Der Trend geht zum Dritthelm und der Monte Baldo musste erstmal warten.
Der erste richtige Urlaubstag begann erstaunlich früh. Obwohl wir eigentlich ausschlafen wollten, waren wir beide ziemlich schnell wach. Nun stand die wichtigste Frage des Morgens im Raum: Erst gemütlich im Camper frühstücken oder lieber sofort los und unterwegs irgendwo einkehren? Die Entscheidung fiel uns allerdings überhaupt nicht schwer. Natürlich wollten wir endlich auf die Vespas. Also gab es nur einen Plan: Schnell fertig machen, losfahren und irgendwo unterwegs gemütlich frühstücken. Der Monte Baldo wartete schließlich auf uns.
Also Helm auf und los. Zumindest war das der Plan. Ich greife nach meinem weißen Helm – schließlich hatte ich mir den im letzten Urlaub extra passend zur neuen weißen Vespa gekauft – und schon beim Hochheben beschleicht mich ein ungutes Gefühl.
Moment mal …
Das ist doch gar nicht mein Helm!
Statt meines nagelneuen weißen Helms hatten wir tatsächlich Noahs weißen Kinderhelm eingepackt. Das darf doch nicht wahr sein. Ein kurzer Selbstversuch bestätigte meine schlimmste Befürchtung. Der Helm hatte ungefähr die Passform einer Espressotasse. Keine Chance. In diesem Moment ging mir sofort durch den Kopf, dass ich meinen schönen neuen Helm wohl irgendwo zu Hause stehen gelassen haben musste. Ausgerechnet den. Den Helm, den ich mir doch extra zur weißen Vespa gekauft hatte.
Also begann das große Helmtausch-Spiel. Stefan setzte sich tapfer Noahs Kinderhelm auf den Kopf – bei ihm passte das Ganze zumindest mit viel gutem Willen. Ich wiederum quetschte mich in Stefans Helm. Bequem ist allerdings etwas anderes. Wir sahen vermutlich aus, als hätten wir morgens versehentlich im Fundbüro statt im eigenen Camper nach unseren Helmen gesucht. Zum Fahren wäre das für eine längere Tour jedenfalls keine Lösung gewesen.
Immerhin reichte diese Notlösung, um bis nach Garda zu fahren. Unser erstes Ziel war deshalb nicht der Monte Baldo, sondern Moto Jolly Garda. Dort durfte ich dann – völlig ungeplant – den nächsten weißen Helm aussuchen. Ja… nun besitze ich tatsächlich drei Motorradhelme. Der Trend geht offenbar zum Dritthelm. So war das eigentlich nicht vorgesehen. Andererseits hat man ja jetzt für jede Lebenslage den passenden Helm. Fast schon beruhigend.

Geplant war das Ganze zwar nicht. Andererseits passt diese Geschichte erschreckend gut zu unserem ganz persönlichen Böhm’schen Wahnsinn. Erst kaufen wir eine zweite Vespa, weil eine plötzlich nicht mehr reicht. Dann bekommt der Camper eine Anhängerkupplung. Danach ziehen noch ein Motorradanhänger und ein weiterer Helm ein. Und kaum ist man stolz darauf, dass alles perfekt organisiert ist, packt man statt des eigenen Helms den Kinderhelm des Enkels ein. Manchmal schreibt das Leben einfach die besseren Geschichten.
Mit einem Helm, der endlich wieder richtig passte und den Kopf nicht bei jeder roten Ampel zusammenpresste, konnten wir unsere erste Vespatour am Gardasee schließlich doch noch so beginnen, wie wir sie uns vorgestellt hatten. Etwas später als geplant zwar – aber dafür mit einer Geschichte, über die wir wahrscheinlich noch lange lachen werden.
Da Auto Jolly nur rund zehn Minuten vom Einkaufszentrum in Affi entfernt liegt und wir bis dahin vor lauter Helmdrama noch immer nichts gefrühstückt hatten, beschlossen wir spontan, den Morgen erst einmal kulinarisch zu retten. Im Shoppingcenter fanden wir ein kleines Café, genau richtig für einen Cappuccino und ein frisches Croissant. Viel braucht es in Italien manchmal gar nicht, um glücklich zu sein.

