12 Kilometer Primitive Loop – und danach mal eben noch zum Delicate Arch
Wenn man einen Tag im Arches National Park möglichst vollständig ausnutzen möchte, gibt es offenbar nur eine vernünftige Uhrzeit fürs Frühstück: kurz vor sechs. Zumindest sind Stefan und ich davon überzeugt. Denny’s ist zu dieser nachtschlafenden Zeit bereits geöffnet, wir bekommen etwas Ordentliches in den Magen und sitzen um halb sieben tatsächlich schon wieder im Auto. Andere Menschen drehen sich jetzt vermutlich noch einmal im Bett um. Wir fahren in den Arches National Park. Der frühe Vogel und so. Wobei ich bei uns manchmal den Verdacht habe, dass der frühe Vogel vor allem deshalb so früh unterwegs ist, weil er einen leicht gestörten Ehrgeiz entwickelt hat, möglichst viel Urlaub in einen einzigen Tag zu pressen.
Heute lohnt sich das frühe Aufstehen allerdings schon auf der Fahrt. Über Nacht ist es kalt gewesen, und in den schattigen Bereichen liegen noch Schnee und Raureif auf den Gräsern und niedrigen Sträuchern. Gleichzeitig steht die Sonne bereits tief über der Landschaft und trifft auf die roten Sandsteinfelsen. Diese Kombination aus warmem Morgenlicht, blauem Himmel und weißen Flecken sieht wunderschön aus. Arches im Winterkleid – zumindest stellenweise. Dort, wo die Sonne bereits hinkommt, verschwindet das Weiß langsam wieder, während sich auf den Schattenseiten der Winter hartnäckig hält. Das Wetter könnte für unseren heutigen Plan kaum besser sein.
Wir wollen den Devils Garden Primitive Loop laufen. Rund zwölf Kilometer, einmal durch den hintersten Teil des Devils Garden, und deshalb verschwenden wir auf der Hinfahrt keine Zeit mit den zahlreichen Viewpoints. Die kommen später dran. Jetzt fahren wir praktisch bis ans Ende der Parkstraße durch und erreichen gegen halb acht den Trailhead.
Und wir sind allein.
Das muss man sich einmal vorstellen. Vor zwei Jahren waren wir schon einmal hier – bei ausgesprochen hässlichem Regenwetter – und trotzdem waren die Parkplätze voll. Heute stehen wir bei blauem Himmel auf einem praktisch leeren Parkplatz. Damit wäre die Sache mit dem frühen Vogel für heute offiziell bestätigt. Er bekommt vielleicht nicht immer den Wurm, aber im Arches National Park bekommt er einen Parkplatz und einen Trail für sich allein. Das ist mir ohnehin lieber.
Die ersten knapp anderthalb Kilometer bis zum Landscape Arch sind noch vollkommen harmlos. Ein breiter, sandiger Weg führt zwischen den roten Felsen hindurch, die Morgensonne kommt langsam über die Sandsteinwände und wir spazieren ausgesprochen entspannt durch die Landschaft. Dann liegt der Landscape Arch vor uns – dieser unglaublich lange, dünne Steinbogen, bei dem man sich zwangsläufig fragt, wie das Ganze überhaupt noch halten kann. Rund 92 Meter spannt er sich über den Boden und an seiner dünnsten Stelle sieht er eher so aus, als hätte die Statik irgendwann Feierabend gemacht und vergessen, Bescheid zu sagen.
Bis hierher ist Devils Garden eine nette Wanderung. Hinter dem Landscape Arch ändert sich das. Jetzt beginnt der Primitive Loop, und schon der Name deutet dezent darauf hin, dass wir die Kategorie „breiter Spazierweg“ verlassen. Wegweiser gibt es nur noch gelegentlich, und aus einem klassischen Wanderweg wird zunehmend eine Mischung aus Sand, Fels, Kletterei und der Frage: „Da lang? Ernsthaft?“ Großartig verlaufen kann man sich trotzdem kaum, denn häufig gibt die Landschaft die Richtung vor. Links Felswand, rechts Felswand, dazwischen irgendwo eine Möglichkeit, einen menschlichen Körper hindurchzubefördern – also wird das wohl der Weg sein.
