Harding Icefield – 1.000 Höhenmeter bis zum großen weißen Nichts
Unser Morgen begann ausgesprochen friedlich. Vielleicht sogar ein bisschen zu friedlich für das, was unsere Beine in den nächsten Stunden erwartete. Brooke, die Frühstücksfee unseres B&B, schlurfte noch etwas verschlafen aus ihrem Zimmer und direkt in die Küche. Sie und ihr Mann wohnten selbst im Haus, was dem Ganzen eine herrlich familiäre Note verlieh: Während wir bereits erwartungsvoll am Frühstückstisch saßen, begann für Brooke der Arbeitstag offenbar dort, wo bei anderen Menschen normalerweise erst einmal Kaffee und die grundsätzliche Entscheidung anstehen, ob man überhaupt schon ansprechbar ist.
Müsli, Toast, Obst und Getränke gehörten zum Frühstück, aber für fünf Dollar konnte man sich zusätzlich Pancakes, Hash Browns oder Rührei bestellen. Da vor uns eine Wanderung mit rund tausend Höhenmetern lag, hielten wir Zurückhaltung für vollkommen unangebracht und entschieden uns für Blueberry-Sourdough-Pancakes mit Canadian Bacon. Was wenig später auf meinem Teller landete, war weniger ein Pancake als ein rundes Bauwerk aus Teig. Vermutlich hätte man damit eine vierköpfige Familie durch einen mittelschweren Winter bringen können. Wir aßen ihn trotzdem. Schließlich brauchten wir Energie. Dass wir zu diesem Zeitpunkt noch keine Ahnung hatten, wie dringend, machte die Sache nur besser. Als wir anschließend bezahlen wollten, winkte Brooke sogar ab: Heute gehe das aufs Haus. Rückblickend betrachtet hätte ich eigentlich noch einen zweiten Pancake einpacken sollen. Für Notfälle. Oder als Sitzkissen.
Beim Frühstück trafen wir auch den einzigen anderen Hotelgast, einen Texaner, dessen Frau offenbar die vernünftigere Entscheidung getroffen hatte und noch schlief. Wir plauderten eine Weile, dann war Schluss mit Gemütlichkeit. Heute wollten wir zum Harding Icefield. Nicht irgendwohin, von wo man es vielleicht in der Ferne erahnen konnte, sondern hinauf bis zum Ende des Harding Icefield Trail, hoch über dem Exit Glacier. Rund 14 Kilometer hin und zurück, ungefähr 1.000 Höhenmeter und laut Beschreibung eine der spektakulärsten Wanderungen im Kenai Fjords National Park. Das klang hervorragend. Vor allem morgens, nach einem Pancake, wenn tausend Höhenmeter noch eine abstrakte Zahl sind.
Vom B&B waren es nur etwa 15 Minuten bis zum Exit Glacier, wo die Straße am Besucherzentrum endet. Gegen neun Uhr stellten wir unser Auto auf dem Parkplatz ab, schulterten die Rucksäcke mit unserem Proviant und marschierten über die kleine Holzbrücke Richtung Trailhead. Dort warfen wir noch einen Blick auf die Karte und trugen uns in die Liste der Wanderer ein. Ein erstaunlich offizieller Moment für zwei Menschen, die wenige Minuten später hauptsächlich damit beschäftigt sein würden, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Noch waren wir allerdings frisch, motiviert und voller Tatendrang. Die Rucksäcke saßen ordentlich, die Jacken waren geschlossen, die Sonne schien – Expedition Harding Icefield konnte beginnen.

Der erste Abschnitt gab sich noch ausgesprochen freundlich. Der Weg führte durch einen lichten Wald, die Morgensonne fiel zwischen den Bäumen hindurch und brachte das gelbe Herbstlaub zum Leuchten. Kleine Bäche plätscherten neben dem Trail, Moos bedeckte Steine und Baumstämme, und für eine Weile hatte die Sache tatsächlich etwas von einem gemütlichen Waldspaziergang. Allerdings nur für eine Weile. Der Harding Icefield Trail hat nämlich eine ausgesprochen einfache Streckenführung: nach oben. Kurven dienen dabei offenbar hauptsächlich dazu, einem vorzugaukeln, dass sich an diesem Konzept vielleicht noch etwas ändern könnte. Tat es aber nicht.
