Vom Cinnamon Roll ins Schneegestöber – und 56 Huskys, die nur eines wollen: laufen
Der Morgen in Talkeetna begann deutlich weniger dramatisch, als der kommende Tag später noch werden sollte. Um sieben Uhr krochen wir aus unseren Betten im Roadhouse, und rückblickend betrachtet war das vermutlich die letzte wirklich normale Handlung für eine ganze Weile. Beim Auschecken erwartete uns zunächst noch eine kleine Überraschung: Eine etwas verlegene Mitarbeiterin erklärte uns, dass wir am Vorabend versehentlich das falsche Zimmer bekommen hatten. Eigentlich war für uns ein größeres Zimmer mit Queen-Size-Bett vorgesehen gewesen, stattdessen hatte man uns kurzerhand in das Zimmer mit den Etagenbetten verfrachtet. Uns war das ehrlich gesagt überhaupt nicht aufgefallen. Wir hatten hervorragend geschlafen, niemand war aus dem oberen Bett gefallen und für besondere eheliche Romantik waren wir nach diesem Tag ohnehin nicht mehr empfänglich gewesen. Da man uns außerdem die Preisdifferenz zurückerstattete, war die Sache für uns erledigt. Manchmal erfährt man eben erst beim Auschecken, dass man Grund zur Beschwerde gehabt hätte.
Viel wichtiger war ohnehin etwas anderes: Aus der angeschlossenen Bäckerei zog ein Duft durchs Roadhouse, gegen den jede weitere Reiseplanung zunächst chancenlos war. Frisches Gebäck. Und irgendwo darin versteckte sich unsere nächste Zimtschnecke. Das Talkeetna Roadhouse hatte sich innerhalb kürzester Zeit als gefährlicher Ort für Menschen erwiesen, die eigentlich vorhatten, irgendwann wieder ins Auto zu steigen. Wir setzten uns an das Ende des riesigen Gemeinschaftstisches, bestellten Frühstück und ich entschied mich für eine Glazed Cinnamon Roll, die schon auf dem Teller aussah, als hätte jemand beschlossen, Butter, Zucker und Zimt nicht länger als einzelne Lebensmittel zu betrachten, sondern als Lebensphilosophie. Dazu gab es für Übernachtungsgäste kostenlosen Kaffee. Ich möchte nicht behaupten, dass man mich ausschließlich mit Zimtschnecken und Kaffee dauerhaft an einen Ort binden kann, aber das Roadhouse war auf einem ausgesprochen vielversprechenden Weg.
Eigentlich hätte ich problemlos noch ein paar Stunden dort sitzen, Kaffee trinken und mich systematisch durch die Auslage der Bäckerei arbeiten können. Leider hatten wir einen Plan. Und dieser Plan sah vor, Talkeetna zu verlassen und über den Parks Highway nach Norden zu fahren, bevor wir bei Cantwell auf den Denali Highway abbogen. Was zu diesem Zeitpunkt noch nach einer landschaftlich besonders schönen Fahrt durch Alaska klang. Wir wussten nur noch nicht, dass Alaska für diesen Tag eine etwas andere Inszenierung vorgesehen hatte.
Irgendwie scheint jemand den Wettergott mit einem Augenzwinkern geweckt zu haben, und der hat sich gedacht: „Heute ist definitiv der perfekte Tag, um diese abenteuerlustigen Reisenden ein bisschen zu necken!“ Hier sitzen wir nun, unter einer dicken, grauen Wolkendecke, die anscheinend nicht allzu gut gelaunt ist und beschlossen hat, uns mit ihren Tränen zu beglücken. Warum? Tja, vielleicht hatte die gute Wolkendame einfach einen schlechten Tag, wer weiß das schon?
Auf dem Weg zurück zum Parks Highway legten wir noch zwei kurze Stopps ein. Zunächst bei der Denali Brewing Company und anschließend bei einem kleinen Betrieb, der Birch Syrup, also Birken-Sirup, herstellte. Den hatten wir bereits in Anchorage zum Frühstück probiert, und Caroline hatte uns erzählt, dass er hier in Talkeetna produziert wird. Natürlich wollten wir uns das ansehen – oder besser gesagt: Wir hätten es uns gerne angesehen. Am Eingang hing nämlich jenes Schild, das man Ende September in Alaska offenbar zunehmend häufiger zu Gesicht bekommt: Closed for Season. Die Saison war vorbei. Alaska hatte langsam Feierabend, nur wir waren offensichtlich noch nicht informiert worden. Also blieb es bei ein paar Fotos, bevor wir uns endgültig auf den Weg machten.
