Von Vegas nach Hollywood – Schlaglöcher, Oklahoma und ein Brötchen mit VIP-Status
Es ist tatsächlich so weit: Wir wachen zum letzten Mal in Las Vegas auf. Nach zwei Wochen Roadtrip liegt heute der letzte große Streckenabschnitt vor uns, und der fühlt sich schon beim Gedanken daran ein bisschen falsch an. Von Las Vegas geht es zurück nach Los Angeles, dorthin, wo unsere Reise vor vierzehn Tagen begonnen hat. Einmal eine große Runde durch den Südwesten und nun zeigt die imaginäre Nadel wieder Richtung Ausgangspunkt. Aber noch sind wir nicht am Flughafen, noch sitzt niemand in einem Flugzeug und noch haben wir einen kompletten Tag vor uns. Und den werden wir ganz sicher nicht damit verschwenden, stumpf die Interstate 15 nach Los Angeles hinunterzufahren. Wenn man schon ein letztes Mal durch die Wüste darf, dann bitte richtig.
Zunächst müssen allerdings Koffer gepackt werden, und dieses Ritual besitzt am Ende einer Reise immer eine ganz eigene Dynamik. Auf dem Hinweg war alles ordentlich gefaltet und sinnvoll verteilt, inzwischen existieren Dinge, von denen wir nicht mehr genau wissen, wie sie überhaupt hierhergekommen sind. Tüten, Einkäufe, Prospekte, Kabel, Schuhe und der ganze Kleinkram, der sich innerhalb von zwei Wochen auf wundersame Weise vermehrt. Irgendwann ist trotzdem alles im Auto verstaut, und bevor wir Las Vegas verlassen, fahren wir noch einmal zum Gold Coast Casino. Das Frühstück gestern im Ports O’ Call Buffet war für 7,99 Dollar einfach zu gut, um jetzt plötzlich experimentierfreudig zu werden. Der Mensch braucht schließlich Konstanten im Leben, und wenn eine davon ein günstiges All-you-can-eat-Buffet in einem Casino ist, muss man das nicht unnötig hinterfragen.

Danach fahren wir ein letztes Mal den Las Vegas Boulevard hinunter. Die großen Hotels werden im Rückspiegel langsam kleiner, die Bebauung dünnt aus, und trotzdem heißt die Straße noch immer Las Vegas Boulevard. Der Strip gibt einen nicht einfach so frei. Kilometerlang läuft die Straße parallel zur Interstate 15 weiter nach Süden, während die glitzernde Stadt hinter uns verschwindet und sich vor uns wieder diese endlose Wüstenlandschaft ausbreitet. In Primm halten wir noch kurz bei Starbucks, denn Kaffee gehört zu einem Roadtrip ungefähr so zwingend wie ein Mietwagen und die Frage, ob man wirklich schon wieder tanken muss. Danach verlassen wir endgültig die schnelle Verbindung nach Los Angeles. Die Interstate darf ohne uns weiterziehen. Wir biegen ab Richtung Mojave National Preserve. Und plötzlich ist Ruhe.
Keine Casinos mehr, keine Leuchtreklamen, keine Menschenmassen. Vor uns liegt nur Straße. Die Cima Road zieht sich als schmales Asphaltband durch eine riesige, trockene Landschaft, rechts und links wachsen Joshua Trees, dahinter liegen Berge in verschiedenen Braun- und Grautönen, und darüber spannt sich ein derart blauer Himmel, dass man fast misstrauisch werden könnte. Genau wegen solcher Straßen machen wir diese Umwege. Man fährt nicht einfach irgendwohin, sondern mitten durch die Landschaft hindurch, kann jederzeit anhalten und hat das Gefühl, dass hinter der nächsten Kurve etwas wartet, obwohl dort meistens wieder nur Wüste kommt. Aber eben sehr schöne Wüste. Die Straße selbst trägt allerdings erheblich dazu bei, dass wir die Landschaft in angemessen gemäßigtem Tempo genießen.

