Vier fliegen los, eine kommt später – und in Phoenix treffen wir auf die Weltmeister im Vordrängeln
Es geht wieder los! Die Koffer sind gepackt, die Reisepässe liegen griffbereit und vor uns liegen ein paar herrliche Wochen in den USA. Diesmal allerdings mit einer etwas ungewöhnlichen Reiseplanung, denn wir fliegen zwar alle nach Amerika, aber nicht unbedingt gemeinsam, nicht zur selben Zeit und schon gar nicht an denselben Ort. Klingt kompliziert? Ist es eigentlich gar nicht. Zumindest solange jeder weiß, in welches Flugzeug er steigen muss.
Der eigentliche Höhepunkt dieser Reise steht ohnehin schon fest: Unsere Bianca wird heiraten! Und zwar ihren Patrick, in Las Vegas, wo man bekanntlich nicht nur sein Geld verlieren, sondern auch ganz offiziell den Bund fürs Leben schließen kann. Ob Elvis persönlich dabei sein wird, verraten wir noch nicht, aber wir sind gespannt, was die beiden sich ausgedacht haben. Bis dahin hat allerdings jeder noch sein eigenes kleines Reiseprogramm zu absolvieren. Bianca und Patrick möchten zunächst Kalifornien unsicher machen, Stefan und ich haben uns Arizona vorgenommen, und Nadine darf sich vorerst noch mit der Berufsschule beschäftigen. Irgendjemand muss schließlich in Deutschland die Stellung halten.

Gemeinsam fahren wir zunächst zum Flughafen Stuttgart. Nadine sitzt am Steuer und bringt Stefan und mich zum Flughafen, wo wir Bianca und Patrick treffen. Für uns beginnt damit der Urlaub, für Nadine dagegen eine weitere Woche zwischen Schulbank und Alltag. Besonders gerecht ist diese Aufteilung natürlich nicht, aber die Berufsschule zeigt sich von unseren amerikanischen Reiseplänen leider völlig unbeeindruckt. Also gibt es eine herzliche Verabschiedung, die üblichen Ermahnungen, gut auf sich aufzupassen, und das Versprechen, uns alle in einer Woche in Las Vegas wiederzusehen. Dort soll unsere kleine Reisegesellschaft dann endlich vollständig sein.

Während Nadine wieder nach Hause fährt, verschwinden wir vier hinter der Sicherheitskontrolle. Unser erster Flug bringt uns nach London. Alles läuft erfreulich unspektakulär. Keine Verspätung, kein verlorenes Gepäck, kein technischer Defekt und auch niemand, der kurz vor dem Start feststellt, dass sein Reisepass noch auf der heimischen Kommode liegt. Für einen Reisetag ist das schon beinahe verdächtig viel Glück. Wir genießen den Flug und freuen uns auf das, was vor uns liegt.
In London heißt es dann allerdings Abschied nehmen, denn hier trennen sich unsere Wege. Bianca und Patrick fliegen weiter nach San Francisco, wo sie ihre Reise entlang der kalifornischen Küste beginnen wollen. Highway 1, Pazifik, Sonne und vermutlich jede Menge Fotostopps. Stefan und ich haben dagegen Phoenix auf dem Flugticket stehen. Arizona, Wüste, Kakteen und Temperaturen, bei denen man wahrscheinlich schon beim Gedanken an Bewegung ins Schwitzen gerät. Während die beiden also dem Pazifik entgegenfliegen, zieht es uns mitten hinein in den amerikanischen Südwesten.
Noch ein paar gemeinsame Minuten im Terminal, ein bisschen Geplauder, letzte Absprachen und natürlich die Erinnerung daran, dass wir uns in einer Woche in Las Vegas wiedersehen. Schließlich wäre es ausgesprochen ungünstig, wenn ausgerechnet die Braut oder der Bräutigam bei der eigenen Hochzeit fehlen würde. Dann verschwinden Bianca und Patrick in Richtung ihres Gates, während Stefan und ich uns auf die Suche nach unserem Weiterflug machen. Und schon sind wir wieder allein unterwegs. So schnell kann es gehen.
Bis zum Abflug haben wir noch reichlich Zeit. Flughafenzeit ist ja ohnehin eine ganz eigene Erfindung. Man sitzt herum, trinkt Kaffee, schaut auf die Uhr, schaut auf die Anzeigetafel und stellt fest, dass seit dem letzten Blick ungefähr drei Minuten vergangen sind. Irgendwann kennt man die Geschäfte im Terminal besser als die eigene Einkaufspassage zu Hause, und sämtliche Mitreisenden hat man zumindest schon einmal ausgiebig begutachtet. Besonders interessant finde ich dabei immer die Menschen, die bereits Stunden vor dem Boarding nervös vor dem Gate auf und ab laufen, als könnte das Flugzeug ohne sie verschwinden, wenn sie sich auch nur für fünf Minuten hinsetzen.
