Alaska, wir kommen – mit Condor, Piraten und einem ziemlich langen ersten Tag
Juhu – ich habe es tatsächlich geschafft. Stefan fliegt mit mir nach Alaska. Freiwillig. Zumindest gehe ich davon aus, denn ich habe weder Gewalt angewendet noch ihn am Frankfurter Flughafen unter einem Vorwand in eine Boeing verfrachtet. Alaska stand schon lange ziemlich weit oben auf meiner persönlichen Liste der Orte, die ich unbedingt einmal sehen wollte. Bei Stefan musste diese Begeisterung erst ein wenig reifen. Und mit „reifen“ meine ich natürlich, dass ich das Thema vermutlich oft genug erwähnt habe, bis Widerstand irgendwann zwecklos erschien. Eine bewährte Methode in unserer Ehe.
Wenn schon Alaska, dann wollten wir es allerdings nicht unbedingt im Hochsommer erleben, wenn sich gefühlt halb Nordamerika gemeinsam mit Wohnmobilen, Reisegruppen und allem, was eine Funktionsjacke besitzt, auf den 49. Bundesstaat stürzt. Wir entschieden uns deshalb ganz bewusst für die Nachsaison, die sogenannte Shoulder Season. Der Name klingt ein bisschen, als müsse man sich dabei seitlich durch Alaska quetschen, bedeutet aber schlicht: weniger Touristen, niedrigere Preise und mit etwas Glück schon diese wunderbaren Herbstfarben, wegen denen ich seit Wochen Bilder anschaue und Stefan vermutlich inzwischen jeden einzelnen gelben Busch Alaskas persönlich kennt. Natürlich gehört zu dieser Entscheidung auch eine gewisse Wetterlotterie. Alaska im Herbst kann traumhaft sein. Es kann aber vermutlich auch beschließen, uns innerhalb von zehn Minuten sämtliche bekannten Niederschlagsformen vorzuführen. Wir werden sehen. Abenteuer wollten wir schließlich haben.
Die Auswahl an vernünftigen Flugverbindungen nach Anchorage war überschaubar. Man kann natürlich mit mehreren Umstiegen einmal quer über den Kontinent hüpfen und dabei diverse Flughäfen kennenlernen, deren Teppichmuster man nie kennenlernen wollte. Oder man steigt in Frankfurt ein und in Anchorage wieder aus. Condor flog tatsächlich nonstop – und damit war die Sache für uns eigentlich entschieden. Im Internet fanden sich dazu selbstverständlich genügend Horrorgeschichten, denn wenn man lange genug sucht, findet man vermutlich auch jemanden, dessen Flug nach Mallorca 1997 so schlimm war, dass er seitdem ausschließlich mit dem Auto reist. Unsere Erwartungen an Condor waren deshalb vorsichtshalber irgendwo knapp oberhalb von „Hauptsache, das Flugzeug kommt in Alaska an“. Alles darüber würden wir als Bonus betrachten.
Der Abflug war für 14 Uhr angesetzt, die Landung in Anchorage für 13:30 Uhr – am selben Tag. Zehn Stunden Zeitverschiebung machen aus einem völlig normalen Langstreckenflug ein kleines mathematisches Kunststück. Man sitzt stundenlang im Flugzeug, bekommt mehrere Mahlzeiten, schaut Filme, döst, wacht wieder auf, fliegt über Grönland und einen beträchtlichen Teil des Planeten und landet anschließend eine halbe Stunde, bevor man losgeflogen ist. Rein rechnerisch ist das natürlich völlig logisch. Mein Körper wird dazu vermutlich eine etwas andere Meinung haben.
Weil wir keinerlei Lust hatten, unseren Alaskaurlaub mit einem morgendlichen Wettrennen über die Autobahn zu beginnen, fuhren wir bereits am Vorabend von Esslingen nach Rüsselsheim. Zwei Stunden Fahrt sind eigentlich keine große Sache, aber vor einem Langstreckenflug reichen schon ein Stau, ein Unfall oder irgendeine Vollsperrung, bei der drei Menschen arbeiten und 700 andere herumstehen, um aus einem entspannten Urlaubsbeginn eine mittelschwere Ehekrise zu machen. Also hatten wir im Best Western Rüsselsheim eine Übernachtung mit Frühstück gebucht und dazu gleich einen Parkplatz samt Shuttle zum Flughafen organisiert. Alles zusammen kostete gerade einmal 120 Euro. Für dieses Geld kauften wir uns im Grunde etwas, das vor einer Reise unbezahlbar ist: Ruhe. Wir erreichten das Hotel gegen 22 Uhr, schauten noch ein bisschen fern und verschwanden dann ziemlich schnell in den Kissen. Morgen Alaska. Allein dieser Gedanke war noch so unwirklich, dass ich ihn vermutlich erst glauben würde, wenn draußen tatsächlich der erste Berg auftauchte.