Schon kurz darauf begann der Himmel, seine bis dahin noch einigermaßen diplomatische Haltung aufzugeben. Die Wolken wurden dichter, das Grau dunkler und aus dem zunächst harmlosen Nieselregen entwickelte sich jene Sorte Wetter, bei der man im warmen Auto sitzt und sich einredet, dass es bestimmt gleich wieder besser wird – es begann zu schneien. Rund hundert Kilometer führte uns der Parks Highway Richtung Norden, vorbei an Wäldern, Seen und einer Landschaft, die sich langsam in diesen typischen alaskischen Spätherbst verwandelte: kahle Birken, dunkle Fichten, tief hängende Wolken und irgendwo dahinter Berge, von denen man zumindest wusste, dass sie vorhanden sein mussten.
Kurz vor Cantwell tauchte plötzlich etwas auf, das selbst in Alaska ein wenig erklärungsbedürftig wirkte: ein riesiges weißes Iglu direkt an der Straße. Kein kleines Eskimo-Iglu, sondern ein Gebäude in der Größenordnung „jemand hatte einen Plan und verlor irgendwann die Lust“. Das Igloo City Hotel war in den 1970er-Jahren als Hotelprojekt begonnen worden, aber nie fertiggestellt worden und stand seitdem als ziemlich spektakuläre Bauruine am Parks Highway. Natürlich hielten wir an. Wenn mitten im alaskischen Nirgendwo ein gigantisches verlassenes Iglu herumsteht, fährt man nicht einfach daran vorbei. Dafür sind Roadtrips schließlich da.
Cantwell selbst war anschließend schnell erledigt. Ein paar Gebäude, eine Tankstelle, viel Landschaft und die Erkenntnis, dass man hier besser tankt, wenn sich die Gelegenheit bietet. Also bekam unser Jeep noch einmal einen vollen Tank, bevor wir den Parks Highway verließen und nach Osten auf den Denali Highway abbogen. Und ungefähr dort wechselte unser Tag das Genre. Jetzt schneite es so richtig.
Zunächst waren es nur einzelne Flocken. Hübsch eigentlich. Ein bisschen Alaska-Romantik, passend zur Landschaft. Wir freuten uns sogar darüber. Schnee in Alaska – wunderbar, genau so hatte man sich das schließlich vorgestellt. Nur blieb es nicht bei ein paar dekorativen Flocken, die sich fotogen auf die Tannen legten. Innerhalb erstaunlich kurzer Zeit begann es richtig zu schneien. Der Wind frischte auf, die Straße wurde weiß und der Asphalt verschwand zunehmend unter einer Mischung aus Schnee und Eis.
Der Denali Highway gilt als eine der landschaftlich schönsten Straßen Alaskas. Wir nehmen das bis heute einfach mal so hin. Wir sahen nämlich hauptsächlich: weiß. Weiß vor uns. Weiß neben uns. Weiß über uns. Dazwischen ein paar schwarze Fichten und gelegentlich die vage Andeutung einer Landschaft, die vermutlich großartig gewesen wäre, wenn sie nicht gerade von einer ausgewachsenen Schneewolke verschluckt worden wäre. Dazu kam eine weitere Erkenntnis, die sich langsam bemerkbar machte: Wir waren ziemlich allein. Sehr allein.
Seit Talkeetna hatten wir auf dem Parks Highway gerade einmal ein einziges anderes Auto gesehen, und auf dem Denali Highway wurde der Verkehr anschließend nicht unbedingt dichter. Gleichzeitig wurde die Straße immer glatter. Unser Jeep begann gelegentlich leicht zu versetzen, und aus der gemütlichen Panoramafahrt wurde allmählich konzentriertes Fahren. Stefan hielt das Auto ruhig auf Kurs, während ich aus dem Fenster schaute und versuchte, anhand der weißen Fläche zu erkennen, wo genau die Straße eigentlich verlief. Die Reifenspuren halfen dabei nur bedingt, denn auch sie verschwanden unter dem ständig nachfallenden Schnee.
Spätestens an der Susitna River Bridge war klar, dass das hier keine kleine Wetterkapriole mehr war. Die Brücke lag weiß und verlassen vor uns, der Fluss darunter verschwand teilweise im Schneetreiben, und auf der Fahrbahn hatte sich inzwischen eine ordentliche Schicht Schnee und Eis gebildet. Wir fuhren langsam darüber und rechneten anschließend nach. Noch ungefähr vierzig Meilen bis zu unserem Ziel. Vierzig Meilen können in Alaska ausgesprochen lang sein.
