Abschied von Alaska – Frühstück mit Hindernissen und Nordlichter auf der falschen Seite
Nun war er tatsächlich da, der Tag, den ich auf Reisen grundsätzlich für vollkommen überflüssig halte: der Abreisetag. Zweieinhalb Wochen zuvor waren wir mit einer gewissen Portion Neugier, aber durchaus auch mit Skepsis in Anchorage gelandet. Alaska war für uns Neuland gewesen, und so ganz genau wussten wir nicht, ob uns dieses riesige, dünn besiedelte Stück Amerika wirklich packen würde. Jetzt, während draußen unser letzter Morgen begann, war die Antwort ziemlich eindeutig. Wir waren völlig angefixt. Diese Landschaft, diese unglaublichen Entfernungen, die endlosen Straßen, die Berge, Gletscher, Elche, Wale, der Dalton Highway, der Polarkreis und sogar der Schnee, der uns zwischendurch fast unsere Pläne zerlegt hatte – all das hatte sich irgendwo ziemlich dauerhaft festgesetzt. Und statt uns zu fragen, ob wir noch einmal nach Alaska kommen würden, waren wir gedanklich schon wesentlich weiter: Wann kommen wir wieder?
Eine erste Idee gab es tatsächlich schon. September 2017 klang ausgesprochen vernünftig. Diesmal vielleicht mit einem Truck-Camper, noch weiter nach Norden, den Dalton Highway nicht nur bis zum Arctic Circle, sondern bis Prudhoe Bay fahren, Bären beobachten und endlich diese verdammten Nordlichter fotografieren, die sich bislang äußerst erfolgreich vor uns versteckt hatten. Nach diesem Urlaub war jedenfalls klar: Alaska war keineswegs erledigt. Alaska hatte uns vielmehr gerade erst angefüttert.

Bevor wir allerdings die nächste Reise planten, mussten wir zunächst diese hier zu Ende bringen, und dafür gab es noch ein letztes Frühstück im Camai Bed & Breakfast. Caroline musste an diesem Morgen zu einem wichtigen Termin und hatte Craig offenbar mit der Durchführung betraut. Das war mutig. Wir saßen also am Tisch, Craig erschien und stellte uns freundlich eine Schale Obst hin. Dann verschwand er wieder. Wir warteten. Nicht dramatisch. Erst einmal ganz entspannt. Vor uns stand Obst. Und sonst nichts.
Nach einer Weile schauten Stefan und ich uns an. Vielleicht war das heute das Frühstück? Ein moderner, kalorienreduzierter Abschiedsgruß? Vielleicht hatte Caroline uns nach zweieinhalb Wochen amerikanischer Ernährung vorsorglich auf Entzug gesetzt. Craig lief irgendwann wieder vorbei, sah uns dort sitzen und schien in diesem Moment selbst festzustellen, dass Frühstück normalerweise aus etwas mehr bestehen könnte als einer einsamen Obstschale. Offenbar hatte Caroline alles vorbereitet, nur die entscheidende Information, dass man es den Gästen auch servieren müsse, war unterwegs verloren gegangen.
Danach kam die Sache aber ins Rollen. Es tauchte tatsächlich noch warmes Frühstück auf, und schließlich wurden wir auch satt. Nicht ganz mit der routinierten Perfektion, die Caroline in den vergangenen Tagen an den Tag gelegt hatte, aber Craig hatte sich redlich bemüht. Und irgendwie passte dieser leicht improvisierte letzte Morgen sogar ganz gut zu Alaska. Hier musste schließlich auch nicht immer alles aussehen wie aus einem Hochglanzprospekt. Hauptsache, am Ende funktioniert es.
Nach dem Frühstück verabschiedeten wir uns und machten uns auf den kurzen Weg zum Flughafen. Die Rückgabe unseres Mietwagens verlief gewohnt amerikanisch unkompliziert. Auf dem Parkplatz stand niemand, der das Auto entgegennahm oder mit strengem Blick um jede Felge schlich. Stattdessen sollten wir einfach den Kilometerstand notieren und anschließend damit zum Schalter gehen. Fertig. Nach mehreren tausend Kilometern durch Alaska, Schotterstraßen, Schnee, Matsch und dem Dalton Highway hätte ich beinahe erwartet, dass irgendwo jemand mit einer Lupe auf uns wartete. Stattdessen war die Rückgabe ungefähr so spektakulär wie die Abgabe eines Einkaufswagens.

