Hollywood, Pretty Woman und 2½ Stunden Wimpern – der letzte Tag
Abflugtage sind eine ausgesprochen hinterhältige Erfindung. Der Urlaub ist offiziell noch nicht vorbei, praktisch hängt aber bereits dieses unsichtbare Schild über allem: Heute müsst ihr heim. Man hat meistens zu viel Zeit, um direkt zum Flughafen zu fahren, aber zu wenig, um noch etwas wirklich Großes anzufangen. Dazu kommt dieses permanente Rechnen im Hinterkopf: Wann müssen wir das Auto abgeben? Wie lange brauchen wir zum Flughafen? Wann macht der Check-in auf? Und wie viel Los Angeles lässt sich davor noch in einen einzigen Tag quetschen, ohne dass wir am Ende unserem A380 nur noch vom Freeway aus beim Abheben zuwinken? Unsere Antwort darauf fällt erwartungsgemäß wenig vernünftig aus: ziemlich viel.
Zunächst versuchen wir allerdings das Frühstück im Hollywood Guest Inn. Zumindest glaube ich, dass die Bezeichnung „Continental Breakfast“ irgendwo gefallen ist, wobei man dem europäischen Kontinent damit möglicherweise Unrecht tut. Der Kaffee besitzt eine Farbe, die grundsätzlich Hoffnung macht, geschmacklich aber eher in Richtung heißes Wasser mit einer vagen Erinnerung an eine Kaffeebohne geht. Daneben liegen in Plastik verpackte Backwaren, deren genaue zoologische Einordnung schwierig ist. Muffin? Kuchen? Brötchen? Baumaterial? Wir beschließen, die wissenschaftliche Untersuchung nicht weiterzuführen. Für unseren letzten Morgen in Amerika haben wir uns etwas Besseres verdient.
Das Hotelzimmer ist schnell geräumt, die Koffer sind geschlossen – wobei „geschlossen“ inzwischen bedeutet, dass der Reißverschluss hält und wir keine weiteren Fragen stellen – und wir checken aus. Unser Flug geht erst am späten Nachmittag, also fragen wir an der Rezeption, ob unser Auto noch ein bisschen auf dem winzigen Parkplatz bleiben darf. Der freundliche Mitarbeiter erlaubt es tatsächlich. Damit haben wir für die nächsten Stunden eine kostenlose Parkmöglichkeit mitten in Hollywood, was ungefähr so wahrscheinlich ist, wie am Rodeo Drive ein T-Shirt für fünf Dollar zu finden. Das Auto bleibt also stehen, und wir laufen noch einmal zum Hollywood Boulevard.
Am frühen Morgen erleben wir eine vollkommen andere Version der Straße als gestern Abend. Wo sich nachts Cinderella, Wolverine, Michael Jackson und ungefähr halb Hollywood gegenseitig auf den Füßen standen, herrscht jetzt beinahe Ruhe. Das Dolby Theatre liegt friedlich da, die Gehwege sind leer, die Souvenirshops erwachen erst langsam zum Leben, und man kann tatsächlich ein paar Schritte gehen, ohne von einem Superhelden für ein gemeinsames Foto angeworben zu werden. Hollywood hat offenbar ebenfalls Öffnungszeiten.
In der Nähe des Dolby Theatre entdecken wir Kelly’s Coffee, und damit ist das Frühstücksproblem gelöst. Schon beim Blick auf die Auslage ist klar, dass die Entscheidung gegen das eingeschweißte Hotel-Dingsda richtig war. Stefan bekommt einen Bagel, ich entscheide mich für ein warmes Croissant beziehungsweise eine sehr amerikanische Interpretation davon, großzügig mit Schinken und Käse gefüllt. Dieses Ding hat mit einem filigranen französischen Frühstück ungefähr so viel gemeinsam wie ein Dodge RAM mit einem Smart, schmeckt aber hervorragend. Dazu gibt es Kaffee, der tatsächlich nach Kaffee schmeckt. Nach dem ersten Schluck möchte ich beinahe zurück ins Hotel laufen und dem Continental Breakfast mitteilen, dass wir endgültig getrennte Wege gehen.
