Ein Tag zwischen Filmkulissen & Meerblick
Los Angeles, Santa Barbara, Solvang & Pacific Coast Highway


Was macht man morgens um fünf Uhr in Los Angeles, wenn der Jetlag zuverlässig verhindert, dass man auch nur ansatzweise wieder einschläft? Richtig. Man geht Steak essen. Nicht aus Hunger – aus Prinzip. Und weil Amerika genau für solche Lebensentscheidungen gemacht ist.

Nur ein paar Minuten von unserem Motel entfernt leuchtet uns rettend ein Denny’s entgegen. 24 Stunden geöffnet. Frühstück rund um die Uhr. Und – jetzt wird’s wichtig – das komplette Abendmenü jederzeit bestellbar. Morgens um fünf. Dienstag. Völlig egal. Ein Ort, an dem Jetlag nicht als Problem gilt, sondern als legitimer Grund für Steak.

Frühstück bei Denny’s

Stefan studiert die Karte mit der Ernsthaftigkeit eines Börsenmaklers und entscheidet sich für das „Santa Fe Skillet“ – Speck, Bratkartoffeln, Fett in seiner schönsten Form. Ich nehme das Steak. Saftig, ehrlich, ohne Diskussion. Frisch gestärkt – und innerlich sehr zufrieden – machen wir uns auf den Weg zum nächsten Programmpunkt: Sonnenaufgang statt Sonnenuntergang. Wenn Plan A nicht klappt, wird Plan B eben episch.

Griffith Observatory

Am Griffith Observatory angekommen, liegt Los Angeles noch halb im Schlaf. Von hier oben wird schlagartig klar, womit man es zu tun hat: Diese Stadt ist kein Ort, sie ist ein Zustand. Kein geschlossenes Stadtbild, sondern ein endloses Patchwork aus 88 eigenständigen Städten und unzähligen Stadtteilen. Lichter bis zum Horizont. Und noch weiter.

Es ist kurz nach sechs. Die Stadt wacht auf. Jogger ziehen ihre Runden, als gäbe es Medaillen fürs Frühaufstehen. Andere hängen an Geländern, Bäumen oder allem, was sich für Klimmzüge eignet. Direkt vor dem Observatorium läuft ein professionelles Fotoshooting – natürlich. Wenn jemand nicht rennt oder trainiert, steht er vor der Kamera. Los Angeles eben. Stillstehen ist hier offenbar keine Option.

Hollywood Boulevard

Wir genießen den Moment, machen Fotos, atmen diese besondere Morgenstimmung ein – und fahren weiter zum nächsten Klassiker. Der Hollywood Boulevard liegt um diese Uhrzeit da wie eine Filmkulisse nach Drehschluss. Leer. Ruhig. Fast unwirklich. Keine Menschenmassen, keine Selfiesticks, kein Gedränge. Wir fotografieren das TCL Chinese Theatre und das Dolby Theatre ganz entspannt – ohne jemanden aus dem Bild schieben zu müssen. Hollywood gehört uns. Zumindest für ein paar Minuten.

Und dann passiert etwas, das tagsüber undenkbar wäre: Ich lege mich für ein Foto neben den Stern von Bruce Willis. Kein Gedränge, kein Drauftreten, kein schräger Blick. Nur wir, der Boulevard und ein sehr entspannter Actionheld aus Messing.

Vielleicht ist ja doch was dran an diesem Sprichwort mit dem frühen Vogel. Oder zumindest daran, dass Hollywood morgens um sechs eindeutig charmanter ist als mittags um zwölf.

Hollywood Boulevard

Nach diesem völlig überambitionierten Morgenprogramm – Steak um fünf, Sonnenaufgang, Hollywood ganz für uns allein – war klar: Kaffee ist jetzt keine Option, sondern Pflicht. Also rein zu Starbucks, WLAN geschnorrt, Smartphones gezückt und erst mal Beweisfotos nach Hause geschickt. So nach dem Motto: Ja, wir sind wach. Ja, wir sind in L.A. Nein, wir spinnen nicht.

Frisch koffeiniert geht es weiter Richtung Union Station. Doch bevor wir uns dem Bahnhof widmen, machen wir noch einen kleinen Umweg – zu einem Ort, der offiziell eigentlich gar nicht existiert. Zum sogenannten CBI-Headquarter.

CBA Buildung (The Mentalist)

Gut, streng genommen gibt es kein California Bureau of Investigation. Und damit auch kein echtes Hauptquartier. Aber wir sind große Fans von The Mentalist, und genau hier steht das Gebäude, das in der Serie als CBI-Zentrale dient – obwohl die Handlung angeblich in Sacramento spielt. Willkommen in Hollywood, wo Geografie reine Verhandlungssache ist und Entfernungen mit einem Kameraschwenk überbrückt werden.

