig, wie winzig wir Menschen in dieser riesigen Landschaft wirken. Bianca steht irgendwo mitten auf dem Seegrund, Nadine breitet begeistert die Arme aus, und wir machen natürlich wieder unser obligatorisches Familienfoto. Diesmal sogar ohne Klettereinlagen auf dem Mietwagen. Ein echter Fortschritt gegenüber gestern.
Irgendwann wird es allerdings Zeit für den Rückweg. Es ist bereits Nachmittag, und wir möchten unbedingt wieder auf einer befestigten Straße sein, bevor es dunkel wird. Schließlich liegen noch etliche Kilometer Schotterpiste vor uns, und hier draußen möchte ich wirklich nicht bei Nacht unterwegs sein. Also steigen wir wieder in unsere Autos und machen uns auf den Weg zurück.

Stefan und ich fahren voraus, Patrick folgt mit den Mädels im Jeep. Wegen des aufgewirbelten Staubs halten wir ordentlich Abstand, denn sobald ein Auto über diese Piste fährt, verschwindet hinter ihm die Landschaft in einer riesigen Staubwolke. Im Rückspiegel sieht man dann ungefähr so viel wie bei dichtem Nebel auf der Autobahn. Wir fahren also gemütlich vor uns hin, genießen die Aussicht und freuen uns darüber, dass wir dieses abgelegene Ziel tatsächlich erreicht haben.
Nach ungefähr einer halben Stunde fällt uns allerdings auf, dass hinter uns niemand mehr zu sehen ist. Gut, denken wir, die anderen haben vielleicht wieder irgendwo angehalten, um Fotos zu machen. Das wäre schließlich nichts Ungewöhnliches. Wir fahren noch ein Stück weiter, dann halten wir an und warten. Und warten. Und warten noch ein bisschen. Langsam wird uns die Sache unheimlich. So groß kann der fotografische Bedarf an Wüstensteinen doch eigentlich gar nicht sein. Außerdem gibt es hier weder Handyempfang noch irgendeine andere Möglichkeit, miteinander Kontakt aufzunehmen. Wir schauen auf die leere Straße hinter uns, und irgendwann ist klar: Da stimmt etwas nicht.
Also drehen wir um und fahren zurück. Die anfängliche Gelassenheit weicht langsam einer gewissen Nervosität. Was, wenn sie irgendwo feststecken? Was, wenn der Jeep eine Panne hat? Was, wenn sie tatsächlich von Außerirdischen entführt wurden? Nach unserem gestrigen Ausflug wäre das zumindest eine originelle Fortsetzung unserer Reise. Aber nein, die Erklärung ist wesentlich irdischer. Und leider auch wesentlich teurer.
Irgendwann entdecken wir den Jeep am Straßenrand. Patrick steht daneben und beschäftigt sich mit einem der Räder. Schon von Weitem ahnen wir, dass das nichts Gutes bedeutet. Und tatsächlich: Der rechte Vorderreifen hat sich verabschiedet. Aber nicht einfach nur ein bisschen Luft verloren. Nein, dieser Reifen hat beschlossen, seine berufliche Laufbahn mit sofortiger Wirkung zu beenden. Das Gummi ist regelrecht zerfetzt, die Seitenwand aufgerissen und der Reifen sieht aus, als hätte ihn jemand durch einen industriellen Aktenvernichter gezogen. Offenbar haben die scharfkantigen Steine auf der Piste ganze Arbeit geleistet.
Na wunderbar. Wir stehen mitten im Death Valley, irgendwo zwischen Racetrack Playa und der nächsten befestigten Straße, bei Temperaturen, bei denen man Spiegeleier direkt auf der Motorhaube braten könnte, und dürfen einen Reifen wechseln. Genau so stelle ich mir einen entspannten Urlaubstag vor.
Patrick ist bereits dabei, das Ersatzrad zu montieren, und natürlich helfen wir mit. Wobei man sagen muss, dass die äußeren Bedingungen für einen Reifenwechsel nicht unbedingt ideal sind. Der Boden besteht aus losem Schotter, die Sonne brennt erbarmungslos und jeder Handgriff wird zur schweißtreibenden Angelegenheit. Dazu kommt die wenig beruhigende Erkenntnis, dass wir uns hier in einer Gegend befinden, in der der nächste Abschleppdienst vermutlich erst einmal einen halben Tag braucht, um überhaupt herauszufinden, wo wir stecken. Und selbst wenn wir jemanden erreichen könnten, würde der vermutlich beim Wort „Racetrack Valley Road“ sofort den Hörer auflegen.