Satt und deutlich besser gelaunt laufen wir wieder hinaus auf den Hollywood Boulevard und entdecken kurz darauf einen Souvenirshop, der offensichtlich nach dem Prinzip gebaut wurde: Wenn wir schon Touristenkram verkaufen, dann bitte allen Touristenkram. Der Laden ist riesig. Mittendrin steht ein hellblauer Cadillac, ein gewaltiges Chrommonster aus einer Zeit, in der amerikanische Autodesigner offenbar die Anweisung bekamen, Fahrzeuge zu bauen, die notfalls auch als Kreuzfahrtschiffe zugelassen werden könnten. Flossen, Chrom, Scheinwerfer, Motorhaube – alles daran sagt: Bescheidenheit war nicht Bestandteil des Lastenhefts. Drumherum gibt es Hollywood in jeder nur denkbaren Form. T-Shirts, Schilder, Tassen, Oscars, Nummernschilder, Schlüsselanhänger und vermutlich irgendwo auch einen Kühlschrankmagneten vom Kühlschrankmagneten.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass dieser Laden vor zwei Jahren noch nicht hier war. Andererseits ist Hollywood vermutlich genau der richtige Ort, um über Nacht einen gigantischen Souvenirshop inklusive Cadillac erscheinen zu lassen. Unsere Begeisterung wird lediglich durch ein logistisches Detail gebremst: die Koffer. Die sind bereits voll. Nicht „da geht vielleicht noch ein T-Shirt rein“-voll, sondern „wenn wir jetzt den Reißverschluss öffnen, verlieren wir die Kontrolle über die Situation“-voll. Ich könnte hier problemlos eine kleine Grundausstattung für einen Hollywood-Fanshop erwerben, aber alles, was wir jetzt kaufen, muss später irgendwie nach Deutschland. Und wir besitzen leider weder Mary Poppins’ Handtasche noch einen zweiten Frachtraum.
Natürlich halten wir uns trotzdem eine ganze Weile darin auf. Anschließend geht es weiter durch das inzwischen langsam erwachende Hollywood. Wir kommen am Hard Rock Cafe vorbei, am Chinese Theatre mit seinen berühmten Hand- und Fußabdrücken, schlendern rund um das Dolby Theatre und fahren später auch noch über den Sunset Boulevard. Überall begegnen uns Namen und Bilder, die man seit Jahren aus Filmen und Fernsehen kennt. Genau das ist das Merkwürdige an Los Angeles: Selbst wenn man zum ersten Mal irgendwo entlangfährt, sieht vieles vertraut aus. Man kennt die Straßen nicht – aber man hat sie gefühlt schon hundertmal gesehen.
Ein Abstecher zum Harley-Davidson-Shop muss ebenfalls noch sein. „Es werden dringend T-Shirts benötigt“ ist bei uns inzwischen keine Feststellung mehr, sondern eine medizinische Diagnose. Dass die Koffer bereits kurz vor der strukturellen Belastungsgrenze stehen, spielt dabei keine Rolle. Ein Harley-Shirt ist schließlich flach. Das bekommt man irgendwo dazwischen. Und falls nicht, trägt man es eben im Flugzeug. Im äußersten Notfall mehrere übereinander. Wir wären nicht die ersten Menschen, die bei 25 Grad in Los Angeles plötzlich auffällig viele Kleidungsstücke tragen.

Irgendwann holen wir unseren Mietwagen wieder aus dem Hinterhof des Motels. Stefan schafft es tatsächlich erneut, das Auto aus dieser Parklücke zu befreien, ohne das Hotel, die gelben Pfosten oder ein Nachbarfahrzeug mitzunehmen, und wir fahren Richtung Beverly Hills. Wenn wir schon in Los Angeles sind und beide „Pretty Woman“ praktisch zum kulturellen Grundwissen zählen, können wir unmöglich nach Hause fliegen, ohne noch einmal dort vorbeizuschauen, wo Vivian Ward bewiesen hat, dass schlechter Kundenservice später ausgesprochen teuer werden kann.
Schon die Fahrt verändert sich. Hollywood ist laut, bunt und ein bisschen durchgeknallt, Beverly Hills wirkt dagegen, als hätte jemand Los Angeles frisch gebügelt. Breite Straßen, gepflegte Grünflächen, Palmen, makellose Fassaden und Autos, bei denen ich vorsichtshalber nicht wissen möchte, was eine neue Stoßstange kostet. Natürlich halten wir am berühmten Beverly-Hills-Schild. Es gehört zu diesen Fotomotiven, an denen man eigentlich nicht vorbeifahren kann, selbst wenn vermutlich jeden Tag mehrere tausend Menschen exakt dasselbe Foto machen.
Dann kommt der Rodeo Drive.