Der Asphalt sieht stellenweise aus, als hätte hier vor nicht allzu langer Zeit eine kleinere militärische Auseinandersetzung stattgefunden. Schlaglöcher tauchen vor uns auf, die diesen Begriff eigentlich nicht mehr verdienen. Das sind keine Löcher, das sind Grundstücke. Bei manchen würde mich nicht wundern, wenn unten bereits jemand eine Baugenehmigung beantragt hätte. Stefan fährt Slalom, ich halte Ausschau nach den nächsten Kratern, und gemeinsam versuchen wir zu verhindern, dass unser Mietwagen am Ende der Cima Road aus mehreren unabhängig voneinander fahrenden Einzelteilen besteht. Manchmal können wir ausweichen, manchmal bleibt nur die Wahl zwischen einem großen Schlagloch links und einem noch größeren rechts. Dafür braucht man wenigstens keinen künstlichen Offroad-Parcours. Nevada beziehungsweise Kalifornien liefert das Erlebnis kostenlos mit.

Langsam zu fahren stört uns ohnehin nicht. Die Joshua Trees stehen hier teilweise dicht an dicht und sehen mit ihren verdrehten Ästen und stacheligen Kronen aus, als hätten sie sich vor sehr langer Zeit auf eine Wuchsrichtung einigen wollen und das Projekt irgendwann entnervt aufgegeben. Manche sind klein und kompakt, andere riesig, uralt und derart knorrig, dass man ihnen sofort zutraut, nachts miteinander zu reden. Dazwischen gibt es lange Abschnitte mit nichts als niedrigen Büschen, Sand und Bergen am Horizont. Immer wieder stehen verfallene Gebäude neben der Straße, Überreste aus einer Zeit, in der hier offenbar tatsächlich Menschen lebten und arbeiteten. In dieser Umgebung wirken selbst ein paar zusammengesackte Bretter plötzlich fotogen.

Kelso ist einer dieser Orte, bei denen man auf der Karte einen Namen sieht und sich vor Ort kurz fragt, wo genau der dazugehörige Ort geblieben ist. Viel ist nicht mehr da. Ein paar alte Gebäude stehen verloren in der Landschaft, darunter ein verlassenes Post Office, dessen Fassade noch immer verrät, was es einmal gewesen ist. Das Gebäude steht einfach da, Fenster staubig, Tür geschlossen, ringsherum Wüste. Amerikanische Ghost Towns brauchen erstaunlich wenig Fantasie. Man muss eigentlich nur einen Moment stillstehen und sich vorstellen, wie hier früher Menschen ihre Post abgeholt haben, Autos vorfuhren und Alltag stattfand. Heute rauscht gelegentlich ein Auto vorbei und wir stehen mit der Kamera davor.