Aber Patrick bekommt das hin. Das kaputte Rad wird abmontiert, das Ersatzrad kommt drauf, und irgendwann steht der Jeep wieder auf vier einigermaßen brauchbaren Reifen. Auf einem der Fotos reckt Patrick triumphierend die Faust in die Höhe. Ich kann ihn verstehen. Nach dieser Aktion hätte ich vermutlich auch erst einmal eine Siegespose gemacht. Wobei ich mir beim Anblick des völlig zerfledderten Reifens schon Gedanken darüber mache, wie wir das später der Autovermietung erklären sollen. „Der Reifen ist uns einfach so abgefallen“ dürfte als Begründung vermutlich nicht durchgehen. Und die Wahrheit, dass wir mit dem Mietwagen über eine der übelsten Schotterpisten des Death Valley gefahren sind, klingt auch nicht unbedingt nach einer Geschichte, bei der die Versicherung begeistert Beifall klatscht.
Immerhin sind wir jetzt wieder fahrbereit. Allerdings ist unsere Abenteuerlust für heute deutlich gesunken. Mit einem Ersatzrad auf dieser Piste weiterzufahren, ist schließlich auch nicht gerade beruhigend. Wir fahren also besonders vorsichtig und behalten den Jeep diesmal lieber im Blick. Noch eine Reifenpanne können wir wirklich nicht gebrauchen. Vor allem, weil wir inzwischen keine Ersatzreifen mehr haben. Wenn jetzt noch einer kaputtgeht, können wir uns vermutlich gleich häuslich in der Wüste einrichten. Platz wäre ja genug.
Glücklicherweise erreichen wir ohne weitere Zwischenfälle wieder die asphaltierte Straße am Ubehebe Crater. Und nachdem wir nun schon einmal hier sind, schauen wir uns natürlich auch noch diesen gewaltigen Vulkankrater an. Der Ubehebe Crater ist rund einen Kilometer breit und etwa 230 Meter tief. Entstanden ist er durch eine gewaltige Dampfexplosion, als heißes Magma auf unterirdisches Wasser traf. Das Ergebnis sieht aus, als hätte jemand mit einem gigantischen Eisportionierer ein Stück aus der Erde herausgeschaufelt. Die Wände leuchten in verschiedenen Braun-, Grau- und Orangetönen, und der Blick hinunter in die Tiefe ist wirklich beeindruckend. Nach unserer Reifenpanne bin ich allerdings froh, dass wir dieses Naturschauspiel ganz bequem vom Kraterrand aus betrachten können. Für weitere sportliche Höchstleistungen fehlt mir inzwischen eindeutig die Motivation.

Langsam machen wir uns auf den Heimweg. Die Sonne steht schon tiefer, und die Landschaft verändert mit dem Licht noch einmal völlig ihr Gesicht. Die Berge leuchten in warmen Farben, lange Schatten ziehen über die Täler, und die Wüste wirkt plötzlich fast friedlich. Wenn man nicht gerade daran denkt, dass irgendwo hinter uns ein völlig zerfetzter Reifen liegt, könnte man meinen, wir hätten einen ganz normalen, wunderschönen Ausflug gemacht.
Über die Scotty’s Castle Road fahren wir weiter in Richtung Beatty. Die Straße führt durch eine beeindruckende Berglandschaft, und immer wieder eröffnen sich fantastische Ausblicke über das Death Valley. Wir halten noch ein paar Mal an, um Fotos zu machen, denn bei diesem Licht sehen die Berge wirklich sensationell aus. Nach all dem Staub und Gerumpel auf der Racetrack Road fühlt sich der glatte Asphalt inzwischen an wie ein frisch gebügelter Teppich. Ich glaube, unsere Autos genießen die Fahrt mindestens genauso sehr wie wir.
Als wir schließlich Beatty erreichen, meldet sich der Hunger. Und zwar ziemlich nachdrücklich. Kein Wunder, schließlich haben wir heute mehr Zeit mit Steinen, Staub und Autoreifen verbracht als mit vernünftigen Mahlzeiten. Wir entdecken den Sourdough Saloon, eine dieser herrlich urigen amerikanischen Kneipen, bei denen man schon von außen ahnt, dass hier niemand auf weiße Tischdecken und kunstvoll angerichtete Häppchen Wert legt. Das Gebäude sieht aus, als hätte es schon bessere Zeiten erlebt, aber genau das macht seinen Charme aus. Drinnen erwartet uns eine Mischung aus Westernsaloon, Dorfkneipe und amerikanischem Wohnzimmer. Dunkles Holz, rustikale Einrichtung, jede Menge Dekoration und an der Bar sitzen die Einheimischen, als hätten sie dort ihren festen Wohnsitz.