Genau deshalb macht es so viel Spaß. Wir laufen über Sandstein, quetschen uns zwischen Felsen hindurch und klettern auf die langen schmalen Sandstone Fins hinauf. Von oben öffnen sich immer wieder fantastische Blicke über den Devils Garden. Die roten Felsrippen ziehen sich durch die Landschaft, dazwischen liegen kleine Schneereste, und über allem spannt sich dieser tiefblaue Himmel, den der amerikanische Südwesten offenbar exklusiv gepachtet hat. Noch dazu begegnet uns kaum jemand. Für weite Strecken haben wir diese ganze bizarre Landschaft tatsächlich für uns.
Nach ungefähr vierzig Minuten erreichen wir den Partition Arch. Besonders riesig ist er nicht, aber seine Lage macht ihn zu etwas Besonderem. Man kann hinter den Arch laufen und schaut von dort durch die beiden Öffnungen hinaus in die weite Landschaft. Vor uns liegen rote Felsen, dahinter in der Ferne die schneebedeckten La Sal Mountains. Wir bleiben eine ganze Weile dort oben sitzen und genießen einfach die Ruhe. Und mit Ruhe meine ich wirklich Ruhe.
Kein Verkehr, kein Stimmengewirr, kein Handygebimmel, nichts. Nur Wind und diese unglaubliche Landschaft. Solche Momente sind wahrscheinlich einer der Gründe, weshalb wir immer wieder hierherkommen. Man sitzt irgendwo in Utah auf einem Felsen, schaut durch ein Loch im Sandstein auf schneebedeckte Berge und findet es plötzlich vollkommen normal, zwanzig Minuten lang einfach gar nichts zu tun. Natürlich machen wir nebenbei ungefähr 238 Fotos. So konsequent sind wir mit dem Nichtstun dann doch nicht.
Nur eine knappe halbe Meile weiter wartet der Navajo Arch. Von außen betrachtet gehört er zunächst nicht unbedingt zu den spektakulärsten Vertretern seiner Art. Ein Steinbogen zwischen mächtigen Felswänden – hübsch, aber hier im Arches National Park herrscht schließlich eine gewisse Konkurrenz. Erst als wir hindurchgehen, verändert sich der Eindruck völlig. Hinter dem Arch stehen wir plötzlich in einem geschützten, fast höhlenartigen Raum. Hohe Sandsteinwände umgeben uns, nach oben ist alles offen, und das Licht fällt nur stellenweise hinein. Ein halb abgestorbener Baum steht am Eingang und macht die Szenerie endgültig ein bisschen geheimnisvoll.

Ich liebe diesen Ort.Die Fotos vom Navajo Arch gehören schon jetzt zu meinen Lieblingsbildern dieser Reise. Vielleicht gerade deshalb, weil er nicht auf den ersten Blick mit Größe protzt. Man muss hineingehen, um zu verstehen, was ihn besonders macht.
Ein Holzschild verkündet anschließend, dass es noch ungefähr eine Meile bis zum Double O Arch ist. Also weiter. Der Weg führt jetzt immer häufiger über blanken Sandstein. Manchmal laufen wir oben auf schmalen Felsrücken entlang, manchmal geht es wieder hinunter zwischen die Wände. Es gibt Stellen, an denen man eher klettert als wandert, und spätestens jetzt wird klar, weshalb dieser Trail „Primitive“ heißt und nicht „Devils Garden gemütlicher Sonntagsspaziergang“.
Der Double O Arch ist schließlich wieder einer dieser Orte, bei denen sich ein bisschen Herumklettern lohnt. Von vorne ist er schön – von hinten gefällt er uns noch besser. Also durch den unteren Bogen hindurch und auf die andere Seite. Dort zeigt sich die ganze Konstruktion erst richtig: zwei übereinanderliegende Öffnungen im roten Sandstein, eingerahmt von dieser wilden Felslandschaft. In der Nähe entdecke ich außerdem einen nahezu kugelrunden Felsbrocken. Natürlich muss ich versuchen, ihn wegzurollen. Man weiß ja nie.