Während Stefan noch gemütlich an seinem Croissant knabberte und den Cappuccino genoss, zog es mich allerdings schon magisch in den Laden direkt nebenan. Ein Kindergeschäft. Eigentlich wollte ich ja nur mal kurz schauen. Ihr kennt das.
Keine zehn Minuten später kam ich mit Hemden, Hosen, einem Kleidchen und Schuhen für Noah und Emilia wieder heraus. Alles völlig ungeplant natürlich. So ungeplant wie der dritte Motorradhelm. Stefan nahm es gelassen. Vermutlich hatte er längst aufgegeben, sich über spontane Einkäufe zu wundern.
Frisch gestärkt und nun endlich mit passenden Helmen ausgestattet, konnten wir den eigentlichen Plan des Tages endlich in Angriff nehmen. Die ursprünglich geplante Runde mussten wir durch den ungeplanten Zwischenstopp in Garda zwar etwas umdrehen, aber das spielte überhaupt keine Rolle. Von Affi aus ging es auf der SP9 hinauf Richtung Prada.

Schon nach den ersten Kilometern war klar, warum diese Straße unter Motorrad- und Vespafahrern einen so guten Ruf genießt. Sie windet sich in zahllosen Kurven den Monte Baldo hinauf, mal flüssig und weit, dann wieder mit engen Spitzkehren, die einen kurz in den zweiten Gang zwingen. Hinter jeder Biegung wartete gefühlt ein neues Postkartenmotiv. Mal glitzerte tief unter uns der Gardasee in der Sonne, dann verschwand die Aussicht wieder hinter dichten Kastanien- und Buchenwäldern, nur um wenige Kurven später noch beeindruckender zurückzukommen. Dazwischen kleine Bergdörfer mit alten Natursteinhäusern, vereinzelte Olivenhaine und Weinberge, die langsam den Bergwäldern wichen.
Es war eine dieser Straßen, auf denen man gar nicht schnell fahren möchte. Nicht weil man es nicht könnte, sondern weil man ständig das Gefühl hat, etwas zu verpassen. Hinter jeder Kurve möchte man eigentlich kurz anhalten, tief durchatmen und einfach nur schauen. Das Wetter spielte ebenfalls perfekt mit. Strahlend blauer Himmel, angenehme Temperaturen und erstaunlich wenig Verkehr. Genau so stellt man sich eine Vespatour am Gardasee vor. Und diesmal sogar mit Helmen, die tatsächlich den richtigen Besitzern gehörten.
Gegen 11 Uhr erreichten wir schließlich Prada. Dort wartete die wohl ungewöhnlichste Seilbahn, die wir je gesehen hatten. Kabinen? Fehlanzeige. Stattdessen stehen dort kleine, offene Zweierkörbe bereit. Man setzt sich nicht hinein, sondern steigt ein, bleibt während der gesamten Fahrt stehen und schwebt langsam den Berg hinauf. So etwas hatten wir beide noch nie erlebt.

Natürlich fragte ich mich sofort, warum man eine Seilbahn ausgerechnet so baut. Die Antwort liegt tatsächlich in ihrer Geschichte. Die ursprüngliche Anlage wurde bereits Ende der 1960er-Jahre errichtet und war von Anfang an genau als solche offene Zweier-Korbbahn konzipiert. Sie diente damals vor allem dazu, Wanderer und Wintersportler möglichst einfach auf den südlichen Monte Baldo zu bringen. Eine große Gondel wäre für die vergleichsweise geringe Zahl an Fahrgästen wirtschaftlich kaum sinnvoll gewesen. Deshalb entschied man sich für diese kleinen Körbe, die im kontinuierlichen Umlauf fahren und bis heute den ganz eigenen Charme der Anlage ausmachen. Nach mehreren Modernisierungen wurde die Bahn 2022 komplett erneuert – das ungewöhnliche Prinzip blieb aber bewusst erhalten, weil es inzwischen fast schon ein Markenzeichen des Monte Baldo geworden ist.

