Sonnenaufgang in Homer, russische Kirchen und ein Elch mit Vorfahrt
Wie fast immer war ich auch an diesem Morgen früh wach. Draußen war es noch dunkel, aber diesmal störte mich das überhaupt nicht, denn ich hatte einen Plan: Sonnenaufgang am Strand. Also zog ich mich möglichst leise an, schnappte mir Kamera und Jacke und ließ Stefan noch schlafen. Den Rest des morgendlichen Chaos durfte er später erledigen. Arbeitsteilung kann schließlich sehr effizient sein, wenn man sie großzügig zu seinen eigenen Gunsten auslegt.
Unten am Wasser war es still, kalt und wunderschön. Langsam schob sich das erste Licht hinter die Berge, der Himmel färbte sich in Rosa, Orange und Violett, und die schneebedeckten Gipfel auf der anderen Seite der Kachemak Bay lagen wie ausgeschnitten am Horizont. Genau für solche Momente stehe ich freiwillig zu Uhrzeiten auf, zu denen andere Menschen noch nicht einmal wissen möchten, wie spät es ist.
Mit zunehmendem Licht wurde auch der Verkehr auf dem Wasser lebhafter. Kleine Boote, Fischer, größere Schiffe – der Marine Highway hatte offenbar Frühschicht. Und als Bonus tauchten auch die Wale wieder auf. Mal ein dunkler Rücken, mal eine Fluke, dann wieder eine kleine Fontäne über dem Wasser. Natürlich immer vorzugsweise dort, wo meine Kamera gerade nicht hinzeigte.
Trotzdem gelangen mir noch ein paar schöne Aufnahmen, und irgendwann kam auch Stefan dazu. Das Gepäck hatte er bereits im Auto verstaut, womit sich meine morgendliche Flucht an den Strand endgültig als hervorragende Aufgabenverteilung erwiesen hatte. Wir standen noch eine Weile zusammen am Wasser, genossen den letzten Blick auf Homer und verabschiedeten uns langsam vom äußersten Ende unserer Alaska-Runde.
Bevor wir den Homer Spit verließen, fuhren wir noch einmal zum Hafen. Den hatten wir am Vortag bei all den Walen, Schiffswracks und sonstigen Ablenkungen tatsächlich etwas vernachlässigt. Zwischen den unzähligen Booten, Masten und Fischereischiffen entstanden noch ein paar letzte Bilder, dann ging es zurück Richtung Homer. Eigentlich wollten wir irgendwo gemütlich frühstücken, aber keines der Lokale, an denen wir vorbeikamen, löste bei uns dieses spontane „Da rein!“ aus. Also beschlossen wir, einfach weiterzufahren. Irgendwo würde schon etwas kommen. Das war in Alaska bislang meistens eine erstaunlich zuverlässige Strategie gewesen.
Nach knapp einer Stunde erreichten wir Ninilchik. Schon von weitem fiel uns die kleine russisch-orthodoxe Kirche auf, die oberhalb des Ortes auf einem Hügel stand. Also runter vom Highway und hinauf zur Holy Transfiguration of Our Lord Chapel. Der Name allein war länger als manche Ortschaft, aber die kleine Kirche war wirklich hübsch.

Weiß gestrichen, grüne Dächer, goldene Zwiebeltürmchen und davor ein alter Friedhof mit weißen orthodoxen Kreuzen. Das Ganze lag still über dem Cook Inlet und wirkte mit dem grauen Himmel und dem herbstlichen Gras fast ein wenig aus der Zeit gefallen. Natürlich fotografierte ich sie ausführlich. Von vorne, von hinten, von der Seite und vermutlich auch aus Winkeln, bei denen sich der Erbauer gefragt hätte, warum man dafür extra durchs feuchte Gras stapft.
Inzwischen war es deutlich nach zehn, und unser Frühstück hatte sich von einer netten Idee zu einem akuten Versorgungsproblem entwickelt. Da fiel uns Rocky’s Cafe in Kasilof wieder ein, wo wir am Vortag schon Fish & Chips gegessen hatten. Das war nur etwa eine halbe Stunde entfernt und hatte sich bereits als essbar erwiesen – eine solide Grundlage für jede weitere Entscheidung.
Also zurück auf den Sterling Highway und ab nach Kasilof. Unsere Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Das Frühstück war richtig gut, reichlich und genau das, was wir jetzt brauchten.