Nach weiteren zehn Meilen tauchte am Straßenrand plötzlich ein Schild auf: Alpine Creek Lodge. Coffee. Kaffee. Es gibt Momente im Leben, in denen Werbung exakt die richtige Zielgruppe trifft.
Wir bogen ab. Inzwischen lagen ungefähr 25 Zentimeter Schnee, und die Zufahrt zur Lodge führte ordentlich bergauf. Stefan steuerte den Jeep durch den tiefen Schnee nach oben, während ich bereits darüber nachdachte, dass wir diesen Berg später natürlich auch wieder heruntermussten. Aber darum konnte sich Zukunfts-Gabi kümmern. Gegenwarts-Gabi wollte Kaffee.
Oben angekommen stapften wir durch den Schnee zum Gebäude. Weit und breit kein Mensch. Dafür erschien ein kleiner Hund, der offenbar beschlossen hatte, dass fehlende Körpergröße problemlos durch Lautstärke kompensiert werden kann. Wir fanden den Eingang, klingelten – und tatsächlich erschien kurz darauf Jennifer. Sie begrüßte uns, als würden mitten im Schneesturm ständig zwei Deutsche unangemeldet bei ihr auftauchen, und versorgte uns mit heißem Kaffee und Tee. Beides, erklärte sie, stehe Gästen kostenlos zur Verfügung. Wir hinterließen trotzdem ein paar Dollar und saßen eine Weile in der warmen Lodge, während draußen weiterhin der Schnee fiel. Jennifer wünschte uns anschließend eine sichere Weiterfahrt, was in diesem Moment plötzlich etwas weniger nach amerikanischer Höflichkeitsfloskel und etwas mehr nach ernst gemeintem Wunsch klang.
Dann mussten wir wieder hinunter. Die Auffahrt, die bergauf schon interessant gewesen war, hatte sich inzwischen in eine ziemlich überzeugende Rodelbahn verwandelt. Aber Stefan brachte den Jeep ohne größere Seitwärtsbewegungen zurück auf den Highway, und wir setzten unsere Fahrt fort. Noch knapp vierzig Meilen. Schnee, Eis, Wind und weiterhin kaum ein anderes Fahrzeug. Immerhin bekamen wir irgendwann Gesellschaft in Form einiger Caribous, die weit entfernt durch die verschneite Landschaft zogen. Bären hatten wir uns für diese Strecke eigentlich ebenfalls erhofft, aber ganz ehrlich: Inzwischen war ich mit Caribous völlig zufrieden. Ein Bär hätte wahrscheinlich ohnehin nur am Straßenrand gestanden und sich gefragt, was diese beiden Idioten bei dem Wetter hier draußen machten.
Irgendwann tauchten schließlich Gebäude auf. Unser Ziel: Denali Highway Tours & Cabins am McLaren River.
Hier lebten John und Zoya, die Besitzer der Hütten – und vor allem zwei Menschen, wegen denen wir überhaupt diesen ziemlich abgelegenen Ort mitten am Denali Highway angesteuert hatten. Beide waren Musher, also Hundeschlittenführer, allerdings nicht von der Sorte, die Touristen einmal gemütlich um einen Parkplatz fahren. John und Zoya gehörten zu den Menschen, die Rennen wie das Iditarod und das Yukon Quest gefahren waren. Und genau deshalb waren wir hier.
Zoya begrüßte uns und holte kurz darauf John, der dick eingepackt aus der Kälte kam und uns zu unserer Hütte brachte. Gemeinsam fuhren wir noch ein Stück weiter, bis vor uns ein kleines Holzhaus am Hang auftauchte. Rundherum nichts als Schnee, Berge, Büsche und Wildnis. Kein Strom. Kein fließendes Wasser. Keine Nachbarn, die abends noch schnell wegen der Kehrwoche klingeln konnten. Dafür hatten wir einen Holzofen. Und der sollte sich noch als wichtigstes Haushaltsgerät unseres Aufenthalts herausstellen.