Der Flughafen von Anchorage war dagegen durchaus interessant. Schon beim ersten Besuch war uns aufgefallen, dass hier vieles etwas anders funktionierte als an einem durchschnittlichen europäischen Flughafen. Zwischen normalen Koffern standen große Kühlboxen, in denen offenbar beträchtliche Mengen frisch gefangener Fisch ihre Heimreise antraten. Daneben warteten Hunde in Transportboxen auf ihre Flüge, Menschen schleppten Outdoor-Ausrüstung durch die Terminals, und insgesamt hatte man das Gefühl, dass hier nicht nur Passagiere verreisten, sondern gleich halbe Expeditionen abgefertigt wurden.
Wir holten uns bei Starbucks noch einen Kaffee und machten es uns am Gate bequem. Unser Condor-Direktflug nach Frankfurt, mit dem wir auf dem Hinweg so angenehm nach Anchorage gekommen waren, existierte zu dieser Jahreszeit nicht mehr. Die Sommersaison war vorbei, und damit war auch der direkte Weg nach Deutschland gestrichen. Also führte unsere Heimreise zunächst mit Alaska Airlines nach Seattle und erst von dort mit Condor weiter nach Frankfurt.
Das störte mich allerdings nicht besonders. Alaska Airlines wollte ich sowieso einmal ausprobieren, und am Fenster des Gates gab es reichlich Unterhaltung. Die Maschinen draußen trugen teilweise herrlich auffällige Sonderlackierungen, darunter eine blau bemalte Maschine, bei der man automatisch länger hinschauen musste. Ich konnte Flugzeuge ohnehin stundenlang beobachten, und wenn sie dazu noch hübsch lackiert waren, war meine Beschäftigung für die Wartezeit gesichert.

Das Boarding begann pünktlich, wir nahmen unsere Plätze ein und kurz darauf hob unsere Boeing Richtung Seattle ab. Und dann bekam Alaska noch einmal seinen großen Auftritt. Unter uns lagen schneebedeckte Berge, Gletscher, Täler und endlose weiße Gipfel, die sich bis zum Horizont zogen. Von oben wurde noch einmal deutlich, wie gewaltig dieses Land eigentlich war. Zweieinhalb Wochen lang waren wir tausende Kilometer gefahren und hatten trotzdem nur einen winzigen Ausschnitt davon gesehen. Alaska hatte diese ziemlich raffinierte Eigenschaft, einem ständig das Gefühl zu vermitteln, man habe viel erlebt und gleichzeitig praktisch nichts gesehen.

Knapp drei Stunden später näherten wir uns Seattle. Das Wetter war ungewöhnlich klar, und irgendwann tauchte am Horizont der Mount Rainier auf. Dieser riesige, schneebedeckte Vulkan stand völlig frei über der Landschaft und war aus dem Flugzeug hervorragend zu erkennen. Natürlich klebte ich wieder am Fenster. Wenn schon Heimflug, dann bitte wenigstens mit vernünftiger Aussicht.
In Seattle blieb uns nicht wahnsinnig viel Zeit. Wir mussten zum Anschlussgate, wollten aber vorher noch irgendetwas essen und landeten beim Runway Grill. Dort gab es einen schnellen Burger – kulinarisch jetzt vielleicht kein würdiger Abschluss einer Reise, auf der wir uns durch Steaks, Seafood, Reindeer Sausage, Chicken Wings und diverse amerikanische Brauereien gearbeitet hatten, aber für einen Flughafen absolut zweckmäßig. Burger rein, weiter zum Gate, Boarding.
Die Umsteigezeit lässt uns gerade noch genug Zeit für einen schnellen Burger im „Runway Grill“. Dann beginnt auch schon das Boarding für unseren Anschlussflug. Der Condor-Flug nach Frankfurt verlief anschließend ausgesprochen angenehm. Wieder hatten wir eine gut gelaunte Crew, freundlichen Service und sogar das Essen war besser als man es von Flugzeugessen vorsichtshalber erwartet. Eigentlich hätte dieser Rückflug damit einfach ruhig und unspektakulär verlaufen können.