Gut gestärkt fuhren wir weiter Richtung Norden, als plötzlich am Straßenrand Bewegung auftauchte. Zwei Elchkühe standen zwischen den Büschen, begleitet von einem imposanten Bullen mit einem Geweih, bei dem man sich unwillkürlich fragte, wie das Tier damit überhaupt durch den Wald kam. Stefan hielt an, und die beiden Damen überquerten völlig unbeeindruckt die Straße direkt vor unserem Auto. Der Bulle blieb zunächst auf der anderen Seite stehen und betrachtete uns.
Wir betrachteten ihn. Er betrachtete unser Auto. Ich betrachtete ihn durch die Kamera. Und für einen kurzen Moment hatte ich den Eindruck, dass er ernsthaft darüber nachdachte, wer von uns hier eigentlich das größere Problem darstellte.
Dann setzte er sich in Bewegung. Nicht hektisch, nicht nervös, sondern mit jener selbstverständlichen Ruhe, die Tiere offenbar entwickeln, wenn sie wissen, dass ihnen sowieso niemand widerspricht. Er lief ein Stück nach vorne und überquerte anschließend ebenfalls die Straße direkt vor uns. Aus nächster Nähe sah dieses Geweih noch beeindruckender aus. Ich fotografierte wie besessen aus dem sicheren Auto heraus, während der Herr Elch seine Damen wieder einholte und schließlich im Wald verschwand. Das war einer dieser Alaska-Momente, bei denen man hinterher kurz im Auto sitzt und sich gegenseitig angrinst, weil man genau weiß: Das gerade war richtig gut.

Gegen Mittag erreichten wir Kenai. Dort wollte ich noch eine russisch-orthodoxe Kirche sehen, die Holy Assumption of the Virgin Mary Russian Orthodox Church. Wer solche Namen vergibt, sollte eigentlich verpflichtet werden, sie jedes Mal komplett auszusprechen, wenn jemand nach dem Weg fragt. Dank GPS fanden wir sie trotzdem ohne größere religiöse Prüfung. Die Kirche war schlicht, weiß, mit blaugrünen Zwiebeltürmen und einem kleinen Friedhof daneben.
Direkt in der Nähe stand außerdem die Saint Nicholas Memorial Chapel, ebenfalls ein hübsches kleines Gebäude, und dazwischen lagen ein paar alte Holzhäuser, die aussahen, als hätten sie in den vergangenen hundert Jahren beschlossen, keinerlei Modernisierung mehr mitzumachen. Eines stand bereits so schief, dass man eigentlich nur darauf wartete, dass ein kräftiger Windstoß die Sache endgültig regelte. Genau diese Mischung aus russischer Geschichte, alten Holzbauten und etwas improvisierter Patina machte den Ort aber interessant.
Auf dem Weg zurück Richtung Soldotna bekamen wir dann gleich das nächste Wildlife-Programm geliefert. Direkt neben einem kleinen Rastplatz stand ein großer Karibu-Bulle am Straßenrand. Stefan bog auf den Parkplatz, ich stieg vorsichtig aus und konnte das Tier aus erstaunlich geringer Entfernung fotografieren.
Der Bulle störte sich überhaupt nicht an mir. Er stand da, kaute, schaute kurz in meine Richtung und vermittelte ansonsten sehr überzeugend den Eindruck, dass Touristen mit Kameras in seiner persönlichen Rangordnung weit unterhalb von interessant lagen. Nach einer Weile verschwand er gemächlich zwischen den Bäumen, und ich stieg mit einer weiteren Ladung Fotos zurück ins Auto. Alaska gab sich an diesem letzten richtigen Reisetag offenbar Mühe, uns noch einmal das komplette Best-of-Programm vorzuführen.
Hinter Soldotna bogen wir schließlich auf die Skilak Lake Road ab. Diese rund dreißig Meilen lange Nebenstrecke führt durch die Kenai National Wildlife Refuge und gilt als gute Gegend für Tierbeobachtungen. Das klang vielversprechend, nur hatten die Tiere offenbar gerade Mittagspause. Abgesehen von ein paar Eichhörnchen ließ sich niemand blicken. Dafür war die Landschaft sensationell. Die Straße schlängelte sich durch gelb leuchtende Birkenwälder, vorbei an stillen Seen und immer wieder mit Blick auf schneebedeckte Berge.