Unsere Hütte war innen erstaunlich gemütlich: zwei große Betten, ein Etagenbett, eine kleine Küchenzeile, Tisch und Stühle und mitten im Raum der Ofen, in dem bereits ein Feuer brannte. John erklärte uns ausführlich die verschiedenen Klappen, Hebel und Luftzufuhren. Wir hörten sehr aufmerksam zu. Das war schließlich keine theoretische Einweisung in ein Gerät, das man bei Bedarf irgendwann einmal benutzen könnte. Draußen schneite es, wir waren mitten im Nirgendwo und wenn dieses Feuer nachts ausging, würden wir sehr schnell feststellen, wie romantisch eine ungeheizte Holzhütte in Alaska tatsächlich ist.
Unsere Lebensmittel fanden derweil einen ausgesprochen praktischen Platz: auf dem Balkon. Kühlschrank brauchten wir keinen. Alaska erledigte das kostenlos. Bier, Cola, Saft und alles andere wurde ordentlich draußen aufgereiht und war vermutlich innerhalb weniger Minuten auf optimaler Trinktemperatur beziehungsweise kurz vor dem Gefrierpunkt. Komfort ist eben eine Frage der Definition.
Wir hatten diesen abgelegenen Ort allerdings nicht nur wegen der Hütte ausgesucht. Schon zu Hause hatten wir beschlossen, dass wir, wenn wir in Alaska schon einmal die Gelegenheit dazu hatten, mehr über das Mushing erfahren wollten. Aber bitte nicht in Form einer touristischen Zehn-Minuten-Runde mit anschließendem Souvenirfoto. Nach einiger Recherche waren wir auf John und Zoya gestoßen – und damit offenbar ziemlich genau dort gelandet, wo wir hinwollten.
Um 17 Uhr machten wir uns schließlich auf den Weg zum vereinbarten Treffpunkt. Unter einem einfachen Holzverschlag stand ein echter Hundeschlitten, an der Wand dahinter hingen große Karten des Iditarod und des Yukon Quest, und John begann zu erzählen. Schon nach wenigen Minuten wurde ziemlich deutlich, dass Hundeschlittenrennen mit der romantischen Vorstellung von „ein paar Huskys ziehen einen Schlitten durch den Schnee“ ungefähr so viel gemeinsam haben wie ein Sonntagsspaziergang mit einer Expedition zum Südpol. Vor allem das Yukon Quest hatte es in sich: rund 1.600 Kilometer durch Alaska und Kanada, über gefrorene Flüsse, durch Wälder, über Berge, bei Temperaturen, die bis weit unter minus 40 oder sogar minus 50 Grad fallen können. Die Musher sind über weite Strecken allein mit ihren Hunden unterwegs, müssen fast alles selbst mitführen und können nicht einfach irgendwo sagen: „Ach, hier gefällt es mir nicht, ich nehme die nächste Abzweigung.“ Die Strecke ist vorgegeben, Hilfe von außen streng begrenzt, und unterwegs zählt nicht nur Geschwindigkeit, sondern vor allem Ausdauer, Erfahrung und die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, wenn kilometerweit niemand da ist, der einem hilft.
Und während wir noch beeindruckt auf die Karten blickten und versuchten, uns vorzustellen, wie man freiwillig 1.600 Kilometer durch diese Wildnis fährt, erwähnte John eher beiläufig, dass er das Yukon Quest bereits 19 Mal gefahren war. Neunzehn. Ich glaube, bei mir wäre spätestens nach dem ersten Mal das Kästchen „Erfahrung gesammelt“ abgehakt gewesen, aber John schien da eine andere Definition von Freizeitgestaltung zu haben. Noch besser: Er hatte das Rennen sogar zweimal gewonnen. Plötzlich standen wir also nicht bei irgendeinem Anbieter für eine nette Touristenausfahrt, sondern bei jemandem, der ziemlich genau wusste, wovon er sprach. Genau das war ja der Grund gewesen, warum wir hierhergekommen waren. Wir wollten nicht einfach zehn Minuten hinter ein paar hübschen Huskys herrollen und anschließend ein Souvenirfoto bekommen, sondern verstehen, was hinter diesem Sport steckt. Und jetzt standen wir mitten drin.
Inzwischen war John selbst nicht mehr aktiv bei den großen Rennen, aber Zoya hatte gewissermaßen übernommen. Ihre Geschichte war fast genauso ungewöhnlich wie alles andere hier: Früher hatte sie als internationales Model gearbeitet, Laufstege statt Eiswüste, elegante Schuhe statt Schneestiefel. Irgendwann hatte sie dieses Leben gegen Alaska, Huskys und die Wildnis eingetauscht. Man muss sich das einmal vorstellen: von Modewelt und Glamour zu Hundeschlittenrennen bei Temperaturen, bei denen einem vermutlich bereits beim Gedanken daran die Nasenhaare einfrieren. Wenn man beruflich einen Richtungswechsel macht, kann man das jedenfalls auch konsequent tun.