Am alten Kelso Depot gibt es allerdings etwas, das in dieser Landschaft eine erstaunliche Anziehungskraft besitzt: öffentliche Toiletten. Damit wird Kelso schlagartig zum touristischen Hotspot. Auch einige Harley-Fahrer haben angehalten, und ich ziehe innerlich meinen Hut vor jedem, der die Schlaglochstrecke auf einem Motorrad hinter sich gebracht hat. Im Auto kann man wenigstens noch darauf hoffen, dass die Federung einen Teil der Katastrophe übernimmt. Auf einer Harley dürfte jedes größere Loch eine sehr persönliche Begegnung zwischen Wirbelsäule und Straßenbaugeschichte sein.
Auf dem Parkplatz passiert dann etwas, das uns während dieser Reise schon mehrfach aufgefallen ist. Unser Mietwagen trägt ein Nummernschild aus Oklahoma, und dieses Kennzeichen scheint eine geradezu magische Wirkung auf Amerikaner zu haben. Immer wieder werden wir darauf angesprochen. Warum genau Oklahoma derart viel Gesprächsbedarf erzeugt, wissen wir bis heute nicht. Vielleicht erwartet niemand ein Auto aus Oklahoma so weit westlich. Vielleicht besitzen Oklahomaner einen geheimen Ruf, von dem wir Europäer nichts wissen. Jedenfalls fragt uns auch hier einer der Motorradfahrer, ob wir aus Oklahoma seien. Inzwischen beherrschen wir die Antwort perfekt: Nein, Deutschland. Und kurioserweise scheint Deutschland gelegentlich weniger überraschend zu sein als Oklahoma.
Der Motorradfahrer will wissen, woher genau wir kommen. Bei „Southwest Germany“ nickt er noch höflich, bei „Stuttgart“ wird er plötzlich hellhörig und bei „Esslingen“ ist die Sache endgültig gelaufen. Sein Sohn hat eine Zeit lang in Stuttgart gelebt, und sie waren sogar in Esslingen. Da stehen wir mitten in der Mojave-Wüste, hunderte Kilometer von Los Angeles entfernt, neben einem Mietwagen mit Oklahoma-Kennzeichen und treffen einen amerikanischen Motorradfahrer, der unsere Heimatstadt kennt. Die Welt ist manchmal wirklich lächerlich klein. Man fliegt über 9.000 Kilometer weit weg, fährt tagelang durch die Wüste und trifft jemanden, der wahrscheinlich schon durch dieselben Esslinger Gassen gelaufen ist wie wir.
Wir verabschieden uns und fahren weiter Richtung Route 66. Die Landschaft bleibt karg, weit und wunderbar einsam, bis wir schließlich Ludlow erreichen. Ludlow ist einer jener klassischen Orte entlang der alten Route 66, bei denen die große Zeit ganz offensichtlich schon eine Weile zurückliegt, aber genau das macht den Reiz aus. Ein altes Motel-Schild steht am Straßenrand, an einer ehemaligen Tankstelle rosten Fahrzeuge unter einem Vordach vor sich hin, und manches sieht aus, als hätte jemand 1963 kurz Mittagspause gemacht und wäre anschließend einfach nie wieder zurückgekommen.
Das Ludlow Café passt perfekt in diese Kulisse. Schon außen macht das Gebäude mit seinem großen Route-66-Schild ziemlich eindeutig klar, warum man hier anhalten sollte. Drinnen hängen alte Schilder, Hufeisen, Nummernschilder und jede Menge Erinnerungsstücke an den Wänden. Kein durchgestyltes Retro-Restaurant, bei dem irgendein Innenarchitekt für viel Geld künstlich Patina erzeugt hat, sondern ein Laden, bei dem die Patina ganz offensichtlich einfach geduldig selbst entstanden ist. Wir essen eine Kleinigkeit, schauen uns um und genießen dieses Gefühl, für einen Moment auf der alten Route 66 unterwegs zu sein. Solche Stopps bleiben mir oft stärker in Erinnerung als irgendeine große Sehenswürdigkeit. Ein unscheinbares Café irgendwo im Nirgendwo, ein paar alte Autos, eine Tankstelle, ein verblasstes Schild – und schon hat man das Gefühl, ein kleines Stück amerikanischer Straßengeschichte erwischt zu haben.
Eigentlich steht anschließend noch Calico Ghost Town auf unserem Programm. Bereits an der Zufahrt kündigt ein großes Schild die Geisterstadt an, und zunächst fahren wir auch brav in diese Richtung. Dann erfahren wir allerdings, dass Eintritt fällig wird. Das allein wäre noch kein Problem gewesen. Allerdings haben wir nach unserer Erfahrung mit der Goldmine Ghost Town inzwischen eine gewisse Allergie gegen Orte entwickelt, bei denen „Ghost Town“ draufsteht und im Inneren möglicherweise Freizeitpark herauskommt. Unsere Vorstellung einer Geisterstadt besteht eher aus verlassenen Gebäuden, Staub und Geschichte und weniger aus Eintrittskasse, Souvenirshop und familienfreundlich aufbereiteter Wildwest-Romantik. Wir drehen um. Drei Meilen vor der Geisterstadt. Das Schild haben wir gesehen. Reicht.