Am nächsten Morgen starteten wir mit einem ausgiebigen Frühstück. Nicht nur, weil ein ordentliches Hotelfrühstück zum Urlaub gehört, sondern weil Stefan bereits angekündigt hatte, dass er Flugzeugessen konsequent verweigern würde. Nicht „mal schauen, was es gibt“. Nicht „wenn es gut aussieht“. Nein. Flugzeugessen war offenbar eine kulinarische rote Linie, die unter keinen Umständen überschritten werden durfte. Also machten wir anschließend noch einen kurzen Abstecher zum Supermarkt und deckten uns mit Proviant ein, als würden wir nicht zehn Stunden mit Bordservice fliegen, sondern zu Fuß den Yukon überqueren. Man muss vorbereitet sein.
Danach ging es zum gebuchten Parkplatz etwas außerhalb des Flughafens. 16 Tage Parken für 56 Euro – in Flughafennähe ein Preis, bei dem man beinahe erwartet, dass einem jemand anschließend mitteilt, das Auto stehe allerdings in Polen. Aber nein: alles bestens organisiert, Shuttle inklusive, und wenig später wurden wir direkt vor dem Terminal abgesetzt. Gepäck raus, verabschieden vom Auto und hinein ins übliche Flughafenritual aus Koffern, Schaltern, Menschen und der unterschwelligen Sorge, irgendwo genau das Dokument vergessen zu haben, ohne das man garantiert nicht nach Alaska kommt.

Am Condor-Schalter erwartete uns eine ziemlich lange Schlange. Aber wir hatten Zeit. Sehr viel Zeit sogar. Und solange man genügend davon hat, kann man eine Warteschlange erstaunlich gelassen betrachten. Interessanter wurde es beim Handgepäck. Ich hatte vorher mehrfach gelesen, Condor würde geradezu mit kriminalistischem Ehrgeiz jedes Handgepäckstück wiegen. In der Economy waren offiziell gerade einmal sechs Kilogramm erlaubt. Sechs! Meine Fotoausrüstung allein betrachtete diese Zahl vermutlich als unverbindliche Empfehlung. Kamera, Objektive und der ganze Kleinkram, den man unbedingt braucht, wenn man nach Alaska fährt und anschließend nicht feststellen möchte, dass ausgerechnet beim Bären das falsche Objektiv im Hotel liegt, hatten das zulässige Gewicht jedenfalls etwas großzügig interpretiert. Ich versuchte deshalb möglichst so auszusehen, als trüge ich eine federleichte Tasche mit einem Taschentuch und vielleicht einem Taschenbuch darin. Offenbar überzeugend. Niemand wollte sie wiegen. Ich entwickelte spontan große Sympathien für Condor.

Kurz vor dem Boarding wurde es dann noch einmal interessant. Plötzlich wurden freie Plätze in der Business Class und Economy Plus zu geradezu unanständigen Schnäppchenpreisen angeboten. 150 beziehungsweise 250 Euro Aufpreis. Ich möchte nicht wissen, was die Menschen dachten, die Monate vorher den regulären Preis bezahlt hatten und nun mitanhören durften, wie ihre teuer erkauften Sitze kurz vor Abflug praktisch auf dem Grabbeltisch lagen. Wir versuchten kurz, zwei Economy-Plus-Plätze zu ergattern, aber andere waren schneller. Wahrscheinlich Menschen mit besseren Reflexen oder weniger Gepäck. Also blieben wir auf unseren normalen Economy-Plätzen. Bis Anchorage würden wir es auch dort schaffen.
Zum Flugzeug ging es anschließend mit dem Bus auf eine Außenposition. Wobei „Außenposition“ in diesem Fall ein ziemlich großes Wort für „einmal um die Ecke“ war. Wir fuhren gefühlt ungefähr so weit, wie man auf einem Supermarktparkplatz fährt, wenn direkt vor dem Eingang nichts mehr frei ist. Dort stiegen wir wieder aus, liefen die Treppe hoch und gelangten über eine Fluggastbrücke ins Flugzeug. Warum wir dafür einen Bus brauchten, blieb eines jener kleinen Geheimnisse der modernen Luftfahrt. Vielleicht wollte man uns langsam an die Dimensionen Alaskas gewöhnen: Entfernungen sind relativ.
