Fairbanks im Schnee – der Polarkreis muss warten
Kurz vor sieben Uhr morgens wurde ich wach, schob den Vorhang zur Seite und brauchte einen Moment, bis mein Gehirn verarbeitet hatte, was da draußen passiert war. Was zum Teufel?! Über Nacht hatte jemand Fairbanks offenbar komplett auf Winterbetrieb umgestellt. Unser Auto, der Parkplatz, die Bäume, die Dächer – alles lag unter einer dicken Schneeschicht, und als wäre das noch nicht deutlich genug gewesen, kamen weiterhin große Flocken vom Himmel. Gestern war hier noch Alaska im Herbst gewesen, heute Morgen sah es aus, als hätten wir während der Nacht versehentlich drei Monate übersprungen. Bevor wir überhaupt ans Frühstück denken konnten, musste ich deshalb erst einmal unser Auto freilegen. Schnee runter, Scheiben frei, Türen ausbuddeln, Motor an – und dann ließ ich den Wagen einfach laufen, während wir drinnen frühstückten. Quasi Standheizung nach amerikanischem Prinzip: Nicht besonders elegant, aber ausgesprochen wirkungsvoll.

Das Frühstück im Hotel war wieder richtig gut, allerdings bekamen wir diesmal ungefragt noch eine ausführliche Wetterberatung dazu. Die Frühstücksdame war nämlich der festen Überzeugung, dass wir bei diesem Wetter auf gar keinen Fall hinausgehen sollten, geschweige denn Auto fahren. Die Straßen seien furchtbar, überall Schnee, alles gefährlich – allerdings, und das erzählte sie uns mit großer Zuversicht, sei ihr Mann bereits draußen und würde gemeinsam mit seinen Kollegen die Straßen räumen. Na also. Dann konnte ja eigentlich nichts mehr schiefgehen. Das Problem war nur, dass sie uns diese Information nicht einmal mitteilte, sondern ungefähr in einer Endlosschleife. Ihr Mann räumte Schnee. Die Straßen waren schlecht. Ihr Mann räumte Schnee. Wir sollten vorsichtig sein. Ihr Mann räumte Schnee. Nach einer Weile hatten wir das Gefühl, diesen uns völlig unbekannten Mann persönlich zu kennen und hätten vermutlich sogar seine nächste Schicht übernehmen können. Wir nickten irgendwann nur noch tapfer, tranken unseren Kaffee aus und beschlossen, dass wir es trotzdem versuchen würden. Schließlich hatten wir für heute einen Plan: Arctic Circle.

Um zwanzig nach sieben saßen wir im inzwischen wohlig warmen Jeep und machten uns auf den Weg. Innerhalb Fairbanks war von geräumten Straßen allerdings noch nicht allzu viel zu erkennen. Wir rollten über eine dicke Schneedecke, folgten zunächst dem Johansen Expressway und anschließend dem Steese Highway Richtung Norden. Anfangs fanden wir das noch großartig. Alaska, Schnee, Winterlandschaft – genau wegen solcher Erlebnisse waren wir schließlich hier. Doch je weiter wir kamen, desto deutlicher wurde, dass sich zwischen „sieht fantastisch aus“ und „lässt sich vernünftig befahren“ ein durchaus entscheidender Unterschied befindet.
Räumfahrzeuge arbeiteten sich durch die Schneemassen, die Sicht war mäßig, der Untergrund glatt und wir kamen nur im Schneckentempo voran. Irgendwann standen wir hinter einem ganzen Räumkommando und beobachteten, wie sich die schweren Fahrzeuge Meter für Meter durch den Schnee kämpften. Spätestens da wurde uns klar, dass unser Plan, heute mal eben bis zum Polarkreis zu fahren, gewisse Schwächen hatte.
Nach ungefähr zwanzig Meilen erreichten wir den Hilltop Truckstop und hielten kurz an. Bis zum Arctic Circle lagen noch eine ganze Menge Meilen vor uns, und wenn wir in diesem Tempo weiterfuhren, würden wir wahrscheinlich irgendwann dort ankommen, wenn die ersten Frühlingsblumen blühten. Also taten wir etwas, das uns überhaupt nicht gefiel, aber offensichtlich vernünftig war: Wir drehten um. Der Arctic Circle war für heute gestrichen. Das ärgerte uns gewaltig, denn genau deshalb waren wir mehrere Nächte in Fairbanks geblieben. Aber Schnee diskutiert nicht, und Alaska schon gar nicht. Also zurück nach Fairbanks – in der Hoffnung, dass sich die Straßen im Laufe des Tages bessern würden. Schließlich war der Mann unserer Frühstücksdame draußen. Auf irgendetwas musste man ja vertrauen.