Irgendwann dürfen wir dann tatsächlich einsteigen. Vor uns liegt ein langer Flug nach Phoenix, und wir richten uns auf das übliche Langstreckenprogramm ein: essen, trinken, Filme anschauen, ein bisschen schlafen und zwischendurch immer wieder versuchen, eine Sitzposition zu finden, bei der einem nicht nach spätestens zwanzig Minuten irgendein Körperteil einschläft. Zwei Filme später weiß ich nicht mehr so genau, ob ich beide vollständig gesehen habe oder zwischendurch die Handlung großzügig meiner Fantasie überlassen habe. Stefan beschäftigt sich ebenfalls mit dem Bordprogramm, und irgendwann dämmert draußen langsam die amerikanische Welt herauf.
Der Flug verläuft angenehm ruhig. Keine Turbulenzen, keine besonderen Vorkommnisse, und auch das Essen erfüllt seinen Zweck. Was man eben so erwartet, wenn mehrere Hundert Menschen gemeinsam in einer fliegenden Konservendose den Atlantik überqueren. Nach vielen Stunden meldet sich schließlich der Kapitän und verkündet, dass wir uns im Landeanflug auf Phoenix befinden. Endlich! Amerika hat uns wieder!
Und genau jetzt beginnt eine Unterhaltung, die uns noch den gesamten restlichen Tag begleiten wird. Eine Reihe vor uns sitzt ein junges Paar, das bisher eigentlich nicht weiter aufgefallen ist. Doch kaum nähert sich unser Flugzeug der Landebahn, entwickeln die beiden plötzlich eine Betriebsamkeit, als hätte der Kapitän gerade angekündigt, dass Phoenix nur für die ersten zwanzig Passagiere geöffnet sei.
Noch bevor wir richtig aufgesetzt haben, werden vor uns bereits die Sicherheitsgurte gelöst. Klick, klick. Ich schaue Stefan an. Stefan schaut mich an. Haben wir irgendetwas verpasst? Gibt es am Flughafen eine Sonderprämie für denjenigen, der als Erster aus dem Flugzeug springt? Oder haben die beiden irgendwo einen geheimen Termin, von dem der Rest der Passagiere nichts weiß?
Während unser Flugzeug noch gemütlich über die Landebahn rollt, sitzen die beiden jedenfalls schon auf glühenden Kohlen. Ständig wird nach hinten geschaut, dann wieder nach vorne, die Handgepäcktaschen werden zurechtgerückt und offenbar sämtliche Möglichkeiten durchgespielt, wie man möglichst schnell an den anderen Passagieren vorbeikommt. Ich warte eigentlich nur noch darauf, dass einer von beiden eine Stoppuhr hervorholt und der andere die Fluchtwege auf einer Serviette skizziert.
Als wir schließlich unsere Parkposition erreichen, wird die Sache ernst. Die beiden springen auf, kaum dass es erlaubt ist, und versuchen, sich möglichst geschickt in Richtung Ausgang zu manövrieren. Dabei wird getuschelt, geschoben und mit einer Entschlossenheit gearbeitet, die man sonst höchstens bei der letzten Runde eines Schlussverkaufs beobachten kann.
Stefan und ich sitzen noch gemütlich auf unseren Plätzen und verfolgen das Schauspiel mit wachsender Begeisterung. Wir haben Urlaub. Wir müssen heute nirgendwo mehr hin, außer irgendwann in unser Hotelbett. Und das wird uns vermutlich auch dann noch zur Verfügung stehen, wenn wir das Flugzeug nicht innerhalb der ersten dreißig Sekunden verlassen.
Als endlich die Türen geöffnet werden, sind unsere beiden Vordrängler natürlich sofort verschwunden. Wahrscheinlich haben sie bereits die Hälfte des Flughafens durchquert, während wir noch unsere Taschen aus dem Gepäckfach holen. Wir wünschen ihnen gedanklich viel Erfolg bei ihrer persönlichen Weltmeisterschaft im Schnell-Aussteigen und machen uns ebenfalls auf den Weg. Allerdings haben die beiden bei ihrer ausgeklügelten Fluchtstrategie offenbar einen entscheidenden Punkt übersehen: Wir befinden uns in den USA. Und bevor hier irgendjemand fröhlich ins Land marschieren darf, wartet zunächst die Immigration.
