Von Stuttgart über Paris nach L.A. – und dann fünf Stunden lang keinen Zentimeter Amerika verpassen
Vier Uhr morgens ist keine Uhrzeit. Vier Uhr morgens ist ein Missverständnis zwischen Nacht und Tag, bei dem beide Seiten beschlossen haben, sich nicht zuständig zu fühlen. Unser Flug sollte um 6:50 Uhr in Stuttgart starten, Air France hatte uns vorsichtshalber empfohlen, bereits um 3:50 Uhr am Flughafen zu sein, und wir beschlossen, diese Empfehlung mit der uns eigenen Mischung aus Vertrauen und leichter Rebellion zu interpretieren. 4:30 Uhr musste reichen. Schließlich lagen dann immer noch gut zweieinhalb Stunden zwischen uns und dem Abflug unseres Zubringers nach Paris. Wer es in dieser Zeit nicht durch einen überschaubaren deutschen Flughafen schafft, der hat vermutlich ganz andere Probleme.
Am Gepäckschalter war allerdings schon erstaunlich viel Betrieb. Vor uns schlängelte sich eine mittellange Schlange, was mich kurz irritierte, denn unser erster Flug sollte mit einer kleinen Embraer gehen. So viele Menschen konnten da doch unmöglich hineinpassen. Andererseits hatte ich zu diesem Zeitpunkt des Morgens noch nicht genug Kaffee, um ernsthaft auszurechnen, wie viele Passagiere theoretisch in ein Flugzeug passen, also stellte ich mich einfach an und hoffte auf das Beste. Nach ungefähr zwanzig Minuten waren wir mit der Gepäckaufgabe durch und marschierten zur Sicherheitskontrolle, wo sich dann zuverlässig das ereignete, was bei mir offenbar inzwischen zum festen Reiseprogramm gehörte: Ich wurde für eine zusätzliche Kontrolle herausgefischt. Natürlich.

Diesmal ging es um einen Sprengstofftest an unseren elektronischen Geräten. Und weil wir offenbar beschlossen hatten, nicht einfach nur in Urlaub zu fliegen, sondern unterwegs notfalls auch einen kleineren Konzern verwalten zu können, hatten wir zwei Notebooks, zwei iPads und zwei iPhones dabei. Ich durfte also mit unserem vollständigen mobilen Rechenzentrum zur Sonderkontrolle antreten, während vermutlich irgendwo hinter mir Menschen mit genau einem Handy und einer Zahnbürste völlig entspannt Richtung Gate spazierten. Bei sechs Geräten dauert so eine Prozedur natürlich ein kleines bisschen länger, und bis wir endlich alles wieder eingepackt hatten, war es knapp sechs Uhr.
Auf einer Außenposition stand unser kleines Flugzeug bereits an der Fluggastbrücke. Boarding und Abflug liefen dann erstaunlich pünktlich, und eine gute Stunde später landeten wir bereits in Paris.
Charles de Gaulle begrüßte uns anschließend mit seinem üblichen Grundprinzip: Wenn ein Weg direkt sein könnte, wird er garantiert komplizierter gebaut. Mit einem Bus ging es zunächst quer über den Flughafen durch ein Straßensystem, bei dem ich nach fünf Minuten keinerlei Vorstellung mehr davon hatte, ob wir uns noch auf einem Airport oder bereits versehentlich im französischen Fernverkehr befanden. Irgendwann wurden wir am Terminal E2 ausgespuckt und durften anschließend gefühlt mehrere Kilometer durch endlose Gänge, Rolltreppen, Übergänge und weitere Gänge laufen. Wer in Paris umsteigt, braucht keinen Fitnessraum mehr. Das ist im Ticketpreis offenbar bereits enthalten.
