Zwischen Bergidylle, Wildwest und Glücksspiel
Lake Tahoe, Virginia City & Reno
Der Tag beginnt genau so, wie man ihn sich in den Bergen wünscht: Sonne, klare Luft und Frühstück inklusive. Im Big Pines Mountain House greifen wir beherzt zu – Kaffee, Donuts, alles was nötig ist, um einem großen Tag würdig zu begegnen. Stefan testet die amerikanische Donut-Statik, ich prüfe, ob man durch ein Loch wirklich die Welt besser sehen kann. Wissenschaftlich natürlich.
Gestärkt, gut gelaunt und mit diesem leichten Heute-kann-nichts-schiefgehen-Gefühl starten wir direkt am Hotel unsere große Runde um den Lake Tahoe. Der Plan: einmal komplett rum, gegen den Uhrzeigersinn, auf einer zweispurigen Uferstraße, die sich über rund 120 Kilometer um den See schlängelt. Kein Sprint, kein Abhaken – sondern genießen.
Der Lake Tahoe macht schon früh klar, warum er den Beinamen „Lake in the Sky“ trägt. 35 Kilometer lang, 19 Kilometer breit, an der tiefsten Stelle satte 501 Meter tief – und das alles eingebettet in eine Bergkulisse mit Gipfeln jenseits der 3.000 Meter. Ein See mit ernstzunehmender Präsenz. Still, klar, fast unwirklich blau. Man schaut hin und denkt automatisch: Das ist kein See, das ist ein Statement.
Auf der Ostseite, rund um Cave Rock und Zephyr Cove, ragen dramatische Felsformationen direkt aus dem Wasser. Die Straße zieht sich hier etwa hundert Meter oberhalb des Sees durch Felswände und Kiefernwälder. Kurve folgt auf Kurve, immer wieder dieser Blick nach unten auf das glasklare Wasser. Einer dieser Abschnitte, bei denen man automatisch langsamer fährt – nicht aus Vorsicht, sondern aus Ehrfurcht.

Weiter nördlich verändert sich die Stimmung. In Crystal Bay und Kings Beach entdecken wir kleine, fast schon karibisch wirkende Sandstrände. Helles Ufer, ruhiges Wasser, dahinter die Berge. Man vergisst kurz, dass man sich auf fast 2.000 Metern Höhe befindet und nicht irgendwo am Mittelmeer.
Auf der Westseite, zwischen Tahoe City und Tahoma, liegt die Straße fast auf Augenhöhe mit dem Wasser. Der See ist plötzlich ganz nah, fast zum Greifen. Spiegelungen, kleine Wellen, Boote in der Ferne – das volle Panorama. Hier gibt es kein „mal eben durchfahren“. Hier fährt man automatisch langsamer, schaut, schweigt, schaut noch einmal.
Lake Tahoe Dam & Dam Cafe
In Tahoe City legen wir eine Pause ein – Staudamm und Café, eine unschlagbare Kombination. Im Dam Café gibt es Kaffee, eine kleine Verschnaufpause und dieses angenehme Gefühl, genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Menschen kommen, Menschen gehen, der Fluss rauscht unter dem Damm hindurch, und wir sitzen einfach da und lassen die Eindrücke sacken.
Doch der eigentliche Höhepunkt wartet noch.

Im Südwesten, dort wo die Straße Richtung Emerald Bay führt, wird es plötzlich spektakulär. Einer der Aussichtspunkte folgt dem nächsten, und jeder einzelne zwingt einen zum Anhalten. Tiefblaues Wasser, eingerahmt von steilen Hängen, sattes Grün – und mitten darin die kleine Fannette Island, wie aus einer anderen Welt. Postkartenmotiv, aber live. Größer. Tiefer. Intensiver.
Wir stehen da, schauen, lehnen uns zurück, lassen die Beine baumeln. Kein Zeitdruck, kein Plan B. Nur dieser Blick. Und irgendwo zwischen all dem ist klar: Lake Tahoe umrundet man nicht einfach. Man erlebt ihn.
Emerald Bay
Nach all den Naturmomenten schalten wir heute kurz auf Stadt & Geschichte um. Nächster Halt: Carson City, die überraschend charmante Hauptstadt von Nevada. Kein Großstadttrubel, kein Protz – Carson City wirkt eher wie eine gepflegte Kleinstadt mit politischer Verantwortung. Wir schauen uns das Nevada State Capitol an, spazieren über die Main Street, machen ein Foto vom Capitol – das reicht uns für heute. Man muss nicht alles sezieren. Manchmal genügt ein Eindruck.

