Zwischen roten Felsen, engen Schluchten und ziemlich seltsamen Zwergen
Heute dürfen wir uns beinahe ausschlafen. Zumindest gemessen an unseren bisherigen Standards, bei denen ein Wecker um 4:30 Uhr offenbar als völlig normale Urlaubsplanung gilt. Wir schaffen es tatsächlich, das Frühstück im Inca Inn mitzunehmen, packen danach unsere Sachen zusammen und verabschieden uns von unserem kleinen Motel-Zuhause in Moab. Ganz weg sind wir allerdings noch nicht, denn bevor es weiter Richtung Hanksville geht, möchte ich noch einmal in den Arches National Park. Nach dem gestrigen Großkampftag mit Primitive Loop und Delicate Arch steht heute eher die gemütliche Variante auf dem Programm. Also gemütlich nach unseren Maßstäben. Das kann durchaus bedeuten, dass zwischendurch noch ein paar Kilometer gelaufen werden.
Unser erster Stopp ist die Park Avenue. Die hohen, senkrechten Felswände erinnern tatsächlich ein wenig an eine steinerne Skyline, nur eben ohne Taxis, Ampeln und hupende Menschen. Am Morgen liegen große Teile der Felsen noch im Schatten und damit fotografisch leider nicht in ihrer besten Verfassung. Den Trail sparen wir uns deshalb heute. Wenn ich schon durch die Gegend laufe, dann möchte ich wenigstens anschließend Fotos haben, bei denen man erkennt, warum ich überhaupt losgelaufen bin. Ein schneller Fotostopp muss also reichen, anschließend fahren wir weiter zur Windows Section.

Hier zeigt sich wieder einmal, warum ich unsere Reisezeit Anfang März so liebe. Im Sommer ist dieser Teil des Parks vermutlich ähnlich beschaulich wie ein Einkaufszentrum am letzten Samstag vor Weihnachten, heute dagegen sind nur wenige Leute unterwegs. Wir haben viele Plätze praktisch für uns allein und können uns in aller Ruhe zwischen North Window, South Window und Turret Arch herumtreiben, ohne ständig darauf zu warten, dass sich jemand ausgerechnet unter den Steinbogen stellt, den ich gerade fotografieren möchte.
Weil wir Zeit haben, nehmen wir auch den Primitive Trail um die Windows herum. Nach dem gestrigen Primitive Loop im Devils Garden ist die Bezeichnung allerdings beinahe niedlich. Das hier ist eher die Familienausgabe. Breiter Weg, überschaubares Gelände und keinerlei Felswände, an denen ich auf allen vieren hochkrabbeln muss. Praktisch eine Autobahn mit Sandboden. So langsam entwickeln wir für das Wort „primitive“ ohnehin eine völlig eigene Skala.

Ich habe allerdings noch eine fotografische Mission. Es gibt dieses bekannte Motiv, bei dem man den Turret Arch durch das North Window hindurch fotografiert. Genau dieses Bild möchte ich natürlich auch haben. Schließlich kann man nicht einfach irgendwo stehen bleiben und zufrieden sein, wenn man weiß, dass etwa fünf Meter weiter möglicherweise DAS Foto wartet. Also suche ich den entsprechenden Felsen, klettere ein Stück herum, probiere verschiedene Positionen aus und stelle irgendwann fest: Ich komme nicht dahin, wo ich hinmöchte. Entweder habe ich die falsche Stelle erwischt oder irgendjemand hat beim berühmten Fotospot vergessen zu erwähnen, dass man dafür die Fähigkeiten einer Bergziege benötigt. Ärgerlich. Ich gebe schließlich auf und nehme mir vor, das vor unserem nächsten Besuch gründlicher zu recherchieren. Eine offene Rechnung mehr mit diesem Park.
Auf dem Weg hinaus halten wir noch bei Sheep Rock, den Three Gossips und den Courthouse Towers. Gerade die Three Gossips sehen tatsächlich aus wie drei Personen, die dicht nebeneinanderstehen und dringend etwas zu besprechen haben. Wahrscheinlich lästern sie seit ein paar Millionen Jahren über sämtliche Touristen, die vor ihnen aus dem Auto springen, Foto machen und wieder verschwinden. Ich kann es ihnen nicht einmal verdenken.
Dann wird es Zeit, Moab endgültig Lebewohl zu sagen. Aber nicht mit leerem Magen, so viel Stil muss sein. Deshalb fahren wir noch zu Eddie McStiff’s und bestellen uns Burger und Hot Wings. Sehr vernünftiges Abschiedsessen. Nach mehreren Tagen Wandern und Klettern ist mein Körper inzwischen sowieso der festen Überzeugung, dass amerikanische Burger zur medizinisch notwendigen Grundversorgung gehören. Das Essen ist lecker, wir sind satt und nun heißt es tatsächlich: Bye-bye Moab. Vor uns liegen etwa 100 Meilen bis zum Little Wild Horse Canyon.
