Denali Highway im Winterkleid – Caribous, Adler und ein Gletscher zum Anfassen
Am nächsten Morgen wachten wir in unserer kleinen Hütte mitten im Nirgendwo auf und stellten fest, dass wir in der Nacht tatsächlich unseren gesamten Holzvorrat bis auf den letzten brauchbaren Scheit verheizt hatten. Immerhin hatte der Ofen seinen Job gemacht: Wir waren nicht erfroren, was ich für eine grundsätzlich positive Bilanz einer Übernachtung ohne Strom, ohne fließendes Wasser und bei zweistelligen Minusgraden halte. Frühstück gab es trotzdem, wobei es eine gewisse Ähnlichkeit mit unserem improvisierten Abendessen vom Vorabend nicht verleugnen konnte. Noch interessanter war allerdings der Zustand unserer Getränke, die wir ganz clever draußen auf der Terrasse gelagert hatten. Kühlung kostenlos, dachten wir. Alaska hatte unsere Bestellung etwas zu wörtlich genommen. Aus dem Orangensaft war inzwischen ein massiver orangefarbener Eisblock geworden, der vermutlich noch Wochen später als Türstopper funktioniert hätte. Wieder etwas gelernt: Kühlschranktemperatur und alaskische Nacht sind zwei verschiedene gastronomische Konzepte.

Draußen sah die Welt aus, als hätte jemand über Nacht sämtliche Farben aus der Landschaft gezogen. Unsere Hütte, die Hundehütten, der Jeep, die Büsche und die Hügel lagen unter einer dicken weißen Schneeschicht, darüber hing dichter Nebel. Von der spektakulären Landschaft, die uns der Denali Highway eigentlich bieten sollte, war zunächst ungefähr so viel zu erkennen wie von einem Eisbären im Schneesturm. Dafür hörten wir die Huskys schon wieder bellen, und allein dieses Geräusch brachte uns sofort zum Grinsen. Nach dem Erlebnis vom Vorabend sahen wir die Hunde nun ohnehin mit ganz anderen Augen. Irgendwo zwischen den kleinen roten Hütten saßen vermutlich noch immer ein paar beleidigte Kandidaten, die John gestern nicht fürs Team ausgewählt hatte und die diese Personalentscheidung offenbar auch über Nacht nicht verarbeitet hatten.
Wir packten unsere Sachen zusammen, machten uns notdürftig frisch – Stefan hatte das Zähneputzen draußen inzwischen ja bereits zur arktischen Wellnessanwendung perfektioniert – und verabschiedeten uns von John. Er betrachtete den Nebel, die verschneite Straße und unsere etwas skeptischen Gesichter und sagte:. „In ungefähr einer Stunde wird es schön“. Außerdem seien die Straßen nach dem nächtlichen Schneefall natürlich nicht geräumt. Natürlich nicht. Warum sollte man einem ohnehin schon interessanten Roadtrip auch unnötig die Spannung nehmen?
Wir rollten also vorsichtig vom Gelände und zurück auf den Denali Highway. Der Schnee lag dick auf der Fahrbahn, Spuren gab es kaum, Verkehr überhaupt keinen, und der Jeep sah nach wenigen Kilometern bereits aus, als hätte man ihn einmal komplett in Puderzucker gewälzt. Vor uns hing weiterhin dieser graue Nebel, der sämtliche Berge verschluckte, bis mir irgendwann im Rückspiegel etwas auffiel. Blau. Ganz eindeutig blau. Hinter uns öffnete sich der Himmel. Zunächst nur ein schmaler Streifen, dann immer mehr, und plötzlich sah es tatsächlich so aus, als würde jemand einen riesigen Vorhang zur Seite ziehen.
John hatte offenbar nicht nur Erfahrung mit Huskys, sondern auch einen privaten Vertrag mit dem Wetterdienst. Wir hielten sofort an, stiegen aus – und standen innerhalb weniger Minuten in strahlendem Sonnenschein. Was wir dabei zunächst völlig verdrängten: Es waren ungefähr 14 Fahrenheit, also rund minus zehn Grad. Die Kälte biss sofort in Hände und Gesicht, aber angesichts dieser Landschaft war das erstaunlich nebensächlich. Man kann offenbar gleichzeitig frieren wie ein Tiefkühlhähnchen und vollkommen begeistert sein.