Schon bald wurde der Weg steiler. Aus dem gemütlichen Spaziergang wurde Wandern, aus Wandern wurde Schnaufen, und irgendwann begann jener Zustand, in dem man sich über jedes vermeintlich flachere Stück Weg freut, nur um fünfzig Meter später festzustellen, dass der Berg einen lediglich kurz in Sicherheit gewiegt hat. Der Pfad schlängelte sich über Wurzeln und Steine durch Erlen, Pappeln und dichtes Gestrüpp, immer wieder unterbrochen von kleinen Bachläufen. Wir schwitzten inzwischen ordentlich und die Jacken wanderten an die Rucksäcke. Während wir unten noch darüber nachgedacht hatten, ob es vielleicht kühl werden könnte, beschäftigte uns nun eher die Frage, warum man eigentlich freiwillig tausend Höhenmeter hinaufläuft, obwohl der Mensch das Automobil bereits erfunden hatte.
Aber genau in dem Moment, in dem die Beine anfingen, erste Beschwerden bei der Geschäftsleitung einzureichen, begann der Trail seine Karten auszuspielen. Immer häufiger öffnete sich der Wald und gab den Blick auf das Tal frei. Tief unter uns zog sich der breite, helle Flusslauf durch die Landschaft, dahinter standen die Berge, und über allem lag dieser unglaublich klare blaue Himmel. Mit jedem Höhenmeter wurde die Aussicht größer. Und plötzlich war da zum ersten Mal der Exit Glacier.
Von unten hatten wir ihn bereits gesehen, aber von hier oben wirkte er völlig anders. Das Eis schob sich wie ein gewaltiger gefrorener Strom zwischen den Bergen hindurch, durchzogen von Spalten und tiefblauen Rissen. Je höher wir kamen, desto mehr davon wurde sichtbar. Gleichzeitig veränderte sich die Landschaft um uns herum. Der Wald wurde niedriger und dünner, die Bäume verschwanden schließlich ganz und machten offenen Wiesen und niedrigen Sträuchern Platz. Innerhalb weniger Kilometer liefen wir praktisch durch mehrere Landschaften hindurch – vom herbstlichen Wald über alpine Vegetation bis in eine Welt, in der irgendwann nur noch Fels, Geröll, Schnee und Eis übrig blieben.
Inzwischen war aus unserem morgendlichen „Das wird bestimmt eine tolle Wanderung“ längst ein wesentlich reduzierteres Lebenskonzept geworden: bis zur nächsten Kurve. Dann kurz stehen. Aussicht anschauen. Fotografieren. Atmen. Weiter. Das Schöne am Harding Icefield Trail ist nämlich, dass man hervorragend behaupten kann, man müsse wegen der Landschaft ständig anhalten. Tatsächlich bot sich ungefähr alle hundert Meter ein neuer Grund für ein Foto, und niemand musste wissen, dass unsere Lungen diese fotografischen Ambitionen ausdrücklich unterstützten.

Je höher wir kamen, desto spektakulärer wurde es. Unter uns lag inzwischen das Tal wie eine Landkarte, neben uns der Exit Glacier und vor uns eine Landschaft, die mit dem Wald vom Morgen kaum noch etwas gemeinsam hatte. Die letzten Sträucher duckten sich flach an den Boden, dann verschwanden auch sie. Aus Grün wurde Grau, aus Erde wurde Geröll, und zwischen den dunklen Steinen lagen die ersten Schneefelder. Der Wind wurde kräftiger und plötzlich brauchten wir die Jacken wieder, die wir weiter unten noch fluchend an die Rucksäcke geschnallt hatten. Innerhalb weniger Stunden waren wir vom Herbst in den Winter gelaufen. Ohne Auto, ohne Passstraße und leider auch ohne Sessellift.
Harding Icefield Trail – einmal durch sämtliche Jahreszeiten
Der Harding Icefield Trail beginnt am Exit Glacier im Kenai Fjords National Park und führt auf knapp 7 Kilometer einfacher Strecke hinauf zum Rand des Harding Icefield. Hin und zurück sind es rund 13 bis 14 Kilometer, dabei werden ungefähr 1.000 Höhenmeter überwunden. Der höchste Punkt des Trails liegt bei etwa 1.050 Metern – was zunächst gar nicht dramatisch klingt, bis man berücksichtigt, dass man praktisch nahe Meereshöhe startet und sich jeden einzelnen dieser Meter selbst verdienen muss.