Rund zwei Stunden später stehen wir am Trailhead und ich bin ein kleines bisschen stolz auf uns: Wir finden den Einstieg sofort. Vor zwei Jahren haben wir hier zunächst eine unfreiwillige Zusatzrunde gedreht, bis wir endlich verstanden hatten, wo es langgeht. Heute laufen wir einfach in den breiten Wash hinein und wissen sogar, was wir tun. Fortschritt! Vielleicht werden wir doch irgendwann noch professionelle Wüstenwanderer. Oder wenigstens Menschen, die nicht grundsätzlich erst einmal falsch abbiegen.
Nach ungefähr einer Viertelmeile versperrt ein großer Felsen den direkten Weg durch den Wash. Der sieht zunächst eindrucksvoll nach „Ende der Veranstaltung“ aus, lässt sich aber ziemlich einfach umgehen. Links ein Stück über den Fels hinauf, hinter dem Hindernis wieder hinunter und schon geht es weiter. Kurz danach erreichen wir die Stelle, an der sich Little Wild Horse Canyon und Bell Canyon trennen. Wir halten uns rechts und kommen bald an der markanten Felswand mit ihren Löchern vorbei. Je nachdem, wie man das Foto später dreht, sieht das Ganze plötzlich völlig anders aus. Eine dieser kleinen Spielereien, die dazu führen, dass ich anschließend natürlich gleich mehrere Bilder davon brauche.
Dann wird der Canyon enger. Und genau deshalb sind wir hier. Die Wände rücken immer näher zusammen, die Farben verändern sich mit jeder Kurve und plötzlich laufen wir nicht mehr durch einen breiten Wash, sondern mitten zwischen glatt geschliffenen Sandsteinwänden hindurch. Mal leuchten sie beige und orange, dann wieder rot, violett oder fast grau. Das Licht fällt nur noch von oben hinein und zeichnet helle Streifen auf die geschwungenen Wände. Einige Passagen sind kaum breiter als unsere Schultern. Stefan passt natürlich problemlos durch, während ich grundsätzlich der Meinung bin, dass Rucksack, Kamera und menschlicher Körper zusammen erstaunlich viel Platz benötigen können.
Der komplette Rundweg durch Little Wild Horse und Bell Canyon wäre rund 15 Kilometer lang und würde uns fünf oder sechs Stunden beschäftigen. Diese Zeit haben wir heute nicht mehr, denn ich habe natürlich noch weitere Pläne. Urlaub bedeutet schließlich nicht, dass man den Tag unnötig leer lässt. Deshalb setzen wir uns ein Limit: zwei Stunden hinein, danach drehen wir um. Der komplette Loop muss warten. Wieder eine Rechnung für den nächsten Besuch.
Und an dieser Stelle muss ich mich vorsichtshalber schon einmal für die folgende Bilderflut entschuldigen. Ich liebe Slot Canyons. Wirklich. Andere Menschen fotografieren vielleicht drei Bilder und denken: Jetzt habe ich das Prinzip verstanden. Ich dagegen gehe fünf Meter weiter, sehe eine etwas anders geschwungene Wand und denke sofort: Das ist natürlich völlig neu, davon brauche ich mindestens vier Fotos. Dann kommt eine enge Passage, eine helle Kurve, eine dunkle Kurve, ein kleiner Felsabsatz und selbstverständlich noch ein Lichtstrahl. Zack – Speicherkarte voll.
Aber dieser Canyon macht es einem auch schwer, sich zu beherrschen. Der Little Wild Horse ist unglaublich abwechslungsreich. Gerade noch laufen wir durch ein breites, helles Stück, im nächsten Moment zwängen wir uns durch eine schmale Felsspalte, deren Wände nur wenige Zentimeter voneinander entfernt scheinen. Zwischendurch müssen wir über kleine Felsen klettern, irgendwo wartet eine Wasserpfütze darauf, elegant überwunden zu werden, und an anderen Stellen schlängelt sich der Weg so eng zwischen den Felswänden hindurch, dass man automatisch langsamer wird und sich fragt, wie Wasser solche Formen überhaupt erschaffen kann.
Genau dieses Wasser ist es natürlich, das den Canyon über Jahrtausende geformt hat. Bei starken Regenfällen schießt es aus dem umliegenden Gelände durch diese engen Spalten und schleift dabei den Sandstein immer weiter aus. Was dabei entsteht, sieht stellenweise fast aus wie flüssiger Stein. Die Wände sind gewellt, verdreht und poliert, als hätte jemand sie mit einem gigantischen Schleifgerät bearbeitet. Nur hatte dieser jemand dafür sehr viel Zeit.
Nach zwei Stunden drehen wir um. Und auch das gefällt mir an Slot Canyons: Auf dem Rückweg sieht alles wieder anders aus. Licht und Blickrichtung verändern die Formen komplett, plötzlich entdecke ich Stellen, die mir auf dem Hinweg überhaupt nicht aufgefallen sind, und selbstverständlich muss ich sie nun fotografieren. Dass wir den gleichen Weg zurücklaufen, bedeutet also keineswegs, dass dadurch weniger Bilder entstehen. Im Gegenteil.