Gucci. Louis Vuitton. Und weitere Geschäfte, bei denen bereits die Eingangstür signalisiert, dass „Ich schau nur mal“ möglicherweise nicht zur gewünschten Kundschaftsstrategie gehört. Alles glänzt, alles ist perfekt, und nirgendwo hängt ein Schild mit „SALE – 70 %“. Enttäuschend. Wir fahren und laufen ein Stück durch diese Luxuswelt und betrachten Schaufenster, deren Inhalt vermutlich mehr kostet als unser kompletter Urlaub. Natürlich denke ich sofort an „Pretty Woman“. Hier irgendwo müsste Julia Roberts mit ihren Einkaufstüten entlanglaufen, nachdem sie den Damen im Laden dieses wunderbare „Big mistake. Big. Huge!“ serviert hat. Eine der befriedigendsten Szenen der Filmgeschichte und vermutlich der Grund, warum Millionen Menschen bis heute beim Anblick des Rodeo Drive automatisch an Richard Gere und Julia Roberts denken.

Am Ende des Rodeo Drive steht dann das Beverly Wilshire. Das Hotel erkennt man sofort. Schon die Auffahrt sieht aus, als sollte man dort eigentlich nicht mit einem Mietwagen aus Oklahoma vorfahren, sondern mindestens in einer Limousine, während jemand die Tür öffnet und ein anderer diskret das Gepäck übernimmt. Wir begnügen uns mit Anschauen und Fotografieren. Die Präsidentensuite brauchen wir heute ohnehin nicht. Unser Flug geht schließlich nachher.
Und genau das ist das Problem dieses Tages: Egal wie schön es gerade ist, irgendwo im Hinterkopf tickt ständig die Uhr.
Zum Glück bleibt noch genug Zeit für einen letzten wirklich kalifornischen Programmpunkt. Die Sonne scheint, der Himmel ist blau, und wir sind in Los Angeles. Also fahren wir nach Santa Monica. Wenn man einen Roadtrip durch den amerikanischen Westen beenden muss, dann bitte am Pazifik.
Der Santa Monica Pier ist schon von weitem nicht zu übersehen. Das Riesenrad und die Achterbahn des Pacific Park stehen über dem Wasser, Möwen kreisen herum, unten zieht sich der breite Sandstrand kilometerweit an der Küste entlang, und auf dem Pier herrscht dieses herrliche Gemisch aus Urlaubern, Einheimischen, Straßenkünstlern, Familien und Menschen, die offensichtlich den ganzen Tag nichts anderes vorhaben, als aufs Meer zu schauen. Genau das gefällt uns gerade ausgesprochen gut.
Und dann steht da natürlich dieses Schild: Santa Monica 66 – End of the Trail. Passender könnte es heute kaum sein. Wir sind während dieser Reise immer wieder auf der Route 66 unterwegs gewesen, gestern noch in Ludlow und Barstow, und nun stehen wir am offiziellen symbolischen Ende am Pazifik. Gleichzeitig ist es auch für uns das Ende der Straße. Unser Roadtrip ist vorbei. Na gut, fast. Wir müssen noch zum Flughafen, aber emotional zählt eine Mietwagenrückgabe bei Alamo nicht mehr als Roadtrip.
Wir laufen über den Pier, schauen der Santa Monica Police bei ihrer ausgesprochen anstrengenden Arbeit in bester Meerlage zu und lassen uns schließlich auf einer Bank nieder. Leute beobachten ist ohnehin eine meiner liebsten kostenlosen Sehenswürdigkeiten. Dafür braucht man weder Eintritt noch Öffnungszeiten, und das Programm wechselt ständig. Familien ziehen mit Kindern vorbei, Touristen fotografieren das Route-66-Schild, irgendwo läuft Musik, Menschen stehen mit Essen in der Hand herum, und über allem drehen sich Riesenrad und Achterbahn. Stefan sitzt zwischendurch standesgemäß auf der Bank vor Bubba Gump, und natürlich denkt man sofort an Forrest Gump. Eigentlich fehlt nur noch jemand, der uns erklärt, dass das Leben wie eine Schachtel Pralinen ist.
Ein Eis muss ebenfalls sein. Ben & Jerry’s ist schließlich vor Ort, und wenn wir in wenigen Stunden in einem Flugzeug sitzen, ist jetzt wirklich nicht der Zeitpunkt, plötzlich über Kalorien nachzudenken. Wir schlendern noch einmal über den Pier, schauen hinunter auf den riesigen Strand und den Pazifik und versuchen, diese letzten Minuten möglichst langsam verstreichen zu lassen. Nach zwei Wochen voller Landschaften, Straßen und ständig neuer Eindrücke einfach hier zu sitzen, mit blauem Himmel über uns und dem Meer vor uns, ist tatsächlich ein ziemlich perfekter Abschluss.
