Durch den Tunnel ins Eis – Gletscher, Seeotter und ein ziemlich eigenwilliges Whittier
Heute stand einer dieser Programmpunkte auf dem Plan, bei denen man schon beim Aufstehen weiß: Wenn das heute nichts wird, liegt es ganz sicher nicht an der Planung. Wir hatten nämlich eine der letzten großen Gletscherfahrten der Saison gebucht, die berühmte 26 Glacier Cruise durch den Prince William Sound. Mitte September ist in Alaska touristisch betrachtet bereits so etwas wie später Sonntagabend: Die Saison packt langsam ihre Sachen, klappt die Bürgersteige hoch und verschwindet bis zum nächsten Frühjahr. Viele Ausflugsanbieter stellen ihren Betrieb ein, Souvenirläden hängen „Closed for Season“ an die Tür, und in manchen kleineren Orten ziehen sogar Bewohner über den Winter in größere Städte.
Ein Ort namens Chicken, bei dem allein der Name schon dafür sorgte, dass ich unbedingt hinwollte, würde uns später noch eindrucksvoll demonstrieren, was „Saisonende“ in Alaska tatsächlich bedeutet. Heute aber ging es erst einmal nach Whittier am Prince William Sound – und bevor wir uns mit Gletschern, Seeottern und einer Stadt beschäftigen konnten, deren Bewohner offenbar beschlossen hatten, möglichst alle im selben Haus zu wohnen, kümmerte sich Caroline um die wichtigste Grundlage eines erfolgreichen Tages: Frühstück. Diesmal mussten wir also nicht im Morgengrauen zu Denny’s flüchten, sondern konnten uns ganz entspannt durch ihr wunderbares Frühstück arbeiten, bevor wir uns mit sehr gut gefüllten Mägen auf den Weg machten.
Von Anchorage aus folgten wir dem Turnagain Arm nach Süden, diesem langgezogenen Seitenarm des Cook Inlets, der sich zwischen gewaltigen Bergen hindurchzieht und schon die Anfahrt zu einem kleinen Landschaftsspektakel macht. Links Wasser, rechts Berge, dahinter schneebedeckte Gipfel und über allem das noch flache Licht des Morgens – Alaska hatte offenbar beschlossen, uns auch heute wieder keine gewöhnliche Autofahrt zu gönnen. Das Wetter war zunächst etwas durchwachsen, aber trocken, und die Wolken hingen teilweise so tief zwischen den Bergen, dass die Landschaft noch dramatischer wirkte. Eigentlich wollten wir einfach nur nach Whittier fahren, tatsächlich aber saßen wir schon wieder im Auto und schauten aus den Fenstern, als hätte jemand draußen einen Naturfilm auf eine mehrere hundert Kilometer breite Leinwand projiziert. Am Ende des Turnagain Arms bogen wir schließlich auf die Portage Glacier Road ab, und damit änderte sich die Stimmung schlagartig. Je weiter wir fuhren, desto dichter wurde der Nebel, bis von den Bergen praktisch nichts mehr übrig war. Alaska hatte den Vorhang zugezogen.

Nach etwa sieben Meilen erreichten wir den Anton Anderson Memorial Tunnel, und allein dieser Tunnel war schon ein Erlebnis für sich. Rund vier Kilometer führt er mitten durch den Berg nach Whittier und besitzt dabei genau eine Fahrspur – die sich Autos in beide Richtungen auch noch mit der Eisenbahn teilen. Man kann sich vorstellen, dass hier nicht einfach jeder nach Lust und Laune hineinrauscht. Gegen zehn Uhr kamen wir am Tunnel an, wurden auf eine eigene Wartespur geschickt und erfuhren über eine große Anzeigetafel, dass unsere Durchfahrt um 10:30 Uhr beginnen würde. Für Hin- und Rückfahrt wurden 13 Dollar fällig, und wenig später öffnete sich die Schranke. Dann ging es tatsächlich auf den zwischen den Autoreifen verlaufenden Bahngleisen hinein in den Berg.
Der Tunnel ist schmal, lang, ziemlich dunkel und vermittelt einem während der Fahrt durchaus das Gefühl, dass Gegenverkehr jetzt eine ausgesprochen schlechte Idee wäre. Nach ungefähr zehn Minuten erschien endlich wieder Tageslicht vor uns – und dann passierte etwas, womit wir überhaupt nicht gerechnet hatten. Während auf der anderen Seite des Berges noch dichter Nebel gehangen hatte, fuhren wir in Whittier aus dem Tunnel und standen plötzlich unter blauem Himmel. Offenbar war selbst der Nebel zu vernünftig gewesen, durch dieses Loch im Berg zu fahren.