Ein paar Schritte weiter stehen wir dann endlich vor der Union Station. Und ich frage mich ernsthaft, warum wir es bei all unseren bisherigen L.A.-Besuchen nie hierher geschafft haben. Dieses Gebäude ist ein Statement. Missionsstil, hohe Decken, warme Farben – alles atmet die große Zeit des Reisens, als Ankommen noch ein Ereignis war und nicht nur ein Punkt auf der To-do-Liste.

Union Station

Wir schlendern durch die riesige Wartehalle, lassen den Blick schweifen, entdecken die Innenhofgärten und lassen uns schließlich in diese legendären, überdimensionalen Ledersessel fallen. Schwer. Bequem. Einladung zum Verweilen. Man erwartet fast, dass gleich ein Hollywoodstar der 40er-Jahre mit Hut und Mantel neben einem Platz nimmt, Zeitung aufschlägt, Zugticket in der Tasche. Hier riecht alles nach Filmgeschichte.

Doch die Uhr meint es nicht ganz so nostalgisch mit uns. Es ist inzwischen neun Uhr. Zeit, Abschied zu nehmen. Von Los Angeles. Von Palmen, Sonnenaufgang und Filmkulissen, die keine sind.

Aber jetzt kommt der entscheidende Moment. Der Satz, auf den alles hinausläuft. Der Satz, der nach Freiheit klingt, nach Asphalt, nach endlosen Highways: ROADTRIP!!!!

Unser erster Stopp auf dem Weg Richtung Norden heißt Santa Barbara – und damit gleich eine dieser Städte, bei denen man automatisch etwas gerader sitzt. Promi-Wohnort, Postkartenkulisse, gepflegter als man selbst im besten Urlaubsmodus jemals sein wird. Santa Barbara ist Kalifornien in Reinform: Palmen, Sonne, weiß verputzte Häuser mit roten Ziegeldächern und dieser entspannte Luxus, der nicht protzt, sondern einfach da ist. Nicht umsonst trägt die Stadt den Beinamen Hauptstadt der amerikanischen Riviera. Mit ein bisschen Fantasie fühlt man sich eher nach Südfrankreich oder Norditalien versetzt als an die Westküste der USA.

Santa Barbara County Courthouse

Unser Ziel ist das Santa Barbara County Courthouse. Ein Bauwerk aus dem Jahr 1929, strahlend weiß, irgendwo zwischen spanischem Palast und Filmkulisse. Allein dafür lohnt sich der Abstecher. Wir schlendern durch Innenhöfe, Treppenhäuser und Flure, die aussehen, als hätte man sie absichtlich für Historienfilme entworfen. Highlight: der Glockenturm. 26 Meter hoch, ein kurzer Aufstieg – und oben wartet ein Panoramablick über die ganze Stadt, bis hin zum Meer. Genau so stellt man sich Kalifornien vor, wenn man früher Reisekataloge durchgeblättert hat.

In der zweiten Etage dürfen wir sogar einen Blick in den alten Gerichtssaal werfen. Ein riesiges Wandgemälde dominiert den Raum, alles wirkt ehrwürdig, schwer und gleichzeitig erstaunlich zugänglich. Kein Absperrband, kein Sicherheitsalarm – einfach reingehen, schauen, staunen. Wir lassen uns Zeit, saugen die Atmosphäre auf und fühlen uns kurz sehr kultiviert.

Santa Barbara County Courthouse

Danach bummeln wir noch durch die kleine Einkaufspassage La Arcadia, bevor wir uns wieder ins Auto setzen. Der Wrangler wartet schließlich nicht ohne Grund draußen. Nächstes Ziel: Solvang – auch bekannt als Dänemark mitten in Kalifornien.

Solvang wurde 1911 von dänischen Pädagogen gegründet und gibt sich bis heute größte Mühe, diesen Umstand nicht zu vergessen. Fachwerkhäuser, Windmühlen, strohgedeckte Dächer – alles da. Sehr konsequent. Sehr liebevoll. Und, ja: sehr kitschig. Blumenkästen in allen Farben säumen die Straßen, Schaufenster präsentieren dänische Handwerkskunst, Keramik, Holzarbeiten und Souvenirs, von denen man nicht wusste, dass man sie nicht braucht.

Kulinarisch wird es ebenfalls sehr nordisch. In Cafés und Restaurants stehen Smørrebrød und æbleskiver auf der Karte, dazu Kaffee und Gebäck, als hätte man Kopenhagen kurzerhand verlegt. Alles ist nett, alles ist gepflegt, alles wirkt ein kleines bisschen wie ein Freilichtmuseum mit Zuckerstreuseln. Wir schlendern durch die Straßen, schauen, schmunzeln – und stellen irgendwann fest: Jetzt reicht’s auch wieder.

Denn so charmant Solvang ist, wir haben noch Größeres vor. Die kitschige Kleinstadt bleibt zurück, der Motor startet, und vor uns liegt das, worauf wir eigentlich gewartet haben: Pacific Coast Highway.

Meer. Kurven. Freiheit.
Der Roadtrip beginnt jetzt erst so richtig.