Neugierig stiegen wir also in diese ungewöhnliche Bahn. Jeder bekam seinen eigenen kleinen Stehkorb zugeteilt. Romantisch nebeneinander schweben war damit ausgeschlossen, aber das hatte durchaus Vorteile. So konnten wir uns während der gesamten Fahrt gegenseitig zuwinken, fotografieren und feststellen, dass der andere da drüben offensichtlich genauso viel Spaß hatte wie man selbst. Die Bilder sind dadurch wahrscheinlich sogar besser geworden, als wenn wir gemeinsam in einer Gondel gestanden hätten.
Ganz langsam glitten wir über Wiesen und lichte Waldstücke den Hang hinauf. Unter uns wurden die Häuser von Prada immer kleiner, während sich der Blick über den Gardasee mit jedem Meter weiter öffnete. Es war herrlich entschleunigend. Kein Gedränge, kein Lärm, kein hektisches Ein- und Aussteigen – nur das leise Surren der Anlage und dieses eigenartige Gefühl, irgendwo zwischen Himmel und Erde zu schweben. Ich musste unwillkürlich daran denken, dass vermutlich jeder TÜV-Prüfer in Deutschland beim Anblick dieser Bahn erst einmal tief Luft holen würde. In Italien dagegen steigt man einfach ein, freut sich des Lebens und genießt die Aussicht.
An der Mittelstation wechselten wir auf den Sessellift, der uns das letzte Stück Richtung Gipfel brachte. Spätestens hier wurde aus einer schönen Aussicht ein echtes Panorama. Tief unter uns lag der Gardasee wie eine riesige blau schimmernde Fläche, eingerahmt von den Bergen, und mit jeder Minute wurden die Orte am Ufer kleiner. Oben angekommen entdeckten wir zunächst die kleine Kapelle, die dort oben fast ein bisschen verloren in der Landschaft steht. Von dort waren es nur noch wenige Gehminuten bis zum Rifugio Chierego.

“Nur noch wenige Gehminuten” klingt allerdings deutlich gemütlicher, als es sich tatsächlich anfühlte. Der Weg zog sich ordentlich bergauf und wir waren uns ziemlich schnell einig, dass die Seilbahn bei ihrer Planung ruhig noch die letzten paar Höhenmeter hätte mitnehmen dürfen. Wahrscheinlich wollten die Betreiber aber einfach sicherstellen, dass man sich das Mittagessen auch wirklich verdient.
Oben angekommen wurden wir dafür mehr als entschädigt. Wir nahmen auf der Sonnenterrasse Platz und konnten uns kaum entscheiden, ob wir lieber die Aussicht oder die Speisekarte länger anschauen sollten. Am Ende gewann natürlich die Speisekarte. Es gab eine große Antipasti-Platte mit regionalem Schinken, Salami, verschiedenen Käsesorten und frischem Brot. Eigentlich nichts Spektakuläres – und genau deshalb perfekt. Vielleicht lag es an der frischen Bergluft, vielleicht an der grandiosen Aussicht oder vielleicht einfach daran, dass wir inzwischen einen ordentlichen Hunger hatten. Wahrscheinlich war es von allem etwas. Jedenfalls war diese Brotzeit genau die richtige Belohnung nach dem kleinen Aufstieg und schmeckte mindestens so gut, wie sie aussah.
Irgendwann mussten wir uns dann doch wieder von diesem Platz losreißen. Also ging es den Berg wieder hinunter, zurück zur Bergstation, mit dem Sessellift zur Mittelstation und anschließend noch einmal in unsere kleinen Stehgondeln. Bergab wirkte die Fahrt fast noch spektakulärer. Jetzt lag der gesamte südliche Gardasee vor uns und wir hatten alle Zeit der Welt, die Aussicht noch einmal aufzusaugen. Gegen 14.30 Uhr standen wir schließlich wieder unten bei unseren beiden Vespas. Die erste Etappe des Tages hätte kaum schöner beginnen können – und der neu gekaufte Helm hatte seine Feuertaufe ebenfalls erfolgreich bestanden.
Nach der Rückfahrt mit Sessellift und Stehgondel meldete sich langsam wieder der Magen. Also beschlossen wir, noch einmal nach Affi zurückzufahren. Dort hatten wir uns ja morgens schon so wohlgefühlt. Im Shoppingcenter gönnten wir uns eine Kleinigkeit zu essen und schlenderten anschließend noch ein wenig durch die Geschäfte. Bei Nico blieb es – wie so oft – natürlich nicht beim Schaufensterbummel. Ein paar Kleidungsstücke für uns, hier noch etwas für Noah, dort ein Kleidchen für Emilia. Eigentlich wollten wir nur kurz schauen. Das Ergebnis kennt wahrscheinlich jeder, der diesen Satz schon einmal ausgesprochen hat.
Nach unserer kleinen Shoppingrunde ging es wieder zurück nach Prada. Dass wir die gleiche Straße noch einmal fahren mussten, störte uns überhaupt nicht. Im Gegenteil. Es gibt Straßen, die fährt man einmal. Und es gibt Straßen, bei denen man sich denkt: Ach komm, die nehmen wir gleich noch mal. Ab Prada wurde es dann allerdings richtig spannend.
Die Straße schien irgendwann einfach beschlossen zu haben, sämtliche Verkehrsplaner-Regeln über Bord zu werfen. Sie wurde immer schmaler, immer kurviger und klebte irgendwann so dicht am Felsen, dass man sich fragte, ob der Straßenbauer damals einfach so lange weitergebaut hat, bis ihm das Gestein im Weg stand. Rechts ging es teilweise ordentlich bergab, links ragten meterhohe Felswände in den Himmel. Und mittendrin wir. Zwei Vespas, zwei Dauergrinser und ungefähr alle zwanzig Meter der Satz: „Boah… schau mal!“

