Von Valdez nach Tok – Regen, Geisterstädte und eine Straße mit zweifelhaftem Ruf
Valdez verabschiedet uns am Morgen genau so, wie es in diversen Reiseführern angekündigt wird: grau, nass und mit einer Wolkendecke, die offenbar beschlossen hat, heute nicht mehr aufzustehen. Der Ort trägt nicht umsonst den wenig schmeichelhaften Ruf als „Regenloch“ Alaskas. Im Winter fällt der ganze Niederschlag wenigstens als Schnee und sieht hübsch aus, heute gibt es die weniger fotogene Variante: Nieselregen. Wenn man aus dem Fenster schaut, könnte man meinen, jemand hätte über Nacht sämtliche Farben aus der Landschaft gedreht.
Aber immerhin beginnt der Tag mit einer erfreulichen Nachricht, die Laura uns schon gestern Abend überbracht hat. Sie hatte uns versehentlich den falschen Zimmerpreis genannt. Da sie außerhalb der Saison kein Frühstück anbietet, kostet unser Zimmer nämlich nur ungefähr die Hälfte. Ein Irrtum ganz nach unserem Geschmack. Andere Gastgeber verrechnen sich bei der Rechnung nach oben, Laura macht das offenbar andersherum. Darf sie gerne jederzeit wieder tun.

Für das dadurch ausgefallene Frühstück hat sie uns gleich einen Ersatz empfohlen: das Totem Inn, bei den Einheimischen offenbar eine feste Institution. Also fahren wir hin und stellen schnell fest, dass „Inn“ die Sache nur sehr unzureichend beschreibt. Das Totem Inn ist Restaurant, Kneipe, Souvenirladen, Motel und gefühlt noch drei weitere Dinge gleichzeitig. Vermutlich könnte man hier auch einen Elch anmelden und eine Motorsäge reparieren lassen, wenn man freundlich fragt.
Drinnen ist es warm, gemütlich und angenehm voll, was Lauras Empfehlung schon einmal bestätigt. Wir bestellen ein ordentliches amerikanisches Frühstück, und wenig später steht alles auf dem Tisch, was ein Frühstück hier offenbar braucht: Eier, Speck, Pancakes, Toast, Kaffee und Portionen, nach denen man sich problemlos bis zum Abendessen ausschließlich von seinen körpereigenen Reserven ernähren könnte. Genau das Richtige für einen langen Fahrtag.
Bevor wir Valdez endgültig verlassen, bekommt die Dayville Road allerdings noch eine zweite Chance. Gestern waren dort keine Bären, aber vielleicht hatten die schlicht andere Termine. Heute Morgen könnten sie ja zum Lachsfrühstück erscheinen. Wir fahren also noch einmal hinaus, schauen an den üblichen Stellen, beobachten Wasser, Ufer und Umgebung mit jener hochkonzentrierten Aufmerksamkeit, bei der irgendwann jeder dunkle Fleck verdächtig bärenförmig aussieht – und sehen: nichts. Kein Grizzly, kein Schwarzbär. Die Bären von Valdez haben offenbar beschlossen, unseren Aufenthalt geschlossen zu boykottieren. Irgendwann geben wir auf. Man kann Alaska schließlich nicht dazu zwingen, einem sämtliche Tiere auf Bestellung vor die Kamera zu stellen. Ein paar Adler, Otter und Karibus hatten wir bereits bekommen; offenbar war unser Wildtierkonto für diese Woche ausreichend belastet.
Wir verlassen Valdez anschließend auf genau derselben Straße, auf der wir gekommen sind, was weniger mangelnder Kreativität als der Tatsache geschuldet ist, dass es schlicht keine andere gibt. Also wieder durch den Keystone Canyon, über den Thompson Pass und hinaus Richtung Norden. Das Wetter bleibt zunächst wenig kooperativ, aber selbst unter grauem Himmel hat diese Landschaft etwas Großartiges. Die Berge verschwinden teilweise in den Wolken, Herbstfarben ziehen sich durch die Täler, und irgendwann zweigen wir hinter Tonsina auf den Edgerton Highway ab. Damit beginnt der nächste kleine Abstecher unserer Reise: Chitina, Wrangell–St. Elias und zumindest ein Stück der legendären McCarthy Road. Bis McCarthy selbst werden wir es heute nicht schaffen – dafür liegt Tok später noch viel zu weit entfernt –, aber ein bisschen hineinschnuppern wollen wir unbedingt. Schließlich fährt man nicht bis Alaska, um an einer interessanten Straße vorbeizufahren, nur weil sie schlecht ist. Im Gegenteil. Schlechte Straßen besitzen auf Roadtrips eine geradezu magnetische Wirkung. Besonders auf uns.