Solvang


Unser nächster Zwischenstopp heißt Pismo Beach. Wenn man schon am Pazifik entlangfährt, dann will man ihn nicht nur sehen – man will ihn spüren. Und hier geht das auf besonders amerikanische Art: mit dem Auto direkt an den Strand. Einer der wenigen – wenn nicht der einzige – Strände Kaliforniens, auf dem das erlaubt ist. Natürlich lassen wir uns diese Gelegenheit nicht entgehen. Also runter auf den Sand, ein bisschen durch die Dünen gleiten, Reifen im weichen Untergrund, Salzluft in der Nase. Macht das Sinn? Nein. Macht es Spaß? Und wie. Genau dafür fährt man Roadtrip.

Nach diesem kleinen Sandkastenmoment für Erwachsene geht es weiter Richtung Norden. Nächster Halt: Piedras Blancas, nahe San Simeon. Am Elephant Seal View Point wartet eines dieser Naturerlebnisse, bei denen man automatisch leiser wird. Nicht, weil es still wäre – im Gegenteil. Die Geräuschkulisse ist… speziell. Grunzen, Brüllen, Röhren. Klingt ein bisschen, als würde jemand ein kaputtes Sofa rückwärts die Treppe runterziehen.

Die Seeelefanten liegen träge am Strand, tonnenschwer, unfassbar entspannt und vollkommen unbeeindruckt von allem, was wir Menschen so treiben. Über Holzstege gelangen wir vom Parkplatz zu erhöhten Aussichtspunkten. Etwa zwei Meter über dem Strand stehen wir da und schauen zu – aus respektvollem Abstand. Die Wellen krachen an die Küste, die Tiere bewegen sich kaum, und wenn doch, dann mit einer Gelassenheit, die man sich dringend abschauen sollte. Hier regiert das Prinzip: Energie sparen. Liegen bleiben. Leben genießen.

Irgendwann reißen wir uns los, verabschieden uns innerlich von den faulen Strandbewohnern und setzen unsere Fahrt auf dem Pacific Coast Highway fort. Und dieser Highway meint es weiterhin gut mit uns. Kurven, Klippen, Pazifik soweit das Auge reicht. Die Sonne senkt sich langsam, taucht Himmel und Küste in warme Farben, alles wird golden, weich, fast unwirklich. Einer dieser Abschnitte, bei denen man eigentlich alle fünf Minuten anhalten müsste – wenn man nicht irgendwann ankommen wollte.

In der Nähe der Monterey Bay kippt die Stimmung schlagartig. Vom Meer zieht dichter Nebel herauf, rollt über die Küste, verschluckt die Landschaft. Es hat etwas leicht Unheimliches, aber gleichzeitig ist es wunderschön. Nebel und Sonnenreste vermischen sich, die Temperatur fällt spürbar. Nach einem Tag mit offenem Verdeck wird es plötzlich frisch. Also: Verdeck hoch, Pullover an, Roadtrip-Modus auf „Abend“.

Die Sonne ist inzwischen komplett verschwunden, als wir die letzten Meilen Richtung Union City zurücklegen. Draußen ist es dunkel geworden, richtig dunkel – kein dramatisches Küstenlicht mehr, keine Postkartenfarben, nur noch Asphalt, Nacht und dieser gleichmäßige Rhythmus der Straße. Der Scheinwerferkegel frisst sich durch die Dunkelheit, Kurve für Kurve, während der Verkehr spürbar nachlässt. Kalifornien schaltet langsam in den Abendmodus. Und wir auch. Der Tag steckt uns in den Knochen, aber auf diese angenehme Art, bei der man weiß: Heute war viel. Und alles davon war gut.

Texas Roadhouse

Irgendwann taucht das vertraute Leuchten eines Parkplatzes auf – unser Signal für eine wohlverdiente Pause. Texas Roadhouse. Laut, herzlich, amerikanisch bis ins letzte Detail. Genau der richtige Ort nach einem langen Fahrtag. Steak, Beilagen, satt werden ohne Diskussion. Keine Experimente, keine Fragen. Einfach essen, zurücklehnen, kurz das Gefühl genießen, angekommen zu sein – zumindest für diesen Abend.

Larkspur Landing Silicon Valley

Danach rollen wir die letzten Kilometer weiter ins Silicon Valley. Ein Name, der nach Zukunft klingt, nach Ideen, nach Weltveränderung – heute Nacht aber einfach nur nach Bett. Im Landspur Landing checken wir ein, lassen den Tag noch einmal Revue passieren, während die Koffer schweigend in die Ecke gestellt werden. Duschen, Füße hoch, dieses tiefe Durchatmen, das nur nach Reisetagen kommt, die randvoll waren.

Der Kopf ist müde, aber hellwach vor Vorfreude. Denn das hier war erst das Warmfahren. Morgen warten das Silicon Valley und San Francisco.

Spätestens jetzt ist klar: Der Roadtrip läuft. Nicht im Leerlauf, nicht im Probemodus – sondern mit voller Betriebstemperatur.

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