Dort stehen wir wenig später in einer dieser herrlich langen Schlangen, die einem nach einem mehrstündigen Flug besonders viel Freude bereiten. Überall Absperrbänder, ernste Beamte und Menschen, die sich geduldig Schritt für Schritt vorwärtsbewegen. Hier herrscht Ordnung. Amerikanische Ordnung. Wer meint, sich mit einem besonders raffinierten Überholmanöver einen Vorteil verschaffen zu können, dürfte ziemlich schnell Bekanntschaft mit einem Beamten machen, dessen Humor sich vermutlich auf die Frage nach dem Reisezweck beschränkt.
Und wen entdecken wir einige Reihen weiter? Natürlich unser Pärchen! Die beiden stehen in einer anderen Schlange und sehen aus, als hätten sie gerade erfahren, dass ihre Goldmedaille im Schnell-Aussteigen wegen eines Formfehlers aberkannt wurde. Immer wieder werden die verschiedenen Warteschlangen miteinander verglichen. Geht es links schneller? Oder rechts? Sollte man vielleicht wechseln? Man kann förmlich sehen, wie die Zahnräder in ihren Köpfen arbeiten. Ich bin mir sicher, dass sie am liebsten sämtliche Absperrbänder eigenhändig neu sortieren würden, um endlich voranzukommen.
Wir bleiben einfach stehen, wo wir stehen, und lassen uns von der Masse langsam in Richtung Schalter schieben. Irgendwann sind wir an der Reihe, beantworten brav unsere Fragen, lassen uns fotografieren und dürfen offiziell amerikanischen Boden betreten. Ganz ohne sportliche Höchstleistung.
An der Gepäckausgabe geht das Theater in die nächste Runde. Unsere beiden Bekannten sind natürlich ebenfalls wieder da und umkreisen das Gepäckband wie zwei aufgescheuchte Hühner. Ständig wird geschaut, ob die Koffer schon kommen, dann wieder ein paar Meter weitergelaufen, als könnte man das Gepäck dadurch zur Eile antreiben. Vielleicht hoffen sie auch, dass ihre Koffer vor lauter schlechtem Gewissen freiwillig vom Band springen.
Stefan und ich suchen uns ein gemütliches Plätzchen mit guter Sicht auf das Geschehen. Schließlich haben wir inzwischen eine ausgesprochen unterhaltsame Reisebegleitung gefunden, und das völlig kostenlos. Irgendwann erscheinen unsere Koffer, kurz darauf auch die der beiden. Der gewaltige Vorsprung aus dem Flugzeug ist damit endgültig Geschichte.
Aber unsere Geschichte mit den beiden ist noch lange nicht zu Ende. Als Nächstes müssen wir zum Mietwagenzentrum. Dafür geht es mit dem Shuttlebus weiter, und während wir uns auf den Weg zur Haltestelle machen, entdecken wir natürlich wieder unsere beiden Freunde. Sie sind uns tatsächlich ein paar Meter voraus. Offenbar haben sie inzwischen einen neuen Anlauf gestartet, ihre verlorene Führung zurückzuerobern.
Sie steigen in den Shuttlebus. Wir steigen in denselben Shuttlebus. Ich muss inzwischen wirklich aufpassen, dass ich nicht laut loslache. Stefan grinst ebenfalls. Das Ganze entwickelt sich langsam zu einer dieser Situationen, die man sich nicht ausdenken könnte, wenn man es darauf anlegen würde. Da bemühen sich zwei Menschen seit der Landung mit aller Macht, uns abzuhängen, und wir tauchen völlig entspannt an jeder nächsten Station wieder hinter ihnen auf. Wie zwei schlechte Gewissen mit Handgepäck.
Am Mietwagenzentrum verlieren wir unsere unfreiwilligen Reisebegleiter zunächst aus den Augen. Wir erledigen die Formalitäten, suchen uns einen Jeep Liberty aus der Joice Line aus und machen uns auf den Weg zu unserem Hotel. Alles funktioniert problemlos, und bald sitzen wir endlich wieder in einem richtigen Auto. Nach den vielen Stunden im Flugzeug ist das ein herrliches Gefühl, auch wenn die Müdigkeit inzwischen deutlich spürbar wird.

Phoenix empfängt uns mit dieser typischen amerikanischen Weite. Breite Straßen, große Autos, großzügige Parkplätze und überall das Gefühl, dass hier grundsätzlich alles mindestens eine Nummer größer ausfallen muss als bei uns zu Hause. Dazu die trockene Wärme Arizonas, die uns unmissverständlich klarmacht, dass wir Europa inzwischen ziemlich weit hinter uns gelassen haben.
