Von Winterwunderland, Schlamm und einem Plan B namens Monument Valley
Das, was unser Motel unter „Frühstück“ versteht, fällt am Morgen eher in die Kategorie gut gemeint. Ein bisschen von diesem, ein bisschen von jenem und insgesamt nicht genug, um uns davon zu überzeugen, dass wir damit einen ganzen Tag im amerikanischen Südwesten bestreiten möchten. Also machen wir das, was man in solchen Fällen in den USA macht: Wir fahren zu IHOP.
Draußen ist es gerade einmal sieben Uhr morgens, aber die Sonne ist längst wach und gibt sich alle Mühe, Flagstaff aussehen zu lassen wie eine dieser übertrieben perfekten Weihnachtskarten. Auf den Bäumen liegen dicke Schneepolster, am Straßenrand türmen sich die weißen Haufen und alles glitzert im Morgenlicht. Ich kann mich an dieser Winterlandschaft kaum sattsehen. Gestern waren wir noch zwischen roten Felsen unterwegs, heute könnten irgendwo hinter dem nächsten Baum Rentiere hervorkommen. Arizona hatte ich mir vor dieser Reise jedenfalls nicht unbedingt mit Schneeschaufel vorgestellt.

Bei IHOP dagegen ist die Welt angenehm berechenbar. Hier wird nicht versucht, einen Menschen mit einem Muffin und einem Becher Kaffee durch den Vormittag zu bringen. Hier kommen Teller auf den Tisch, bei denen niemand anschließend fragen muss, ob es irgendwo noch etwas zu essen gibt. Waffeln mit einem beeindruckenden Berg aus dunkler Beerensoße, Eier, Bacon, Würstchen, Hash Browns und Steak Tips – amerikanisches Frühstück eben, bei dem man nach dem Essen nicht sofort losfahren muss, sondern theoretisch auch einfach bis zum Abend sitzen bleiben könnte. Wir schaffen es trotzdem irgendwann zurück ins Auto, denn heute stehen der Coal Mine Canyon und der Blue Canyon auf unserer Liste. Beide liegen in der Gegend um Tuba City, ungefähr anderthalb Stunden entfernt, und wir wollen früh genug dort sein, um uns in aller Ruhe umzusehen. Noch glauben wir, dass die größte Herausforderung dieses Tages darin bestehen wird, die richtigen Abzweigungen zu finden. Das ist rückblickend ausgesprochen niedlich.
Kaum verlassen wir Flagstaff, beginnt draußen nämlich eine erstaunliche Verwandlung. Eben noch fahren wir durch rund dreißig Zentimeter Schnee, wenig später werden die weißen Flächen immer kleiner, verschwinden schließlich ganz und plötzlich liegt vor uns wieder diese endlose, trockene Landschaft des Südwestens. Blauer Himmel, weite Ebenen, rote und braune Töne bis zum Horizont. Innerhalb weniger Meilen hat jemand offenbar die komplette Kulisse ausgetauscht. Ich schaue aus dem Fenster und kann kaum glauben, wie schnell das hier geht. Eben Winterurlaub, jetzt Wüste. Man könnte meinen, Arizona habe verschiedene Landschaften auf Schnellwahltasten gespeichert.
Nach ungefähr anderthalb Stunden erreichen wir Tuba City und fahren von dort auf dem Highway 264 weiter. Rund 25 Kilometer später nehmen wir die erste passende Abzweigung nach links. Asphalt ist damit fürs Erste Geschichte. Vor uns liegt eine Dirt Road, und schon nach wenigen Metern wird deutlich, dass es hier in den vergangenen Tagen reichlich Wasser gegeben haben muss. Der Untergrund ist weich, rot und schmierig, aber zunächst kommen wir noch erstaunlich gut voran. Unser SUV arbeitet sich durch den Matsch und bringt uns tatsächlich bis zum südlichen Aussichtspunkt des Coal Mine Canyon. Und dann stehen wir dort – und ich bin erst einmal sprachlos.