Und ich finde, das gehört ebenfalls zu einem Roadtrip. Nur weil irgendetwas vorher auf einer Liste stand, muss man nicht zwanghaft hinein. Wir haben heute in Kelso verfallene Gebäude mitten in der Wüste gesehen, sind über Straßen gefahren, auf denen vermutlich seit Jahrzehnten niemand freiwillig Asphalt nachbestellt hat, und haben in Ludlow an der Route 66 gegessen. Unser Bedarf an künstlich nachgeholfenem Wilden Westen hält sich daher in überschaubaren Grenzen.
In Barstow treffen schließlich mehrere große Straßen zusammen, und nach den einsamen Kilometern durch die Mojave-Wüste wirkt der Ort fast schon hektisch. Wir halten an der Barstow Station, einer Mischung aus Raststätte, Restaurants, Geschäften und Eisenbahn-Thema. Teile der Anlage befinden sich in alten Waggons, überall gibt es Fast Food, Souvenirs und Menschen, und nach der Ruhe der Wüste ist das plötzlich wieder erstaunlich viel Zivilisation auf einmal. Wir schauen uns kurz um und treffen eine sehr erwachsene Entscheidung. Wir gehen zu Starbucks gegenüber. Dort gibt es Kaffee, einen Tisch und niemand versucht, uns einen Route-66-Kühlschrankmagneten zu verkaufen. Mehr brauchen wir gerade nicht.

Von Barstow geht es endgültig Richtung Großraum Los Angeles, und irgendwann kündigt sich die Metropole auf ihre ganz eigene, unverwechselbare Weise an: Die Autobahn bekommt immer mehr Fahrspuren. Und noch mehr. Und noch ein paar. Man könnte meinen, das Verkehrsproblem müsse sich irgendwann von selbst erledigen, wenn man nur genügend Asphalt nebeneinanderlegt. Los Angeles beweist seit Jahren sehr zuverlässig, dass diese Theorie falsch ist. Bald sehen wir vor uns eine gewaltige Blechlawine. Fahrspur neben Fahrspur, Auto neben Auto, und sämtliche Spuren sind voll. Ein faszinierendes System: Man baut eine Autobahn, die breit genug aussieht, um darauf eine Boeing quer zu landen, und steht trotzdem im Stau.

Wir schieben uns also langsam Richtung Los Angeles und haben unterwegs noch einen sehr wichtigen Termin. Corona. Dort gibt es ein Texas Roadhouse, denn bevor morgen irgendeine Fluggesellschaft versucht, uns mit Bordverpflegung davon zu überzeugen, dass ein in Plastikfolie eingeschweißtes Brötchen eine Mahlzeit darstellt, brauchen wir noch einmal ein richtiges Steak. Letztes Steak vor Takeoff.
Das Texas Roadhouse ist inzwischen fast so etwas wie ein alter Bekannter. Wir werden zum Tisch gebracht und bekommen die übliche Frage gestellt, ob wir schon einmal hier gegessen hätten. Unsere Standardantwort lautet inzwischen: „Not here, but in some other Texas Roadhouses.“ Normalerweise folgt darauf ein freundliches Nicken und die Speisekarte. Heute nicht. Unsere Kellnerin will es genauer wissen. Wo denn?

Wir zählen ein paar Orte auf, und plötzlich schaut sie uns an, als hätten wir gerade erzählt, wir würden seit mehreren Jahren ausschließlich Texas Roadhouses kartografieren. Als sie dann erfährt, dass wir aus Deutschland kommen und einfach kreuz und quer durch die USA fahren, steigt unser Exotenstatus erheblich. Offenbar sind deutsche Touristen, die gezielt mehrere Filialen einer amerikanischen Steakhouse-Kette besuchen, nicht Teil ihres normalen Arbeitstages. Dabei haben wir noch gar nicht richtig angefangen.
Nach dem Essen bitte ich sie nämlich um einen Geschenkgutschein für unsere Tochter, die ebenfalls noch in diesem Jahr in die USA reisen wird. Das findet sie schon bemerkenswert. Deutsche Touristen kaufen jetzt auch noch Texas-Roadhouse-Gutscheine für Familienmitglieder. Man sieht förmlich, wie sie innerlich versucht, uns in irgendeine bekannte Gästekategorie einzusortieren.
Dann kommt mein eigentlicher Auftritt. Ich frage, ob wir ein paar von diesen wunderbaren warmen Brötchen mit der Butter „to go“ bekommen könnten. Für den Heimflug morgen. Meine Begründung liefere ich selbstverständlich gleich mit: „This will save me from real bad aircraft food on our way home tomorrow.“ Damit ist sie endgültig fertig. Sie verschwindet. Und kurz darauf erscheint der Restaurantmanager persönlich an unserem Tisch.
An diesem Punkt frage ich mich kurz, ob ich möglicherweise gegen eine interne Vorschrift verstoßen habe. Vielleicht darf man die heiligen Texas-Roadhouse-Rolls nicht außer Landes bringen. Vielleicht benötigt man dafür eine Exportgenehmigung. Vielleicht steht irgendwo in den Geschäftsbedingungen: „Bread rolls must not leave the continental United States.“ Aber nein.

