Von Anchorage nach Seward – ein Roadtrip nach Hope mit Walen und einem Killer Clown
Nach drei Nächten hieß es erst einmal Abschied nehmen von Caroline und unserem schönen Bed & Breakfast in Anchorage. Zum Glück war es nur ein Abschied auf Zeit, denn am Ende der Reise würden wir noch einmal für zwei Nächte zurückkommen. Trotzdem hatte sich dieses Haus in erstaunlich kurzer Zeit schon ein bisschen wie unsere Alaska-Basis angefühlt. Also noch einmal ordentlich frühstücken, Koffer ins Auto, letzte Blicke zurück – und dann das, worauf ich mich bei jeder USA-Reise ganz besonders freue: ein echter Roadtrip. Diesmal ging es nach Seward auf die Kenai Peninsula. Die Strecke ist auf der Karte eigentlich gar nicht so dramatisch lang. Das Problem lag eher bei uns. Wenn an jeder zweiten Kurve Wasser, Berge, Schnee, Herbstfarben oder sonst irgendeine fotogene Gemeinheit auftauchen, wird aus einer normalen Autofahrt sehr schnell ein Tagesprojekt.
Kaum hatten wir Anchorage hinter uns gelassen, zog sich der Highway wieder direkt am Wasser entlang. Nur die Bahngleise lagen zwischen uns und dem Cook Inlet, dahinter standen die Berge mit ihren schneebedeckten Gipfeln in der Morgensonne. Nach dem gestrigen Nebel war heute von Anfang an klar: Alaska meinte es gut mit uns. Der Himmel war blau, das Licht herrlich und die Sicht so klar, dass man gar nicht wusste, wohin man zuerst schauen sollte. Wir machten einen kurzen Halt bei einer „Chapel By The Sea“, deren Name große Gefühle versprach, die Realität aber eher in Richtung „kleine Kirche mit ordentlicher Aussicht“ tendierte. Nett, aber nicht unbedingt der Ort, an dem ich vor Begeisterung auf die Knie gefallen wäre. Dafür wartete wenige Minuten später bereits der nächste Stopp, und der gefiel uns deutlich besser.

Potter Marsh hatten wir am Vorabend schon kurz besucht, aber heute Morgen sah alles noch einmal ganz anders aus. Die Sonne stand niedrig über der Landschaft, das Wasser lag fast spiegelglatt zwischen den Gräsern, und dahinter erhoben sich die Berge. Wir liefen diesmal über den langen Holzsteg hinaus in das Sumpfgebiet und blieben ständig stehen. Enten, Gänse und andere Wasservögel paddelten durchs flache Wasser, über uns kreisten Adler, und überall spiegelte sich der blaue Himmel. Es war so friedlich, dass man beinahe vergessen konnte, dass nur wenige Meter weiter der Highway vorbeiführte. Genau solche Orte mag ich: kein großes Spektakel, kein Eintritt, kein Besucherzentrum mit sieben Souvenirläden, sondern einfach Landschaft. Und natürlich standen wir wieder mit den Kameras da und fotografierten alles, was sich bewegte oder auch nur dekorativ im Wasser spiegelte.
Weiter südlich wurde aus dem Cook Inlet schließlich wieder der Turnagain Arm. Der Name geht auf Captain Cook zurück, der hier einst feststellen musste, dass dieser Wasserweg nicht wie erhofft weiterführte und wieder umkehren musste. „Turn again“ – umdrehen und noch mal. Ein ausgesprochen pragmatischer Name. Wir mussten zum Glück nicht umdrehen, sondern konnten entspannt weiterfahren und erreichten kurz nach neun Uhr den Beluga Point. Belugas gab es keine. Offenbar hatten die weißen Wale heute andere Termine. Aber der Blick auf den Turnagain Arm war trotzdem großartig. Das Wasser lag ruhig zwischen den Bergen, Wolken hingen wie weiße Bänder an den Hängen, und die spiegelglatte Oberfläche machte aus manchen Bergen gleich zwei. Stefan stellte sich mit Selfiestick vor diese Kulisse, während ich wahrscheinlich längst wieder mit der Kamera irgendwo am Straßenrand stand. Man muss sich unsere Roadtrips ungefähr so vorstellen: Einer fährt, der andere entdeckt etwas Schönes, dann stehen wir. Danach tauschen wir gelegentlich die Rollen, aber stehen bleiben tun wir zuverlässig.
In Girdwood entdeckten wir schließlich einen Souvenirladen, der wenigstens ehrlich mit seinen Kunden umging: Great Alaskan Tourist Trap stand groß über dem Eingang. Damit war eigentlich alles gesagt. Keine romantischen Umschreibungen, kein „Trading Post“, kein „Authentic Alaskan Gifts“. Nein. Tourist Trap. Wir mussten natürlich fotografieren. Eingekauft haben wir allerdings nichts, vermutlich aus Prinzip. Wenn man schon so offen gewarnt wird, sollte man die Warnung vielleicht auch ernst nehmen. Hinter Portage verließen wir schließlich den Turnagain Arm und fuhren weiter Richtung Süden auf die Kenai Peninsula. Und dort hatten wir noch einen kleinen Umweg eingeplant, der schon wegen seines Namens reizvoll klang: Hope.
