Von Steinbögen, Schneestraßen und Stefans unfreiwilligem Moorbad
Am Morgen starten wir ausnahmsweise einmal ohne größere Hektik. Im Whispering Sands Motel gibt es kein Frühstück, also improvisieren wir im Zimmer mit dem, was wir dabeihaben. Unsere Nachbarn draußen sind derweil schon wieder mit ihrem Grill beschäftigt. Oder immer noch. So ganz sicher bin ich mir da nicht. Jedenfalls liegt schon am frühen Morgen dieser intensive Duft von gebratenem Fleisch in der Luft, der einem zuverlässig das eigene Brot beleidigend langweilig erscheinen lässt.
Während bei uns eher die Kategorie „zweckmäßig und magenfüllend“ auf dem Tisch steht, haben die Herrschaften nebenan offenbar beschlossen, Hanksville gastronomisch eigenständig zu versorgen. Ich bin kurz versucht, einfach mit einem Teller rüberzugehen und mich wortlos dazuzustellen. Aber wir haben heute einiges vor, und so lassen wir die halbe Kuh auf dem Grill hinter uns und machen uns auf den Weg nach Panguitch.

Die Route dorthin ist allerdings alles andere als bloße Anreise. Wir wollen durch den Capitol Reef National Park und anschließend über den Highway 12 fahren, eine Strecke, bei der selbst die Straße offenbar weiß, dass sie hübsch ist. Dummerweise meldet sich meine Erkältung inzwischen ziemlich deutlich zu Wort. Ich habe mir am Vorabend im Supermarkt vorsorglich alles gekauft, was irgendwie nach „Cold“, „Flu“, „Night“, „Day“, „Extra Strength“ oder sonstwie überzeugend medizinisch klingt. In amerikanischen Drogerieregalen hat man ja schnell das Gefühl, mit genügend verschiedenfarbigen Packungen entweder vollständig zu genesen oder zumindest für ein kleines Pharmastudium ausgestattet zu sein. Viel geholfen hat es bislang allerdings nicht. Ich fühle mich schlapp, die Nase macht ihr eigenes Programm und insgesamt bin ich ungefähr so energiegeladen wie ein nasser Waschlappen. Aber krank sein können wir später. Jetzt ist Urlaub.
Gegen halb acht verlassen wir Hanksville und fahren Richtung Capitol Reef. Die Landschaft verändert sich langsam, die Felsen werden größer, farbiger und dramatischer, bis wir kurz nach acht den Nationalpark erreichen. Unser erster Halt ist der Hickman Bridge Trailhead. Und nein, wir haben nach den letzten Tagen selbstverständlich noch nicht genug Steinbögen gesehen. Man könnte meinen, irgendwann sei einmal gut mit Löchern im Fels. Offenbar nicht bei uns. Sie stehen da, wir laufen hin. So einfach ist das.
Der Trail beginnt zunächst recht harmlos am Fremont River und steigt dann über einige Steinstufen an. Zwischen den Felsen liegen überall große dunkle Boulder herum, als hätte jemand beim Aufräumen einer gigantischen Baustelle irgendwann die Motivation verloren. Der Weg wird nach und nach steiler, aber die Landschaft entschädigt für jeden Schritt. Das rote und cremefarbene Gestein leuchtet in der Morgensonne, in schattigen Bereichen liegt noch Schnee und über allem spannt sich ein tiefblauer Himmel. Diese Mischung aus Wüste und Winter sieht völlig verrückt aus. Gerade noch läuft man durch roten Sand, zehn Meter weiter stapft man durch eine Schneefläche. Utah kann sich offenbar auch nicht entscheiden, welche Jahreszeit gerade zuständig ist.

Nach einer Weile erreichen wir eine Weggabelung, von der es nur noch gut eine halbe Meile bis zur Hickman Bridge ist. Der Weg führt hinunter in einen Wash, vorbei an der kleinen Nel Johnson Natural Bridge, die in den meisten Beschreibungen eher unter „auch noch vorhanden“ läuft, dabei aber wirklich hübsch ist. Danach geht es wieder hinaus aus dem Wash und über Slickrock weiter. Wo die Sonne hinkommt, ist der Fels trocken und warm, in den Schatten klebt dagegen noch ordentlich Schnee. Wenig später taucht schließlich die Hickman Bridge vor uns auf. Mit ihrer großen Spannweite wirkt sie deutlich imposanter als auf den Bildern, und wieder einmal bestätigt sich, dass Steinbögen zwar grundsätzlich immer dasselbe Prinzip verfolgen – Loch im Fels – aber trotzdem jeder irgendwie anders aussieht.