Der Manager bringt uns tatsächlich persönlich unsere Brötchen samt Butter, bedankt sich überschwänglich für unseren Besuch und freut sich, dass wir als Gäste aus Deutschland ausgerechnet bei ihnen essen. Ich weiß nicht genau, was unsere Kellnerin ihm erzählt hat. Vielleicht „There are two Germans who travel across America visiting Texas Roadhouses“. Vielleicht glaubt er inzwischen, wir seien europäische Steakhaus-Tester. Vielleicht hält man uns für bedeutende Persönlichkeiten aus der internationalen Brötchenbranche.
Jedenfalls werden wir beim Verlassen des Restaurants von gefühlt jedem Mitarbeiter verabschiedet, der sich gerade in Rufweite befindet. Wir marschieren mit unserem kleinen Doggie Bag voller Brötchen und Butter hinaus und fühlen uns für ungefähr dreißig Sekunden wie Staatsgäste. Wegen Brot. Amerika muss man einfach lieben.
Gegen 19 Uhr erreichen wir schließlich Hollywood und unser Hotel für die letzte Nacht: das Hollywood Guest Inn. Von Luxus kann hier keine Rede sein. Das Zimmer ist sauber, zweckmäßig und besitzt ungefähr den Charme eines Motels, das sich seiner Lage sehr bewusst ist und deshalb keinerlei Veranlassung sieht, zusätzlich mit Design zu protzen. Aber wir haben ohnehin nicht vor, den Abend im Zimmer zu verbringen. Entscheidend ist die Lage: Bis zum Dolby Theatre sind es nur wenige Minuten zu Fuß. Für unsere letzte Nacht ist das perfekt.

