Vom Denali zurück nach Anchorage – Winter in Talkeetna und ein Elch vor der Haustür
Erstaunlicherweise fühlten wir uns am nächsten Morgen deutlich fitter, als man nach unserer nächtlichen Aurora-Expedition erwarten durfte. Immerhin waren wir um ein Uhr aufgestanden, eine Stunde lang durch die dunkle Gegend gefahren und anschließend noch eine weitere Stunde in der Kälte herumgestanden, um einen Himmel anzustarren, der sich konsequent geweigert hatte, irgendetwas Grünes zu produzieren. Trotzdem kamen wir morgens erstaunlich problemlos aus dem Bett. Vielleicht hatten wir uns inzwischen einfach an diesen Alaska-Rhythmus gewöhnt: früh raus, viel fahren, irgendetwas Verrücktes unternehmen und schlafen kann man schließlich wieder zu Hause. Ein Blick aus dem Fenster zeigte allerdings, dass sich das fantastische Wetter vom Vortag bereits verabschiedet hatte. Über Healy hing eine dicke Wolkendecke, die Sonne war vollständig verschwunden, und der Himmel präsentierte sich wieder in jenem beliebten Alaska-Farbton zwischen Hellgrau und Dunkelgrau. Heute störte uns das allerdings kaum, denn unser großes Tagesprogramm bestand im Wesentlichen darin, zurück nach Anchorage zu fahren.

In der Infomappe unseres Motels hatten wir am Vorabend ein kleines Frühstückslokal namens Rose’s Café entdeckt, das nur wenige Minuten entfernt lag. Also packten wir unsere Sachen ins Auto und statteten Rose erst einmal einen Besuch ab. Das Café war genau die Sorte Lokal, die ich in den USA liebe: unspektakulär, gemütlich, offensichtlich eher von Einheimischen als von Touristen besucht und mit einer Speisekarte, auf der niemand versucht, ein Spiegelei neu zu erfinden. Wir suchten uns einen Tisch am Fenster, und während wir auf unser Frühstück warteten, entwickelte sich draußen ganz von selbst ein kleines Unterhaltungsprogramm. Auf dem Parkplatz standen mehrere Autos, Pick-ups, ein großer Truck und Fahrzeuge vom Straßenbau, und Stefan und ich begannen aus irgendeinem Grund darüber zu diskutieren, welcher der Gäste wohl welches Fahrzeug fuhr. Man braucht auf Reisen offenbar nicht viel, um sich zu beschäftigen. Andere Menschen spielen Sudoku, wir ordnen fremden Leuten ihre Autos zu.
Währenddessen kämpfte eine Mitarbeiterin draußen mit Schaufel und Werkzeug gegen Eis und Schnee auf der Rollstuhlrampe und der Treppe. Das sah nach einer Arbeit aus, bei der man nach fünf Minuten ernsthaft seine Berufswahl hinterfragt. Wir saßen derweil schön warm hinter der Scheibe und entwickelten reichlich Mitgefühl, allerdings leider ohne daraus praktische Konsequenzen zu ziehen. Nach und nach verließen die anderen Gäste das Café, und tatsächlich konnten wir anschließend unsere komplette Parkplatztheorie überprüfen. Erstaunlicherweise lagen wir fast überall richtig. Der Mann, den wir gedanklich bereits dem großen Truck zugeordnet hatten, stieg tatsächlich hinein, während andere Kandidaten in ihre Pick-ups verschwanden. Ein Triumph von völlig nutzlosem Wissen, aber immerhin ein Triumph. Kurz darauf kam endlich unser Frühstück: für Stefan French Toast mit knusprigem Bacon und Spiegeleiern, für mich eine Rühreivariante. Alles hervorragend, reichlich und genau richtig für die längere Fahrt, die vor uns lag.
Gut gestärkt machten wir uns auf den Weg nach Süden. Kurz bevor wir den Bereich des Denali National Parks endgültig hinter uns ließen, warfen wir noch einen Blick auf das sogenannte Denali Village auf der anderen Straßenseite. Im Sommer musste hier vermutlich das komplette touristische Leben toben: Hotels, Restaurants, Souvenirläden, Geschäfte und jede Menge Menschen, die aus den Parkbussen strömten. Jetzt sah es dagegen aus, als hätte jemand den gesamten Ort ausgeschaltet. Fenster und Türen waren teilweise mit Brettern vernagelt, Geschäfte geschlossen, selbst die Tankstelle hatte offenbar beschlossen, dass für dieses Jahr genug Benzin verkauft worden war. Der Winter stand praktisch vor der Tür, und die komplette Gegend hatte sich bereits in den saisonalen Winterschlaf verabschiedet. Es war faszinierend zu sehen, wie schnell sich hier oben alles änderte. In Alaska scheint der Übergang zwischen „Herbstsaison“ und „wir machen jetzt bis nächstes Jahr dicht“ ungefähr die Dauer eines verlängerten Wochenendes zu haben.