Und dann zeigte uns der Denali Highway endlich, warum wir unbedingt hierhergewollt hatten. Was gestern unter grauen Wolken und Schneefall noch wie eine ziemlich unwirtliche weiße Fläche ausgesehen hatte, verwandelte sich nun in eine Landschaft, bei der man alle paar hundert Meter glaubte, das schönste Motiv bereits hinter sich zu haben – nur um festzustellen, dass Alaska fünf Minuten später noch einen draufsetzte. Vor uns lagen schneebedeckte Berge unter einem tiefblauen Himmel, die Täler waren mit makellosem Weiß überzogen, niedrige Büsche trugen feine Eiskristalle, und die Straße zog sich als schmale, verschneite Spur mitten hindurch. Die Sonne stand noch relativ tief und gab dem Schnee diese leicht bläulichen Schatten, während die Gipfel fast weiß leuchteten. Es war still. Richtig still. Kein Verkehrslärm, keine Häuser, keine Menschen. Nur ab und zu das Knirschen unserer Schritte, wenn wir wieder einmal anhielten, ausstiegen und uns irgendwo neben die Straße stellten, weil das nächste Panorama selbstverständlich unbedingt fotografiert werden musste. Unser ursprünglicher Plan, heute irgendwann auch noch irgendwo anzukommen, begann bereits ernsthafte Schwächen zu zeigen.
Mit jeder Meile wurde die Landschaft spektakulärer. Die Straße führte über weite offene Hochflächen, hinter denen sich eine Bergkette nach der anderen aufbaute. In der Ferne lagen Gipfel, die aussahen, als hätte jemand sie für eine Werbekampagne für Alaska frisch eingeschneit, und mittendrin unser roter Jeep, der inzwischen einen hübschen weißen Überzug aus gefrorenem Straßendreck trug. An manchen Stellen war die Fahrbahn kaum noch von der Umgebung zu unterscheiden, und Stefan musste sich an den vorhandenen Spuren orientieren. Trotzdem hatten wir plötzlich das Gefühl, das große Los gezogen zu haben. Gestern war der Schnee noch etwas, das uns das Fahren schwer gemacht hatte. Heute war genau dieser Schnee der Grund dafür, dass der Denali Highway aussah wie eine vollkommen unberührte Winterlandschaft. Und offenbar gehörte sie an diesem Morgen nur uns.

Dann bewegte sich etwas am Hang. Caribous. Mehrere Tiere zogen gemächlich durch den Schnee, weit genug entfernt, um ihnen nicht in die Quere zu kommen, aber nah genug, dass wir sie deutlich beobachten konnten. Natürlich standen wir innerhalb weniger Sekunden wieder neben dem Auto und hatten die Kameras in der Hand. Die Caribous stapften ruhig durch die weiße Landschaft, als wäre das hier alles völlig normal – was es für sie natürlich war –, während wir uns aufführten, als hätte jemand gerade eine private Vorstellung organisiert.
Und weil Alaska offenbar beschlossen hatte, die gesamte Werbebroschüre an einem Vormittag abzuarbeiten, tauchte kurz darauf auch noch ein Adler über dem Hang auf. Er zog einige Kreise, senkte sich immer weiter und setzte sich schließlich auf die Spitze eines schneebedeckten Baumes. Weißer Schnee, blauer Himmel, Adler. Man hätte nur noch irgendwo eine amerikanische Flagge in Zeitlupe wehen lassen müssen und der National-Geographic-Moment wäre komplett gewesen.
Die Kälte blieb dabei bemerkenswert konsequent. Der trockene Schnee glitzerte in der Sonne, an den Zweigen hatten sich kleine Eiskristalle gebildet und manche Bäume sahen aus, als wären sie über Nacht aus Glas gegossen worden. Immer wieder stiegen wir aus, fotografierten, stapften durch tiefen Schnee und stellten erst beim Zurückkommen zum Auto fest, dass unsere Finger inzwischen eine gewisse Distanz zum Rest des Körpers aufgebaut hatten. Besonders hübsch war ein völlig verlassener kleiner Wohnwagen, der mitten in dieser weißen Landschaft am Straßenrand stand. Pastellfarben, leicht schief, ringsum Schnee, weit und breit niemand. Wir hatten keine Ahnung, wem das Ding gehörte, warum es dort stand oder ob es überhaupt noch jemandem gehörte. Aber natürlich musste es fotografiert werden. Es sah aus wie das Requisit aus einem Film, in dem zwei Touristen anhalten, neugierig hineinschauen und anschließend nie wieder gesehen werden. Wir beließen es deshalb vernünftigerweise beim Foto.