Vielleicht liegt dieses Ding seit ein paar Millionen Jahren nur deshalb dort, weil bislang niemand beherzt genug dagegen gedrückt hat. Ich stelle mich also an die Steinkugel und gebe mein Bestes. Das Ergebnis fällt geologisch wenig überraschend aus. Der Stein bleibt exakt dort, wo er ist. Utah kann aufatmen. Ich habe die Landschaft nicht nachhaltig verändert.
Am Double O Arch könnten wir nun umdrehen und auf demselben Weg zurücklaufen. Aber wo wäre da der Spaß? Wir wollen den kompletten Primitive Loop. Und ab hier beginnt eigentlich der Teil, der mir später am stärksten in Erinnerung bleiben wird. Die großen bekannten Arches liegen hinter uns, dafür wird der Weg selbst zur Sehenswürdigkeit.
Wir laufen weiter über die sogenannten Sandstone Fins, diese langen, schmalen Felsrippen, die sich wie gewaltige Rücken durch die Landschaft ziehen. Entstanden sind sie über unvorstellbar lange Zeiträume, weil Wasser in feine Risse des Sandsteins eindringt, im Winter gefriert, das Gestein Stück für Stück aufsprengt und Wind und Wetter den Rest erledigen. Geologie arbeitet offenbar grundsätzlich ohne Termindruck. Das Ergebnis sieht dafür ziemlich spektakulär aus: rote Steinrücken, schmale Durchgänge und bizarre Formen, als hätte jemand riesige Sandsteinplatten senkrecht in die Wüste gestellt und anschließend beschlossen, dass das so schon passt.

Der Weg führt mal oben über diese Felsrippen, mal wieder hinunter zwischen sie. Mit klassischem Wandern hat das inzwischen nur noch bedingt etwas zu tun. Wir steigen, klettern, rutschen, quetschen uns durch schmale Stellen und suchen immer wieder nach der nächsten vernünftigen Möglichkeit, irgendwie weiterzukommen. Manchmal ist der Weg eindeutig, manchmal eher eine Empfehlung. Aber genau das macht den Primitive Loop so großartig. Hier läuft man nicht auf einem sauber angelegten Pfad durch eine schöne Landschaft, man ist mittendrin und muss sich seinen Weg regelrecht erarbeiten.

Nach einer Weile suchen wir uns einen schönen Platz für unsere Mittagspause. Hoch oben auf dem Sandstein finden wir eine Stelle mit herrlicher Aussicht über den Devils Garden und machen es uns dort gemütlich. Vor uns liegt diese zerklüftete rote Landschaft, darüber der tiefblaue Himmel, und weit und breit ist kaum jemand zu sehen. Unser Picknick dürfte kulinarisch eher in die Kategorie „praktisch“ gefallen sein, aber bei dieser Aussicht hätte vermutlich selbst ein labbriges Sandwich Sternequalität bekommen.
Bis dahin ist der Trail zwar anstrengend, aber wunderbar machbar. Wir haben uns durch dicke Felsen gezwängt, sind über schräge Sandsteinflächen gekraxelt und an manchen Stellen mehr oder weniger elegant auf dem Hintern nach unten gerutscht. Elegant natürlich vor allem in meiner eigenen Erinnerung. Dann kommen wir allerdings an eine Stelle, an der der Trail plötzlich eine kleine Überraschung für uns bereithält. Vor uns befindet sich eine riesige Wasseransammlung.
Zuerst habe ich sie noch „Pfütze“ genannt. Das ist ungefähr so, als würde man den Bodensee als etwas feuchte Wiese bezeichnen. Das Ding hat locker vier Meter Durchmesser und dürfte vierzig oder fünfzig Zentimeter tief sein. Ein kleiner Teich mitten im Weg. Im Sommer wahrscheinlich kein Problem, denn vermutlich ist er dann entweder leer oder man läuft einfach durch. Anfang März ist das allerdings wenig verlockend. Wasser in Wanderschuhen bei diesen Temperaturen gehört nicht zu den Dingen, die ich auf meiner persönlichen Wunschliste stehen habe.
