Von Seward nach Talkeetna – Muskelkater, Wasserflugzeuge und ein Date mit dem Denali
Der Morgen danach begann mit einer Erkenntnis, die vermutlich jeder kennt, der am Vortag beschlossen hat, knapp 1.000 Höhenmeter seien eine ausgezeichnete Freizeitbeschäftigung: Aufstehen ist möglich. Technisch zumindest. Unser Körper hatte über Nacht allerdings offenbar eine außerordentliche Sitzung einberufen und einstimmig beschlossen, sämtliche Bewegungen unterhalb der Hüfte nur noch gegen schriftlichen Antrag zu genehmigen. Besonders Treppen standen auf der schwarzen Liste. Trotzdem schafften wir es irgendwie in den Frühstücksraum des Swan Nest Inn, wo Brooke bereits zugange war und sich um das Kaminfeuer kümmerte. Sie wirkte deutlich beweglicher als wir, was an diesem Morgen allerdings keine besondere sportliche Leistung erforderte. Ich bestellte Hashbrowns mit knusprigem Speck, Stefan Rührei, und während Brooke in der Küche tatsächlich Kartoffeln für meine Hashbrowns frisch rieb, saß ich am Tisch und beschäftigte mich mit der wesentlich dringlicheren Frage, wie ich später die steile Holztreppe zu unserem Auto hinunterkommen sollte, ohne dabei wie eine 90-Jährige mit frisch eingesetzten Hüftgelenken auszusehen.

Beim Frühstück erzählten wir Brooke natürlich von unserer Wanderung zum Harding Icefield. Wahrscheinlich mit jener Mischung aus Begeisterung und körperlichem Verfall, die ziemlich glaubwürdig vermittelte, dass es großartig gewesen war. Wir erfuhren dabei auch ein bisschen mehr über sie: Brooke und ihr Verlobter stammten ursprünglich aus Chicago und würden bereits in der kommenden Woche heiraten. So saßen wir noch eine ganze Weile zusammen, redeten über Alaska, unsere Reise, ihre bevorstehende Hochzeit und alles Mögliche dazwischen, während das Frühstück langsam verschwand und wir uns gleichzeitig einreden konnten, dass jede zusätzliche Minute auf dem Stuhl ausschließlich der gepflegten Konversation diente und keineswegs damit zu tun hatte, dass unsere Beine dort gerade ausgesprochen gerne bleiben wollten.

Irgendwann half jedoch alles nichts. Wir verabschiedeten uns herzlich von Brooke, wünschten den beiden alles Gute für ihre Hochzeit und schleppten unsere Sachen zum Auto. Die Holztreppe erwies sich erwartungsgemäß als persönlicher Nachschlag des Harding Icefield Trails. Bergauf war gestern gewesen, heute lautete die Disziplin: kontrolliertes Hinabsteigen mit Gesichtsausdruck.

Bevor wir Seward endgültig verließen, wollten wir noch einmal zum Hafen. Nach den vergangenen Tagen war uns dieses kleine Städtchen ziemlich ans Herz gewachsen, und an diesem Morgen zeigte es sich noch einmal von seiner besonders schönen Seite. Die tief stehende Sonne tauchte den Hafen in warmes Licht, auf dem Wasser lagen dicht an dicht die Boote, dahinter erhoben sich die Berge, und auf den Holzstegen war kaum jemand unterwegs. Viele Geschäfte und Restaurants hatten für die Saison bereits geschlossen, sodass Seward fast ein bisschen wirkte, als hätte jemand nach einem turbulenten Sommer die Lautstärke heruntergedreht. Wir schlenderten am Wasser entlang, machten natürlich noch ein paar Fotos – wir waren schließlich nicht plötzlich vernünftig geworden – und genossen diesen ruhigen Abschied. Seward hatte uns eine Bootstour mit Walen, Gletschern und Seelöwen geliefert, dazu das Harding Icefield und vermutlich den Muskelkater unseres Lebens. Viel mehr kann man von einem kleinen Ort am Ende einer Straße eigentlich nicht verlangen.