Nach einer guten Stunde waren wir wieder zurück und hatten plötzlich einen komplett leeren Tag vor uns. Keine besonders erfreuliche Situation, wenn man eigentlich einen Polarkreis auf dem Programm hatte, aber wir waren inzwischen geübt darin, Pläne über Bord zu werfen. Mir fiel ein, dass ich am Vorabend Postkarten geschrieben hatte, und wenn wir schon gestern in North Pole gewesen waren, konnten wir sie doch dort beim Postamt abgeben. Ein echter North-Pole-Poststempel machte aus einer schnöden Urlaubskarte schließlich gleich etwas Besonderes. Also fuhren wir wieder Richtung Weihnachtsmann, diesmal durch eine Landschaft, die endlich auch wirklich nach Weihnachten aussah.

North Pole war über Nacht komplett verwandelt worden. Gestern hatten die Zuckerstangenlaternen und der gigantische Santa Claus noch etwas verloren in der herbstlichen Landschaft gestanden, heute passte plötzlich alles zusammen. Schnee auf den Dächern, Schnee auf dem Schlitten, Schnee auf Santa, Schnee auf den Bäumen – der gesamte Ort sah aus, als hätte jemand die Kulisse für einen amerikanischen Weihnachtsfilm aufgebaut und anschließend vergessen, die Schauspieler zu bestellen. Wir brachten unsere Karten zum Post Office, machten natürlich wieder Fotos und drehten noch eine Runde am Santa Claus House vorbei. Innerhalb von 24 Stunden waren wir nun schon zum zweiten Mal hier. Sollte der Weihnachtsmann Überwachungskameras besitzen, dürfte er langsam den Eindruck bekommen haben, wir hätten ein persönliches Anliegen.
Zurück in Fairbanks musste nun endgültig ein Ersatzprogramm her. Zum Glück gibt es in Amerika für Tage dieser Art eine bewährte Lösung: große Geschäfte. Und da ich Outdoorläden ohnehin liebe, arbeiteten wir uns gewissenhaft durch alles, was irgendwie nach Sport, Camping oder Abenteuer aussah. Sports Authority erwies sich dabei als ausgezeichnetes Zeitvernichtungsprogramm. Ich bearbeitete einen Boxsack, inspizierte die Waffenabteilung, entdeckte einen Marshmallow Blaster – endlich einmal eine technische Entwicklung, deren gesellschaftlicher Nutzen sofort einleuchtete – und probierte natürlich auch noch Campingausrüstung aus. Wenn schon kein Arctic Circle, dann wenigstens völliger Unsinn mit Outdoor-Bezug. Stefan ertrug das alles mit viel Geduld. Er vermutet, dass „Ich guck nur mal kurz“ in einem amerikanischen Outdoorladen keine belastbare Zeitangabe ist.
Fairbanks selbst hatte bei diesem Wetter leider nicht gerade ein Feuerwerk an Beschäftigungsmöglichkeiten zu bieten. Also bummelten wir weiter durch Schuhgeschäfte, Haushaltsläden und alles, was beheizt war und eine offene Tür hatte. Irgendwann meldete sich der Hunger, und wir landeten bei Sam’s Sourdough Cafe. Genau die richtige Sorte Restaurant für diesen Tag: warm, bodenständig, unkompliziert und mit Portionen, die keinerlei Zweifel daran ließen, dass wir uns in Amerika befanden.
Ich bestellte erneut Reindeer Sausage – offenbar hatte ich beschlossen, mich kulinarisch konsequent durch Santas Fuhrpark zu arbeiten –, während Stefan sich für einen Mega-Hotdog entschied. Haute Cuisine war das nicht, aber draußen fiel Schnee, drinnen war es warm, das Essen schmeckte und wir waren zufrieden. Mehr musste es in diesem Moment wirklich nicht leisten.