Hundeschlitten-Rennen
An den Regeln und Bedingungen für die Teilnahme an Hundeschlittenrennen wie dem Iditarod und dem Yukon Quest erkennt man wie herausfordernd so ein Rennen ist. Die Musher stehen vor enormen Herausforderungen, die nicht nur körperliche Ausdauer, sondern auch umfassende Planung und Fähigkeiten erfordern.
Die Eigenverantwortung der Musher ist beeindruckend – von der Selbstmitführung der gesamten Ausrüstung auf dem Schlitten bis zur Beschränkung auf Hilfe nur von anderen Mushern. Die Regel, alles Notwendige für Mensch und Hund auf dem Schlitten zu transportieren, unterstreicht die Selbstversorgung während des gesamten Rennens.
Die Ausnahme für die Zwangspause in Dawson ermöglicht den Musher, vorher deponierte Proviantreserven zu nutzen. Diese kurze Unterbrechung stellt einen entscheidenden Moment im Rennen dar, um sich zu regenerieren und auf die zweite Hälfte vorzubereiten.
Die strikten Kontrollpunkte und das Verbot, von den vorgegebenen Wegen abzuweichen, zeigen die Wichtigkeit der Einhaltung der vorgegebenen Strecke. Regelverstöße können ernsthafte Konsequenzen nach sich ziehen, einschließlich Zeitstrafen oder Disqualifikation.
Die beeindruckende Gewichtsbeschränkung für die Ausrüstung unterstreicht die Herausforderung, mit bis zu 113 Kilogramm an Verpflegung und Ausrüstung für Mensch und Hund durch die Wildnis zu navigieren.
Die strenge Handhabung bezüglich Hunden, Schlitten und Hilfe von außen betont den Charakter dieser Rennen als ultimativen Test für Mensch und Tier. Die Anwesenheit von Tierärzten und die Überwachung an den Checkpoints gewährleisten das Wohlbefinden der Hunde und die Einhaltung der Regeln.
Sie dürfen an den Kontrollpunkten und ausgewiesenen „dog drops“ Hunde zurücklassen, aber keine neuen Hunde hinzufügen. Die Schlitten selbst dürfen ebenfalls nicht ersetzt werden. Hilfe von außen ist nur von anderen Teilnehmern erlaubt, abgesehen von der Zwangspause in Dawson.

Dann gingen wir zu den Hunden. Und damit war es vorbei mit der Ruhe.
Ringsum standen kleine Hundehütten, davor Leinen und Pfosten, und plötzlich bellten, jaulten und sprangen überall Huskys durcheinander. Insgesamt lebten hier 56 Hunde, und gefühlt waren alle 56 gleichzeitig der Meinung, dass selbstverständlich sie jetzt mitkommen müssten. Sobald John mit Geschirren und Leinen auftauchte, änderte sich die Stimmung schlagartig. Die Hunde wurden noch aufgeregter, zogen an ihren Leinen, sprangen auf und ab und beobachteten jede seiner Bewegungen. Es war sofort klar: Das war keine Veranstaltung, zu der sie irgendwie überredet werden mussten. Im Gegenteil. Sie wollten laufen.
John begann nun, sein Team zusammenzustellen, und auch dabei merkten wir schnell, dass man nicht einfach zwölf Hunde nimmt und sie irgendwie vor ein Fahrzeug spannt. Jeder Hund hatte seine Position, seine Aufgabe und seinen eigenen Charakter. Manche liefen gut nebeneinander, andere lieber nicht. Einige waren eher Kraftpakete, andere für Ausdauer gemacht. Ganz vorne brauchte es schließlich die Leithunde, die seine Kommandos verstehen und umsetzen konnten. John erklärte uns zu jedem Tier etwas, nannte die Namen und begründete, warum genau dieser Hund heute an dieser Stelle lief. Das Ganze hatte etwas von einer Mannschaftsaufstellung vor einem großen Spiel, nur mit deutlich mehr Fell, sehr viel mehr Lärm und Teilnehmern, die ihre Nichtberücksichtigung wesentlich emotionaler kommentierten.