Eigentlich. Denn dann meldete sich irgendwann der Pilot. Und sagte sinngemäß den einen Satz, den ich während dieses gesamten Urlaubs wirklich nicht mehr hören wollte: Die Passagiere auf der linken Seite könnten nun die Aurora Borealis sehen. Natürlich. Links. Wir saßen rechts. Ich habe so einen kleinen Tick. Wenn ich die Wahl habe, sitze ich im Flugzeug gerne rechts. Keine Ahnung warum. Vielleicht irgendeine tief verborgene aeronautische Macke. Bis zu diesem Moment hatte mir diese Angewohnheit nie ernsthafte Schwierigkeiten bereitet. Jetzt schon.
Wir waren in Fairbanks nachts aufgestanden. Wir hatten uns um ein Uhr morgens angezogen, Kameras eingepackt und waren hinaus in die Dunkelheit gefahren. Wir hatten eine Stunde lang in der Kälte gestanden, uns die Finger abgefroren und erfolglos in den Himmel gestarrt. Wir hatten vier Nächte in Fairbanks verbracht, weil dort angeblich die Chancen auf Nordlichter besonders gut seien. Wir hatten sternenklare Nächte analysiert, Wetterberichte studiert und uns wahrscheinlich häufiger mit der Aurora-Vorhersage beschäftigt als andere Menschen mit ihrer Altersvorsorge. Nichts. Und jetzt saß dieses verdammte Nordlicht gemütlich links neben unserem Flugzeug. Ich hätte mich schwarzärgern können.
Natürlich konnte man nicht einfach quer durch die Kabine marschieren und irgendeinem fremden Menschen am Fenster erklären, dass man aufgrund einer zweieinhalbwöchigen persönlichen Vorgeschichte jetzt zwingend seinen Sitzplatz benötige. Also blieb mir nichts anderes übrig, als auf meiner rechten Seite zu sitzen und zu wissen, dass wenige Meter entfernt genau das Naturschauspiel stattfand, wegen dem wir nachts durch Alaska gefahren waren.
Das war schon fast persönlich. Aber vielleicht war das auch Alaskas Art, uns die Rückkehr schmackhaft zu machen. Ein kleines „Ihr seid noch nicht fertig mit mir“. Und genau genommen funktionierte es hervorragend. Denn statt die Nordlichter als fehlenden Punkt dieser Reise abzuhaken, war damit endgültig klar: Wir mussten wiederkommen.

Der restliche Flug verlief ruhig, und schließlich landeten wir pünktlich in Frankfurt. Gepäck abholen, durch den Flughafen, Shuttle anrufen – und auch dort lief alles erstaunlich glatt. Unser Fahrer war praktisch sofort da und brachte uns zurück zum Auto. Nach Alaska, wo wir teilweise stundenlang über Straßen gefahren waren, ohne mehr als eine Handvoll Fahrzeuge zu sehen, fühlte sich Deutschland allerdings bereits wenige Kilometer später wieder ausgesprochen deutsch an. Stau. Natürlich. Willkommen zu Hause.
Wir standen zwischen Autos, Bremslichtern und Verkehr und dachten ziemlich gleichzeitig daran, wie herrlich entspannt Autofahren in Alaska gewesen war. Dort konnte eine Straße zwar verschneit sein, aus Schotter bestehen, Schlaglöcher von der Größe kleiner Swimmingpools besitzen oder von einem Elch blockiert werden – aber wenigstens stand man selten einfach nur herum, weil vor einem ungefähr die halbe Republik dieselbe Autobahn benutzen wollte.
Und damit endete unsere erste Alaska-Reise. Mit einem Koffer voller Souvenirs, Tausenden Fotos, einem Bierglas mehr in der Sammlung, einer beträchtlichen Menge neuer Geschichten und dem sicheren Wissen, dass wir dieses Land noch lange nicht fertig erkundet hatten.
Wir hatten Alaska im Herbst erleben wollen. Bekommen hatten wir Herbst, Winter, Schneechaos, goldene Wälder, eisige Highways, Wale vor dem Hotelfenster, Elche vor dem Auto, den Polarkreis, Chicken, North Pole, den Denali, den Dalton Highway und eine Aurora, die ausgerechnet auf der falschen Seite unseres Flugzeugs auftauchte. Eigentlich ziemlich typisch für diese Reise. Und vermutlich genau deshalb wollten wir wieder hin.