Rechts und links steigen glatte Felswände hoch. Einfach außen herum laufen funktioniert nicht. Also stehen wir erst einmal da und betrachten unser Problem. Wir haben inzwischen ungefähr drei Viertel des gesamten Loops hinter uns. Jetzt umkehren und den ganzen Weg zurücklaufen? Sicher nicht. Irgendwo muss man schließlich vorbeikommen.
Dann entdecken wir Fußspuren, die rechts am Felsen entlangführen. Na bitte. Andere Menschen waren also ebenfalls hier und haben offenbar eine Lösung gefunden. Wir folgen den Spuren, laufen immer weiter am Fels entlang und sind guter Dinge, dass wir irgendwo oberhalb des Wasserlochs wieder auf den Trail stoßen. Nach ungefähr einem Kilometer endet diese Hoffnung allerdings ziemlich abrupt vor einer Felswand.
Schluss. Ende. Kein Durchgang. Damit haben wir gerade einen Kilometer in die falsche Richtung zurückgelegt und dürfen ihn nun selbstverständlich wieder zurücklaufen. Sehr schön. Auf diese Weise sammelt man schließlich auch Kilometer. Also zurück zum Teich.
Diesmal ist klar: Wir müssen direkt daran vorbei. Ich probiere mein Glück an der rechten Felswand. Sie ist steil, ziemlich glatt und bietet nur wenige Stellen, an denen man vernünftig Halt findet. Theoretisch könnte man oberhalb des Wassers entlangkommen. Praktisch sieht das bei mir zunächst so aus, dass ich ein Stück hinaufklettere, den Halt verliere und wieder herunterrutsche. Noch einmal. Wieder hoch. Wieder runter.

Nach dem dritten oder vierten Versuch komme ich mir langsam vor wie ein Käfer, der verzweifelt versucht, aus einer Badewanne zu klettern. Stefan steht daneben und verfolgt meine zunehmend ambitionierten Kletterversuche, während ich mich Stück für Stück nach oben arbeite und ebenso zuverlässig wieder zurückkomme.
Irgendwann klappt es tatsächlich. Ich finde eine kleine Kante, bekomme endlich genügend Halt und schaffe es oberhalb des Wasserlochs auf die andere Seite. Für einen kurzen Moment fühle ich mich wie Spiderman. Gut, Spiderman hätte vermutlich keine fünf Versuche gebraucht und wäre auch etwas eleganter angekommen, aber Details.
Stefan folgt mir an derselben Stelle und schafft es ebenfalls hinüber. Fast eine Stunde haben wir an diesem bescheuerten Wasserloch verbracht. Eine Stunde, um am Ende ungefähr vier Meter weiterzukommen. Das Verhältnis von Zeit zu Luftlinie ist vermutlich selbst für uns ein persönlicher Rekord. Aber wir sind drüben, keiner ist baden gegangen und zurücklaufen mussten wir auch nicht. Damit gilt die Aktion als voller Erfolg.
Der restliche Weg zum Parkplatz ist danach fast schon unspektakulär. Wieder Sand, Felsen, ein paar Stufen und erstaunlich viel bergauf. Ausgerechnet dieser letzte Abschnitt zieht sich allerdings gewaltig. Nach Stunden voller Kletterei hatten meine Beine offenbar beschlossen, dass ihre vertraglich vereinbarte Arbeitszeit längst überschritten ist. Plötzlich fühlt sich normales Gehen anstrengender an als sämtliche Felswände zuvor.