Whittier selbst war anschließend schnell erkundet, was weniger an unserem Tempo als an der überschaubaren Größe des Ortes lag. Vieles hatte bereits für die Saison geschlossen, einige Geschäfte und Restaurants wirkten, als hätten ihre Besitzer morgens einfach beschlossen: So, das war’s für dieses Jahr, wir sehen uns im Mai. Wir checkten zunächst für unsere Kreuzfahrt ein und machten anschließend noch eine kleine Runde durch den Ort.

Dabei entdeckten wir einen Fußgängertunnel, der offenbar zu einem weiteren Teil Whittiers führte. Natürlich gingen wir hindurch – wenn irgendwo ein Tunnel ist, muss man schließlich wissen, was auf der anderen Seite liegt. In diesem Fall lautete die Antwort allerdings hauptsächlich: Industrieanlagen. Nicht jede Entdeckung muss ein Weltwunder sein. Dafür passte der Tunnel hervorragend zu Whittier, denn dieser Ort scheint ohnehin eine gewisse Vorliebe dafür entwickelt zu haben, möglichst wenig im Freien erledigen zu müssen. Das ergibt sogar Sinn, wenn man weiß, wie das Leben hier organisiert ist: Ein Großteil der Einwohner lebt in den Begich Towers, einem 14-stöckigen ehemaligen Militärgebäude, in dem neben Wohnungen auch zahlreiche Einrichtungen des täglichen Lebens untergebracht sind. Sogar die Schule ist über einen Tunnel erreichbar. „City under one roof“ nennt man Whittier deshalb – und selten war ein Spitzname so wörtlich zu verstehen. Während wir zu Hause überlegen, ob wir für den Einkauf noch einmal das Auto nehmen, können die Menschen hier vermutlich zur Post, zur Kirche und zu den Nachbarn gehen, ohne überhaupt nachsehen zu müssen, ob es draußen schneit.
Viel Zeit blieb uns ohnehin nicht mehr, denn als wir wieder zum Hafen kamen, begann bereits das Boarding der Klondike Express. Wir bekamen einen Vierertisch ganz vorne in der Mitte des Oberdecks, direkt unterhalb der Kommandobrücke, und damit Plätze, bei denen man sich über mangelnde Aussicht wirklich nicht beschweren konnte. Zwei weitere Damen wurden zu uns gesetzt, die uns im Laufe der nächsten Stunden noch auf ihre ganz eigene Art beschäftigen sollten, doch zunächst war draußen wesentlich mehr los.
Kaum hatten wir Whittier hinter uns gelassen, tauchten bereits die ersten Dall’s Porpoises neben dem Schiff auf und schossen durchs Wasser. An Bord herrschte eine wunderbar entspannte Atmosphäre. Eine Rangerin erklärte uns unterwegs viel über den Prince William Sound, seine Gletscher und Tiere, und auch die übrige Crew war ausgesprochen freundlich. Besonders der Kapitän schien nicht nur ein Schiff zu steuern, sondern nebenbei noch den persönlichen Wunschzettel sämtlicher Hobbyfotografen an Bord abzuarbeiten. Sobald irgendwo ein Tier entdeckt wurde, verlangsamte er, hielt an oder drehte das Schiff so, dass möglichst jeder einen guten Blick bekam. Sogar sein Fernglas wanderte durch die Reihen. Das war keine Kreuzfahrt nach dem Prinzip „links sehen Sie kurz irgendetwas, wenn Sie schnell genug sind“, sondern eher die maritime Variante eines sehr geduldigen Safari-Guides.