Das Besondere ist nicht nur das Ziel, sondern auch der Landschaftswechsel unterwegs. Der Trail beginnt im dichten Küstenwald, führt durch Busch- und alpine Vegetationszonen und endet schließlich in einer nahezu vegetationslosen Hochgebirgslandschaft aus Fels, Schnee und Eis. Das Harding Icefield selbst erstreckt sich über rund 1.800 Quadratkilometer und speist zahlreiche Gletscher des Kenai Fjords National Park – darunter auch den Exit Glacier. Aus der riesigen Eisfläche ragen lediglich einzelne Berggipfel, sogenannte Nunataks, heraus. Vom Ende des Trails blickt man nicht einfach auf einen Gletscher, sondern auf die Landschaft, aus der diese Gletscher überhaupt entstehen.
Irgendwann tauchte vor uns eine kleine Schutzhütte auf. In dieser mittlerweile fast vegetationslosen Landschaft wirkte sie ein bisschen wie der letzte Außenposten der Zivilisation. Dahinter lagen nur noch graue Bergrücken, Schneefelder und Himmel. Wir waren inzwischen seit Stunden unterwegs und merkten jeden Höhenmeter in den Beinen. Gleichzeitig konnten wir uns kaum sattsehen. Das war das Gemeine an dieser Wanderung: Man war erschöpft und wollte trotzdem immer weiter, weil hinter jeder Kuppe etwas noch Größeres zu warten schien.
Auf ein paar großen Steinen machten wir Pause, packten etwas zu essen aus und ließen die Beine kurz wissen, dass ihre Dienste durchaus geschätzt wurden. Dort holten uns zwei deutsche Mädels ein. Natürlich. Man kann irgendwo in Alaska einen Berg hinauflaufen, weit oberhalb der Baumgrenze stehen und glauben, man sei inzwischen wirklich weit weg von allem – und dann hört man plötzlich Deutsch. Wir kamen ins Gespräch, tauschten unsere bisherigen Alaska-Erlebnisse aus und standen eine ganze Weile zusammen in der Sonne, während der Wind bereits deutlich machte, dass er mit unserem gemütlichen Kaffeekränzchen nicht einverstanden war.
Die beiden gingen schließlich weiter und wir folgten wenig später. Jetzt begann der letzte Abschnitt. Die Vegetation war vollständig verschwunden, der Wind pfiff über den Bergrücken und der Weg zog sich durch eine kahle Welt aus Geröll und Schnee. Was von unten wie ein kleiner letzter Hügel ausgesehen hatte, entwickelte unterwegs die erstaunliche Fähigkeit, immer wieder einen weiteren kleinen letzten Hügel hinter sich hervorzubringen. Ein Klassiker unter Bergen. Man sieht das Ziel, läuft darauf zu und stellt fest: Nein. Das war lediglich die Vorankündigung des Ziels.
Wir zogen alles wieder an, was wir morgens noch für überflüssig gehalten hatten. Der Wind war inzwischen so kräftig, dass man gelegentlich etwas breiter auftreten musste, wenn man nicht unfreiwillig eine Abkürzung Richtung Exit Glacier nehmen wollte. An einigen Stellen führte der Weg über Schnee, daneben lagen lose Steine und Geröll, und mit mittlerweile reichlich Kilometern und Höhenmetern in den Beinen war jeder Schritt ein bisschen konzentrierter als am Morgen. Unsere großartige Polarexpedition bestand zu diesem Zeitpunkt hauptsächlich aus zwei dick eingepackten Gestalten, die versuchten, nicht hinzufallen und dabei möglichst souverän auszusehen.
Dann kam noch eine Kurve. Und plötzlich war da nichts mehr vor uns. Oder vielmehr: fast nichts außer Eis. Der Berg fiel ab, der Blick öffnete sich – und vor uns lag das Harding Icefield. Ich weiß noch, dass wir einfach stehen blieben. Nach all den Stunden im Wald, zwischen Büschen, über Wiesen, Geröll und Schnee war diese Weite vollkommen unerwartet. Vor uns breitete sich eine weiße Fläche aus, so riesig, dass das Auge überhaupt keinen vernünftigen Maßstab mehr fand. Das Eis zog sich bis zum Horizont, unterbrochen nur von dunklen Bergspitzen, die wie Inseln aus dieser endlosen weißen Landschaft ragten. Keine Straße. Kein Haus. Kein Baum. Nichts, woran man die Entfernung hätte abschätzen können. Nur Eis, Berge und Himmel.