Der Trail führt direkt unter der Bridge hindurch und in einem kleinen Loop zurück zum Hauptweg. Gegen zehn sind wir wieder am Auto. Für meine Erkältung war das Ganze vermutlich eher keine ärztlich empfohlene Maßnahme, aber immerhin ist die Nase jetzt durch die frische Luft gründlich durchgepustet.

Wir fahren weiter Richtung Visitor Center und wollen anschließend eigentlich die Capitol Gorge Road nehmen. Doch auch hier macht uns der Winter einen Strich durch die Rechnung. Wegen Schnee ist die Straße gesperrt. Langsam entwickelt sich diese Reise zu einer Veranstaltung unter dem Motto: „Dirt Road geplant – Plan B bekommen.“
Also fahren wir den Scenic Drive so weit, wie es möglich ist, und drehen an der Sperre wieder um. Ärgerlich ist das zwar, aber lange beleidigt sein kann man hier nicht. Die Landschaft ist schlicht zu schön. Wir stoppen am Panorama Point und am Goosenecks Overlook, wo die Felsen ebenfalls noch mit Schnee überzogen sind. Dieses Weiß auf den roten und braunen Gesteinsschichten sieht aus, als hätte jemand Puderzucker über die Wüste gestreut. Dazu dieser knallblaue Himmel – fotografisch kann man sich kaum beschweren. Nur die Nase läuft. Aber irgendwas ist ja immer.
In Torrey legen wir eine Mittagspause ein. Gleich am Ortseingang finden wir ein kleines Café und bestellen Sandwiches mit Tomatensuppe. Genau das Richtige für einen Tag, an dem draußen zwar die Sonne scheint, der Winter aber trotzdem unübersehbar mitfährt. Nach dem Essen geht es auf den Highway 12. Und ab hier wird die Strecke richtig spektakulär. Wir fahren durch verschneite Wälder, über Höhenzüge und immer wieder an Aussichtspunkten vorbei, von denen einige wegen des Schnees allerdings nicht zugänglich sind. Das stört kaum. Selbst vom Straßenrand aus gibt es genug zu sehen. Schnee glitzert zwischen den Bäumen, darüber ein wolkenloser Himmel, und irgendwo unten liegt schon wieder die rote Wüstenlandschaft. Innerhalb weniger Meilen wechseln wir gefühlt mehrfach die Klimazone.
Auf dem Hogsback schlängelt sich die Straße über einen schmalen Bergrücken, auf beiden Seiten geht es steil hinunter. Der Highway 12 ist eine dieser Straßen, bei denen man sich irgendwann fragt, ob derjenige, der sie gebaut hat, wirklich eine möglichst direkte Verbindung schaffen wollte oder einfach nur Spaß daran hatte, Autos durch möglichst spektakuläre Landschaft zu schicken. Hinter beinahe jeder Kurve sieht es anders aus. Mal Wald, mal Fels, mal Schnee, mal offene Wüste. Eigentlich könnte man alle paar hundert Meter anhalten. Man käme dann allerdings vermutlich erst drei Tage später in Panguitch an.
Kurz vor Escalante kommt dann wieder unser mittlerweile bestens erprobter Plan B zum Einsatz. Da die Capitol Gorge ausgefallen ist, wollen wir zum Zebra Slot Canyon. Bilder davon habe ich im Internet gesehen, und die sehen so spektakulär aus, dass ich beschlossen habe: Da müssen wir hin. Also biegen wir auf die Hole-in-the-Rock Road ab und fahren ungefähr acht Meilen hinein. Nach dem dritten Cattle Guard beginnt der Trail. Anfangs ist der Weg noch gut zu erkennen und schlängelt sich durch die karge Landschaft. Später kreuzen wir immer wieder trockene Washes, und die Orientierung wird zunehmend kreativer.
Unterwegs überholt uns eine Gruppe Jugendlicher, die ebenfalls zum Zebra Slot möchte. Wir wechseln kurz ein paar Worte und laufen anschließend weiter. Je tiefer wir hineinkommen, desto weniger eindeutig ist der Weg. Anfangs glaubt man noch, jeder sichtbare Trampelpfad sei vermutlich der richtige. Später sehen allerdings plötzlich alle Spuren gleich plausibel aus. Zum Glück hat Stefan den Trail auf unserer GPS-App gespeichert. So können wir immer wieder kontrollieren, ob wir tatsächlich noch in Richtung Canyon laufen oder gerade dabei sind, versehentlich Nevada zu Fuß zu erreichen.
Schließlich gelangen wir in den Harris Wash und folgen dem breiten, trockenen Flussbett, bis es sich verzweigt. Wir nehmen den nördlichen Seitenarm und irgendwann taucht tatsächlich der Eingang des Zebra Slots vor uns auf. Geschafft. Nach der langen Sucherei stehen wir endlich dort, wo wir hinwollten. Der Boden besteht aus feinem, weichem Sand, hier und da liegen kleine Wasserstellen. Nichts Dramatisches. Denken wir.