Von der Straße aus deutet kaum etwas darauf hin, was sich nur wenige Meter weiter im Boden auftut. Der Coal Mine Canyon liegt wie eine riesige, aufgerissene Farbpalette vor uns. Weiße, graue, rote und orangefarbene Gesteinsschichten ziehen sich durch die Wände, dazwischen stehen bizarre Spitzen und Türme, und das Ganze wirkt so unerwartet, dass ich mich frage, warum dieser Ort nicht an jeder zweiten Tankstelle auf einer Postkarte hängt. Wir laufen Richtung Abbruchkante, wobei „laufen“ zunehmend eine optimistische Beschreibung ist. Der Boden ist weich und klebrig, und mit jedem Schritt sammeln unsere Schuhe eine weitere Lage roten Arizona-Schlamms ein. Nach kurzer Zeit tragen wir gefühlt zwei zusätzliche Schuhgrößen mit uns herum. Die Aussicht ist fantastisch. Unsere Schuhe sehen dagegen aus, als hätten wir gerade versucht, einen Acker umzupflügen. Und irgendwo hinter uns wartet das Auto mit seinem bislang noch halbwegs anständigen Innenraum. Das wird sich gleich ändern.
Eigentlich wollen wir anschließend noch die Nordseite des Coal Mine Canyon ansehen. Dafür fahren wir auf dem Highway 264 einige Kilometer weiter und finden auch die entsprechende Zufahrt. Nur führt die Dirt Road dort ziemlich steil hinunter – und sie glänzt uns nass, matschig und ausgesprochen wenig vertrauenerweckend entgegen. Hinunter würden wir vermutlich kommen. Das ist selten das Problem. Die interessantere Frage wäre, ob wir anschließend jemals wieder hinaufkommen. Wir betrachten die Strecke eine Weile und entscheiden uns ausnahmsweise für die vernünftige Variante. Der Canyon läuft uns schließlich nicht weg. Also zurück auf festen Untergrund und weiter zum nächsten Punkt unserer Tagesplanung: dem Blue Canyon.
Auf den Bildern im Internet haben es mir besonders die hellen Hoodoos mit ihren roten „Zipfelmützen“ angetan. Genau die möchte ich sehen. Weitere rund 24 Kilometer auf dem Highway 264, dann wieder links ab auf eine breite Dirt Road. Das sieht zunächst gar nicht schlecht aus. Wir rollen über ein Cattle Guard – und unmittelbar dahinter beschließt unser SUV, dass Fahrtrichtung ab sofort eher als unverbindliche Empfehlung zu verstehen ist. Statt geradeaus geht es seitwärts.
Der Wagen rutscht nach rechts, die Reifen finden auf dem schmierigen roten Untergrund praktisch keinen Halt mehr und für einen kurzen Moment sieht es ausgesprochen danach aus, als könnten wir unseren weiteren Tagesablauf mit der Frage verbringen, wer uns hier wieder herauszieht. Stefan versucht gegenzulenken, der Wagen schlingert, die Räder drehen durch und roter Schlamm fliegt in sämtliche Richtungen. Das alles geschieht vielleicht hundert Meter von der asphaltierten Straße entfernt, was die Sache fast noch schöner macht. Wir können den sicheren Untergrund sehen. Wir müssen nur irgendwie wieder dorthin.
Stefan bekommt den Wagen schließlich aus der Spur heraus und Stück für Stück zurück Richtung Highway. Nicht besonders elegant, dafür erfolgreich. Als wir wieder Asphalt unter den Reifen haben, fällt erst einmal ein ziemlich großer Stein vom Herzen. Unser Auto dagegen hat seine ursprüngliche Farbe stellenweise aufgegeben. Seitlich klebt roter Schlamm, die Radkästen sind voll davon und auch unsere Schuhe leisten im Innenraum inzwischen ihren Beitrag zum Gesamtkunstwerk. Immerhin: Wir stecken nicht fest. Man wird bescheiden.

Damit ist diese Zufahrt zum Blue Canyon erledigt. Aber so schnell geben wir natürlich nicht auf. Schließlich gibt es noch eine nördliche Route. Also zurück nach Tuba City und von dort rund 35 Kilometer auf dem Highway 160 nach Norden. Zweiter Versuch, zweite Chance. Wir erreichen die entsprechende Abzweigung – und schauen auf riesige Wasserlöcher und eine Strecke, die bereits auf den ersten Metern deutlich macht, dass sie heute ebenfalls keinerlei Interesse an unserem Besuch hat. Wir müssen nicht einmal ausprobieren, wie weit wir kommen würden. Die Antwort lautet ziemlich eindeutig: nicht weit. Damit steht es inzwischen Dirt Roads gegen uns 3:0.