Unser erster Halt ist allerdings noch ausgesprochen zivilisiert: Kenny Lake Mercantile & RV Park. Tankstelle, Laden, Diner, Waschsalon, Dusche, Toilette und vermutlich gesellschaftlicher Mittelpunkt der näheren Umgebung in Personalunion. Viel mehr kommt hier nämlich nicht. Wir tanken und gehen in den kleinen Laden zum Bezahlen, wo die Kassiererin wissen möchte, woher wir kommen. „Germany.“ Darauf folgt zu unserer Überraschung ein völlig akzentfreies „Guten Tag“. Es stellt sich heraus, dass sie eine Zeit lang in der Nähe von Ludwigsburg gelebt hat – also praktisch bei uns vor der Haustür. Da fährt man einmal um den halben Globus, steht irgendwo im Nirgendwo Alaskas an einer Tankstelle, und die Frau hinter der Kasse kennt Ludwigsburg. Die Welt ist offensichtlich doch eher ein Dorf. Nur mit deutlich längeren Straßen dazwischen.
Kurz darauf machen wir einen Abstecher zur Liberty Falls State Recreation Site. Schon vom Parkplatz aus hört man den Wasserfall rauschen, und ein kurzer Weg führt hinein ins Grün zu Picknicktischen und dem Liberty Falls Creek. Nach all den gewaltigen Bergen, Gletschern und endlosen Landschaften der vergangenen Tage ist das hier beinahe ein kleiner, stiller Gegenentwurf: dichter Wald, Wasser, Felsen und ein hübscher Wasserfall, der ohne großes Spektakel durch die Schlucht rauscht. Wir laufen ein Stück herum, machen unsere Fotos und genießen für einen Moment die Ruhe. Im Sommer dürfte hier vermutlich deutlich mehr Betrieb herrschen; jetzt in der Nachsaison gehört der Platz fast uns allein. Alaska im September hat durchaus seine Vorteile – vorausgesetzt, man akzeptiert, dass Restaurants geschlossen sind, Bären Urlaub haben und das Wetter gelegentlich die Persönlichkeit eines schlecht gelaunten Hausmeisters entwickelt.
Je näher wir Chitina kommen, desto weiter öffnet sich die Landschaft. Unter uns breitet sich der Copper River aus, ein gewaltiges graues Geflecht aus Wasserarmen und Schotterflächen, dahinter müssten sich eigentlich die Wrangell Mountains erheben. Eigentlich. Der Mount Wrangell ist mit seinen 4.317 Metern durchaus groß genug, um nicht übersehen zu werden, aber heute schafft es die Wolkendecke trotzdem, ihn weitgehend verschwinden zu lassen. Wir bekommen Landschaft, Fluss und Herbstfarben – der Berg selbst bleibt eher eine theoretische Information. Trotzdem ist der Blick großartig. Diese Dimensionen sind schwer auf Fotos einzufangen; man steht dort oben, schaut über dieses riesige Tal und merkt wieder einmal, dass Alaska bei Landschaft grundsätzlich nicht in haushaltsüblichen Größen denkt.
Dann erreichen wir Chitina, und schon nach wenigen Metern ist klar: Hier hat die Vergangenheit nicht nur Spuren hinterlassen, sie steht teilweise noch am Straßenrand. Chitina war einst eine wichtige Station der Copper River and Northwestern Railway, über die das Kupfer aus den Kennecott-Minen Richtung Küste transportiert wurde. Mit dem Ende des Bergbaus verschwand auch die große Bedeutung des Ortes, und heute wirkt Chitina stellenweise wie eine Filmkulisse, die nach Drehschluss einfach stehen gelassen wurde. Alte Holzhäuser, verwitterte Fassaden, ein paar erstaunlich kreative Gebäude und dazwischen kaum ein Mensch. Vieles hat bereits Winterpause, was die Atmosphäre noch verstärkt. Wir fahren langsam durch den Ort, halten immer wieder für Fotos und erwarten eigentlich jederzeit, dass irgendwo eine Saloon-Tür aufschwingt und Clint Eastwood herauskommt. Stattdessen passiert nichts. Auch gut. Wir haben schließlich noch eine Straße vor uns, die ganz ohne Revolverhelden ausreichend Unterhaltung verspricht.