Dann geht es weiter. Der Jeep rollt wieder an, und wir verlassen Carson City in Richtung Dayton. Auf den ersten Blick wirkt Dayton unscheinbar, ruhig, fast verschlafen. Doch das ändert sich schnell, denn Dayton gilt als älteste Stadt Nevadas – und das merkt man, sobald man den Historic District erreicht.
Eine kleine Seitenstraße führt uns in eine andere Zeit. Alte, teils verlassene Häuser, verwitterte Fassaden, Fenster, die schon lange niemand mehr geöffnet hat. Hier wird nichts aufgehübscht, nichts inszeniert. Es wirkt roh, ehrlich, ein bisschen melancholisch. Genau die Art von Ort, an dem man automatisch leiser wird und genauer hinschaut.
Aber was wollen wir hier in Dayton?
Die Antwort ist… eine dieser typisch amerikanischen Ideen, bei denen man sich fragt, ob sie genial oder leicht verrückt sind – vermutlich beides. Wir haben nämlich bei unserer Recherche herausgefunden, dass man in Nevada eine offizielle Urkunde bekommt, wenn man den U.S. Highway 50 komplett von West nach Ost durchquert. Ja, richtig gelesen. Eine Urkunde. Unterschrieben vom Governor. Kein Witz.
Die Bedingung: Man muss durch ganz bestimmte Orte fahren – Carson City, Dayton, Fernley, Fallon, Austin, Eureka, Ely und Baker – und sich in jeder Stadt einen Stempel in ein kleines Büchlein holen. Dieses Büchlein schickt man anschließend ein. Dann bekommt man offiziell bescheinigt, dass man „The Loneliest Road in America“ bezwungen hat.
Und weil Carson City und Dayton heute ohnehin auf unserem Weg liegen, holen wir uns hier schon mal die ersten Stempel. Vorsprung ist Vorsprung. Alles Weitere zu dieser leicht absurden, aber großartigen Nevada-Idee erzählen wir morgen, wenn wir den Highway 50 dann wirklich fahren. Ausführlich. Versprochen.
Für heute reicht das Sammeln. Jetzt wartet wieder echtes Wildwest-Feeling auf uns. Wir setzen unsere Fahrt fort Richtung Virginia City.

Virginia City ist so ein Ort, bei dem man beim Aussteigen automatisch langsamer wird. Nicht, weil man müde ist – sondern weil man instinktiv glaubt, gleich könnte jemand mit Cowboyhut und Revolver um die Ecke kommen. Einst das pulsierende Zentrum des Silberbergbaus im 19. Jahrhundert, zählt Virginia City heute keine 1.000 Einwohner mehr. Dafür steht die komplette Stadt unter Denkmalschutz. Historic District in Reinform.
Viele der prächtigen viktorianischen Häuser wurden liebevoll restauriert, und das merkt man sofort. Holzbalkone, Fassaden mit Patina, Schilder, die nicht neu aussehen wollen. Dazu diese herrlich knarrenden hölzernen Gehwege, die einen ganz automatisch von einem Saloon zum nächsten und von dort weiter zum Souvenirshop tragen. Man muss hier nichts suchen – man wird geführt.
Und dann ist da natürlich Bonanza.
Unvermeidlich. Unausweichlich. Sofort im Kopf. Die Cartwrights, die hier gefühlt regelmäßig die Welt retteten, sich tragisch verliebten und dabei stets perfekt rasiert blieben. Und irgendwo zwischen Revolverhelden, Moralpredigt und Sonnenuntergang hörte man innerlich immer dieses legendäre „Ja, Pa“, mit dem jede Diskussion zuverlässig beendet wurde. Kein Wunder: Die Serie wurde in der Umgebung von Virginia City gedreht, und im Vorspann sieht man die Lage der Cartwright-Ranch am Lake Tahoe. Als eingefleischte Cartwright-Fans war klar: Virginia City ist kein optionaler Stopp. Das ist Pflichtprogramm.