Schade ist es trotzdem. Ich hatte mich wirklich auf den Blue Canyon gefreut. Aber irgendwann muss man einsehen, dass man gegen Schlamm nicht diskutieren kann. Zum Glück reisen wir selten mit nur einem Plan. Und wenn Plan A gerade irgendwo bis zu den Radnaben im roten Matsch steckt, muss eben Plan B herhalten. Der heißt heute Monument Valley. Das liegt ohnehin mehr oder weniger auf unserer weiteren Strecke. Ursprünglich wollten wir auf dem Highway 163 nur daran vorbeifahren. Nun bekommt es eben einen richtigen Besuch. Es gibt schlechtere Ersatzprogramme.
Bevor wir dort ankommen, brauchen wir allerdings etwas zu essen. In Kayenta entdecken wir das „World-Famous Amigo Cafe“. Das Restaurant ist klein, unscheinbar und bis auf einen einzigen Tisch komplett voll. Die meisten Gäste sind Navajo, und genau solche Läden mögen wir: keine große Show, keine auf Touristen zugeschnittene Westernkulisse, sondern ein Restaurant, in dem offensichtlich einfach gegessen wird. Der letzte freie Tisch wird unserer, und wir bestellen Navajo Burger auf Fry Bread. Und die sind richtig gut.
Das Fry Bread ist außen leicht knusprig, innen weich und ersetzt das übliche Burgerbrötchen durch etwas, das deutlich mehr Charakter besitzt. Dazu Fleisch, Salat und Pommes – nach unserem bisherigen Kampf gegen den Schlamm genau das Richtige. Der Blue Canyon mag uns heute nicht haben wollen, aber zumindest beim Mittagessen meint es Arizona ausgesprochen gut mit uns.
Kurz hinter Kayenta tauchen dann am Horizont die ersten bekannten Silhouetten auf. Diese Felsen muss niemand beschriften. Monument Valley sieht tatsächlich schon aus der Entfernung so aus, als hätte jemand die Kulisse eines Westerns mitten in die Landschaft gestellt. Je näher wir kommen, desto gewaltiger werden die roten Tafelberge und Felstürme. Ursprünglich wollten wir hier wirklich nur vorbeifahren. Jetzt sind wir ziemlich froh darüber, dass unsere Tagesplanung bereits mehrfach vom Schlamm zerlegt wurde.

Das Monument Valley liegt auf Navajo-Gebiet und gehört nicht zum Nationalpark-System, weshalb unser Annual Pass hier nichts nützt. Der Eintritt in den Tribal Park kostet normalerweise zehn Dollar pro Person, und das zahlen wir gerne. Heute allerdings scheint unser besonderes Verhältnis zu unbefahrbaren Straßen inzwischen auch das Monument Valley erreicht zu haben: Der Valley Drive ist wegen der Wetterverhältnisse gesperrt. Eintritt wird deshalb keiner verlangt, bis zum Visitor Center dürfen wir trotzdem fahren. Und von dort reicht die Aussicht vollkommen aus, um mich für einen Moment vergessen zu lassen, was heute alles nicht funktioniert hat.
Vor uns liegt das Monument Valley unter einem blauen, von weißen Wolken durchzogenen Himmel. Die roten Felsen tragen Schnee. Nicht viel, gerade genug, um ihre Kanten und Hänge weiß nachzuzeichnen und die Landschaft noch unwirklicher wirken zu lassen. Rot, Orange und Braun treffen auf Schneeflächen, dazwischen ziehen Wolkenschatten über die Ebene. Ich habe Monument Valley schon auf unzähligen Bildern gesehen, aber so hatte ich es nicht erwartet. Vielleicht können wir heute nicht durch das Valley fahren – dafür bekommen wir eine Version davon serviert, die man vermutlich nicht allzu häufig zu sehen bekommt.
Wir machen Fotos, laufen ein wenig herum und stellen dabei fest, dass die Schönheit dieser Aussicht einen kleinen Haken besitzt: Es ist schweinekalt. Ein eisiger Wind pfeift über das Plateau und sorgt ziemlich schnell dafür, dass Hände und Gesicht andere Prioritäten entwickeln als Landschaftsfotografie. Also zurück ins warme Auto und weiter Richtung Norden.
