Von Anchorage bis ans Ende der Straße – Wale vor dem Fenster und ein Abend in Homer
Am nächsten Morgen saßen wir wieder bei Caroline am Frühstückstisch, und inzwischen fühlte sich das Camai B&B fast schon ein bisschen wie eine feste Basisstation an. Caroline zauberte wie gewohnt ein Frühstück auf den Tisch, bei dem man sich ernsthaft fragen konnte, warum wir eigentlich zwischendurch überhaupt noch irgendwo anders gegessen hatten. Während wir uns durch die Teller arbeiteten, erzählten wir von den vergangenen Tagen, vom Schneechaos in Fairbanks, vom Arctic Circle, vom Denali und natürlich von unserem tierischen Empfang am Vorabend. Als ich Caroline und Craig die Fotos von dem Elch zeigte, der so selbstverständlich vor ihrer Garage herumgestanden hatte, waren die beiden ganz begeistert und fragten tatsächlich, ob sie Kopien davon bekommen könnten. Offenbar liefen bei ihnen zwar regelmäßig Elche durch den Garten, nur hielten sich diese Tiere ausgesprochen selten an fotografisch günstige Termine. Meistens stand eben kein Fotoapparat griffbereit, wenn plötzlich anderthalb Tonnen Alaska vor der Haustür auftauchten.

Nach dem Frühstück packten wir wieder einmal unsere Sachen ins Auto. Diesmal ging es auf unseren letzten größeren Roadtrip dieser Reise: hinunter auf die Kenai Peninsula bis nach Homer. Dort wollten wir eine Nacht verbringen, bevor wir für unsere allerletzte Nacht noch einmal ins Camai zurückkehren würden. Ein bisschen merkwürdig fühlte sich das inzwischen schon an. Vor knapp zwei Wochen hatten wir noch mit prall gefülltem Reiseplan in Anchorage gestanden, und plötzlich begann man bei jeder Etappe Wörter wie „letzter“ zu benutzen. Letzter Roadtrip. Letzte Übernachtung außerhalb Anchorage. Letzte große Runde. Ich ignorierte das erst einmal sehr konsequent. Solange das Auto noch vollgetankt war, war schließlich Urlaub.
Von Anchorage aus folgten wir erneut dem Turnagain Arm, mittlerweile fast schon eine vertraute Strecke. Die Landschaft war trotzdem kein bisschen langweilig geworden. Das Wasser zog sich zwischen den Bergen entlang, darüber lagen schwere Wolken und die Gipfel verschwanden stellenweise in grauen Schleiern. Der Himmel hatte an diesem Tag offenbar beschlossen, fotografisch eher Dienst nach Vorschrift zu machen. Da für den nächsten Tag wieder Sonnenschein angekündigt war, verschoben wir die großen Fotostopps kurzerhand auf die Rückfahrt und machten Strecke. Das funktionierte erstaunlich gut – jedenfalls so lange, bis irgendwo unterwegs das Schild von Kenai Harley-Davidson auftauchte. Damit war die Strategie „heute fahren wir einfach durch“ natürlich sofort beendet. Ein T-Shirt musste mit. Es gibt schließlich Regeln auf Reisen, und eine davon lautet offenbar: Wenn irgendwo ein Harley-Davidson-Händler steht, wird angehalten. Darüber wird nicht diskutiert.

Gegen halb eins meldete sich dann der Hunger. Irgendwo rund um Kasilof entdeckten wir direkt an der Straße einen dieser Läden, die in Alaska gefühlt gleichzeitig General Store, Restaurant, Treffpunkt, Souvenirshop und wahrscheinlich im Notfall auch Standesamt sind. Einen richtigen Ortskern konnten wir weit und breit nicht erkennen, aber Essen gab es – und das genügte uns vollkommen. Stefan verkündete wie so oft, er habe eigentlich gar nicht besonders großen Hunger, was bei ihm erfahrungsgemäß ungefähr bedeutet, dass er anschließend selbstverständlich von meinem Teller mitisst.
Deshalb bestellten wir gemeinsam Fish & Chips. Wenn man schon auf der Kenai Peninsula unterwegs war, wo Halibut praktisch zum kulturellen Grundbestand gehört, wäre ein trauriges Käsebrot ohnehin unangemessen gewesen. Der Fisch war frisch, knusprig und genau richtig für die Weiterfahrt, und damit waren wir wieder ausreichend versorgt, um das südliche Ende der Halbinsel anzusteuern.
Je näher wir Homer kamen, desto deutlicher wurde, warum dieser Ort auf unserer Route ganz nach unten musste. Die Landschaft öffnete sich zur Kachemak Bay, dahinter lagen die Berge der Kenai Mountains, und weit hinaus ins Wasser zog sich der Homer Spit – jene schmale, rund sieben Kilometer lange Landzunge, an deren äußerstem Ende unser Hotel stand. Das Land’s End Resort machte seinem Namen damit erfreulich wenig subtil alle Ehre. Viel weiter konnte man mit dem Auto tatsächlich nicht mehr fahren, ohne anschließend ernsthafte amphibische Fähigkeiten zu benötigen.