Stefan läuft ein paar Schritte voraus. Und dann verschwindet plötzlich ein Bein.
Nicht ein bisschen einsinken. Nicht knöcheltief. Nein. Bis übers Knie steckt er mit einem Schlag im nassen Sand. Ich bekomme einen Riesenschreck und sehe ihn in diesem Moment gedanklich schon langsam Richtung Erdmittelpunkt verschwinden. Stefan schafft es aber problemlos wieder heraus, steht anschließend mit völlig durchnässtem Hosenbein und Schuh da – und hat vor allem eine Sache zu beanstanden: Ich habe kein Foto gemacht. Offenbar war mein Fehler nicht, ihn nicht sofort herauszuziehen, sondern diesen historischen Moment fotografisch unzureichend dokumentiert zu haben.
Damit ist allerdings klar: Weiter hinein gehen wir nicht. Wenn schon der Boden am Eingang Menschen probeweise verschluckt, müssen wir nicht unbedingt testen, was weiter hinten noch angeboten wird. So ärgerlich es auch ist – wir kehren um. Der Zebra Slot liegt direkt vor uns, und trotzdem bleibt er heute unerreichbar. Sicherheit geht vor, auch wenn das Fotografenherz dabei kurz beleidigt in der Ecke sitzt.
Auf dem Rückweg treffen wir die Jugendlichen wieder. Sie haben den Eingang zunächst nicht gefunden, also erklären wir ihnen den Weg und warnen vor dem tückischen Sand. Später erfahren wir, dass sie versucht haben, barfuß hineinzugehen. Theoretisch eine Idee. Praktisch ist das Wasser im März offenbar ungefähr auf Kühlschranktemperatur, weshalb auch sie ihren Versuch abbrechen. Damit sind wir wenigstens nicht die einzigen, die heute unverrichteter Dinge zurücklaufen.
Stefan watschelt inzwischen mit nassem Bein durch die Landschaft zurück zum Auto. Zum Glück haben wir unser komplettes Gepäck dabei, sodass er sich dort trockene Sachen anziehen kann. Und genau in diesem Moment taucht eine Kuh auf. Sie steht ein Stück entfernt neben der Straße und beobachtet mit bemerkenswerter Aufmerksamkeit, wie Stefan mitten an der Hole-in-the-Rock Road die Hose wechselt. Ihr Gesichtsausdruck lässt wenig Zweifel daran, dass sie das Ganze zumindest interessant findet. Vielleicht denkt sie auch nur: Touristen. Im Sommer hängen sie an Klippen, im Winter ziehen sie sich neben meinem Weideplatz aus.
Frisch umgezogen geht es weiter Richtung Panguitch. Die Fahrt dauert noch etwa zwei Stunden, und langsam wird der Tag lang. Meine Erkältung ist inzwischen auch wieder mit an Bord und erinnert mich zuverlässig daran, dass ich sie trotz Nationalparks, Schneelandschaften und versenktem Ehemann keineswegs vergessen habe. Als wir schließlich Panguitch erreichen, hoffen wir wenigstens auf unser Lieblingsrestaurant, das Cowboy Smokehouse. Natürlich hat es Winterpause. Warum sollte heute auch einmal irgendetwas ohne Plan B funktionieren?
Wir checken im Blue Pine Motel ein und fragen nach einer Alternative. Die Mitarbeiterin empfiehlt uns das Flying M. Es sei gut. Und, noch wichtiger: Es sei geöffnet. In einem kleinen Ort außerhalb der Saison gewinnt diese Information deutlich an Bedeutung. Also fahren wir hin. Das Flying M hat zwar nicht ganz den rustikalen Charme unseres geliebten Cowboy Smokehouse, aber die Portionen sind riesig und das Essen schmeckt. Nach diesem Tag reicht uns das vollkommen. Wir hatten Schnee und Sonne, einen gesperrten Scenic Drive, eine wunderschöne Wanderung, einen nicht erreichten Slot Canyon, einen bis zum Knie versenkten Stefan und eine Kuh mit Voyeurqualitäten. Da darf das Abendessen ruhig einfach nur gut sein.
Und ganz nebenbei haben wir wieder einmal bewiesen, dass ein Plan B auf unseren Reisen keineswegs nur eine Notlösung ist. Manchmal ist er schlicht der Teil des Tages, an den man sich später am besten erinnert.























