Irgendwann erreichten wir schließlich das östliche Ende des Denali Highways und trafen auf den Richardson Highway. Damit verabschiedeten wir uns von dieser einsamen weißen Piste, die uns gestern noch mit Schneesturm und glatter Fahrbahn ziemlich beschäftigt hatte und heute dafür einen der schönsten Winter-Roadtrips unserer bisherigen Reisen serviert hatte.
An der Kreuzung hielten wir auf einem großen Parkplatz mit Informationstafeln an. Ich stapfte durch den tiefen Schnee zu den Tafeln, las ein bisschen über die Geschichte der Gegend und stellte auf dem Rückweg fest, dass der Schnee die perfekte Konsistenz für Schneebälle hatte. Das ist wichtiges Wissen. Stefan befand sich in günstiger Wurfweite, also ergab sich der Rest zwangsläufig. Man kann mitten in Alaska stehen, von grandioser Natur umgeben sein und trotzdem feststellen, dass ein gut platzierter Schneeball eine erstaunlich hohe Priorität besitzt.

Auf dem Richardson Highway ging es nun nach Süden, und auch hier wollte Alaska mit dem Landschaftsprogramm offenbar noch nicht aufhören. Die Straße führte durch verschneite Wälder, deren Fichten und Birken dick mit Schnee überzogen waren, dann öffneten sich die Bäume plötzlich und gaben den Blick auf den Meier’s Lake frei. Tiefblaues Wasser, schneebedeckte Ufer und Berge dahinter – wieder so ein Moment, bei dem wir erst einmal einfach nur schauten.
Nach dieser morgendlichen Fotosafari entwickelte sich allerdings ein sehr bodenständiges Bedürfnis: Hunger. Direkt am See entdeckten wir das Meier’s Lake Roadhouse, und Roadhouses hatten wir inzwischen als ziemlich zuverlässige Institution kennengelernt. Sie sind irgendwo zwischen Restaurant, Motel, Tankstelle, Treffpunkt und Wohnzimmer angesiedelt und wirken meist so, als hätten sie schon Generationen von Reisenden kommen und gehen sehen. Genau unser Ding.

Drinnen war es warm, gemütlich und angenehm unspektakulär. Wir bestellten ein ordentliches Frühstück mit Reindeer Sausage, Eiern und allem, was einen Menschen nach mehreren Stunden im Schnee wieder auf Betriebstemperatur bringt. Rund 13 Dollar kostete die Portion, was angesichts der Lage mitten im Nirgendwo fast verdächtig günstig erschien. Während wir aßen, beobachteten wir einen Mitarbeiter, der Kaffee in Mengen konsumierte, die vermutlich ausgereicht hätten, um eine kleinere Stadt wachzuhalten.
Kaum war die Tasse leer, wurde nachgefüllt. Ich weiß bis heute nicht, ob dieser Mann irgendwann schlief oder einfach gelegentlich für Wartungsarbeiten heruntergefahren wurde. Wir kamen außerdem mit einem anderen Gast ins Gespräch, einem Jäger, der sehr entspannt davon erzählte, dass in der vergangenen Nacht ein Grizzly an seinem Camp vorbeigekommen sei. Wir hörten natürlich sofort aufmerksam zu. Einen Grizzly wollten wir schließlich unbedingt sehen. Allerdings möglichst mit einer gewissen räumlichen Distanz und idealerweise nicht nachts vor unserer Hütte, während Stefan draußen Zähne putzt.
Wieder unterwegs entdeckten wir wenig später einen Weißkopfseeadler, der so dekorativ auf einem verschneiten Baum saß, als hätte er auf uns gewartet. Inzwischen hatten wir schon einige Eagles gesehen, aber daran gewöhnte man sich überhaupt nicht. Diese Vögel haben etwas dermaßen Majestätisches, dass man trotzdem jedes Mal bremst, die Kamera hervorholt und anschließend zwanzig Bilder besitzt, auf denen der Adler ungefähr dieselbe Pose einnimmt.