Fürs Einchecken waren wir allerdings zu früh. Vor 16 Uhr war unser Zimmer noch nicht fertig, also bekamen wir unfreiwillig eine zusätzliche Stunde Sightseeing geschenkt. Wir fuhren deshalb zunächst hinauf zum Skyline Drive Overlook. Von dort lag Homer plötzlich unter uns, die Bucht breitete sich über nahezu den gesamten Horizont aus und der Homer Spit zog sich wie ein schmaler Finger weit ins Wasser hinaus. Ganz vorne, beinahe schon dort, wo die Landzunge endgültig aufgab und dem Meer Platz machte, lag unser Hotel. Der Ausblick war trotz des grauen Himmels fantastisch. Bei blauem Himmel musste das vermutlich endgültig unanständig schön aussehen.

Danach fuhren wir wieder hinunter und sahen uns Homer und den Spit etwas genauer an. Viele der kleinen Läden und Buden auf der Landzunge wirkten bereits verdächtig nach Saisonende, was uns inzwischen nicht mehr überraschte. Alaska hatte uns in den vergangenen Tagen mehrfach gezeigt, dass man hier im Herbst besser nicht zu lange überlegen sollte. Heute geöffnet, morgen Bretter vor der Tür, übermorgen wahrscheinlich zwei Meter Schnee. Dafür entdeckten wir am Rand des Spits einige alte Schiffe, die ihre besseren Zeiten sehr eindeutig hinter sich hatten. Halb zerfallen, schief im Gras oder auf Böcken stehend, mit abgeplatzter Farbe, morschem Holz und rostigen Beschlägen sahen sie aus wie maritime Rentner, die beschlossen hatten, ihren Lebensabend mit Aussicht auf die Bucht zu verbringen. Natürlich hielten wir an. Und natürlich machte ich Fotos. Viele Fotos. Ein halb verrottetes Boot besitzt schließlich eine gewisse fotografische Anziehungskraft, die sich nur schwer erklären lässt.
Kurz nach vier konnten wir schließlich im Land’s End Resort einchecken. Unser Zimmer hatte tatsächlich etwas von einer kleinen Kajüte: kompakt, etwas maritim dekoriert, mit einem Balkon und vor allem mit direktem Blick auf die Kachemak Bay. Viel näher ans Wasser hätte man das Gebäude eigentlich nur noch stellen können, wenn man die unteren Zimmer gleich mit Schwimmwesten ausgestattet hätte. Ich stellte meine Tasche ab, ging ans Fenster – und sah einen Wal.
Zumindest glaubte ich im ersten Moment einen gesehen zu haben. Etwas Dunkles tauchte aus dem Wasser auf, verschwand wieder, ein Stück weiter erschien erneut ein Rücken. Damit war jede weitere Beschäftigung im Zimmer sofort beendet. Ich schnappte mir die Kamera und lief nach draußen, während Stefan zunächst vom Balkon aus beobachtete, wie ich vermutlich mit der Eleganz einer alarmierten Naturfilmerin Richtung Wasser marschierte.
Und tatsächlich waren Wale in der Bucht unterwegs. Nicht irgendwo weit draußen als winzige Punkte, die man später auf dem Foto mit einem roten Kreis markieren müsste, damit überhaupt jemand versteht, was gemeint ist. Sie kamen immer wieder erstaunlich nah ans Ufer. Ein Rücken tauchte auf, dann eine Finne, kurz darauf schoss eine kleine Fontäne in die kalte Luft, und anschließend verschwand alles wieder unter der Oberfläche. Natürlich wusste man nie genau, wo das Tier als Nächstes auftauchen würde. Ich stand also mit der Kamera bereit, zielte nach links, der Wal erschien rechts. Ich drehte mich nach rechts, und selbstverständlich tauchte der nächste links auf. Walfotografie ist offenbar eine Sportart, bei der das Tier die Regeln kennt und der Fotograf nicht.
Trotzdem gelangen mir einige Aufnahmen, und irgendwann kam auch Stefan nach draußen. Wir blieben lange am Wasser stehen und beobachteten die Bucht. Hinter den Walen lagen die schneebedeckten Berge, kleine Boote fuhren vorbei, irgendwo weiter draußen arbeitete ein größeres Schiff seinen Weg durch die Kachemak Bay, und vor uns tauchten immer wieder diese dunklen Rücken aus dem Wasser. Es war einer dieser Momente, bei denen man irgendwann die Kamera senkt, weil man merkt, dass man nicht alles unbedingt durch einen Sucher erleben muss. Wir standen einfach da, bis das Licht langsam schwächer wurde und schließlich der Hunger wieder einmal überzeugende Argumente vorbrachte.
Fürs Abendessen fuhren wir zurück nach Homer. Eigentlich hatten wir im Vorfeld bereits ein Restaurant herausgesucht, doch als wir davorstanden, entwickelte sich spontan ein gesundes Misstrauen. Zur besten Essenszeit stand dort kein einziges Auto. Nicht eines. Andere Restaurants, an denen wir vorbeigefahren waren, wirkten dagegen gut besucht. Nun kann ein leerer Parkplatz natürlich bedeuten, dass man gerade das bestgehütete kulinarische Geheimnis Alaskas entdeckt hat. Er kann aber auch bedeuten, dass sämtliche Einheimischen etwas wissen, was man selbst noch nicht weiß. Wir entschieden uns für Variante zwei und fuhren weiter.
Homer Downtown erwies sich als erfreulich übersichtlich, und nach kurzer Suche entdeckten wir AJ’s Oldtown Steakhouse & Tavern. Vor der Tür standen Autos, drinnen saßen Menschen – ausgezeichnete Grundvoraussetzungen. Zusätzlich kündigte ein Schild Live-Musik an. Damit war die Entscheidung gefallen. Wir bekamen noch einen Tisch, der nahezu perfekt lag: nah genug am Musiker, um wirklich etwas davon zu haben, aber weit genug entfernt, dass man sich nicht gegenseitig anschreien musste.