Aber irgendwann hilft alles nichts. Gegen 13:30 Uhr müssen wir los. Wir fahren noch ein Stück an der Küste entlang Richtung Flughafen. Der Pazifik glitzert neben uns, und ich hätte überhaupt nichts dagegen, einfach weiterzufahren. San Diego wäre eine Möglichkeit. Oder wir drehen um und fahren wieder nach Utah. Alaska wäre allerdings mit dem Mietwagen etwas kompliziert. Leider gewinnt die Vernunft.

Wobei – ganz kampflos ergibt sie sich nicht. Denn auf dem Weg entdecken wir noch einen Harley-Davidson-Shop. Natürlich halten wir an. Die Koffer sind voll, wir haben bereits T-Shirts gekauft und sollten eigentlich zum Flughafen. Das sind drei ausgezeichnete Gründe, nicht anzuhalten. Wir tun es trotzdem. Offenbar besitzt ein Harley-Davidson-Schild bei uns dieselbe Wirkung wie ein Not-Aus-Schalter. Und irgendwie passen die zusätzlichen T-Shirts später natürlich doch noch ins Gepäck. Raum ist schließlich eine Frage der Entschlossenheit.
Gegen 14:30 Uhr rollen wir bei Alamo auf den Hof. Nach zwei Wochen und vielen Meilen geben wir unseren Mietwagen zurück. Die Abgabe läuft amerikanisch unkompliziert: hinfahren, Mitarbeiter schaut kurz, Daten werden erfasst, fertig. Kein gemeinsames Studium jedes einzelnen Staubkorns, keine feierliche Übergabezeremonie. Unser treuer Oklahoma-Begleiter bleibt zurück, und plötzlich stehen wir mit unseren Koffern da. Das ist immer der Moment, an dem ein Roadtrip endgültig endet. Solange man das Auto noch hat, könnte man theoretisch jederzeit wieder losfahren. Jetzt nicht mehr.

Vor uns sitzt eine amerikanische Frau, vielleicht Mitte dreißig, neben ihr ein deutlich jüngerer Mann – die beider gehören offensichtlich nicht zusammen. KLosaum sind wir in der Luft, beginnt die Dame mit einer Beschäftigung, die sich zu unserem ganz persönlichen Bordprogramm entwickelt: Sie schminkt sich. Nicht ein bisschen Puder, Lippenstift, fertig. Nein, sie startet offenbar ein Komplettprogramm, für das andere Menschen einen Termin, einen beleuchteten Spiegel und vermutlich eine kleine Kosmetikfachkraft benötigen würden. Nach und nach verschwinden Cremes, Tuben, Döschen, Pinsel und weitere Gerätschaften aus ihrem Handgepäck, und mit jeder neuen Schicht wächst unsere stille Bewunderung für die Größe dieses Vorratslagers. Ich hätte schwören können, dass irgendwo unter ihrem Sitz noch eine Schublade mit Ersatzprodukten eingebaut war.
Besonders unterhaltsam ist dabei die permanente Qualitätskontrolle. Nach jedem größeren Arbeitsschritt dreht sie sich zu ihrem Sitznachbarn und möchte wissen, wie das Ergebnis aussieht. Anfangs reagiert er noch aufmerksam und höflich, betrachtet ihr Gesicht und bestätigt brav, dass alles sehr schön geworden sei. Je länger die Sitzung dauert, desto deutlicher merkt man allerdings, wie seine Begeisterung nachlässt. Während sie weiter tuscht, pinselt und korrigiert, nimmt sein Gesicht zunehmend diesen Ausdruck an, den Männer vermutlich seit Jahrhunderten perfektionieren, wenn sie begriffen haben, dass es keine richtige Antwort mehr gibt, sondern nur noch Antworten, die den Abend nicht unnötig verlängern.