Bis Mexican Hat begleitet uns noch blauer Himmel. Dann ändert sich die Lage innerhalb erstaunlich kurzer Zeit. Vor uns ziehen dunkle Wolken auf, der Himmel wird grau und kurz vor den Serpentinen des Moki Dugway beginnt es heftig zu regnen. Offenbar hatte der Wettergott unsere bisherigen Dirt-Road-Erfahrungen verfolgt und beschlossen, dass da noch Luft nach oben ist.
Der Moki Dugway windet sich in engen Kehren die steile Felswand hinauf. Normalerweise wäre allein diese Strecke schon ein kleines Abenteuer. Heute kommt Wasser von oben dazu, die Landschaft verschwindet teilweise hinter Regenvorhängen und oben angekommen schauen wir nicht auf die erhoffte weite Aussicht, sondern auf eine Wand aus dunklen Wolken und Niederschlag. Eigentlich steht von hier noch der Muley Point auf unserer Liste. Eine weitere unbefestigte Straße. Wir müssen nicht lange beraten.
Blue Canyon nicht erreichbar, nördlicher Coal Mine Canyon gestrichen, Valley Drive geschlossen und nun auch Muley Point erledigt. Dieser Tag arbeitet seine Liste wirklich gründlich ab – nur leider in der falschen Richtung. Also lassen wir auch diesen Plan fallen und fahren weiter Richtung Moab. Irgendwann ist selbst unser Optimismus nicht mehr bereit, noch eine Dirt Road „wenigstens mal anzuschauen“.
Die weitere Fahrt durch Utah ist ein Wechselspiel aus Regen, schweren Wolken und plötzlich wieder aufreißendem Himmel. Und je näher wir Moab kommen, desto freundlicher wird es tatsächlich. Die Landschaft leuchtet wieder, die roten Felsen kommen zurück und am Highway 191 liegt mit dem Wilson Arch sogar noch ein kleiner landschaftlicher Bonus direkt an der Strecke. Offenbar möchte sich der Tag zum Schluss wenigstens ein bisschen rehabilitieren.
In Moab beziehen wir für die nächsten drei Nächte das Inca Inn, ein klassisches amerikanisches Motel mit Zimmern direkt am Parkplatz. Kein Luxuspalast, aber genau die Sorte Unterkunft, die wir auf solchen Reisen mögen: Auto vor der Tür, Sachen ins Zimmer, fertig. Nach diesem Tag haben wir ohnehin keine großen Ansprüche mehr. Ein Bett, eine Dusche und möglichst kein roter Schlamm auf dem Fußboden reichen vollkommen. Nur Hunger haben wir wieder.
Am südlichen Ende von Moab landen wir bei Susie’s Branding Iron, wo dienstags Spareribs-Special ist. Damit ist meine Entscheidung praktisch gefallen, bevor ich die Karte richtig gelesen habe. Die Ribs sind großartig, Stefan entscheidet sich für einen riesigen Chicken Caesar Salad, und während wir dort sitzen, fühlt sich der ganze Tag plötzlich gar nicht mehr so erfolglos an. Wir haben den Coal Mine Canyon gesehen, sind zweimal beinahe beziehungsweise vorsichtshalber nicht im Schlamm versunken, haben Navajo Burger gegessen, Monument Valley im Schnee erlebt, den Moki Dugway im Regen bezwungen und sind am Ende tatsächlich in Moab angekommen. Man kann also nicht behaupten, wir hätten nichts erlebt. Nur eben kaum etwas so, wie wir es morgens geplant hatten.
Nach dem Essen bummeln wir noch ein wenig durch Moab. Die kleine Stadt gefällt uns auf Anhieb. Outdoorläden, Restaurants, Motels, überall Jeeps und diese roten Felswände, die selbst mitten im Ort daran erinnern, weshalb wir hier sind. Lange halten wir allerdings nicht mehr durch. Zurück im Inca Inn dauert es nicht allzu lange, bis wir im Bett verschwinden. Morgen wollen wir früh los. Und nach dem heutigen Tag wäre es durchaus nett, wenn wenigstens die Straßen dort bleiben würden, wo sie hingehören.


