Der Parks Highway führte uns weiter durch eine Landschaft, in der Schnee und Herbst noch miteinander verhandelten, wer nun endgültig übernehmen durfte. Manche Abschnitte waren komplett weiß, an anderen Stellen tauchten noch braune Flächen und gelbe Birken zwischen den verschneiten Hängen auf. Rund drei Stunden später näherten wir uns der Abzweigung nach Talkeetna, und eigentlich hätten wir einfach weiterfahren können. Aber Talkeetna lag nun einmal nur einen kleinen Umweg entfernt, und außerdem wussten wir genau, was dort im Roadhouse auf uns wartete. Eine gewisse Zimtschnecke hatte sich acht Tage zuvor nachhaltig in mein Gedächtnis eingebrannt. Also wurde kurzerhand abgebogen.
Und genau hier wurde uns erst richtig bewusst, wie unglaublich schnell Alaska innerhalb weniger Tage sein Gesicht verändern konnte. Gerade einmal acht Tage zuvor hatten wir in Talkeetna übernachtet. Damals war Herbst gewesen: gelbe Birken, klare Luft, blauer Himmel und dieser fantastische Blick vom Riverfront Park auf den Denali. Jetzt standen wir wieder an denselben Stellen – und befanden uns gefühlt in einer anderen Jahreszeit. Schnee lag auf den Wegen, an den Häusern und entlang des Flusses, der Himmel war grau und der Denali hatte sich vollständig hinter den Wolken versteckt. Ich erinnerte mich an einige Fotos, die ich beim ersten Besuch gemacht hatte, und bekam sofort die Idee, dieselben Motive noch einmal aufzunehmen. Acht Tage Unterschied, gleiche Perspektive, völlig andere Landschaft. Solche Vorher-nachher-Bilder bekommt man normalerweise nach mehreren Monaten – Alaska erledigt das offensichtlich innerhalb einer Woche.
Am Riverfront Park war der Unterschied besonders deutlich. Wo wir beim ersten Besuch noch zwischen herbstlich gefärbten Bäumen gestanden und über den Fluss hinweg die weißen Gipfel bewundert hatten, lag jetzt Schnee auf den Wegen und das gegenüberliegende Bergpanorama war irgendwo hinter der grauen Wand verschwunden. Trotzdem hatte Talkeetna auch in dieser Version seinen Charme. Vielleicht sogar noch ein bisschen mehr. Die alten Holzhäuser, Nagley’s Store, die kleinen Läden und das Roadhouse wirkten unter einer dünnen Schneeschicht wie eine Filmkulisse, bei der der Regisseur beschlossen hatte, kurzfristig von „Alaska im Herbst“ auf „Alaska kurz vor Weihnachten“ umzuschalten.
Und natürlich führte unser Weg irgendwann ganz selbstverständlich ins Talkeetna Roadhouse. Dort war es genauso gemütlich, wie wir es in Erinnerung hatten: alte Holztische, eine offene Küche, jede Menge Kleinkram an den Wänden und diese herrlich unperfekte Atmosphäre, die man nicht planen kann. Wir bestellten uns die legendären Cinnamon Rolls noch einmal, und auch beim zweiten Mal machten sie keinerlei Anstalten, kleiner geworden zu sein. Diese Dinger waren weniger Gebäck als ein eigenständiges Bauwerk aus Hefeteig, Zimt und Zuckerguss. Man beginnt voller Optimismus und merkt spätestens nach der Hälfte, dass man möglicherweise eine strategische Pause einlegen sollte. Selbstverständlich aßen wir trotzdem weiter. Man fährt schließlich keine mehreren tausend Kilometer nach Alaska, um dann vor einer Zimtschnecke zu kapitulieren.
Nach der kulinarischen Wiedervereinigung mit Talkeetna drehte ich noch eine kleine Runde mit der Kamera durch den Ort. Die verschneiten Holzhäuser, Nagley’s Store und die fast menschenleeren Straßen waren einfach zu schön, um sie nicht noch einmal festzuhalten. Danach mussten wir uns allerdings endgültig losreißen, denn Anchorage wartete noch einige Stunden entfernt auf uns. Die restliche Fahrt verlief weitgehend unspektakulär, und gegen 17 Uhr tauchten schließlich wieder die vertrauten Straßen der Stadt vor uns auf.