Das Wetter hatte sich inzwischen deutlich gebessert, und plötzlich war genau das Licht da, das wir uns am Vortag gewünscht hatten. Dunkelblaue Seen lagen spiegelglatt zwischen den Bäumen, goldene Herbstfarben leuchteten am Ufer und dahinter ragten weiße Gipfel in den Himmel. Wenn schon keine Elche, Bären oder sonstige Fotomodelle auftauchten, konnte man sich über diese Kulisse nun wirklich schlecht beschweren.
An einem der Seen hielten wir länger an. Das Wasser war so ruhig, dass sich die Berge perfekt darin spiegelten. Zwei Schwäne steckten in einiger Entfernung gleichzeitig ihre Köpfe ins Wasser, sodass nur noch die weißen Hinterteile herausragten – ein Naturmotiv, das irgendwo zwischen National Geographic und Ententanz lag. Natürlich wurde auch das fotografisch dokumentiert. Man muss schließlich Prioritäten setzen.

Später, wieder auf dem Seward Highway, machten wir erneut Halt bei Portage. Inzwischen war das ungefähr unser fünfter Besuch dort innerhalb von zwei Wochen. Wir hätten langsam Anspruch auf eine eigene Parkbank gehabt. Aber diesmal zeigte sich der Ort endlich von seiner besten Seite. Das Wasser lag völlig ruhig, die Berge waren klar zu sehen, dazwischen erste herbstliche Farben und darüber ein Himmel, der sich endlich entschieden hatte, ein bisschen mitzumachen. Die Gipfel spiegelten sich beinahe perfekt im Wasser. Wir standen eine ganze Weile dort und genossen diesen Anblick. Nach all den Wolken, dem Regen und dem Schnee der vergangenen Tage fühlte es sich fast an, als hätte Alaska zum Abschied noch einmal kurz das Licht eingeschaltet.
Am frühen Abend erreichten wir wieder Anchorage und wussten beide ziemlich genau, wohin wir wollten. Texas Roadhouse. Ein letztes Steak musste sein. Inzwischen hatte dieses Restaurant auf unserer Reise fast den Status einer kulinarischen Außenstelle bekommen. Wir bestellten unsere Steaks, dazu die warmen Rolls mit Cinnamon Butter und ließen den Abend ganz bewusst langsam angehen. Morgen würde es tatsächlich Richtung Flughafen gehen. Dieses Essen war also offiziell unser letztes Steak in Alaska, und das klingt natürlich dramatischer, als es sein müsste, aber bei einem guten Ribeye darf man ruhig ein bisschen sentimental werden.

Danach fuhren wir zum Camai Bed & Breakfast – zum dritten Mal innerhalb von zweieinhalb Wochen. Inzwischen brauchten wir weder Erklärung noch Orientierung. Türcode, Zimmer, Parkplatz – wir waren praktisch Stammgäste mit erstaunlich kurzer Mitgliedschaft. Es fühlte sich fast an wie nach Hause kommen, nur dass unser echtes Zuhause knapp 7.000 Kilometer entfernt lag.
Und dann kam die Aufgabe, vor der sich jeder USA-Reisende irgendwann fürchtet: Kofferpacken. Irgendwie hatten sich während der Reise Dinge vermehrt. T-Shirts, Souvenirs, Harley-Klamotten, Biergläser, Weihnachtskitsch, Einkäufe aus Outdoor-Läden und diverse andere Gegenstände, bei denen ich beim Kauf noch völlig überzeugt gewesen war, dass sie praktisch nichts wiegen würden. Nun lagen sie alle auf dem Bett und bildeten gemeinsam eine beeindruckende materielle Bilanz unserer Reise.
Wir stopften, sortierten, verschoben, wickelten zerbrechliche Dinge in Kleidung und betrieben eine Art dreidimensionales Gepäck-Tetris mit Gewichtslimit. Wenn ein Koffer plötzlich zu schwer war, wanderte ein Schuh in den anderen. Dann ein T-Shirt ins Handgepäck. Dann wieder irgendetwas zurück. Irgendwann hatte vermutlich jedes Kleidungsstück mindestens zweimal den Besitzer gewechselt.
Am Ende gingen die Koffer tatsächlich zu. Das allein empfand ich als Erfolg. Draußen war Alaska inzwischen dunkel geworden, unsere letzte Nacht hatte begonnen und zum ersten Mal seit Reisebeginn stand für den nächsten Morgen kein Highway, kein Trail und kein neues Ziel auf dem Programm. Nur noch der Flughafen. Aber daran wollte ich heute Abend noch nicht denken.





