Und auf einmal war auch die Anstrengung weg. Zumindest für ein paar Minuten. Wir hatten auf Reisen schon unglaublich viel gesehen. Berge, Wüsten, Nationalparks, Küsten und Landschaften, bei denen wir geglaubt hatten, größer könne Natur eigentlich nicht mehr werden. Aber das hier war anders. Nicht einfach schön. Nicht einfach spektakulär. Es war eine dieser Landschaften, vor denen man sich plötzlich sehr klein fühlt – und zwar auf eine ziemlich angenehme Art. Dieses Eis lag dort scheinbar endlos, völlig unbeeindruckt davon, dass zwei Deutsche gerade tausend Höhenmeter hochgeschnauft waren und sich nun ausgesprochen wichtig vorkamen.
Vielleicht war genau das der Moment, der diese Wanderung für uns so besonders machte. Man konnte diesen Blick nicht einfach irgendwo an einem Parkplatz mitnehmen. Es gab keinen Shuttlebus, keine Gondel und keinen Aussichtspunkt, an dem man kurz ausstieg, fotografierte und anschließend weiterfuhr. Wir hatten uns jeden Meter bis hierher selbst erarbeitet. Jeden Stein, jede Steigung, jedes „Wie weit ist es eigentlich noch?“ – und jetzt saßen wir tatsächlich dort oben und blickten über das Harding Icefield.
Wir suchten uns zwischen den Felsen ein einigermaßen windgeschütztes Plätzchen, breiteten unsere Decke aus und machten Mittagspause. Vor uns lagen fast 1.800 Quadratkilometer Eis. Unser Picknick bestand dagegen aus den vergleichsweise überschaubaren Vorräten vom Safeway. Trotzdem hätte in diesem Moment kein Restaurant der Welt mithalten können. Wir saßen einfach da, aßen und schauten.

Aus dem Eis ragten einzelne dunkle Gipfel hervor, die Nunataks. Sie wirkten wie Inseln in einem gefrorenen Ozean und verstärkten dieses Gefühl, auf eine Landschaft zu blicken, die eigentlich nicht mehr zu unserer normalen Welt gehörte. Irgendwo dort draußen entstanden die Gletscher, die sich von diesem riesigen Eisfeld hinunter Richtung Meer bewegten. Der Exit Glacier, an dem unser Auto stand, war nur einer davon. Von hier oben verstand man plötzlich, dass der Gletscher, den wir beim Aufstieg immer wieder bestaunt hatten, lediglich ein Ausläufer von etwas viel, viel Größerem war. Wir blieben lange sitzen. Und das ist vielleicht das größte Kompliment, das ich diesem Ort machen kann: Wir wollten nicht wieder runter.

Nicht, weil wir vergessen hätten, dass noch sieben Kilometer Abstieg vor uns lagen. Leider waren unsere Beine durchaus in der Lage, uns regelmäßig daran zu erinnern. Aber weil wir wussten, dass dieser Moment vorbei sein würde, sobald wir aufstanden. Also saßen wir noch ein bisschen länger auf unserem Felsen, schauten hinaus auf diese absurde Weite und versuchten, das irgendwie abzuspeichern.
Irgendwann half allerdings alles nichts. Unser Auto stand ungefähr tausend Höhenmeter tiefer, und bislang hatte niemand angeboten, es uns hochzubringen. Also packten wir unsere Sachen zusammen, warfen noch einen letzten Blick auf das Icefield und machten uns an den Rückweg. Theoretisch hatte der Abstieg einen gewaltigen Vorteil: Es ging jetzt bergab. Praktisch stellte sich ziemlich schnell heraus, dass unsere Beine diese Information anders bewerteten als wir.
Die ersten Kilometer über Geröll und alpine Wiesen liefen noch erstaunlich gut. Nach dem stundenlangen Aufstieg fühlte sich bergab zunächst geradezu luxuriös an. Wir kamen schneller voran, die Luft wurde wieder wärmer, aus Grau wurde langsam Grün und irgendwann tauchten die ersten Sträucher auf. Hinter uns verschwand die Eiswelt Stück für Stück, während vor uns wieder das Tal lag. Es war fast so, als würden wir denselben Tag rückwärts durchlaufen: Winter, alpine Landschaft, Herbstwald.
Dann erreichten wir wieder die großen Steinstufen im Wald. Und unsere Oberschenkel kündigten den Tarifvertrag. Was morgens noch einfach nach ein paar Steinen ausgesehen hatte, entwickelte sich nun zu einer ausgeklügelten Foltermethode für Knie und Oberschenkel. Jede Stufe wollte kontrolliert genommen werden, und nach Stunden auf den Beinen hatten unsere Muskeln ungefähr die Konsistenz von schlecht gekochtem Pudding. Wir liefen weiter, immer weiter bergab, während der Parkplatz offenbar beschlossen hatte, sich heimlich von uns zu entfernen.