Und dann ging es tatsächlich los. Frankfurt verschwand unter uns und vor uns lagen rund zehn Stunden Flug bis Anchorage. Unsere vorsichtig gedämpften Erwartungen an Condor erwiesen sich ziemlich schnell als völlig unnötig. Die Maschine war in Ordnung, das Personal ausgesprochen freundlich, aufmerksam und ständig unterwegs, und selbst aus dem Cockpit meldete man sich regelmäßig mit Informationen darüber, was gerade unter uns zu sehen war. Keine wortlose Beförderung von A nach B, sondern fast schon ein kleiner Rundflug mit Ansage.
Sogar das Essen überraschte uns. Und zwar positiv. Ich sage ausdrücklich „uns“, obwohl Stefan doch eigentlich beschlossen hatte, Flugzeugessen grundsätzlich nicht anzurühren. Offenbar gelten Prinzipien nur so lange, bis etwas halbwegs appetitlich riecht. Es gab unter anderem warme Laugenbrezeln, und spätestens damit hatte Condor einen entscheidenden strategischen Vorteil erzielt. Stefan hatte vorsorglich einen halben Supermarkt im Handgepäck und nun schmeckte auch noch das Essen an Bord. Wir würden Alaska jedenfalls nicht unterernährt erreichen.
Der eigentliche Höhepunkt dieses Fluges spielte sich ohnehin außerhalb des Flugzeugs ab. Unsere Route führte über das nördliche Grönland, und irgendwann klebte ich praktisch am Fenster. Unter uns lag eine Landschaft, die aussah, als hätte jemand beschlossen, sämtliche Farben bis auf Weiß, Blau und ein wenig Grau aus der Welt zu entfernen. Eisflächen, schroffe Berge, Gletscher und dazwischen Wasser – riesig, menschenleer und vollkommen unwirklich. Später überflogen wir Alaska selbst von Norden nach Süden, und spätestens da war ich endgültig verloren. Berge, Schnee, Gletscher, Wasserarme, endlose Weite – genau diese Bilder hatte ich im Kopf gehabt, als ich Stefan so lange von Alaska vorgeschwärmt hatte. Nur dass es von oben noch gewaltiger aussah. Irgendwo dort unten würden wir in den nächsten zwei Wochen unterwegs sein. Plötzlich war Alaska nicht mehr irgendein weit entfernter Fleck auf der Landkarte. Es lag direkt unter uns.

Und Condor setzte noch einen drauf: Wir landeten pünktlich in Anchorage. Nach all den Horrorgeschichten aus dem Internet hätte ich fast erwartet, dass mindestens ein Triebwerk unterwegs beleidigt kündigt oder unser Gepäck vorsorglich nach Brasilien fliegt. Stattdessen standen wir tatsächlich zur vorgesehenen Zeit in Alaska. Einreise, Gepäck, Zoll – alles funktionierte erstaunlich schnell. Nur der Weg zum Mietwagenschalter zog sich ein wenig. Wir liefen durch Gänge, weiter durch Gänge und dann sicherheitshalber noch durch ein paar Gänge, bis ich langsam vermutete, dass man Mietwagenkunden hier schon vor der Fahrzeugübernahme auf ihre Ausdauer testen wollte. Trotzdem hatten wir gerade einmal eine Stunde nach der Landung sämtliche Formalitäten hinter uns und unseren Mietwagen übernommen. Für amerikanische Flughafenverhältnisse war das beinahe verdächtig effizient.
Da wir unserer Gastgeberin im Camai Bed & Breakfast angekündigt hatten, frühestens gegen 17 Uhr aufzutauchen, hatten wir nun noch reichlich Zeit. Und was macht man nach zehn Stunden Flug, zehn Stunden Zeitverschiebung und einem halben Tag, der sich zeitlich selbst widerspricht? Natürlich einkaufen und durch Anchorage laufen. Schlafen kann schließlich jeder.