Dann ging es zurück auf den Seward Highway. Vor uns lagen rund 250 Meilen bis Talkeetna, also ein ausgewachsener Fahrtag, wobei „Fahrtag“ in Alaska ohnehin eine etwas irreführende Bezeichnung ist. Man fährt hier nicht einfach von A nach B. Man fährt zwanzig Minuten, sieht irgendwo Nebel über einem See, hält an. Fährt weiter, entdeckt Berge im Morgenlicht, hält wieder an. Dann spiegelt sich ein Wald im Wasser und selbstverständlich muss auch das fotografisch dokumentiert werden.
Effektives Vorankommen funktioniert anders, aber wer will in Alaska schon effektiv sein? Die Nacht war kalt gewesen und hatte entlang der Straße einen feinen Reif hinterlassen. Über den Wasserflächen hing noch leichter Nebel, während die ersten Sonnenstrahlen die gelben Herbstbäume zum Leuchten brachten. Nach dem spektakulären Tag zuvor hätte Alaska durchaus einmal einen Gang zurückschalten können. Tat es aber nicht. Offenbar war man hier landschaftlich grundsätzlich im Modus „noch einen draufsetzen“.
Nach etwa zwei Stunden erreichten wir wieder Anchorage, wo wir einen ausgesprochen romantischen Programmpunkt eingeschoben hatten: Walmart. In zwei Tagen sollte unsere Reise über den Denali Highway führen, inklusive einer Übernachtung in einer Hütte mitten im Nirgendwo, und dort würden wir uns selbst versorgen müssen. Auf einem Foto der Unterkunft hatten wir einen Grill entdeckt, womit die kulinarische Planung praktisch abgeschlossen war. Wenn irgendwo in Alaska vor einer Hütte ein Grill steht, kauft man Steak. Das dürfte vermutlich sogar in irgendeiner Verfassung stehen. Also landeten Steaks, Bier, Frühstücksvorräte und eine Styropor-Kühlbox im Einkaufswagen, zusammen mit all den Dingen, von denen man beim Betreten eines amerikanischen Walmart noch nicht wusste, dass man sie dringend braucht. Damit waren wir für die Wildnis gerüstet – zumindest in unserer Definition von Wildnis, die offenbar zwingend ein ordentliches Stück Fleisch und gekühltes Bier beinhaltete.
Bevor wir Anchorage wieder verließen, machten wir noch einen Abstecher zur Lake Hood Seaplane Base direkt neben dem internationalen Flughafen. Wasserflugzeuge gehören in Alaska schließlich ungefähr so selbstverständlich zum Straßenbild wie bei uns ein Lieferwagen vom Paketdienst. Rund um Lake Hood und Spenard Lake standen und schwammen sie überall: kleine Maschinen auf Schwimmern, manche am Ufer geparkt, andere an Stegen vertäut, dazwischen Hangars und Zufahrten. Und während wir noch herumstanden und uns das Ganze anschauten, kam tatsächlich eine Maschine herein, setzte auf dem Wasser auf und glitt über den See. Genau solche Szenen machten uns immer wieder bewusst, dass Alaska nach völlig anderen Maßstäben funktioniert. Wo bei uns jemand sagt: „Ich fahr mal schnell rüber“, steigt hier offenbar jemand in seine Cessna und landet hinterher auf irgendeinem See.
Von Anchorage aus ging es anschließend auf dem Glenn Highway weiter Richtung Norden und kurz vor Palmer auf den George Parks Highway. Unterwegs legten wir in Wasilla noch einen kurzen Stopp bei Harley-Davidson ein, denn 2015 gehörte ein Harley-Shirt von unterwegs bei uns zur touristischen Grundversorgung. Und irgendwann passierte dann etwas, auf das wir schon gewartet hatten: Weit entfernt tauchte über der Landschaft eine gewaltige weiße Bergsilhouette auf. Denali. Mehr als 6.000 Meter hoch und selbst aus dieser Entfernung so dominant, dass die umliegenden Berge plötzlich wie Statisten wirkten. Dazu hatten wir unglaubliches Wetter. Kein Wolkenvorhang, kein diffuses Vielleicht-da-hinten-ist-er-irgendwo, sondern ein strahlend weißer Berg unter blauem Himmel. Dass wir ihn überhaupt so klar sehen konnten, war keineswegs selbstverständlich – und wir ahnten zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wie oft uns dieser Berg in den nächsten Tagen begleiten würde.