Der Sänger, Jay C. Smith, saß mit seiner Gitarre da und spielte Country und amerikanische Klassiker, genau die Art Musik, die zu einem rustikalen Restaurant in Homer gehörte wie Cowboyboots zu Texas. Kein großes Spektakel, keine Show mit Nebelmaschine und Lichtanlage – einfach ein Mann, eine Gitarre und Musik, die wunderbar in den Raum passte. Wir bestellten Burger, die sich als hervorragende Wahl erwiesen, lehnten uns zurück und genossen den Abend. Nach all den langen Fahrten, verschneiten Highways und spontanen Programmpunkten war es angenehm, einfach nur dazusitzen, etwas Gutes zu essen und Musik zu hören.
Später fuhren wir zurück ans äußerste Ende des Homer Spit. Unser Zimmer war inzwischen dunkel, draußen lag die Bucht vor dem Fenster und immer wieder zogen Schiffe vorbei. Kleine Positionslichter bewegten sich langsam über das Wasser, größere Schiffe glitten weiter draußen durch die Dunkelheit, und irgendwo dahinter lagen die Berge, die man jetzt nur noch erahnen konnte. Ich setzte mich ans Fenster und beobachtete das Ganze noch eine ganze Weile.
Morgens hatten wir noch bei Caroline in Anchorage gefrühstückt. Jetzt saßen wir am buchstäblichen Ende der Straße, hatten Wale vor unserem Hotel gesehen, alte Schiffswracks fotografiert, Fish & Chips irgendwo im Nirgendwo gegessen und einen Abend mit Countrymusik in Homer verbracht. Alaska hatte inzwischen ein ziemlich überzeugendes Talent dafür entwickelt, selbst aus einem vermeintlichen Fahrtag eine vollständige Geschichte zu machen.




