Hinter Chitina zwängt sich die Straße zunächst durch einen schmalen Felseinschnitt am Copper River – und dann beginnt sie tatsächlich: die McCarthy Road. Knapp 60 Meilen beziehungsweise 97 Kilometer führt sie bis kurz vor McCarthy und folgt dabei weitgehend der ehemaligen Bahntrasse nach Kennecott. Nach dem Ende der Eisenbahn wurde die Strecke nicht etwa komplett neu gebaut. Man nahm im Wesentlichen das, was schon da war, schüttete Erde und Schotter darüber und erklärte das Ergebnis irgendwann zur Straße. Was durchaus erklärt, warum in älteren Reiseberichten immer wieder vor alten Eisenbahnnägeln gewarnt wird und viele Mietwagenfirmen bei dem Wort „McCarthy Road“ vermutlich spontan Ausschlag bekommen. Unser Mietwagen weiß zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nichts von seinem Glück.

Die ersten Meilen machen dem Ruf der Straße jedenfalls alle Ehre. Schlaglöcher, Schotter und Unebenheiten sorgen dafür, dass wir zeitweise mit vielleicht zehn oder zwanzig Meilen pro Stunde dahinzuckeln. Danach wird es tatsächlich besser, und stellenweise können wir sogar die erlaubten 35 mph fahren – wobei man den Blick besser nicht allzu lange von der Fahrbahn nimmt. Die nächste Vertiefung kann jederzeit auftauchen und besitzt gelegentlich Dimensionen, bei denen man überlegt, ob sie bereits einen eigenen ZIP-Code hat. Gleichzeitig ist die Strecke wunderschön: Wald, Flüsse, tiefe Täler und immer wieder diese völlige Abgeschiedenheit. Verkehr gibt es kaum. Sollte hier etwas passieren, wäre „mal eben Hilfe holen“ eher ein langfristiges Projekt.
Bei Mile 17 taucht schließlich die Kuskulana Bridge vor uns auf – und die sieht bereits aus der Entfernung nach einem Bauwerk aus, bei dem man automatisch etwas langsamer wird. Die alte Eisenbahnbrücke wurde 1910 errichtet, ist rund 160 Meter lang und überspannt den Kuskulana River hoch über einer tief eingeschnittenen Schlucht. Heute fährt man mit dem Auto darüber, auf einem Holzbelag, der dem Ganzen einen zusätzlichen Hauch von Abenteuer verleiht. Stefan fährt langsam über die Planken, während ich versuche, gleichzeitig nach unten zu schauen, Fotos zu machen und nicht darüber nachzudenken, wie alt diese Konstruktion ist. Auf der anderen Seite halten wir an und sehen uns das Ganze noch einmal in Ruhe an. Beeindruckend ist ein eher zurückhaltendes Wort dafür.
Wir beschließen hier umzukehren. Bis McCarthy wären es noch über 40 Meilen, und danach müssten wir dieselbe Strecke komplett wieder zurück. Tok wartet außerdem einige hundert Kilometer entfernt auf uns, und das Wetter liefert keinen überzeugenden Grund, unseren Zeitplan endgültig zu ruinieren. Auf dem Rückweg halte ich es allerdings für eine ausgezeichnete Idee, mitten auf der Kuskulana Bridge auszusteigen. Große Höhen machen mir normalerweise nichts aus, aber hier oben pfeift der Wind kräftig durch die Schlucht, unter mir geht es ziemlich kompromisslos nach unten, und plötzlich entwickelt mein Körper eine bemerkenswert vernünftige Meinung zu dem Thema. Ich bleibe auffällig dicht beim Auto, mache ein paar schnelle Fotos und steige wieder ein. Man muss schließlich nicht jede persönliche Grenze ausführlich wissenschaftlich untersuchen.
Immerhin beginnt die Wolkendecke auf dem Rückweg tatsächlich etwas aufzureißen. Natürlich. Stundenlang verstecken sich die Wrangell Mountains hinter einer grauen Wand, und kaum drehen wir um, beschließt das Wetter, sich Mühe zu geben. Also halten wir wieder, fotografieren, fahren ein Stück, halten erneut und nehmen kurz vor Chitina noch den Abstecher hinunter zum Copper River mit. Danach geht es zurück durch Chitina und Kenny Lake bis zum Richardson Highway. Die McCarthy Road können wir damit nicht komplett abhaken, aber wir haben zumindest einen ziemlich guten Vorgeschmack bekommen. Und die Kuskulana Bridge allein war den Abstecher wert.