Und genau diese Nichtberücksichtigten taten mir fast ein bisschen leid. Auf den Fotos sieht man es wunderbar: Einige steckten die Köpfe aus ihren kleinen roten Hütten und schauten uns so bedröppelt hinterher, als hätten sie gerade erfahren, dass Weihnachten abgesagt worden war. Andere bellten empört in Richtung John, offenbar in der Hoffnung, er würde seinen offensichtlichen Fehler noch rechtzeitig erkennen. Einer rollte sich demonstrativ im Schnee herum, ein anderer stand da wie ein Spieler, der beim Finale auf der Ersatzbank sitzt und ganz genau weiß, dass der Trainer keine Ahnung hat. Dieser enttäuschte Hundeblick war herrlich. Nicht weil sie keine Lust hatten, etwas zu tun – sondern weil sie nicht mitdurften.
Schließlich standen zwölf Huskys eingespannt vor dem ATV. Das Fahrzeug selbst war kein leichter Trainingswagen, sondern ein richtiges ATV, und zusätzlich saßen Stefan und ich darin, während John sich ans Steuer setzte. Ich betrachtete das Ganze und fragte mich durchaus, wie diese relativ schlanken Hunde dieses schwere Ding samt drei Erwachsenen eigentlich bewegen sollten. In meiner Vorstellung würde das vermutlich gemütlich anrollen, vielleicht ein bisschen Unterstützung vom Motor bekommen, bis alle im Rhythmus waren. Man entwickelt im Leben immer wieder Theorien, die sich kurz darauf als kompletter Unsinn herausstellen.
John gab das Kommando. Und das ATV machte einen Satz nach vorne. Stefan und ich schauten uns im gleichen Moment an. Unsere Gesichter dürften ungefähr denselben Gedanken gezeigt haben: Wie bitte?
Die Hunde legten sich ins Geschirr und zogen los, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Eben noch hatten sie gebellt, gezappelt und vor Aufregung kaum stillhalten können, jetzt herrschte plötzlich Konzentration. Die Zugleine spannte sich, die Körper gingen nach vorne, die Pfoten griffen in den Schnee – und dieses schwere Fahrzeug mit uns drei Menschen darin begann nicht nur zu rollen, sondern nahm richtig Fahrt auf. Ich hatte natürlich gewusst, dass Schlittenhunde ziehen können. Das ist ja nun keine bahnbrechende Erkenntnis. Aber es ist etwas vollkommen anderes, direkt dahinter zu sitzen und zu erleben, welche unglaubliche Kraft so ein Team entwickelt. Diese drahtigen Hunde zogen uns bergauf, als wäre das ATV ein leerer Einkaufswagen.
Und sie hatten dabei offensichtlich Spaß. Das war vielleicht das Beeindruckendste überhaupt. Es wirkte nicht so, als würden sie sich mühsam abarbeiten. Ganz im Gegenteil. Sobald sie liefen, waren sie in ihrem Element. Das Bellen hörte fast vollständig auf, jeder fand seinen Rhythmus, und aus zwölf einzelnen Hunden wurde innerhalb weniger Sekunden ein funktionierendes Team. John rief kurze Kommandos, vorne reagierten die Leithunde sofort, und der Rest folgte. Man sah plötzlich sehr deutlich, warum er vorher so lange überlegt hatte, wer wo läuft. Jeder hatte seine Position, jeder arbeitete mit, und das Ganze wirkte erstaunlich präzise.

Zunächst ging es einige Kilometer über den verschneiten Denali Highway. Der Schnee spritzte unter den Pfoten auf, der Wind zog uns ins Gesicht, und ich schaute immer wieder nach vorne auf diese Reihe laufender Hunde und konnte kaum glauben, dass wirklich sie allein unser Fahrzeug bewegten. Kein Motor half mit. Nichts. Zwölf Huskys, ein schweres ATV und drei Erwachsene – und trotzdem ging es mit einem Tempo dahin, bei dem ich meine Hände längst etwas fester um die Haltegriffe gelegt hatte.
Dann rief John ein weiteres Kommando, die beiden Leithunde reagierten sofort und bogen plötzlich nach links vom Highway ab. Damit war die gemütliche Geradeausfahrt erledigt. Jetzt ging es durch Büsche und tiefen Schnee, über schmale Wege, Hügel hinauf und wieder hinunter. Das ATV rumpelte über Unebenheiten, Äste kamen erstaunlich nah, und ich war zeitweise hauptsächlich damit beschäftigt, meinen Platz nicht unfreiwillig zu verlassen. Bergauf zogen die Hunde das schwere Fahrzeug mit einer Selbstverständlichkeit hoch, die mich jedes Mal wieder staunen ließ. Bergab wurde es nicht weniger interessant, denn nun schob das Gewicht des ATV nach, während John hinten mit Bremse und Gewichtsverlagerung arbeitete. Das Ganze fühlte sich ein bisschen an wie eine alaskische Geländefahrt, bei der unser Motor vorne zwölf Schwänze hatte.