Der Denali
Die Geschichte hinter dem Namen „Denali“ ist ein fesselndes Kapitel, das die kulturelle Bedeutung dieses imposanten Berges für Alaska widerspiegelt. Das Wort „Denali“ entspringt der Sprache der Athabasken-Indianer, die in dieser Region beheimatet sind. Für sie ist der Berg seit jeher „der Hohe“, und diese Bezeichnung spiegelt die tief empfundene Ehrfurcht wider, die sie für dieses beeindruckende Naturwunder hegen.
Die Entscheidung im Jahr 1898, den Berg als „Mount McKinley“ zu benennen, war hingegen eine Hommage an den damaligen US-Präsidenten William McKinley, der tragischerweise einem Attentat zum Opfer fiel. Dieser Namenswahl lag die Absicht zugrunde, an seine Verdienste zu erinnern, doch die Änderung stieß auf Kontroversen.
Ein langwieriger Streit entfachte sich zwischen Alaskas Politikern, die den traditionellen Namen „Denali“ wiederherstellen wollten, und Kongressabgeordneten aus anderen Bundesstaaten, die den Namen „Mount McKinley“ verteidigten. Die Auseinandersetzung mündete in einer politischen Blockade.
Schließlich, im Jahr 2015, unter der Führung von Präsident Barack Obama, wurde die Entscheidung gefällt, dem Berg seinen ursprünglichen Namen „Denali“ zurückzugeben. Diese Maßnahme war nicht nur eine Geste der Anerkennung gegenüber der indigenen Kultur Alaskas, sondern auch eine symbolische Rückkehr zu den Wurzeln und zur Geschichte dieser faszinierenden Naturlandschaft. Der Denali bleibt somit ein lebendiges Zeugnis für die tief verankerte Verbundenheit zwischen den Menschen Alaskas und ihrer majestätischen Umgebung
Erst wenige Wochen zuvor, im August 2015, war der Berg offiziell wieder in Denali umbenannt worden, jenem Namen, den die indigenen Völker Alaskas seit Generationen für ihn verwendeten. „Der Hohe“ – viel treffender hätte man ihn kaum nennen können. Mit seinen 6.190 Metern ist er der höchste Berg Nordamerikas, und obwohl seine absolute Höhe unter der des Everest liegt, besitzt er vom umgebenden Gelände bis zum Gipfel einen gewaltigen Höhenunterschied. Wenn er so frei vor einem steht, versteht man ziemlich schnell, weshalb er seit jeher mehr war als einfach nur ein besonders großer Berg. Er beherrscht die Landschaft. Selbst aus großer Entfernung zieht er den Blick immer wieder an, als hätte jemand im Hintergrund Alaskas einen gigantischen weißen Magneten aufgestellt.
Irgendwann verließen wir den Parks Highway und folgten der Stichstraße nach Talkeetna. Schon die ersten Häuser machten klar, dass dieser Ort einen ganz eigenen Charakter hatte. Talkeetna ist kein herausgeputztes Ferienörtchen, das sich morgens die Holzfassaden poliert, bevor die Touristen kommen. Es sieht eher aus, als hätte irgendwo jemand beschlossen, ein paar Blockhäuser, Kneipen, Souvenirshops, Buschpiloten, Bergsteiger und sehr eigenwillige Einwohner zusammenzustellen und anschließend einfach abzuwarten, was passiert. Der berühmte Spruch „A quaint little drinking village with a climbing problem“ bringt es deshalb ziemlich gut auf den Punkt. Das „climbing problem“ heißt natürlich Denali: Talkeetna ist seit Jahrzehnten einer der wichtigsten Ausgangspunkte für Expeditionen zum Berg. Entsprechend begegnet einem hier eine charmante Mischung aus Outdoor-Abenteuer und gepflegter Trinkkultur, die uns auf Anhieb sympathisch war.