Unser heutiges Ziel ist das Days Inn Metro Center. Kein Luxushotel, kein besonderes Urlaubsparadies, sondern einfach ein ordentliches Bett für die erste Nacht. Mehr brauchen wir heute wirklich nicht. Nach einem solchen Reisetag könnte man uns vermutlich auch eine Matratze in einer Besenkammer anbieten, solange niemand verlangt, dass wir vorher noch irgendwelche Sehenswürdigkeiten besichtigen.
Wir fahren auf den Parkplatz, schnappen uns unsere Taschen und betreten die Hotellobby. Und dann traue ich meinen Augen nicht. Vor uns an der Rezeption stehen SIE! Unser Pärchen! Ich schaue Stefan an, und diesmal ist es wirklich vorbei mit meiner Beherrschung. Ich muss lachen. Ausgerechnet die beiden! Phoenix hat immerhin weit über eine Million Einwohner, Hotels gibt es hier vermutlich mehr als Kakteen in der Wüste, und wir schaffen es tatsächlich, nach einem gemeinsamen Flug, derselben Einreisekontrolle, derselben Gepäckausgabe und demselben Shuttlebus auch noch im selben Hotel zu landen.
Das muss man erst einmal fertigbringen! Allerdings haben unsere beiden Bekannten offenbar beschlossen, ihren anstrengenden Reisetag mit einem letzten großen Auftritt zu krönen. An der Rezeption gibt es nämlich Probleme. Irgendetwas stimmt mit dem Zimmer nicht, dann passt wieder etwas anderes nicht, und überhaupt scheint das gesamte Hotel nicht den Vorstellungen der beiden zu entsprechen. Es wird diskutiert, erklärt, widersprochen und erneut diskutiert. Die arme Dame hinter dem Tresen bemüht sich redlich, während unsere zwei Weltreisenden offenbar noch genügend Energie besitzen, um eine mittelgroße Hotelkrise auszulösen.
Stefan und ich stehen ein Stück dahinter und genießen die Vorstellung. Inzwischen haben wir ja reichlich Übung darin, den beiden zuzuschauen. Ich überlege schon, ob wir uns morgen früh vielleicht gemeinsam zum Frühstück verabreden sollten. Nicht etwa, weil wir besonders gesellig wären, sondern weil ich inzwischen unbedingt wissen möchte, wie diese Geschichte weitergeht. Vielleicht stehen sie ja schon um sechs Uhr am Buffet und versuchen, als Erste die Brötchen zu erreichen.
Schließlich wird eine zweite Dame an der Rezeption frei, und wir sind an der Reihe. Freundliche Begrüßung, Buchung gefunden, Zimmer zugeteilt, Schlüssel ausgehändigt. Fertig. Während nebenan noch immer über irgendwelche Unzulänglichkeiten diskutiert wird, sind wir bereits auf dem Weg zu unserem Zimmer. Manchmal ist es eben doch von Vorteil, wenn man nicht versucht, den gesamten Tag im Überholmodus zu verbringen.
Unser Zimmer entpuppt sich als richtig gute Wahl. Alles sauber, ordentlich, ausreichend Platz und vor allem ein Bett, das uns nach diesem langen Tag geradezu magisch anzieht. Die Koffer werden nur noch abgestellt, die Schuhe fliegen in die Ecke, und wir sind uns einig, dass für heute sämtliche Aktivitäten abgeschlossen sind.
Ich muss allerdings noch einmal an unser Pärchen denken. Ob die beiden inzwischen wohl ihr Zimmer bekommen haben? Oder stehen sie noch immer unten an der Rezeption und verhandeln über die korrekte Position der Nachttischlampen? Vielleicht haben sie ja auch längst festgestellt, dass wir vor ihnen eingecheckt haben. Das dürfte ihrem sportlichen Ehrgeiz einen empfindlichen Dämpfer versetzt haben.
Uns kann es jedenfalls egal sein. Wir sind in Amerika, haben unseren Mietwagen, ein schönes Zimmer und ab morgen eine kleine Rundreise durch Arizona vor uns. In einer Woche treffen wir Bianca, Patrick und Nadine in Las Vegas wieder, wo dann das eigentliche Familienereignis auf dem Programm steht. Bis dahin haben Stefan und ich noch einiges vor.
Aber jetzt wird geschlafen. Und zwar ohne jede Eile. Schließlich haben wir heute eindrucksvoll gelernt, dass man auch dann ans Ziel kommt, wenn man nicht versucht, sämtliche Mitreisenden unterwegs zu überholen.
Welcome to Arizona!