Wir schossen um Kurven, durch verschneites Gebüsch und über kleine Anhöhen, und obwohl ich zwischendurch durchaus damit beschäftigt war, mich festzuhalten, konnte ich nicht aufhören, die Hunde zu beobachten. Jeder Schritt saß. Die beiden Leithunde reagierten auf die Kommandos, die anderen orientierten sich an ihnen, und selbst in engen Kurven blieb das Team erstaunlich geordnet. Gleichzeitig spürte man permanent diese enorme Kraft. Man sitzt dort, wird bergauf gezogen und denkt die ganze Zeit: Das kann doch nicht ernsthaft nur von diesen Hunden kommen. Doch genau so war es.
Irgendwann führte die Strecke wieder zurück auf den Denali Highway, und nun liefen die Huskys wieder in diesem gleichmäßigen, kraftvollen Rhythmus. Jetzt konnte ich besser erkennen, wie unterschiedlich sie arbeiteten. Manche wirkten vollkommen ruhig und konzentriert, andere schienen innerlich noch immer einen kleinen Wettbewerb daraus zu machen, wer vorne mehr zieht. Aber alle funktionierten zusammen. Es war keine Ansammlung von zwölf Hunden, sondern ein echtes Team.
Als wir schließlich wieder am Kennel ankamen und langsamer wurden, wartete dort bereits die zweite Hälfte der Hundegesellschaft. Die, die nicht mitdurften. Und sie wirkten keinen Deut versöhnter.
Einige standen an ihren Hütten und beobachteten die Rückkehr des Teams mit einer Mischung aus Neid und Empörung. Andere bellten wieder los, als wollten sie John daran erinnern, dass jetzt selbstverständlich die Ersatzmannschaft dran sei. Besonders die Köpfe, die aus den kleinen Hütten hervorschauten, waren herrlich. Da saßen mehrere Hunde dicht nebeneinander und guckten, als hätten wir sie persönlich um den schönsten Ausflug ihres Lebens gebracht. Wenn Hunde schriftliche Beschwerden einreichen könnten, hätte John wahrscheinlich spätestens am Abend einen ganzen Stapel auf dem Tisch gehabt.

Und während wir noch völlig beeindruckt von der Fahrt waren, begriffen wir gleichzeitig etwas, womit ich vorher überhaupt nicht gerechnet hatte: Für diese Hunde war Laufen keine lästige Arbeit. Es war das, was sie tun wollten. Diejenigen, die eingespannt worden waren, wirkten glücklich und konzentriert, und die, die zu Hause bleiben mussten, waren offensichtlich tief enttäuscht. Genau das machte die ganze Erfahrung so besonders. Vorher hatte ich mir unter Schlittenhunden einfach Tiere vorgestellt, die eben darauf trainiert sind, einen Schlitten zu ziehen. Jetzt sah ich sie eher als echte Athleten – mit unterschiedlichen Stärken, Charakteren, Positionen im Team und einem geradezu absurden Bewegungsdrang.
John erklärte uns anschließend noch mehr über die verschiedenen Typen von Rennhunden. Manche werden auf Sprintstrecken trainiert und können auf kurzen Distanzen unglaubliche Geschwindigkeiten erreichen. Andere sind die Marathonläufer unter den Huskys: schlanker gebaut, weniger auf explosive Kraft und mehr auf Ausdauer ausgelegt. Solche Hunde schaffen an einem Tag Distanzen, bei denen ich schon vom Zuhören Muskelkater bekomme. Rund 100 Meilen – also etwa 160 Kilometer – können sie in neun bis zehn Stunden zurücklegen. Und wenn man gerade erlebt hat, wie zwölf davon ein ATV mit drei Erwachsenen bergauf ziehen, zweifelt man an solchen Angaben plötzlich überhaupt nicht mehr.