Die nächste Kurve sah wieder völlig anders aus als die vorherige. Mal führte die Straße durch einen schmalen Felseinschnitt, bei dem man meinte, gleich streift der Spiegel am Berg entlang. Dann öffnete sich plötzlich wieder der Blick auf den Gardasee, als hätte jemand einen Vorhang zur Seite gezogen. Keine fünfzig Meter später verschwand der See wieder hinter Bäumen und Felsen und das ganze Spiel begann von vorne.
Eigentlich hatten wir ständig den gleichen Ablauf. Fahren. Staunen. Anhalten. Fotografieren. Weiterfahren. Wieder staunen. Wieder anhalten. Irgendwann wussten wir gar nicht mehr, ob wir mehr Zeit auf der Vespa oder mit dem Handy in der Hand verbrachten.
Dazu kam noch ein kleiner Nebeneffekt dieser Straße. Irgendwann roch es verdächtig… nun ja… nach Bremsen. Unsere Vespas waren offenbar der Meinung, dass jetzt mal eine Pause fällig wäre. Also hielten wir kurzerhand an einem der unzähligen Aussichtspunkte an und erklärten ganz professionell: „Wir lassen die Bremsen etwas abkühlen.“ Natürlich war das nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte lautete: „Schau mal, hier müssen wir unbedingt auch noch ein Foto machen!“
Kaum waren die Bremsen wieder auf Normaltemperatur, ging das Spiel von vorne los. Zwei Kurven später standen wir schon wieder irgendwo am Straßenrand. Diesmal selbstverständlich nur, damit die Bremsen nicht überhitzen. Dass direkt daneben zufällig der schönste Aussichtspunkt der bisherigen Tour lag, war reiner Zufall. Ehrlich.
Irgendwann hörten wir sogar auf zu zählen, wie oft wir abgestiegen waren. Aber genau das macht für uns so eine Tour aus. Es geht nicht darum, möglichst viele Kilometer abzuspulen. Es geht darum, Straßen zu entdecken, bei denen man am liebsten nach jeder Kurve anhält, weil man überzeugt ist, dass die nächste Aussicht unmöglich noch schöner sein kann.
Und dann kommt die nächste Kurve…
Langsam neigte sich der Tag dem Ende zu und wir machten uns auf den Rückweg nach Torbole. Hinter uns lagen unzählige Kurven, fantastische Ausblicke, ein ungeplanter Helmkauf, eine außergewöhnliche Stehgondel und eine Straße, die uns wahrscheinlich noch lange in Erinnerung bleiben wird.
Zurück auf dem Camping MAROADI hielten wir es wie schon am Vorabend. Warum noch einmal irgendwo hinfahren, wenn das Gute praktisch direkt vor der Campertür liegt? Also ließen wir den Tag ganz entspannt im campingplatzeigenen Restaurant ausklingen. Das Essen schmeckte wieder hervorragend und während wir so dasaßen, ließen wir den Tag noch einmal Revue passieren. Erstaunlich, wie viel man an einem einzigen Urlaubstag erleben kann, wenn man morgens eigentlich nur „mal kurz auf den Monte Baldo“ fahren möchte.
Nach dem Essen ging es noch unter die Dusche und anschließend ziemlich müde, aber rundum zufrieden ins Bett. Morgen wartete schon das nächste Abenteuer auf uns. Welches genau, wussten wir zwar schon – dass es wieder ganz anders kommen würde als geplant – davon gehen wir mal aus.






