Unser Bed & Breakfast fühlte sich inzwischen beinahe wie Heimkommen an. Wir hatten noch immer unseren Türcode, kannten das Haus und konnten direkt wieder unser altes Zimmer beziehen. Nach den vergangenen Tagen auf der Straße war es fast ein bisschen merkwürdig, wieder an einem Ort anzukommen, bei dem man schon wusste, wo alles war. Wir parkten vor dem Haus, und ich war gerade dabei, unsere Taschen aus dem Auto zu holen, als Stefan plötzlich meine Aufmerksamkeit auf etwas neben der Garage lenkte. Da stand ein Elch.
Nicht irgendwo hundert Meter entfernt im Wald, nicht als kleiner dunkler Punkt irgendwo an einem Berghang, sondern praktisch direkt vor unserer Unterkunft. Ein ausgewachsenes Tier stand wenige Meter von der Garage entfernt und wirkte ein wenig ratlos, weil es offenbar in den Garten wollte, aber den korrekten Eingang noch nicht gefunden hatte. Immer wieder gab es merkwürdig klagende Laute von sich und lief am Zaun entlang, während wir danebenstanden und ungefähr so taten, als wäre das inzwischen völlig normal. Alaska hatte uns offenbar zum Abschluss beschlossen, noch einmal persönlich willkommen zu heißen.
Selbstverständlich verwandelte ich mich sofort wieder in die Reiseblog-Fotografin im Dokumentationsmodus. Der Elch von vorne, der Elch von der Seite, der Elch vor der Garage, der Elch halb hinter den Büschen – ungefähr vierzig Bilder später war zumindest zweifelsfrei festgehalten, dass tatsächlich ein Elch vor unserem Bed & Breakfast gestanden hatte. Irgendwann entdeckte er schließlich doch noch die Gartentür und trottete gemächlich hinter das Haus, als hätte er dort einen Termin. Vermutlich kannte er den Weg längst und wollte uns einfach ein bisschen beschäftigen.
Nachdem wir unsere Sachen ins Zimmer gebracht hatten, stellte sich natürlich noch die Frage, wie man einen Tag beendet, an dem man morgens in Healy gestartet, durch verschneites Alaska gefahren, Zimtschnecken in Talkeetna gegessen und anschließend von einem Elch begrüßt worden war. Die Antwort war für uns ziemlich eindeutig: noch ein bisschen durch Outdoor-Läden ziehen und anschließend ins Texas Roadhouse.
Ich konnte von diesen amerikanischen Outdoor-Geschäften weiterhin nicht genug bekommen. Während normale Menschen vermutlich irgendwann denken würden, dass sie jetzt wirklich genug Jacken, Campingkocher, Messer, Grills und sonstige Ausrüstung gesehen hätten, könnte ich problemlos noch durch drei weitere Etagen laufen. Stefan fand immerhin einen Grill, der offensichtlich sofort seine Aufmerksamkeit verdiente, während ich mich wahrscheinlich wieder irgendwo zwischen Wanderschuhen und Campingzubehör verlor.
Zum Abschluss landeten wir schließlich wieder im Texas Roadhouse. Damit schloss sich der Kreis fast ein wenig, denn hier hatten wir bereits zu Beginn unserer Reise gegessen. Wieder standen diese wunderbar weichen Brötchen mit Cinnamon Butter auf dem Tisch, bei denen man eigentlich schon satt sein könnte, bevor das Steak überhaupt kommt, und anschließend gab es ein ordentliches Ribeye. Kein experimentelles Essen, keine Überraschungen – einfach genau das, worauf wir Lust hatten.
Und damit waren wir tatsächlich wieder in Anchorage angekommen. Hinter uns lagen inzwischen verschneite Highways, der Polarkreis, Hundeschlitten, Gletscher, die McCarthy Road, Chicken, North Pole, Fairbanks, der Denali National Park und vermutlich mehr Schnee, als ich bei der Planung dieser Reise für möglich gehalten hätte. Die Nordlichter hatten sich erfolgreich vor uns versteckt, dafür hatte uns Alaska heute Abend kurzerhand einen Elch vor die Haustür gestellt.
Man kann schließlich nicht behaupten, dass sich das Land nicht bemüht hätte.






