Vor diesem Tag hatten wir uns ehrlich gesagt nie besonders intensiv mit Mushing beschäftigt. Danach sahen wir diese ganze Welt mit völlig anderen Augen. Da steckte weit mehr dahinter als ein Schlitten, Schnee und ein paar hübsche Huskys. Es ging um Training, Teamzusammenstellung, Vertrauen, Tierkenntnis, Ausdauer und eine Verbindung zwischen Musher und Hunden, die nur funktioniert, wenn jeder den anderen versteht. John hatte uns nicht einfach eine Fahrt angeboten, sondern einen kleinen Einblick in ein Leben gegeben, das für uns bis dahin völlig fremd gewesen war. Und genau deshalb war dieser Nachmittag so viel besser als irgendeine klassische Touristenrunde.
Irgendwann mussten wir uns trotzdem wieder von den Hunden verabschieden und stapften zurück zu unserer Hütte, während der Schnee weiterhin in dicken Flocken fiel. Dort wartete bereits der nächste Programmpunkt des Tages, und der klang zunächst deutlich weniger kompliziert: Steak grillen. In Anchorage hatten wir schließlich nicht umsonst Ribeye gekauft. Vor der Hütte stand ein Grill, der irgendwann einmal als Gasgrill gedacht gewesen war, inzwischen aber offenbar mit Holz betrieben werden sollte. Kein Problem, dachten wir. Holz hatten wir genug. Wir unterschätzten den Grill.

Unser erster Versuch, ein ordentliches Feuer darin zu entfachen, scheiterte. Der zweite ebenfalls. Irgendwann griffen wir zu einer Methode, die eigentlich narrensicher sein musste: Wir nahmen bereits lichterloh brennende Holzscheite aus unserem Ofen und transportierten sie nach draußen direkt in den Grill. Dort gingen sie aus. Einfach so. Im Ofen Flammenwerfer, im Grill spontane Arbeitsverweigerung. Stefan analysierte das Problem technisch und kam zu dem Schluss, dass dem ehemaligen Gasgrill schlicht die nötige Luftzufuhr von unten fehlte. Ich analysierte es kulinarisch und kam zum Ergebnis, dass mein Ribeye-Steak heute nicht stattfinden würde. Beide Diagnosen waren leider korrekt.
Also saßen wir wenig später in unserer kleinen Holzhütte mitten in Alaska und aßen statt Flame-Grilled Ribeye eben Speck und Brötchen aus unseren Frühstücksvorräten. Nicht ganz das geplante Dinner, aber angesichts der Tatsache, dass draußen inzwischen ein ausgewachsener Schneesturm tobte, erstaunlich gemütlich. Unsere Lebensmittel standen derweil draußen auf dem Balkon und brauchten keinerlei Kühlschrank. Alaska übernahm das kostenlos.

Die Hütte selbst hatte weder Strom noch fließendes Wasser. Dafür gab es einen großen Wasserkanister, mit dessen Inhalt man entsprechend sparsam umging. Stefan putzte sich die Zähne kurzerhand draußen im Schnee, während ich mich auf den Weg zum Toilettenhäuschen machte, durch inzwischen tiefen Schnee, im Dunkeln und bei einer Kälte, die jede romantische Vorstellung von „rustikaler Hütte in Alaska“ zuverlässig wieder auf den Boden der Tatsachen brachte.
Später lagen wir in unseren Betten und hörten draußen den Wind und den Schnee gegen die Hütte schlagen. Im Holzofen knisterte das Feuer, und solange es brannte, war es wunderbar warm. Leider hat Holz die unangenehme Eigenschaft, irgendwann aufzuhören zu brennen. Also wachten wir nachts immer wieder auf, sobald die Temperatur sank und die Glut fast heruntergebrannt war. Einer von uns kroch aus dem Bett, legte Holz nach, stellte die Luftzufuhr ein, wartete kurz, bis die Flammen wieder kamen, und verschwand zurück unter die Decke. Dann schliefen wir weiter, bis das Spiel von vorne begann. Im Laufe der Nacht entwickelte sich daraus eine Art Schichtbetrieb. Nur ohne Zuschläge.
Am Morgen war unser Holzvorrat fast aufgebraucht, der Ofen glühte noch, und draußen lag die Welt unter einer dicken weißen Decke. Wir hatten unsere erste Nacht in einer stromlosen Hütte mitten in der alaskischen Wildnis überstanden – mit 56 Huskys, einem ausgefallenen Ribeye und deutlich weniger Schlaf als geplant. Aber ganz sicher mit einer Geschichte, die wir so schnell nicht vergessen würden.












