Besonders interessant finde ich den Sheriff, der ebenfalls an der Bar sitzt. Natürlich mit Revolver am Gürtel. In Deutschland würde vermutlich das halbe Lokal nervös werden, wenn jemand mit einer Schusswaffe neben seinem Bier sitzt. Hier gehört das offenbar ganz selbstverständlich zum Feierabend. Wir werden in den angrenzenden Restaurantbereich geschickt, der im Gegensatz zur Bar ziemlich leer ist. Macht nichts, wir sind schließlich nicht wegen der Gesellschaft hier, sondern wegen des Essens. Und das kann sich wirklich sehen lassen. Wir bestellen Spareribs und bekommen Portionen serviert, bei denen man sich fragt, ob das Schwein vielleicht einen Zwillingsbruder hatte. Herrlich! Nach einem langen Tag in der Wüste schmeckt so ein ordentliches amerikanisches Abendessen gleich doppelt so gut. Dazu sind die Preise erfreulich normal. Offenbar hat man hier noch nicht mitbekommen, dass man Touristen mitten in der Wüste auch für eine Portion Pommes den Gegenwert eines Kleinwagens abnehmen könnte.
Nach dem Essen tanken wir noch einmal gegenüber an der Tankstelle. Diesmal zu Preisen, bei denen man nicht sofort einen Kredit aufnehmen muss. Anschließend liegen noch rund 200 Kilometer bis Las Vegas vor uns. Inzwischen ist es dunkel geworden, und wir fahren durch die nächtliche Wüste zurück in Richtung Stadt. Die Straße liegt wie ein schwarzes Band vor uns, links und rechts ist fast nichts zu erkennen, und außer unseren Scheinwerfern gibt es kaum Licht. Und dann, irgendwann am Horizont, taucht Las Vegas auf.
Zuerst ist es nur ein heller Schimmer über den Bergen, dann werden einzelne Lichter sichtbar, und schließlich liegt die ganze Stadt wie ein riesiges, glitzerndes Lichtermeer vor uns. Dieser Anblick ist jedes Mal aufs Neue beeindruckend. Nach einem ganzen Tag zwischen Salzflächen, Schotterpisten und einsamen Wüstenbergen wirkt Las Vegas wie eine andere Welt. Eben noch absolute Stille, jetzt wieder Neonreklamen, Casinos, Hotels und Menschenmassen. Von der verlassensten Ecke Nevadas direkt zurück ins größte Freilufttheater der Welt.
Als wir schließlich wieder in Las Vegas ankommen, sind wir ziemlich erledigt. Aber was für ein Tag! Wir haben den tiefsten Punkt Nordamerikas besucht, sind durch farbenprächtige Canyons gefahren, haben auf dem Golfplatz des Teufels herumgestochert, einen Wegweiser ohne Teekessel gefunden, wandernde Steine gesucht und mitten im Death Valley einen Reifen gewechselt. Andere Familien machen einen gemütlichen Sonntagsausflug und gehen anschließend Eis essen. Wir fahren lieber 30 Meilen über eine Schotterpiste, ruinieren einen Reifen und freuen uns hinterher darüber, dass wir überhaupt wieder in der Zivilisation angekommen sind.
Und während wir uns auf unsere Hotelzimmer freuen, fällt mir noch etwas ein: In vier Tagen wird Bianca heiraten. Mit Elvis, Brautkleid, Blumen und allem, was dazugehört. Ich habe zu Hause schon so viel organisiert, damit dieser Tag etwas ganz Besonderes wird. Und wenn ich mir unsere Reisegesellschaft nach den letzten beiden Tagen so anschaue, bin ich inzwischen vor allem froh, dass noch alle fünf vollständig vorhanden sind. Das ist für eine Hochzeit schließlich keine ganz unwichtige Voraussetzung.
Morgen bleiben wir jedenfalls in Las Vegas. Da gibt es auch noch einiges zu erledigen. Und ich hoffe sehr, dass wir dafür weder einen Geländewagen noch einen Wagenheber brauchen.

