Kurz vor der Esther Passage folgte dann die erste größere Wildlife-Show. Auf den Felsen am Eggs Rock lagen unzählige Seelöwen herum und machten das, was Seelöwen offenbar besonders gut können: möglichst dekorativ herumliegen und dabei einen Lärm veranstalten, als würde eine komplette Blaskapelle gleichzeitig ihre Instrumente stimmen. Das Schiff wurde gestoppt und langsam gedreht, damit jeder fotografieren konnte, während die Hauptdarsteller auf ihrem Felsen keinerlei Veranlassung sahen, für uns auch nur einen Zentimeter zur Seite zu rutschen. Sie waren schließlich zu Hause, wir waren die Touristen. Danach ging es weiter durch die schmale Esther Passage, vorbei an kleinen bewaldeten Inseln und immer tiefer hinein in diese gewaltige Landschaft aus Wasser, Bergen und Eis. Und irgendwo dazwischen kam die Crew mit dem Mittagessen um die Ecke: Fish and Chips. Der Fisch war richtig gut, und spätestens damit war für uns klar, dass man diesen Ausflug durchaus als gelungen bezeichnen konnte.

Unsere beiden Tischnachbarinnen sahen das offenbar anders. Bereits kurz nach dem Ablegen hatte die jüngere der beiden am Heißgetränke-Buffet kurzerhand eine Kaffeemaschine ausgesteckt, um ihr Handy aufzuladen – Prioritäten müssen schließlich gesetzt werden. Danach saßen beide größtenteils schweigend am Tisch und betrachteten ihre Umgebung mit ungefähr der Begeisterung, die man normalerweise beim Warten auf eine Wurzelbehandlung entwickelt. Draußen zogen Gletscher, Berge, Delfine und Seelöwen vorbei, aber offenbar konnte nichts davon mit dem Ladezustand eines Mobiltelefons konkurrieren.

Auch die Fish and Chips fanden keine Gnade und wurden schließlich zu uns herübergeschoben. Wir hätten also theoretisch vier Portionen essen können, was selbst für unsere Urlaubsdisziplin etwas ambitioniert gewesen wäre. Ich fragte mich irgendwann ernsthaft, warum man eine fünfstündige Gletscherkreuzfahrt bucht, wenn einen weder Gletscher noch Kreuzfahrt sonderlich interessieren. Vielleicht gab es Bonuspunkte. Wir werden es nie erfahren.
Während unsere Tischnachbarinnen weiter stoisch das Ende der Veranstaltung erwarteten, wurde es draußen immer spektakulärer. Über die Esther Passage erreichten wir den College Fjord, und nun tauchten in der Ferne immer mehr Gletscher zwischen den Bergen auf. Die Dimensionen ließen sich vom Schiff aus kaum erfassen. Was zunächst wie ein weißer Streifen zwischen zwei Berghängen aussah, entpuppte sich beim Näherkommen als kilometerlange Eismasse. Schließlich änderten wir den Kurs und fuhren in den Harriman Fjord hinein, wo der Surprise Glacier auf uns wartete. Und der machte seinem Namen durchaus Ehre. Je näher wir kamen, desto mehr Eis schwamm im Wasser, zunächst kleine Stücke, später Brocken, bei denen man das Wort „Eiswürfel“ nur noch mit sehr viel Fantasie verwenden konnte. Vor uns erhob sich die zerklüftete, blau schimmernde Wand des Gletschers, und der Kapitän stellte schließlich die Motoren ab.
Plötzlich war es still. Keine Motorengeräusche mehr, kein gleichmäßiges Brummen des Schiffes – nur Wasser, Wind und dieses eigentümliche Knacken und Knirschen des Eises. Immer wieder hörte man Geräusche aus dem Gletscher, als würde tief in seinem Inneren irgendetwas arbeiten. Wir warteten natürlich darauf, dass sich ein gewaltiges Stück löste und mit einem ordentlichen Donnern ins Wasser krachte. Wenn man schon direkt vor einem Gletscher parkt, darf er schließlich auch ein bisschen Programm bieten. Aber der Surprise Glacier dachte gar nicht daran. Kein spektakuläres Kalben, kein haushoher Eisblock, der dramatisch ins Meer stürzte. Offenbar hatte er heute seinen freien Tag. Trotzdem war dieser Moment einer der beeindruckendsten der gesamten Tour. Direkt vor dieser riesigen Eiswand zu liegen, umgeben von treibenden Eisbrocken und schneebedeckten Bergen, während das Schiff fast regungslos auf dem Wasser lag, war eine dieser Situationen, in denen Fotos zwar schön sind, aber nur einen Bruchteil dessen einfangen, was man gerade sieht.