Als wir wieder am Trailhead ankommen, ist der Tag allerdings noch lange nicht vorbei. Ganz in der Nähe wartet das Goblin Valley, und dort wollen wir die Zeit bis zum Sonnenuntergang verbringen. Schon beim ersten Blick von oben wird klar, warum dieser Ort so heißt. Vor uns liegt ein riesiges Tal voller kleiner Felsfiguren, als hätte jemand tausende Tonmännchen aufgestellt und anschließend vergessen, sie wieder wegzuräumen.
Das Schöne am Goblin Valley ist, dass man nicht auf festen Wegen bleiben muss. Wir können einfach zwischen den Felsgestalten hindurchlaufen, kreuz und quer, immer der nächsten merkwürdigen Figur entgegen. Und merkwürdige Figuren gibt es reichlich. Manche sehen aus wie Pilze, andere wie Tiere, Köpfe oder kleine Menschen mit überdimensionierten Hüten. Mit etwas Fantasie findet man ganze Familien, Wächter, Schildkröten und Wesen, denen man besser nachts nicht begegnen möchte.
Natürlich beginnt irgendwann das große „Was sieht denn DER aus wie?“. Das ist ungefähr so seriös wie Wolkenraten, macht aber erstaunlich viel Spaß. Stefan entdeckt irgendwelche Tiere, ich sehe überall Zwerge mit Zipfelmützen und vermutlich würden fünf andere Menschen in denselben Steinen wiederum etwas völlig anderes erkennen. Genau deshalb ist dieser Ort so herrlich. Die Natur hat hier offenbar mehrere Millionen Jahre lang Figuren gebastelt und sich dabei keinerlei Gedanken darüber gemacht, ob das Ergebnis auch sinnvoll aussieht.

Die tief stehende Sonne macht das Ganze noch schöner. Lange Schatten ziehen durch das Tal, die Goblins leuchten orange und plötzlich entstehen überall neue Fotomotive. Bei einer der Felsfiguren schaffe ich es sogar, meinen eigenen Schatten so darauf zu bekommen, dass es aussieht, als würde der Goblin gerade triumphierend die Arme in die Luft reißen. Zumindest rede ich mir das ein. Wahrscheinlich sieht es für Außenstehende eher so aus, als hätte jemand vergessen, beim Fotografieren aus dem Bild zu gehen.
Rund eine Stunde treiben wir uns zwischen den kleinen Felsmonstern herum, dann wird es Zeit weiterzufahren. Unser Tagesziel ist Hanksville, wo wir im Whispering Sands Motel übernachten. Dort waren wir schon 2012, kennen also wenigstens ungefähr, was uns erwartet. Ein klassisches amerikanisches Motel, Auto vor der Tür, Zimmer dahinter – funktioniert, mehr brauchen wir heute ohnehin nicht.

Unsere Reisezeit Anfang März hat dabei allerdings neben all ihren wunderbaren Vorteilen auch einen kleinen Haken. Wir haben leere Trails, freie Parkplätze und können uns in den Nationalparks fühlen, als hätte man sie teilweise exklusiv für uns geöffnet. Dafür befinden sich in kleinen Orten wie Hanksville offenbar noch große Teile der Gastronomie im Winterschlaf. Viele Restaurants haben geschlossen, und bei unserer Suche nach einem Abendessen stellt sich heraus, dass die Auswahl heute ziemlich überschaubar ist.
Genauer gesagt heißt unsere Auswahl: Stan’s Burger Shak. Das ist kein Restaurant im klassischen Sinn, sondern eher ein kleines amerikanisches Gesamtkunstwerk aus Tankstelle, General Store, Souvenirshop und Burgerbude. Vermutlich könnte man hier gleichzeitig tanken, einen Magneten kaufen, eine Gallone Milch besorgen und einen Bacon Burger essen, ohne das Gebäude verlassen zu müssen. Effizienz können sie.
Wir haben Hunger und sind nach diesem Tag ohnehin nicht mehr besonders anspruchsvoll. Also bestellen wir Burger – und die sind tatsächlich richtig gut, dazu günstig und damit völlig geeignet, einen langen Wandertag angemessen abzuschließen. Während wir essen, zieht draußen allerdings ein Duft durch die Luft, der unseren Burger plötzlich ein kleines bisschen weniger spektakulär erscheinen lässt.
Unsere Zimmernachbarn haben nämlich beschlossen zu grillen. Und zwar offenbar keine Würstchen. Auf riesigen Grills liegen Fleischstücke, bei denen ich nicht sicher bin, ob dafür zuvor eine halbe Kuh oder gleich die komplette Rinderherde ihr Leben lassen musste. Der Duft zieht über den Motelparkplatz und wir sitzen mit unseren Burgern da und schnuppern sehnsüchtig in Richtung Grill. Gemein. Sehr gemein.
Aber immerhin war unser heutiges Programm durchaus würdig: noch einmal Arches, ein paar Gossips, ein verpasstes Wunschfoto, Burger in Moab, vier Stunden Slot-Canyon-Glück und anschließend ein Tal voller steinerner Kobolde. Jetzt reicht es wirklich. Morgen ist schließlich auch noch ein Tag – und bei unserem bisherigen Reisetempo vermutlich wieder einer, bei dem normales Ausschlafen ohnehin nicht vorgesehen ist.





