Während wir aßen, hatte das Schneetreiben tatsächlich etwas nachgelassen. Und sofort kehrte unser Optimismus zurück. Vielleicht waren die Straßen inzwischen besser. Vielleicht hatten die Räumfahrzeuge aufgeholt. Vielleicht hatte der Ehemann unserer Frühstücksdame inzwischen persönlich eine Schneise bis zum Arctic Circle gezogen. Also starteten wir Versuch Nummer zwei in Richtung Norden. Ganz bis zum Polarkreis wollten wir es inzwischen nicht mehr erzwingen, aber wenigstens schauen, wie weit wir kommen würden.
Diesmal kamen wir tatsächlich weiter als am Morgen und erreichten das Alyeska Pipeline Visitor Center nördlich von Fairbanks. Dort verläuft die Trans-Alaska-Pipeline gut sichtbar oberirdisch durch die Landschaft, und weil wir nun schon einmal hier waren, stiegen wir natürlich aus. Prompt begann es wieder zu schneien. Alaska schien sehr genau zu beobachten, wann wir das Auto verließen.
Trotzdem stapften wir durch den Schnee und schauten uns die Pipeline genauer an. Dieses gewaltige silberne Rohr zieht sich quer durch Alaska, über Berge, Flüsse und Permafrostgebiete, und wenn man direkt daruntersteht, bekommt man erst eine Vorstellung davon, welche Dimensionen dieses Projekt hat. Natürlich fotografierten wir sie aus sämtlichen denkbaren Perspektiven. Stefan unter der Pipeline. Ich unter der Pipeline. Pipeline mit Schnee. Pipeline ohne Menschen. Pipeline von links. Pipeline von rechts. Wenn es irgendwo in Alaska ein fotogenes Stück Rohr gibt, besitzen wir vermutlich inzwischen ein Bild davon.
Besonders interessant waren die sogenannten Pigs, Geräte, die innerhalb der Pipeline eingesetzt werden, um sie zu reinigen oder zu kontrollieren. Wieder etwas gelernt. Allerdings zeigte der erneute Schneefall ziemlich deutlich, dass sich die Straßenlage zwar verbessert hatte, aber noch immer weit davon entfernt war, uns zu einer ernsthaften Weiterfahrt Richtung Arctic Circle einzuladen. Also drehten wir zum zweiten Mal an diesem Tag um. Zwei Versuche, zweimal verloren. Arctic Circle 2 – Böhm 0.
Zurück in der Nähe unseres Hotels tankten wir bei Fred Meyer und gingen anschließend noch eine Runde durch den riesigen Supermarkt. Inzwischen hatten wir unseren gescheiterten Tagesplan erstaunlich gut verarbeitet. Und dann fiel uns etwas ein, das plötzlich dringend erledigt werden musste: Im Santa Claus House gab es ein Café mit hausgemachtem Fudge. Also machten wir uns tatsächlich zum zweiten Mal an diesem Tag auf den Weg nach North Pole. Ja, wir waren inzwischen Stammgäste beim Weihnachtsmann.
Im Café standen die unterschiedlichsten Fudge-Sorten in der Vitrine, und wir entschieden uns für Amaretto und Karamell. Die Stücke waren vielleicht fünf mal fünf Zentimeter groß und sahen völlig harmlos aus. Das war eine Falle. Der erste Bissen war fantastisch – cremig, weich, süß, einfach lecker. Auch der zweite ging noch problemlos. Danach begann der Körper langsam zu signalisieren, dass die amerikanische Zuckerindustrie möglicherweise etwas übertrieben hatte. Nach ungefähr der Hälfte eines solchen Stücks hatte man das Gefühl, einen kompletten Sack Zucker zusammen mit einem Stück Butter gegessen zu haben. Wir tranken Kaffee dazu und kämpften tapfer weiter, denn schließlich hatten wir dafür bezahlt und außerdem gerade ohnehin nichts Besseres zu tun. Urlaub kann manchmal sehr anspruchsvoll sein.
Während wir dort saßen und unseren Blutzuckerspiegel in bisher unerforschte Regionen schickten, entdeckten wir eine Touristenkarte von Fairbanks, auf der verschiedene Sehenswürdigkeiten eingezeichnet waren. Na bitte! Endlich wieder Struktur im Tagesablauf. Unser erstes Ziel wurde ein Museum beziehungsweise Souvenirladen in Downtown Fairbanks.