Hinter Glenallen fahren wir weiter bis Gakona und wechseln dort auf den Tok Cut-Off. Und plötzlich passiert etwas, auf das wir schon den halben Tag warten: Der Himmel wird heller. Die Wolken ziehen auseinander, die Landschaft bekommt wieder Konturen, und zwischen den dunklen Bergrücken zeigen sich endlich schneebedeckte Gipfel. Der Highway folgt zunächst dem Copper und später dem Slana River, während wir am Rand des riesigen Wrangell-St.-Elias-Nationalparks entlangfahren. Irgendwann geht es über den rund 742 Meter hohen Mentasta Pass, und vor uns öffnen sich die Ausläufer der Alaska Range. Nach dem grauen Vormittag wirkt schon ein bisschen Blau zwischen den Wolken wie eine persönliche Entschuldigung des Wettergottes.
Die Straße zieht sich kilometerweit geradeaus durch die Landschaft, verschwindet irgendwo am Horizont und taucht dort gefühlt erst in Kanada wieder auf. Genau solche Straßen sind der Grund, warum Roadtrips durch Alaska so süchtig machen. Man fährt einfach. Wald links, Wald rechts, Berge hinten, Berge vorne und dazwischen eine Asphaltlinie, die aussieht, als hätte jemand mit dem Lineal quer durch die Wildnis gezogen. Irgendwann erreichen wir Tok, einen jener Orte, die auf der Karte deutlich bedeutender wirken als bei der tatsächlichen Durchfahrt. Für Reisende, die über den Alaska Highway aus Kanada kommen, ist Tok allerdings ein wichtiger Knotenpunkt – Tankstellen, Motels, Restaurants, Supermärkte und alles, was man nach langen Kilometern Wildnis plötzlich wieder sehr zu schätzen weiß. Außerdem bezeichnet sich Tok gerne als „Sled Dog Capital of Alaska“. Nach unserem Erlebnis bei John wissen wir inzwischen immerhin, dass Schlittenhunde hier keine touristische Dekoration sind, sondern für viele Menschen tatsächlich zum Alltag gehören.
Unser Motel finden wir problemlos, wobei bereits der Check-in einen gewissen Unterhaltungswert besitzt. Die Rezeption befindet sich nämlich im Liquor Store. Natürlich. Wo sonst? Wir betreten also einen Getränkeladen, bekommen dort unseren Zimmerschlüssel und ziehen anschließend in ein Motelzimmer ein, das sämtliche Erwartungen erfüllt, die man nach Jahrzehnten amerikanischer Filme an ein Motelzimmer hat: zwei große Betten, Teppichboden, Lampen mit fragwürdigem Design und diese ganz spezielle Atmosphäre zwischen Roadmovie und „hier könnte gleich jemand an die Tür klopfen“. Es ist sauber, geräumig und völlig in Ordnung – und nach diesem langen Tag ohnehin genau das, was wir brauchen.
Zum Abendessen wird uns Fast Eddy’s empfohlen. Wobei „empfohlen“ vielleicht etwas großzügig formuliert ist, denn während unserer kurzen Runde durch Tok haben wir nicht gerade eine überwältigende Auswahl an Konkurrenz entdeckt. Fast Eddy’s liegt direkt am Alaska Highway und sieht schon von außen aus wie der Ort, an dem sich irgendwann ohnehin ganz Tok trifft.
Drinnen gibt es alles, was ein amerikanisches Roadhouse braucht: Burger, Steaks, Sandwiches, Pizza, Salatbuffet und Frühstück. Stefan bleibt seiner bewährten Strategie treu und bestellt einen Burger, ich nehme Spare Ribs. Und diesmal haben wir Glück: Das Essen ist richtig gut. Keine kulinarische Neuerfindung der Menschheit, aber genau das, was man nach einem langen Fahrtag möchte – ordentlich, reichlich und lecker. Fast Eddy darf seinen Platz auf unserer persönlichen Alaska-Essenskarte behalten.
Danach fehlt nur noch der obligatorische Supermarktbesuch. Wir fahren zu Three Bears, dessen Name in Alaska vermutlich bereits ein kleines Marketing-Meisterwerk ist, und decken uns mit Getränken, Snacks und allem ein, was man auf den nächsten Etappen möglicherweise brauchen könnte. Anschließend geht es zurück ins Motel. Hinter uns liegen Valdez, zwei erfolglose Bärenkontrollen, ein Frühstück im Totem Inn, eine Kassiererin mit Ludwigsburg-Vergangenheit, Wasserfälle, Chitina, 34 Meilen McCarthy Road, eine ziemlich hohe Eisenbahnbrücke und ein halber Tag unter einer Wolkendecke, die erst dann aufriss, als wir schon fast aufgegeben hatten. Kein schlechter Tag also. Und vor allem einer, der wieder einmal beweist: In Alaska muss nicht immer das passieren, was man geplant hat. Meistens passiert unterwegs ohnehin genug anderes.

