Der Name Talkeetna stammt aus der Sprache der Dena’ina-Athabasken und bezieht sich auf die Lage am Zusammenfluss der Flüsse Talkeetna, Chulitna und Susitna. Genau dort liegt dieses kleine Nest, dessen Zentrum aus wenigen Straßen besteht und trotzdem mehr Charakter besitzt als manche Großstadt nach drei aufwendigen Imagekampagnen. Historische Holzhäuser, kleine Läden, schiefe Fassaden, Schilder, Veranden – alles sah ein bisschen so aus, als hätte die Goldrauschzeit irgendwann beschlossen, einfach nicht komplett abzureisen. Spätestens beim Schild „Welcome to Beautiful Downtown Talkeetna“ war klar: Wir waren angekommen. Und „Downtown“ sollte man hier nicht mit Manhattan verwechseln. Wer einmal kräftig niest und dabei weiterläuft, ist möglicherweise schon wieder draußen.
Unser Quartier war das historische Talkeetna Roadhouse mitten im Ort, und bereits beim Betreten war klar, dass wir hier keine austauschbare Hotelnacht gebucht hatten. Der große Gemeinschaftsraum mit langen Holztischen, Büchern, Bildern und allerlei Erinnerungsstücken wirkte eher wie das Wohnzimmer eines Hauses, in dem seit hundert Jahren ständig irgendjemand hereinkommt, Kaffee trinkt und eine Geschichte erzählt. An der kleinen Rezeption bekamen wir unseren Schlüssel für Zimmer Nummer sechs und gleichzeitig eine Information von deutlich größerer Bedeutung: Am nächsten Morgen sollten wir unbedingt die berühmten Cinnamon Rolls probieren. Damit war meine Aufmerksamkeit vollständig gewonnen. Man hätte mir anschließend vermutlich noch die Brandschutzordnung und die Geschichte sämtlicher früherer Besitzer erklären können – in meinem Kopf existierte bereits nur noch eine riesige Zimtschnecke.
Das Zimmer selbst ließen wir zunächst links liegen, denn nur wenige Schritte entfernt lag das Flussufer, von dem aus man bei gutem Wetter einen fantastischen Blick auf die Alaska Range und den Denali haben sollte. Und gutes Wetter hatten wir. Was für ein Glück wir auf dieser Reise inzwischen gesammelt hatten, war langsam schon unverschämt. Vor uns floss breit und ruhig das Wasser, dahinter zog sich die herbstlich gefärbte Landschaft bis zum Horizont, und weit in der Ferne stand Denali – weiß, gewaltig und vollkommen frei. Kein Postkartenmotiv, das man sich irgendwie schönreden musste. Er war einfach da. Wir blieben eine ganze Weile am Ufer, schauten hinüber und beschlossen ziemlich schnell, zum Sonnenuntergang unbedingt zurückzukommen. So ein Date sagt man nicht ab.
Erst danach widmeten wir uns Zimmer Nummer sechs. Ich öffnete die Tür und sah zunächst ein Bett. Genauer gesagt zwei, allerdings übereinander. Daneben ein Waschbecken, ein bisschen Platz für Gepäck und damit war die Immobilienbesichtigung im Wesentlichen beendet. Ich schaute Stefan an, Stefan schaute mich an, und ich stellte jene Frage, die in solchen Situationen ohnehin nichts mehr verbessert: „Hab ich das wirklich gebucht?“
Offenbar ja. Vermutlich war es günstig gewesen, und vermutlich hatte ich beim Buchen irgendeine Formulierung wie „cozy historic room“ gelesen, die sich vor Ort mit „wenn einer von euch einatmet, sollte der andere kurz warten“ übersetzen ließ. Ein eigenes Bad gab es ebenfalls nicht, aber für eine Nacht war das völlig egal. Im Gegenteil: Das Zimmer war so herrlich absurd klein, dass es schon wieder perfekt zu diesem Roadhouse passte. Und beim Etagenbett war die Sache ohnehin schnell geklärt. Ich wollte oben schlafen. Warum genau, weiß ich bis heute nicht. Vermutlich weil man mit Muskelkater vom Harding Icefield nichts Klügeres tun kann, als abends noch in ein Hochbett zu klettern.