Der Hope Highway führt rund 20 Meilen von der Hauptstraße weg und endet tatsächlich in Hope. Eine Sackgasse mit Hoffnung am Ende – schlechter kann ein Tagesmotto eigentlich nicht sein. Die Fahrt dorthin war wunderschön. Der Chugach National Forest hatte sich komplett auf Herbst eingestellt, überall leuchteten Birken gelb in der Sonne, dahinter standen dunkle Berge und schneebedeckte Gipfel. Immer wieder öffnete sich der Blick zurück zum Turnagain Arm. Wir hielten natürlich wieder an. Und wieder. Und noch einmal. Irgendwann dürfte Stefan begriffen haben, dass jede Zeitangabe für diesen Roadtrip rein theoretischer Natur war.

Hope selbst wirkte anschließend, als hätten wir nicht nur die Hauptstraße, sondern gleich noch das aktuelle Jahrhundert verlassen. Ein winziger Ort mit wenigen Häusern, alten Gebäuden, kleinen Holzhütten und ungefähr 140 Einwohnern. Hier dürfte es schwierig sein, sich heimlich irgendwo daneben zu benehmen. Vermutlich weiß die halbe Ortschaft davon, bevor man selbst wieder zu Hause ist. Vieles hatte bereits geschlossen, schließlich war die Saison fast vorbei. Aber genau das verlieh Hope diesen herrlich verschlafenen Charme. Keine Menschenmassen, keine Reisebusse, kein großartiges Programm. Nur ein kleines Dorf zwischen Bergen, in dem die Zeit offensichtlich beschlossen hatte, etwas langsamer zu laufen.
Wir entdeckten das Tito’s Discovery Cafe. Die Mittagszeit war längst erreicht, und mein Magen hatte begonnen, entsprechende Signale zu senden. Stefan kennt das inzwischen: Wenn ich Hunger bekomme, sollte ein Restaurant nicht mehr allzu weit entfernt sein. Das ist für alle Beteiligten angenehmer. Im Cafe saß hinter dem Tresen eine freundliche Frau und strickte.
Als wir hereinkamen, legte sie ihr Strickzeug zur Seite und reichte uns die Karten. Wir bestellten Cola. Cola war aus. Also bekam ich Root Beer und Stefan Sprite. Man nimmt, was Hope hergibt. Danach kamen Sandwiches und Salat, und die waren überraschend richtig gut. Während wir aßen, nahm die Kellnerin ihr Strickzeug wieder auf und arbeitete entspannt weiter. Erst als tatsächlich noch ein weiterer Gast hereinkam, musste sie erneut pausieren. Bei dieser Kundenfrequenz dürfte bis zum Frühjahr eine komplette Winterkollektion fertig werden. Das Ganze hatte etwas wunderbar Unaufgeregtes. Kein Stress, kein Gedränge, kein „Table Turnover“. Essen bringen, stricken, kurz kassieren, weiterstricken. Vielleicht haben die Menschen in Hope das Geheimnis eines entspannten Lebens gefunden.
Nach dem Essen fuhren wir denselben Weg zurück zur Hauptstraße. Und natürlich dauerte auch das wieder länger als geplant, weil diese Landschaft einfach unverschämt schön war. Sonne, Wasser, goldene Bäume, dunkle Berge, Schnee auf den Gipfeln – man hätte die Kamera eigentlich dauerhaft aus dem Fenster halten können. Besonders am Moose Pass sah es stellenweise aus wie eine perfekt komponierte Postkarte. Berge spiegelten sich im ruhigen Wasser, kein Wind, kaum Verkehr. Wenn Alaska wollte, dass man irgendwann weiterkommt, hätte es sich wirklich etwas weniger Mühe geben müssen.
Sarah, die Managerin, begrüßte uns ausgesprochen herzlich und erklärte, dass außer uns nur noch ein weiteres Zimmer belegt sei. Nachsaison kann wirklich großartig sein. Weil also reichlich Platz vorhanden war, bekamen wir ein kostenloses Upgrade auf ein Zimmer mit Meerblick. Sehr gerne. Das Haus selbst war herrlich gemütlich und ein bisschen speziell, mit viel Holz, kleinen Galerien und diesem typischen Alaska-Charme, bei dem man sich nicht wundern würde, wenn irgendwo noch ein ausgestopfter Bär um die Ecke schaut. Sarah führte uns durch alles, zeigte uns Küche, Wäscherei und einen Gemeinschaftsraum mit Kamin und großen Fenstern Richtung Wasser. Danach verabschiedete sie sich in den Feierabend und ließ uns praktisch mit dem ganzen Haus allein. Man könnte sagen, wir hatten uns in Seward versehentlich eine komplette Pension gemietet.