Kurz vor Glennallen veränderte sich das Wetter erneut. Die Wolken kamen zurück und nahmen uns den strahlend blauen Himmel, den wir seit dem Denali Highway so genossen hatten. Komplett dicht wurde es allerdings nicht. Immer wieder rissen die Wolken auf und gaben einzelne schneebedeckte Gipfel frei, und an den Ausläufern des Hogan Hill konnten wir gleichzeitig in Richtung Alaska Range, Wrangell Mountains und Chugach Mountains schauen. Drei Gebirgssysteme auf einmal – Alaska war an diesem Tag wirklich schlecht im Zurückhalten.
Unser nächstes großes Ziel lag rund 90 Meilen weiter südlich: der Worthington Glacier. Schon von der Straße aus war er nicht zu übersehen. Eine breite weiße Zunge schob sich zwischen dunklen Bergflanken herunter und kam der Straße dabei erstaunlich nahe. Wir bogen zum Worthington Glacier State Recreation Site ab, parkten den Jeep und liefen zunächst Richtung Aussichtspunkt. Der Weg war unkompliziert, die Vegetation wurde schnell karger, und vor uns lag dieser mächtige Gletscher, dessen Eis je nach Licht von Weiß über Grau bis zu intensivem Blau wechselte. Eigentlich hätte man am Aussichtspunkt stehenbleiben, ein paar Fotos machen und anschließend vernünftig zum Auto zurückgehen können. Wir waren nur – wie immer – nicht vernünftig.
Wenn man zu einem Gletscher noch näher herankommt, gehen wir näher hin. Das hatten wir am Matanuska schon bewiesen und offensichtlich keine erzieherischen Konsequenzen daraus gezogen. Also folgten wir weiter dem Gelände Richtung Eis. Der Weg war nicht besonders schwierig, und nach kurzer Zeit standen wir tatsächlich direkt am Gletscher. Hier wurde aus der hübschen Landschaft plötzlich etwas sehr Physisches. Überall tropfte und plätscherte Schmelzwasser, das Eis knackte und knirschte, und vor uns öffneten sich bizarre blaue Formen und tiefe dunkle Spalten.
Besonders faszinierend war eine kleine Eishöhle am Rand des Gletschers. Das Licht drang durch das Eis und färbte die Decke in dieses unwirkliche Türkisblau, das auf Fotos beinahe künstlich aussieht und in Wirklichkeit noch viel intensiver wirkt. Wir gingen natürlich hinein beziehungsweise so weit heran, wie wir uns das zutrauten, und standen dort zwischen schwarzem Fels und jahrhundertealtem Eis, während irgendwo Wasser tropfte. Ein bisschen unheimlich war das durchaus. Gletscher besitzen nämlich die unangenehme Eigenschaft, nicht vorher anzukündigen, wenn sie ihre Architektur verändern möchten.

Nachdem die Speicherkarten erneut unnötig belastet worden waren und ich tatsächlich akzeptiert hatte, dass auch das 147. Foto des blauen Eises vermutlich reichen würde, gingen wir zurück zum Auto. Vor uns lag nun der Thompson Pass, der auf rund 845 Metern Höhe durch die Chugach Mountains führt und für Schneemengen bekannt ist, bei denen selbst Alaska vermutlich gelegentlich sagt: Jetzt reicht’s langsam. Hier fallen im Jahresdurchschnitt enorme Mengen Schnee, und angesichts der Landschaft konnten wir uns sehr gut vorstellen, wie das im tiefsten Winter aussehen musste. Wir hatten schließlich schon Mitte September einen ziemlich überzeugenden Vorgeschmack bekommen.
Hinter dem Pass wurde es grüner, die Straße verlor langsam ihren tiefwinterlichen Charakter, und wir fuhren in den Keystone Canyon hinein. Hohe Felswände rückten dicht an die Straße, der Lowe River floss neben uns durch die Schlucht, und gleich mehrere Wasserfälle stürzten direkt von den Hängen herunter. Am Horsetail Falls hielten wir als Erstes an. Der Name passte tatsächlich: Das Wasser fächerte sich über den Felsen auf wie ein Pferdeschweif. Wenige Kilometer später folgte Bridal Veil Falls, der wie ein langer weißer Schleier die Felswand hinunterlief. Dazu gab es auf der Strecke noch einen „No Name Creek“, was ich ausgesprochen sympathisch fand. Offenbar hatte irgendwann jemand sämtliche kreativen Reserven bei Horsetail und Bridal Veil aufgebraucht und beim nächsten Bach einfach beschlossen: Ach, nennen wir ihn halt gar nicht.