Am Gate wartete dann allerdings die Belohnung für die ganze Lauferei: unser Airbus A380. Und neben so einem A380 sieht plötzlich jedes andere Flugzeug aus, als sei es für den Stadtverkehr gedacht. Dieses Ding ist einfach absurd groß. Während wir noch fasziniert davorstanden, wurden erst einmal drei Croissants vernichtet – wir waren schließlich in Frankreich und wollten uns kulturell integrieren – und kurz darauf durften wir einsteigen.

Kaum saßen wir, meldete sich der Kapitän und erklärte, dass noch auf Gepäck gewartet werde. Wunderbar. Wir waren da, das Flugzeug war da, die Piloten waren da – nur ein paar Koffer hatten offenbar beschlossen, Paris noch ein bisschen länger zu genießen. Mit etwa einer halben Stunde Verspätung machten wir uns schließlich auf den Weg nach Los Angeles.
Trotzdem landeten wir pünktlich um 13:10 Uhr in L.A., womit wieder einmal bewiesen wäre, dass Flugpläne offenbar über eine gewisse eingebaute Elastizität verfügen. Jetzt kam der Moment, vor dem ich bei einer Einreise in die USA grundsätzlich etwas Respekt habe: Immigration. Ich rechnete innerlich schon mit einer längeren Veranstaltung, doch diesmal ging alles erstaunlich schnell. Neu waren diese sogenannten Automated Passport Control Kiosks, an denen man einen Teil der Prozedur selbst erledigen konnte. Ein paar Fragen beantworten, Reisepass auflegen, Fingerabdrücke abgeben und anschließend ein Foto machen lassen, bei dem die Kamera offenbar ausdrücklich angewiesen war, jede Person möglichst so aussehen zu lassen, als hätte sie gerade drei Tage in einem Verhörraum verbracht.
Mein Bild war jedenfalls nicht unbedingt für den nächsten Reisepass geeignet. Für die Einreise reichte es aber. Der Automat druckte einen Beleg mit Passdaten und Foto aus, und damit musste man nur noch zum Immigration Officer. Der verglich kurz Gesicht, Bild und Pass, stellte fest, dass ich offenbar tatsächlich ich war, und dann kam dieser Satz, über den ich mich auch bei meiner inzwischen 15. Einreise in die USA noch immer freue:
Welcome to Los Angeles.
Und ja, ich weiß, irgendwann sollte man sich daran gewöhnt haben. Bin ich aber nicht. Sobald ich offiziell amerikanischen Boden betreten darf, habe ich jedes Mal wieder dieses kleine innere Grinsen. Andere Menschen freuen sich über Blumen. Ich freue mich über Einreisestempel und den Satz „Welcome to the United States“.
Die ganze Immigration hatte gerade einmal etwa zwanzig Minuten gedauert, die Koffer brauchten weitere zehn. Nur beim Zoll staute es sich noch etwas, weil dort gebaut wurde und lediglich vier Schalter geöffnet waren. Aber selbst das hielt sich in Grenzen, und kurz darauf saßen wir bereits im Shuttle zu Alamo. Auch dort lief alles erfreulich flott. Die SUV-Auswahl in Los Angeles war bisher eigentlich immer ordentlich gewesen, und diesmal sah es ebenfalls ganz gut aus. Trotzdem standen wir vermutlich mit genau diesem Gesicht vor der Reihe, das Verkäufer sofort als „eigentlich zufrieden, aber da geht noch was“ erkennen. Ein Mitarbeiter fragte uns irgendwann, ob wir vielleicht einen Wagen mit Allradantrieb suchten.
Ja. Natürlich suchten wir einen Wagen mit Allradantrieb. Ob wir ihn wirklich brauchten, war in diesem Moment völlig nebensächlich. Der Mitarbeiter schickte uns kurzerhand zu einer anderen Reihe und erlaubte uns, einen Standard-SUV zu nehmen, also eine Klasse größer als gebucht. Das nenne ich Kundenservice. Wenig später standen wir vor einem Dodge Journey AWD, und damit war die Fahrzeugfrage erledigt. Groß, bequem, Allrad, genügend Platz für unser Gepäck und vor allem eindeutig amerikanischer als alles, was morgens noch vor unserer Haustür gestanden hatte. Genau so musste ein Roadtrip beginnen.