Es war erst ungefähr drei Uhr und draußen schien noch immer die Sonne. Natürlich blieben wir nicht im Zimmer. Unser Hotel lag nur wenige Schritte vom Waterfront Park entfernt, also gingen wir hinunter ans Wasser. Dort schwamm zunächst ein Seeotter herum und putzte sich mit dieser beneidenswerten Gelassenheit, die Seeotter offenbar grundsätzlich besitzen. Wir standen da, schauten ihm zu – und dann tauchte plötzlich draußen im Wasser ein Wal auf. Einfach so. Kein Boot, keine gebuchte Tour, keine Rangerin mit Fernglas. Wir liefen einfach am Wasser entlang und da war er. Erst der Blas, dann der Rücken und schließlich die mächtige Schwanzflosse, bevor er wieder verschwand. Natürlich standen wir anschließend noch eine ganze Weile dort und starrten aufs Meer wie zwei Menschen, die fest davon überzeugt sind, dass ein Wal auf Zuruf noch einmal auftaucht. Tat er nicht. Aber dieser eine Moment reichte völlig. Gerade angekommen, Koffer kaum ausgepackt – und Seward begrüßte uns erst mit einem Seeotter und dann mit einem Wal. Man kann einen Ort schlechter kennenlernen.
Am Strand selbst wartete anschließend eine etwas weniger majestätische, dafür deutlich glibberigere Tierwelt. Überall lagen Quallen zwischen den Steinen und im flachen Wasser. Große, durchsichtige, orangefarbene, bizarre Exemplare, die aussahen, als hätte jemand Wackelpudding in besonders ambitionierten Formen hergestellt. Wir balancierten vorsichtig dazwischen herum und fotografierten natürlich auch die. Wenn man schon einmal einen Strand voller Quallen hat, kann man schlecht einfach vorbeigehen ohne ungefähr 147 Fotos davon zu machen.
Von der Waterfront liefen wir weiter Richtung Downtown und durch die 4th Avenue. Seward gefiel mir auf Anhieb. Klein, übersichtlich, ein bisschen rau, aber mit überraschend vielen Restaurants und Geschäften, die trotz Nachsaison noch geöffnet hatten. Besonders gespannt waren wir auf das Resurrect Art Coffee House, von dem ich vorher gelesen hatte. Das Café befindet sich in einer ehemaligen Kirche, und schon von außen sieht das Gebäude aus, als hätte jemand beschlossen, Religion durch Koffein zu ersetzen.

Drinnen war es noch besser: Kunst an den Wänden, Bücher, Spiele, Handarbeiten, bunte Stühle, gemütliche Ecken und diese Atmosphäre, bei der man automatisch langsamer wird. Wir bestellten uns einen Kaffee mit dem höchst vertrauenerweckenden Namen Killer Clown. Karamell, Vanille, Kokosnuss und Sahne. Im Grunde weniger Kaffee als Dessert mit Koffein. Aber verdammt lecker. Wenn mich irgendwann ein Killer Clown erwischen sollte, hoffe ich jedenfalls, dass er so schmeckt.
Nach dieser Kalorienzufuhr kam mir noch die Idee, im Liquor Store nach einem Bier aus einer der vielen Brauereien Alaskas zu schauen. Man reist schließlich nicht nach Alaska, um ausschließlich Coke zu trinken. Dann sah ich den Preis. 13 Dollar für ein Sixpack. Nun bin ich durchaus bereit, für Urlaubserlebnisse Geld auszugeben. Wir haben gerade erst 40 Dollar bezahlt, um auf einen Gletscher laufen zu dürfen. Aber irgendwo gibt es Grenzen. Für 13 Dollar durfte das Bier eigentlich schon persönlich zum Hotel laufen und sich dort selbst kaltstellen. Also blieb es im Laden. Cola kann ebenfalls sehr erfrischend sein.
Wir schlenderten noch weiter durch Seward, sahen uns die kleine St. Peter’s Episcopal Church an und stellten irgendwann fest, dass wir praktisch jede Straße mindestens einmal abgelaufen waren. Was zwangsläufig zum nächsten Programmpunkt führte: Essen. In der Thorn’s Showcase Lounge fanden wir genau das Richtige. Burger für den einen, Fish & Chips für den anderen, beides richtig gut und genau das, was nach diesem langen Tag nötig war. Danach machten wir auf dem Rückweg noch einmal einen Abstecher zum Waterfront Park. Vielleicht würde der Wal ja doch noch einmal auftauchen. Man kann es wenigstens versuchen. Aber offenbar hatte er Feierabend.

Also gingen auch wir zurück in unser fast leeres Swan Nest Inn. Hinter uns lagen Anchorage, Potter Marsh, der Turnagain Arm, ein Tourist Trap, Hope mit einer strickenden Kellnerin, unzählige Fotostopps, die erste Fahrt über die Kenai Peninsula, ein kostenloses Zimmerupgrade, ein Seeotter, ein Wal, ein Strand voller Quallen und ein Killer Clown in einer Kirche. Eigentlich waren wir heute einfach nur von Anchorage nach Seward gefahren. Zumindest stand es so im Reiseplan.










