Nach insgesamt sechs Stunden und rund zwölf Kilometern stehen wir schließlich wieder am Parkplatz. Und ich bin begeistert. Der Primitive Loop gehört für mich schon jetzt zu den schönsten Trails, die wir bisher gelaufen sind. Nicht, weil hinter jeder Ecke ein weltberühmter Steinbogen wartet, sondern weil der Weg selbst das Abenteuer ist. Man klettert, sucht, balanciert und steht immer wieder plötzlich an Aussichtspunkten, die man auf einem normalen Spazierweg niemals erreichen würde. Genau mein Ding. Allerdings steht nächstes Jahr Angels Landing auf meinem Plan. Vielleicht muss ich meine persönliche Trail-Hitparade danach noch einmal überarbeiten. Aber das ist Zukunftsmusik. Für heute hätten zwölf Kilometer Primitive Loop eigentlich vollkommen gereicht. Eigentlich.
Denn natürlich sind wir noch längst nicht fertig. Es ist inzwischen nach 14 Uhr, wir haben sechs Stunden Kletterei in den Beinen und jeder vernünftige Mensch würde vermutlich sagen: Jetzt etwas essen, Füße hoch, Feierabend. Wir sagen stattdessen: Ach komm, wenn wir schon mal hier sind, schauen wir uns den Rest des Parks auch noch an. Man muss Prioritäten setzen.
Also fahren wir vom Devils Garden wieder Richtung Süden und stoppen zunächst bei der Windows Section. Hier stehen die berühmten North und South Windows wie zwei gewaltige steinerne Augen in der Landschaft. Nach dem Primitive Loop fühlt sich der kurze Weg dorthin beinahe unanständig bequem an. Keine Kletterei, keine Wasserlöcher, keine Felswände, an denen man sich wie ein Käfer hochkämpfen muss. Einfach aussteigen, ein paar Schritte laufen, staunen. So kann Wandern also auch funktionieren.
Viel Zeit lassen wir uns allerdings nicht, denn morgen wollen wir noch einmal ausführlicher herkommen. Heute ist unser eigentliches Ziel ein anderes. Bevor wir weiterfahren, nehmen wir aber noch den Double Arch mit, weil ich den einfach wunderschön finde. Zwei riesige Bögen, die ineinander übergehen und gemeinsam so aussehen, als hätte die Natur beschlossen, beim Thema Steinbogen ein bisschen übertreiben zu wollen. Natürlich klettern wir auch hier noch ein wenig herum, obwohl unsere Beine inzwischen vermutlich intern eine Beschwerde beim Management eingereicht haben.
Dann geht es zurück zum Auto und weiter Richtung Wolfe Ranch, dem Ausgangspunkt für den Trail zum Delicate Arch. Unterwegs steht noch der Balanced Rock direkt an der Straße herum, wie bestellt für einen schnellen Fotostopp. Dieser riesige Felsbrocken balanciert auf einem schmalen Sockel und sieht aus, als würde er bei der kleinsten falschen Bewegung herunterfallen. Tut er natürlich nicht. Vermutlich steht er da seit Jahrtausenden und lacht über jeden Besucher, der sich fragt, wann es endlich soweit ist.
Am Parkplatz der Wolfe Ranch stellen wir den Wagen ab und machen uns auf den nächsten Trail des Tages. Vor zwei Jahren sind wir hier bei über 35 Grad den blanken Slickrock hinaufgelaufen und wurden dabei langsam aber sicher medium rare. Heute ist Anfang März, die Sonne scheint, die Temperaturen liegen irgendwo um die 20 Grad und plötzlich fühlt sich der Aufstieg fast komfortabel an. Fast. Denn bergauf bleibt bergauf, ganz egal, ob man dabei gegrillt oder nur gepflegt durchgewärmt wird.
Der Weg zieht sich stetig nach oben über den glatten Sandstein. Wirklich schwierig ist er nicht, aber nach einem ohnehin schon langen Wandertag merkt man jeden Höhenmeter doppelt. Das Schöne am Delicate Arch Trail ist allerdings, dass man das Ziel fast bis zum Schluss überhaupt nicht sieht. Der Arch versteckt sich hinter einem Felsen und lässt einen erst einmal arbeiten. Kein kleiner Vorgeschmack, kein „da hinten ist er schon“, nichts. Man läuft und läuft, bis man schließlich um die letzte Felswand biegt. Und dann steht er da. Plötzlich. Der Delicate Arch.