Am Nachmittag erreichten wir schließlich Valdez, das wegen seiner Lage zwischen hohen Bergen gerne als „Schweiz Alaskas“ bezeichnet wird. Der Ort liegt am Ende eines tief eingeschnittenen Fjords und ist praktisch rundherum von Bergen umzingelt. Unser persönliches Interesse galt allerdings zunächst weniger den landschaftlichen Vergleichen mit der Schweiz als einer Sache, die wir bislang schmerzlich vermissten: Bären. Wir hatten vorher mehrfach gelesen, dass man rund um Valdez gute Chancen hätte, welche beim Lachsfischen zu beobachten. Besonders an der Dayville Road nahe der Fischfabrik sollten sie regelmäßig auftauchen. Also begann unsere persönliche Operation „Bär“.
Wir fuhren die empfohlenen Stellen ab, hielten Ausschau, warteten, fotografierten tote Lachse, beobachteten Seeotter und Weißkopfseeadler – nur die Bären hatten offenbar frei. Kein Grizzly, kein Schwarzbär, nicht einmal ein verdächtig großer brauner Busch. Dafür begegneten uns in Valdez später überall Kaninchen. Wirklich überall. Sie saßen auf Grünflächen, neben Häusern und teilweise mitten zwischen den Straßen. Vielleicht hatten wir einfach die falsche Tierart gesucht. Alaska hatte uns Caribous, Adler, Huskys und Seeotter geliefert; Valdez wollte offenbar die Abteilung Kleinsäuger übernehmen.
Irgendwann gaben wir die Bärenjagd für diesen Tag auf und suchten unser Bed & Breakfast. Bei Laura wurden wir herzlich empfangen, bekamen ein schönes großes Zimmer und eine ausführliche Einführung in Valdez samt Restauranttipps. Nach unserer vergangenen Nacht in der stromlosen Hütte wirkte ein richtiges Badezimmer mit fließendem Wasser inzwischen fast wie eine Präsidentensuite. Man merkt erstaunlich schnell, wie luxuriös ein Wasserhahn wirken kann, wenn man am Abend zuvor noch mit Kanister und Toilettenhäuschen gearbeitet hat.
Zum Abendessen liefen wir schließlich zu Mike’s Palace, vorher machten wir noch kurz bei Safeway Halt und erledigten ein paar Einkäufe. Das Essen bei Mike’s war okay, mehr aber auch nicht, und für das Gebotene ziemlich teuer. Vielleicht war unsere Messlatte nach den letzten Tagen einfach ungünstig hoch: Blueberry-Sourdough-Pancakes, Zimtschnecken, Reindeer Meatloaf, Roadhouse-Frühstück und dazwischen Landschaften, die einem regelmäßig die Sprache verschlugen. Da hat es ein durchschnittlicher Cheeseburger natürlich schwer.
Auch Valdez selbst sprang bei mir an diesem ersten Abend nicht sofort auf Platz eins meiner persönlichen Alaska-Hitliste. Seward hatte mich mit seiner Waterfront, dem Blick aufs Meer, dem Wal direkt vor unserer Nase und seinem kleinen Downtown sofort erwischt. Valdez wirkte auf mich zunächst nüchterner. Vielleicht lag es an den Wolken, vielleicht daran, dass sämtliche Bären offensichtlich beschlossen hatten, uns zu ignorieren, vielleicht auch einfach daran, dass nicht jeder Ort sofort Liebe auf den ersten Blick sein muss. Nach diesem Tag war das allerdings Jammern auf bemerkenswert hohem Niveau. Wir hatten morgens noch in einer eingeschneiten Hütte mitten am Denali Highway gesessen, waren wenige Stunden später durch eines der schönsten Winterpanoramen gefahren, hatten Caribous und Adler gesehen, standen an einem Gletscher in einer blauen Eishöhle und waren über einen verschneiten Gebirgspass bis ans Meer gefahren.
Alaska hatte also wieder einen vollkommen normalen Tag abgeliefert.





















