Eine kleine Herausforderung wartet allerdings noch hinter dem Hotel: der Parkplatz. Der ist offenbar für Fahrzeuge konzipiert worden, die entweder sehr klein sind oder sich zusammenfalten lassen. Unser Mietwagen gehört zu keiner dieser Kategorien. Stefan rangiert vor, zurück, wieder vor, korrigiert noch einmal, während ich mir die gelben Pfosten und die benachbarten Autos anschaue und gedanklich bereits die Mietwagenbedingungen zum Thema Lackschäden durchgehe. Irgendwann steht das Auto tatsächlich in der Parklücke. Und wir können sogar aussteigen. Mehr kann man in Hollywood für sein Geld vermutlich nicht verlangen.
Wir werfen unsere Sachen ins Zimmer und laufen zum Hollywood Boulevard. Innerhalb weniger Minuten befinden wir uns wieder mitten in diesem vollkommen eigenartigen Gemisch aus Filmgeschichte, Touristenrummel und Straßenkarneval. Vor dem Dolby Theatre, wo sonst die großen Hollywood-Stars über den roten Teppich laufen, begegnen wir Cinderella. Zumindest einer Version davon. Ein paar Meter weiter trifft Cinderella auf Wolverine, was in der ursprünglichen Disney-Handlung meines Wissens so nicht vorgesehen war. Michael Jackson schlendert ebenfalls über den Boulevard, und niemand scheint sich daran zu stören, dass hier verschiedene Filmstudios, Jahrzehnte und Realitäten gleichzeitig stattfinden.
Das ist Hollywood Boulevard: Man läuft über Sterne mit berühmten Namen, während neben einem ein Superheld Trinkgeld verlangt und auf der anderen Straßenseite jemand aussieht, als sei er auf dem Weg zu einer Oscar-Verleihung, die nur in seinem eigenen Kopf stattfindet. Dazwischen Souvenirshops mit allem, was man bedrucken kann, Touristen, Straßenkünstler und Leute, bei denen man nicht sicher ist, ob sie zu einer Show gehören oder einfach immer so herumlaufen.
Bei Madame Tussauds schauen wir ebenfalls vorbei. Dort bietet sich endlich die Gelegenheit, mit Shrek herumzualbern, ohne dass anschließend jemand Geld dafür haben möchte, und Marilyn Monroe sitzt derart perfekt inszeniert da, dass man für einen Moment tatsächlich vergisst, dass man gerade eine Wachsfigur fotografiert. Hollywood ist ohnehin ein Ort, an dem die Grenze zwischen echt und inszeniert schon nach wenigen Minuten erstaunlich unwichtig wird.
Später holen wir unser Auto wieder aus seinem Hinterhof-Gefängnis. Was hineinpasst, muss schließlich theoretisch auch wieder herauspassen. Praktisch benötigt es dafür erneut etwas Rangierarbeit, aber irgendwann sind wir draußen und fahren hinauf zum Griffith Observatory. Nach Wüste, Route 66, Stau, Steak, internationaler Brötchendiplomatie und Hollywood-Trubel bekommt dieser Tag damit noch einen ziemlich perfekten Abschluss. Oben liegt Los Angeles unter uns. Und plötzlich versteht man erst, wie riesig diese Stadt ist.
Das Lichtermeer zieht sich in alle Richtungen bis zum Horizont. Straßen bilden leuchtende Linien, Häuser verschwimmen zu einem endlosen Teppich aus Licht, und irgendwo dort unten liegen Hollywood, Downtown, Beverly Hills, die Freeways und all die Stadtteile, durch die wir uns eben noch bewegt haben. Von hier oben sieht sogar der Verkehr friedlich aus. Das ist wahrscheinlich die einzige Entfernung, aus der man einen Los-Angeles-Stau wirklich romantisch finden kann.

Wir bleiben eine ganze Weile draußen, bevor wir uns auch im Griffith Observatory umsehen. Die Ausstellungen über Planeten, Sterne und das Universum wirken nach einem Tag auf kalifornischen Autobahnen fast beruhigend. Man beschäftigt sich plötzlich mit Entfernungen von Millionen Lichtjahren und stellt fest, dass der Stau auf der Interstate dagegen eigentlich ein überschaubares Problem war. Irgendwann treten wir wieder hinaus und schauen noch einmal über die Stadt. Morgen geht es nach Hause. Der Roadtrip ist praktisch vorbei. Aber heute noch nicht ganz.
Also fahren wir zurück nach Hollywood, zwängen unseren Mietwagen ein letztes Mal in den winzigen Parkplatz hinter dem Motel und tragen unsere Texas-Roadhouse-Brötchen aufs Zimmer wie wertvolle Fracht. Morgen werden sie mit uns im Flugzeug sitzen und uns vor dem Bordessen retten.
Vor vierzehn Tagen sind wir in Los Angeles losgefahren. Seitdem lagen Las Vegas, Wüste, Canyons, endlose Highways, kleine Orte und ziemlich viele Meilen dazwischen. Heute sind wir durch die Mojave-Wüste zurückgekommen, haben Joshua Trees und verlassene Postämter gesehen, einen Motorradfahrer getroffen, der Esslingen kennt, die Route 66 besucht, Calico erfolgreich ignoriert, im Los-Angeles-Stau gestanden, wegen ein paar Brötchen beinahe einen Staatsempfang im Texas Roadhouse bekommen und den Abend zwischen Cinderella, Wolverine und Millionen Lichtern über Los Angeles beendet. Für einen letzten Fahrtag war das gar nicht so schlecht. Und die Brötchen sind sicher.


