Ganz allein auf seinem Felsplateau, dahinter die schneebedeckten La Sal Mountains. So oft man diesen Bogen auf Fotos gesehen hat, so viele Postkarten und Kalenderbilder davon existieren – wenn man selbst um diese Ecke kommt und ihn zum ersten Mal direkt vor sich sieht, wirkt er trotzdem vollkommen anders. Riesiger. Eleganter. Und irgendwie völlig absurd. Als hätte jemand einen monumentalen Torbogen mitten in diese Landschaft gestellt und vergessen, das Gebäude dazu zu bauen.

Wir suchen uns einen schönen Platz, bauen das Stativ auf und machen es uns so gut es geht bequem. Jetzt heißt es warten. Die Sonne sinkt langsam tiefer, das Licht wird wärmer und der rote Sandstein beginnt immer kräftiger zu leuchten. Hinter dem Arch liegen die schneebedeckten Berge und dieser Kontrast aus Rot, Blau und Weiß ist schlicht perfekt. Genau dafür sind wir hier.
Natürlich bin ich nicht die Einzige mit dieser Idee. Rund um den Arch sitzen Fotografen mit Stativen, Kamerataschen und dem entschlossenen Gesichtsausdruck von Menschen, die notfalls auch drei Stunden frieren würden, nur um am Ende exakt 30 Sekunden das richtige Licht zu bekommen. Dazwischen laufen Besucher zum Arch, stellen sich darunter, winken, posieren und sorgen dafür, dass ungefähr zwanzig Fotografen gleichzeitig innerlich leise schreien. Irgendwann klappt es aber doch und für ein paar Momente steht der Delicate Arch tatsächlich frei im Abendlicht.
Dann verschwindet die Sonne hinter dem Horizont – und fast im selben Moment dreht jemand die Heizung aus. Es wird schlagartig kalt. Sehr kalt.
Der Unterschied zwischen „ach, wie angenehm“ und „wo sind meine Handschuhe?“ beträgt in der Wüste offenbar ungefähr drei Minuten. Also packen wir Kamera und Stativ zusammen und machen uns auf den Rückweg. Der Vollmond steht inzwischen hell am Himmel und beleuchtet den Slickrock so gut, dass wir nicht einmal Taschenlampen brauchen. Irgendwie hat auch das etwas Besonderes: vor wenigen Minuten noch Sonnenuntergang am Delicate Arch, jetzt wandern wir im Mondlicht zurück zum Auto.
Als wir wieder am Parkplatz ankommen, sind unsere Beine endgültig der Meinung, dass dieser Tag lang genug war. Diesmal hören wir sogar auf sie. Zurück in Moab fehlt allerdings noch ein Punkt auf der Tagesordnung: Essen. Und nach einem Tag, an dem wir gefühlt halb Utah zu Fuß durchquert haben, muss es natürlich etwas Vernünftiges sein. Also fahren wir zur Moab Brewery. Ribs, Tri-Tip, selbstgebrautes Bier – genau das Richtige nach zwölf Kilometern Primitive Loop plus Delicate Arch als kleine Abendzugabe. Kalorien zählen wir heute ganz sicher nicht. Wenn der Körper noch Fragen hat, soll er sich bitte morgen melden.
Damit endet ein Tag, der morgens um halb sieben begann und irgendwie nie aufgehört hat, immer noch einen draufzusetzen. Erst der Devils Garden mit Landscape Arch, Partition Arch, Navajo Arch, Double O Arch und unserem ganz persönlichen Wasserloch-Abenteuer, danach noch Windows, Double Arch, Balanced Rock und zum Abschluss der Sonnenuntergang am Delicate Arch. Mehr Arches an einem Tag gehen vermutlich nur, wenn man anfängt, sie selbst zu bauen. Und morgen klingelt der Wecker um 4:30 Uhr. Canyonlands zum Sonnenaufgang. Offenbar haben wir Urlaub und sind deshalb fest entschlossen, möglichst wenig davon zu verschlafen.






