Wir parken den Jeep und erkunden die Main Street zu Fuß. Bars, Saloons, Souvenirshops – dicht an dicht, alles sehr konsequent Wildwest. Mal liebevoll, mal ein bisschen drüber, aber immer unterhaltsam. Man könnte hier Stunden verbringen, einfach nur schauen, lesen, vergleichen, schmunzeln.

Unsere Neugier zieht uns in den Delta Saloon. Berühmt – oder berüchtigt – für seinen sogenannten Suicide Table. Der Saloon selbst enttäuscht uns allerdings etwas. Statt staubigem Westernflair eher ein schlecht belüftetes Spielcasino mit wenig Atmosphäre. Aber dann sehen wir ihn: den Tisch. Hinter Glas. Mit Erklärung. Und plötzlich wird es stiller im Kopf.
Der Suicide Table steht für ein düsteres Kapitel der Geschichte. Drei Casino-Inhaber sollen hier so viel Geld verloren haben, dass sie keinen anderen Ausweg mehr sahen. Eine Geschichte, die hängen bleibt. Unangenehm, bedrückend – und gleichzeitig Teil dieses Ortes. Nicht alles im Wilden Westen war romantisch. Gut, dass das hier nicht beschönigt wird.
Red Dog Saloon
Zeit für einen Stimmungswechsel. Den finden wir im Red Dog Saloon. Deutlich angenehmer, lebendig, warm. Wir gönnen uns lokales Bier und Pizza, setzen uns kurz, lassen Virginia City noch einmal auf uns wirken. Stimmen, Musik, Holz, Geschichte – alles in einem.
Damit ist der Punkt erreicht, an dem man innerlich einen Haken setzt.
Virginia City: erledigt. Erlebt. Gespeichert.
Wir verlassen Virginia City über eine herrlich kurvenreiche Straße, die sich durch die Sierra Nevada windet. Noch einmal Wildwest-Gefühl, noch einmal große Landschaft. Die Berge stehen mächtig am Horizont, die Luft ist klar, und dieser Abschnitt fühlt sich an wie ein stiller Übergang – vom historischen Staub der Minenstadt zurück in die Gegenwart.
Und dann, ziemlich plötzlich, taucht sie auf: Reno. Oft als Klein-Las-Vegas bezeichnet – was gleichzeitig schmeichelt und warnt. Die Skyline mit ihren glitzernden Casinos, Neonlichtern und dem leichten Hang zur Übertreibung ist… hübsch. Nicht überwältigend, aber unterhaltsam. Wir legen einen kurzen Stopp im Casino-Viertel ein, schießen ein paar Fotos und lassen uns für einen Moment von dieser speziellen Mischung aus Glücksspiel, Show und Alltagsbetrieb treiben.

Natürlich darf das berühmte Wahrzeichen nicht fehlen: der Reno Arch mit der Aufschrift „The Biggest Little City in the World“. Pflichtfoto. Diskussion zwecklos. Dieses Schild gehört zu Reno wie Elvis zu Las Vegas – und wir nehmen es gerne mit.
Ganz spontan legen wir dann noch einen Stopp bei Legends at Sparks ein. Eigentlich nur kurz schauen. Wirklich. Klappt natürlich nicht. Und weil Shopping hungrig macht, landen wir konsequent bei Fuddruckers. Große Burger, ordentlich belegt, genau richtig nach einem langen Tag zwischen Bergen, Westernromantik und Neonlichtern.
The Outlet s at Legends & Burger bei Fuddruckers
Am Abend erreichen wir schließlich Fernley, wo wir in den Comfort Suites Fernley einchecken. Ein ruhiger Ort, genau richtig, um nach all den Eindrücken die Füße hochzulegen und den Tag langsam ausklingen zu lassen.
Denn morgen wartet etwas ganz Besonderes auf uns: U.S. Highway 50 – die Loneliest Road of America. Endlose Weite, Wüste, kleine Orte, viel Asphalt und noch mehr Horizont.
Aber das… ist eine andere Geschichte.
























