In der Realität stellte sich der Laden allerdings eher als eine klassische Kruscht-Bude heraus – ein Geschäft, in dem offenbar irgendwann beschlossen worden war, einfach alles zu verkaufen, was sich irgendwie mit Alaska verbinden ließ. Gläser, Figuren, Schmuck, Steine, Souvenirs und allerlei Dinge, bei denen man nicht genau wusste, ob sie Dekoration, Haushaltsgegenstand oder archäologischer Fund waren. Trotzdem war der kleine Abstecher ganz lustig, und außerdem sah Downtown Fairbanks unter der dicken Schneeschicht wirklich hübsch aus. Die Kirche, die Straßen, die eingeschneiten Bäume – immerhin lieferte uns das Wetter fotografisch einiges zurück.
Dann entdeckte ich auf unserer Karte etwas, das sofort deutlich interessanter klang: HooDoo Brewing Company. Eine lokale Brauerei. Damit war die weitere Tagesplanung quasi beschlossen. Schließlich waren wir im Urlaub, und kulturelle Weiterbildung darf man nicht vernachlässigen.
Die HooDoo Brewery erwies sich tatsächlich als Volltreffer. Der Taproom war rappelvoll, hinter der Theke glänzten riesige Braukessel und draußen standen eingeschneite Bierbänke unter Pavillons. Genau diese kleinen amerikanischen Brauereien liebe ich: unkompliziert, gemütlich und mit mehreren Sorten direkt vom Fass. Während Stefan amerikanischem Bier normalerweise mit einer gewissen diplomatischen Zurückhaltung begegnet und sich höchstens gelegentlich zu einem Bud überreden lässt, hatte ich beim Anblick der Zapfhähne sofort einen klaren Plan. Wenn fünf Sorten angeboten werden, muss man selbstverständlich alle fünf probieren. Alles andere wäre wissenschaftlich unseriös.
Vor uns landete also ein Tasting Flight mit German Kölsch, 2015 Oktoberfest Lager, Extra Pale Ale, American IPA und HooDoo Stout. Das German Kölsch hatte mit einem echten Kölsch ungefähr so viel zu tun wie North Pole mit dem geografischen Nordpol, und für das Oktoberfest Lager wäre vermutlich auch in München niemand spontan auf die Wiesn gekommen. Aber beide schmeckten erstaunlich gut, genauso wie das Pale Ale und das IPA. Nur beim Stout war meine Begeisterung überschaubar. Es erinnerte mich an eine etwas mildere Variante von Guinness – und Guinness gehört für mich zu den Getränken, bei denen ich jedes Mal nach dem ersten Schluck kurz überprüfe, ob sich meine Meinung inzwischen geändert hat. Hat sie nicht.
Wir saßen dort im Warmen, draußen versank Fairbanks weiter im Schnee und vor uns standen fünf kleine Biergläser. Irgendwann mussten wir selbst über diesen Tag lachen. Morgens waren wir aufgebrochen, um zum Arctic Circle zu fahren. Stattdessen waren wir zweimal in North Pole gewesen, hatten Post beim Weihnachtsmann aufgegeben, Outdoorläden durchstöbert, Rentierwurst gegessen, zweimal versucht Richtung Norden zu fahren, eine Pipeline im Schnee fotografiert, uns mit Fudge beinahe in ein Zuckerkoma befördert, Downtown Fairbanks erkundet und schließlich eine Bierverkostung gemacht. Der ursprüngliche Plan war vollständig gescheitert – aber so schlecht war der Ersatz nun wirklich nicht.
Bevor wir gingen, kaufte ich mir noch ein Bierglas als Erinnerung an die HooDoo Brewery. Auf ein Abendessen verzichteten wir anschließend freiwillig. Die Fudge-Stücke lagen uns immer noch im Magen wie zwei frisch gegossene Betonfundamente, und nach Reindeer Sausage, Hotdog, Zucker und Bier bestand ernährungstechnisch ohnehin kein unmittelbarer Handlungsbedarf mehr. Also fuhren wir zurück ins Hotel und hofften nur noch, dass Alaska über Nacht ein Einsehen mit uns haben würde. Denn der Arctic Circle war noch lange nicht abgeschrieben. Er hatte lediglich einen Tag Vorsprung.









