Der eigentliche Höhepunkt beginnt beim Augen-Make-up. Dafür holt sie einen gewaltigen Vergrößerungsspiegel hervor, der eher nach medizinischem Präzisionsinstrument als nach Reiseutensil aussieht. Sie hält ihn so vor sich, dass wir zwischen den Sitzen plötzlich von einem gigantisch vergrößerten Auge angestarrt werden. Dieses Auge schwebt gefühlt mitten im Gang, jede Wimper formatfüllend, und ich muss mich ernsthaft zusammenreißen, nicht loszulachen. Kurz darauf folgt natürlich wieder die Abnahme durch den mittlerweile deutlich mürberen Sitznachbarn. „What do you think about my lashes?“ fragt sie ihn, und seine Antwort kommt mit jener erschöpften Höflichkeit, die keinerlei Diskussion mehr zulässt: „Beautiful. Everything is really beautiful.“ Ich glaube, in diesem Moment hätte sie sich auch drei zusätzliche Augenbrauen aufmalen können, und er hätte vermutlich nur noch genickt.

Inzwischen haben auch die Flugbegleiterinnen mitbekommen, was sich da vor uns abspielt, und man sieht ihnen an, dass sie Mühe haben, professionell zu bleiben. Die Show zieht sich weiter, und irgendwann wird klar, dass wir hier nicht von zehn oder zwanzig Minuten reden, sondern von gut zweieinhalb Stunden. Zweieinhalb Stunden Schminken in einem A380. Ich brauche morgens für Duschen, Anziehen, Haare und Kaffee deutlich weniger Zeit, und das Ergebnis wird dabei auch irgendwie gesellschaftsfähig genug. Unsere Mitreisende dagegen scheint sich in einem fortlaufenden Optimierungsprozess zu befinden, bei dem jede erfolgreich abgeschlossene Phase lediglich die Grundlage für die nächste bildet.
Als wir denken, das Arsenal müsse nun endgültig erschöpft sein, holt sie noch eine größere Tasche aus dem Gepäckfach. Beim Herausziehen rammt sie das gute Stück beinahe einem gegenüber sitzenden Passagier auf die Schulter und breitet anschließend mitten im Gang weiteren Kosmetikkram aus, offenbar auf der Suche nach einem ganz bestimmten Produkt. Natürlich geschieht das exakt in dem Moment, als eine Flugbegleiterin mit dem Frühstückswagen durch möchte. Für ein paar Sekunden steht also der komplette Bordservice still, weil vor uns eine mobile Beauty-Abteilung eröffnet wurde. Besser hätte man die Szene kaum inszenieren können. Andere Passagiere schauen Filme; wir bekommen eine Live-Produktion inklusive Improvisation, Statisten und genervtem Nebendarsteller.
Irgendwann endet die Vorstellung tatsächlich, wir essen, schlafen ein wenig, schauen aus dem Fenster und beschäftigen uns mit unseren Geräten, während der A380 weiter Richtung Europa fliegt. Als wir schließlich pünktlich in Paris landen, gehe ich davon aus, dass wir die Geschichte abhaken können. Die Dame ist geschminkt, die Wimpern sind überprüft, der Sitznachbar hat überlebt. Mehr kann man von einem Transatlantikflug wirklich nicht verlangen.
Dann gehe ich am Flughafen auf die Toilette und treffe sie wieder. Natürlich steht sie vor dem Spiegel. Vor ihr liegen erneut diverse Kosmetikartikel auf der Ablage, und sie ist bereits wieder mitten in der Arbeit. In diesem Moment gebe ich endgültig auf, die Sache verstehen zu wollen. Vielleicht ist Make-up für sie kein Zustand, sondern ein Prozess. Vielleicht wird es nie fertig. Vielleicht ist das Ganze eher vergleichbar mit dem Streichen der Golden Gate Bridge: Wenn man hinten angekommen ist, fängt man vorne einfach wieder an. Jedenfalls muss ich unwillkürlich grinsen und denke, dass dieser Flug vermutlich noch lange in Erinnerung bleiben wird, ganz unabhängig vom A380.
Die Wartezeit auf unseren Anschlussflug nach Stuttgart ist anschließend ziemlich lang, aber mit Bildersortieren und Schreiben vergeht sie erstaunlich schnell. Nach zwei Wochen Roadtrip haben wir schließlich genug Material, um uns problemlos mehrere Stunden zu beschäftigen. Irgendwann steht dann unser Embraer 190 bereit, der nach dem riesigen A380 beinahe wie dessen Beiboot wirkt. Wir steigen ein, fliegen das letzte Stück nach Stuttgart und landen schließlich wieder zu Hause – mit vollen Speicherkarten, randvollen Koffern und einer ganzen Sammlung von Geschichten, bei denen man vorher nie auf die Idee gekommen wäre, dass ausgerechnet sie hängen bleibe.



