Zum Abendessen mussten wir glücklicherweise nur über die Straße. Dort lag das Twister Creek Restaurant der Denali Brewing Company, und spätestens jetzt erfüllte Talkeetna seinen Ruf als kleines Trinkdorf mit Bergsteigerproblem mit bemerkenswerter Konsequenz. Stefan blieb kulinarisch seiner Linie treu und bestellte einen Burger, während ich beim Reindeer Meatloaf hängen blieb. Rentier-Hackbraten in Alaska – wenn nicht hier, wo dann? Beim Bier wurde die Auswahl ebenfalls wissenschaftlich betrieben. Ich entschied mich schon allein aus Gründen der familiären Zuständigkeit für das „Mother Ale“, während Stefan mangels „Father Ale“ auf ein Chinook auswich.

Mein Meatloaf sah anschließend nicht unbedingt aus wie etwas, das sich für eine Titelseite der Haute Cuisine beworben hätte, schmeckte aber hervorragend, vor allem zusammen mit der kräftigen Soße. Und weil wissenschaftliche Studien bekanntlich eine ausreichende Stichprobengröße benötigen, bestellte ich später noch ein zweites Bier und überließ dem Kellner die Auswahl. Sein Favorit war das „Single Engine Red“. Auch gut. Sehr gut sogar. Talkeetna arbeitete mit erstaunlicher Effizienz daran, sich bei mir beliebt zu machen.
Nach dem Essen bummelten wir noch ein bisschen durch Downtown, was bei der Größe des Ortes zwar keine stundenfüllende Unternehmung war, dafür aber ausgesprochen unterhaltsam. Kleine Läden, alte Holzhäuser, Souvenirs, Bergsteigerkram und überall diese wunderbar unaufgeregte Alaska-Atmosphäre.
Schließlich machten wir uns wieder auf den Weg zum Fluss, denn unser Termin mit Denali rückte näher. Und dort wartete gleich die nächste Überraschung: Wir trafen tatsächlich den Texaner wieder, den wir bereits in Seward kennengelernt hatten. Alaska ist riesig, aber offenbar nicht groß genug, um sich aus dem Weg zu gehen. Natürlich wollte er wissen, wie unser Harding-Icefield-Abenteuer gelaufen war, und wir erzählten begeistert von der Wanderung, dem Eisfeld und diesem völlig irren Blick am Ende. Wahrscheinlich mussten wir dabei gar nicht besonders überzeugend sein. Unser Gangbild lieferte noch immer glaubwürdiges Beweismaterial.
Dann wurde es langsam still am Fluss. Die Sonne sank tiefer, das Licht wurde wärmer und legte sich golden über das Wasser und die herbstlichen Bäume. In der Ferne stand die Alaska Range, darüber ein nahezu wolkenloser Himmel, und Denali leuchtete weiß über allem. Wir setzten uns ans Ufer und sahen einfach zu. Kein Programmpunkt, keine Wanderung, keine Attraktion, für die man Eintritt bezahlt oder irgendwo anstehen musste.
Nur dieser Fluss, die kalte klare Luft, das letzte Licht des Tages und dahinter der höchste Berg Nordamerikas. Nach dem Harding Icefield am Vortag hätte man meinen können, unser Aufnahmevermögen für große Alaska-Momente sei erst einmal erschöpft. Offenbar nicht. Diese Reise hatte gerade erst begonnen, und trotzdem reihten sich bereits Erlebnisse aneinander, von denen jedes einzelne locker gereicht hätte, um noch Jahre später davon zu erzählen.
Als die Sonne schließlich hinter dem Horizont verschwunden war und die Kälte langsam durch die Kleidung kroch, gingen wir zurück Richtung Roadhouse. Talkeetna war inzwischen fast völlig ruhig geworden. Aus den Fenstern der kleinen Holzhäuser fiel warmes Licht auf die Straße, irgendwo rauschte der Fluss weiter, und unser winziges Zimmer wartete auf uns.
Nach diesem langen Tag freute ich mich tatsächlich auf mein oberes Etagenbett – wobei sich erst beim Hochklettern wieder meldete, dass mein Körper die Harding-Icefield-Wanderung noch keineswegs als abgeschlossen betrachtete. Aber egal. Wir waren in Talkeetna, hatten Denali im Sonnenuntergang gesehen, gutes Bier getrunken, Rentier gegessen und für den nächsten Morgen war eine legendäre Zimtschnecke angekündigt. Viel mehr musste ein Tag in Alaska wirklich nicht leisten.




