Um 15:30 Uhr folgte dann der wirklich wichtige erste Programmpunkt dieser Reise: Randy’s Donuts. Man könnte natürlich argumentieren, dass wir nach Stuttgart, Paris, einem Langstreckenflug, Immigration und Mietwagenübernahme andere Prioritäten hätten haben können. Zum Beispiel Wasser. Oder Ruhe. Oder irgendeine Form gesunder Ernährung. Wir sahen das anders. Randy’s Donuts gehört einfach dazu. Also hielten wir an, besorgten uns zwei Zimtschnecken und vernichteten sie mit der Effizienz von Menschen, deren innere Uhr mittlerweile keinerlei Ahnung mehr hatte, ob gerade Frühstück, Mittagessen oder Abendbrot angesagt war. Zucker funktioniert in solchen Situationen universell.
Danach ging es los Richtung El Centro. Theoretisch etwa dreieinhalb Stunden. Praktisch Los Angeles. Wer noch nie auf einer sieben- oder achtspurigen Autobahn in L.A. gestanden hat, könnte meinen, so viele Fahrspuren müssten eigentlich völlig ausreichen. Tun sie nicht. Offenbar kann man hier Straßen bauen, bis Kalifornien irgendwann komplett asphaltiert ist, und trotzdem steht alles. Spur neben Spur, Auto neben Auto, Stoßstange neben Stoßstange. Man schaut links, man schaut rechts, überall Verkehr, und irgendwann fragt man sich ernsthaft, ob diese Autobahn tatsächlich irgendwohin führt oder nur eine riesige mobile Ausstellung amerikanischer Fahrzeuge ist. Wir brauchten für die Strecke nach El Centro schließlich fünf Stunden. Fünf. Für eine Fahrt, die eigentlich dreieinhalb dauern sollte. Nach dem Langstreckenflug. Was für ein Einstieg.
Erst gegen 20:30 Uhr erreichten wir unser Hotel. Wir warfen das Gepäck mehr oder weniger ins Zimmer, denn jetzt hatten wir endgültig Hunger. Und zwar keinen „wir teilen uns noch schnell einen Müsliriegel“-Hunger, sondern einen „wenn jetzt nicht bald Fleisch auf einem Teller liegt, wird jemand unangenehm“-Hunger. Also fuhren wir zu Famous Dave’s.

Das war genau das Richtige. BBQ, Baby Back Ribs, ordentlich Sauce, amerikanische Portionen – endlich etwas G’scheits. Nach all den Croissants, Zimtschnecken und Flugzeugessen war mein Körper offenbar der Meinung, dass jetzt ein halbes Schwein eine angemessene Grundlage für die Nacht darstellen würde.
Danach stand nur noch der unvermeidliche erste Walmart-Besuch auf dem Programm. Getränke mussten schließlich noch ins Auto, und irgendwie gehört es zu unseren USA-Reisen, nach einem ohnehin schon viel zu langen Anreisetag noch durch einen amerikanischen Supermarkt zu laufen. Wahrscheinlich könnten wir nach zwanzig Stunden auf den Beinen direkt ins Bett fallen, aber nein – vorher müssen noch Wasserflaschen, Cola und irgendwelche Dinge gekauft werden, von denen man am Morgen noch gar nicht wusste, dass man sie dringend braucht.
Irgendwann waren wir dann tatsächlich wieder im Crown Motel, und damit war dieser erste Reisetag geschafft. Stuttgart, Paris, Los Angeles, ein A380, Sprengstoffkontrolle, Immigration, ein größerer Mietwagen, Randy’s Donuts, fünf Stunden Stau, Ribs und Walmart – alles innerhalb eines einzigen Tages. Und das Beste daran? Der Urlaub hatte noch nicht einmal richtig angefangen.