Dafür lieferte die Tierwelt anschließend weiter zuverlässig ab. In den Berghängen wurden Bergziegen entdeckt, allerdings so weit entfernt, dass sie ohne Fernglas eher in die Kategorie „weißer Punkt mit möglicher Ziege“ fielen. Weißkopfseeadler ließen sich ebenfalls sehen, und dann kamen meine persönlichen Favoriten: Seeotter. Diese Tiere treiben auf dem Rücken im Wasser, schauen mit einer beneidenswerten Mischung aus Neugier und völliger Gelassenheit in die Welt und wirken dabei, als hätten sie das Leben grundsätzlich besser verstanden als wir. Einige ließen sich erstaunlich nah beobachten und fotografieren, andere verschwanden genau in dem Moment unter Wasser, in dem man endlich Kamera, Zoom und Ausschnitt richtig eingestellt hatte. Natürlich. Tiere besitzen offenbar einen eingebauten Sensor dafür. Trotzdem bekamen wir einige wunderschöne Begegnungen mit ihnen, während sich draußen eine Landschaft an die nächste reihte: spiegelglattes Wasser, Gletscherzungen zwischen Bergen, kleine bewaldete Inseln und immer wieder diese unglaubliche Weite des Prince William Sound.
Nach rund fünf Stunden nahm die Klondike Express schließlich wieder Kurs auf Whittier. Der Kapitän manövrierte das Schiff zurück in den kleinen Hafen, die Crew verabschiedete sich von den Passagieren, und wir gingen mit Kameras voller Bilder und Köpfen voller Eindrücke zurück zum Auto. Viel Zeit zum Herumtrödeln blieb ohnehin nicht, denn der Anton Anderson Memorial Tunnel folgt seinem eigenen Stundenplan, und wenn man die Durchfahrt verpasst, wartet man eben auf die nächste. Wir hatten ungefähr eine halbe Stunde Zeit und standen schließlich rechtzeitig wieder in unserer Wartespur. Noch einmal ging es durch den langen Tunnel, über die Gleise und zurück auf die andere Seite des Berges – nur dass dort inzwischen von dem morgendlichen Nebel nichts mehr übrig war.
Und plötzlich bekamen wir auf der Rückfahrt all das zu sehen, was uns morgens verborgen geblieben war. Die Berge rund um Portage standen klar vor uns, und als wir wieder den Turnagain Arm erreichten, sank die Sonne bereits tiefer. Das Licht wurde wärmer, die gelben Herbstfarben leuchteten, und neben der Straße verliefen die Eisenbahngleise durch eine Landschaft, die aussah, als hätte Alaska für den Feierabend noch einmal sämtliche Regler hochgedreht. Am Potter Marsh hielten wir schließlich noch einmal an. Dort standen bereits Fotografen mit Objektiven, die vermutlich eine eigene Gepäckaufgabe am Flughafen benötigen, und beobachteten Wasservögel im Sumpfgebiet. Schwäne zogen über das Wasser, die Sonne lag golden auf den Gräsern, und wir standen einfach eine Weile da und schauten. Nach fünf Stunden Gletschern, Seelöwen, Delfinen und Seeottern hätte man meinen können, irgendwann sei das Naturkonto für einen Tag ausreichend gefüllt. Alaska war da offenbar anderer Meinung.
Zurück in Anchorage mussten wir dann nur noch eine letzte wichtige Entscheidung treffen: Was macht man nach einem Tag mit Gletschern, Eisbergen, Seeottern und ungefähr tausend Fotos? Natürlich fährt man ins Texas Roadhouse. Offenbar entwickelte sich das bereits an unserem zweiten Alaska-Tag zu einer Tradition, gegen die wir beide keinerlei Einwände hatten. Also gab es Ribeye, die obligatorischen warmen Dinner Rolls mit Zimtbutter und anschließend den Moment, in dem man feststellt, dass man eigentlich keinen einzigen Schritt mehr machen möchte. Erst zwei Tage waren wir in Alaska, und trotzdem fühlte es sich an, als hätten wir bereits eine halbe Reise hinter uns. Gestern der Matanuska Glacier und der Elch am Flattop Mountain, heute Whittier, der Prince William Sound und der Surprise Glacier. Wenn Alaska dieses Tempo beibehalten wollte, konnte das noch interessant werden. Und wir hatten gerade erst angefangen.








