Gegen 17 Uhr war es schließlich geschafft. Die kleine Holzbrücke tauchte wieder auf, dahinter der Parkplatz und – schöner hätte in diesem Moment auch der Taj Mahal nicht aussehen können – unser Auto. Rund acht Stunden nachdem wir morgens noch ausgesprochen frisch und optimistisch hier losgelaufen waren, kamen zwei etwas zerknittertere Versionen unserer selbst zurück.
Wir fuhren direkt nach Seward. Große Entscheidungen waren an diesem Abend nicht mehr vorgesehen. Wir hatten Hunger, gestern hatte es in der Thorn’s Showcase Lounge hervorragend geschmeckt, also gingen wir wieder hin. Unsere Kellnerin erkannte uns tatsächlich sofort und freute sich über die Rückkehr der beiden Deutschen, die offensichtlich beschlossen hatten, Sewards Gastronomie nicht unnötig breit zu testen.
Das Hinsetzen auf die gepolsterte Kunstlederbank war herrlich. Das spätere Aufstehen würden wir zunächst verdrängen. Auf der Tageskarte stand „Chicken Tenders and Waffle“. Ich las das und dachte mir, dass damit unmöglich eine echte Frühstückswaffel gemeint sein könne. Vermutlich irgendeine herzhafte Waffel. Kartoffel vielleicht. Irgendetwas, das kulinarisch nachvollziehbar mit paniertem Hühnchen zusammenpasst.
Ich bestellte. Kurze Zeit später stand vor mir eine Frühstückswaffel. Eine ganz normale Waffel. Darauf lagen frittierte Chicken Tenders. Dazu gab es Sirup beziehungsweise die üblichen Begleiter, und ich betrachtete meinen Teller für einige Sekunden mit jener stillen Fassungslosigkeit, die entsteht, wenn man merkt, dass eine Speisekarte etwas exakt so gemeint hat, wie es dort stand. Gegenüber saß Stefan mit seinem Burger, der in diesem Moment aussah wie die vernünftigste Mahlzeit, die jemals von Menschenhand erschaffen worden war.
Ich bot einen Tausch an. Stefan lehnte ab. Ich argumentierte. Stefan blieb bei seinem Burger. Nach all den gemeinsamen Jahren und tausend Höhenmetern Solidarität endete offenbar genau hier. Also probierte ich meine Chicken Waffle – und musste widerwillig feststellen, dass das Zeug gar nicht schlecht war. Süß, salzig, knusprig, völlig bekloppt und nach einem Tag mit 14 Kilometern und tausend Höhenmetern ohnehin ungefähr so willkommen wie alles, was Kalorien enthielt. Amerika hatte also auch dieses Experiment irgendwie gewonnen.
Nach dem Essen kam schließlich der schwierigste Teil der gesamten Wanderung. Wir mussten von der Sitzbank aufstehen. Was vorher noch Beine gewesen waren, hatte während des Essens offenbar beschlossen, den Betrieb einzustellen. Wir schoben, zogen und sortierten uns irgendwie aus der Bank heraus und bewegten uns anschließend in einer Gangart Richtung Auto, die mit Wandern nur noch sehr entfernt verwandt war. Vermutlich sahen wir aus, als wären wir beide innerhalb einer Stunde um vierzig Jahre gealtert.
Aber es war vollkommen egal. Wir waren müde, unsere Knie beleidigt, die Beine fertig und spätestens morgen würde jeder Muskel unseres Körpers eine schriftliche Stellungnahme zu diesem Tag abgeben. Und trotzdem hätten wir ihn für nichts auf der Welt eintauschen wollen. Denn irgendwo hoch über Seward lag hinter diesem Wald, den Wiesen, dem Geröll und den Schneefeldern eine endlose weiße Welt, vor der wir an diesem Nachmittag einfach nur gesessen und gestaunt hatten.
Harding Icefield.
Eine dieser Wanderungen, bei denen man unterwegs mehrfach über seine Lebensentscheidungen nachdenkt – und am Ende genau weiß, warum man losgegangen ist.







