Unsere Liste für den Nachmittag war erstaunlich präzise: Apple Store, Hard Rock Cafe, Harley-Davidson und Walmart. Andere Menschen landen in Alaska und wollen sofort Elche sehen. Wir wollten zunächst elektronische Geräte, T-Shirts und Lebensmittel. Prioritäten müssen gesetzt werden. Der Apple Store lag mitten in Downtown, also parkten wir dort – völlig problemlos und für zwei Dollar pro Stunde – und machten uns zu Fuß auf den Weg. Anchorage überraschte mich ein wenig. Natürlich wusste ich, dass hier eine richtige Stadt steht und keine Ansammlung von Blockhütten, zwischen denen Bären den Verkehr regeln. Trotzdem wirkt es merkwürdig, nach all den endlosen Eislandschaften aus dem Flugzeug plötzlich zwischen Geschäften, Ampeln, Hotels und Einkaufszentren herumzulaufen.

Downtown war angenehm überschaubar. Die 5th Avenue Mall wurde natürlich ebenfalls begutachtet, im Apple Store wurden wir fündig und beim Hard Rock Cafe landeten wir schließlich für eine kleine Pause. Während wir durch die Straßen liefen, begegneten uns allerdings zunehmend Menschen, bei denen die Kleiderwahl Fragen aufwarf. Piraten. Nicht einer. Mehrere. Mit Hüten, Stiefeln, Westen und allem, was offenbar dazugehört, wenn man an einem Samstagnachmittag in Alaska aussehen möchte, als hätte man sein Schiff irgendwo am Cook Inlet falsch geparkt. Zwischendurch kamen uns noch andere Gestalten entgegen, bei denen man nicht genau wusste, ob sie ebenfalls zu dieser Veranstaltung gehörten oder Anchorage modisch grundsätzlich etwas entspannter mit gesellschaftlichen Konventionen umgeht.
Im Hard Rock Cafe kam schließlich die Erklärung: In Anchorage fand heute ein Pirate Pub Crawl statt. Natürlich. Was auch sonst? Wir waren seit wenigen Stunden in Alaska und hatten zwar noch keinen Elch und keinen Bären gesehen, dafür aber bereits eine Innenstadt voller Piraten. Ich nahm das als gutes Zeichen. Diese Reise könnte unterhaltsam werden.
Nachdem wir unsere ersten Einkäufe erledigt und bei Walmart Vorräte für die kommenden Tage besorgt hatten, machten wir uns schließlich auf den Weg zum Camai Bed & Breakfast. Dank Nachsaison hatten wir die Unterkunft ausgesprochen günstig bekommen, und schon von außen gefiel sie uns richtig gut. Kein gesichtsloses Hotel irgendwo zwischen Parkplatz und Schnellstraße, sondern ein schönes Wohnhaus in einem ruhigen Viertel, vor dem unser roter Jeep gleich aussah, als würde er dort seit Jahren wohnen. Caroline empfing uns herzlich und zeigte uns unsere Peony Suite. Großes Bett, Sofa, ordentlich Platz und sogar eine kleine Küchenzeile mit Kühlschrank und Mikrowelle – nach einem zehnstündigen Flug und einem Nachmittag, an dem wir unserem Körper erfolgreich eingeredet hatten, es sei noch gar nicht spät, fühlte sich das ziemlich luxuriös an.
Eigentlich hätte man jetzt vernünftigerweise duschen, die Vorhänge zuziehen und dem Jetlag seinen Willen lassen können. Wir entschieden uns für Ribeye.
Das Texas Roadhouse gehört inzwischen zu den Restaurants, bei denen wir in den USA nicht lange überlegen müssen. Wenn eines in der Nähe ist, sinkt die Wahrscheinlichkeit alternativer Restaurantvorschläge dramatisch. Nach Flugzeugessen, Supermarktproviant und einem Tag, der gefühlt seit ungefähr 36 Stunden lief, erschien ein ordentliches Steak außerdem wie eine vollkommen medizinisch sinnvolle Maßnahme. Also saßen wir wenig später vor einem saftigen Ribeye, und spätestens jetzt war endgültig angekommen, was mein Kopf den ganzen Tag noch nicht so richtig verarbeitet hatte: Wir waren tatsächlich in Alaska.
Hinter uns lagen Rüsselsheim, Frankfurt, zehn Stunden Condor, Grönland von oben, die ersten gewaltigen Berge Alaskas, ein überraschend reibungsloser Flughafen, Downtown Anchorage, Apple, Walmart, Hard Rock Cafe, eine Horde Piraten und ein Ribeye. Für einen Tag, an dem wir angeblich „nur angereist“ waren, war das schon ein ziemlich ordentliches Programm.
Und morgen würden wir anfangen, dieses Alaska da draußen wirklich zu erkunden.





















