Vom Wilden Westen in den Winter – Apache Trail, Chicken Wings und plötzlich Schnee
Das Frühstück im Best Western konnte sich tatsächlich sehen lassen. Neben den üblichen Verdächtigen wie Bagels, Cream Cheese und Marmelade gab es Waffeln, Rührei und Würstchen, also genau die Art von Hotelfrühstück, bei der man sich morgens mit bestem Gewissen so vollstopft, als gäbe es zwischen Mesa und Flagstaff auf den nächsten 300 Kilometern keinerlei Nahrung mehr.
Wir ließen uns jedenfalls Zeit und aßen ordentlich, denn heute stand eine Strecke vor uns, auf die ich mich schon lange gefreut hatte: Über den Apache Trail sollte es zunächst quer durch die Superstition Mountains und später über Sedona weiter nach Flagstaff gehen. Ein Tag, der auf dem Papier schon verdächtig gut aussah. Dass wir dabei irgendwann vom Wilden Westen direkt in einen Schneesturm fahren würden, stand in meinem persönlichen Drehbuch allerdings nicht.
Kaum waren wir unterwegs, kamen wir wieder an der Goldfield Ghost Town vorbei. Genau jener Ghost Town, vor der wir gestern angesichts der Menschenmassen praktisch die Flucht ergriffen hatten. Kinder schwebten an irgendwelchen Seilen durch die Luft, Reisegruppen bevölkerten die Straßen und mein inneres Bild einer einsamen alten Goldgräberstadt war innerhalb weniger Sekunden zuverlässig erschossen worden.
Heute Morgen sah die Sache dagegen völlig anders aus. Der Parkplatz war fast leer, die Geschäfte noch geschlossen oder gerade erst dabei aufzuwachen, und plötzlich wirkte Goldfield tatsächlich so, wie ich mir das vorgestellt hatte: staubige Holzhäuser, ein alter Saloon, eine kleine Kirche, Minenwagen, verwitterte Fassaden und über allem diese wunderbar schräge Wildwestkulisse vor den Superstition Mountains.
Also parkten wir doch noch einmal und liefen in aller Ruhe durch die Anlage. Ohne Menschenmassen konnte ich mich plötzlich richtig dafür begeistern. Wahrscheinlich lag es daran, dass ich nun fotografieren konnte, ohne auf jedem Bild gleichzeitig sieben Kinder, drei Kinderwagen, einen Mann mit Eisbecher und irgendeine fremde Familie vor der Kirche mit abzulichten. Ich fotografierte Saloon, Kirche, Mine und die alten Holzhäuser aus ungefähr jeder Richtung, die geometrisch möglich war, und spätestens jetzt war Goldfield rehabilitiert. Offenbar musste man einfach nur früh genug kommen, bevor der Wilde Westen offiziell öffnete.
Weiter ging es auf dem Apache Trail, und unser nächster Halt war Tortilla Flat. Der Ort bestand im Wesentlichen aus einer Handvoll Gebäuden, einem Souvenirshop, einem Saloon und sage und schreibe sechs Einwohnern. Sechs. Das ist keine Einwohnerzahl, das ist eine mittelgroße Familienfeier. Vermutlich kennt dort jeder nicht nur jeden, sondern auch dessen Kühlschrankinhalt und weiß bereits am Montag, was der Nachbar am Freitag bestellen wird. Trotzdem oder gerade deshalb gehört Tortilla Flat zu diesen Orten, die man nicht einfach durchfahren kann. Schon von außen sah der Superstition Saloon so herrlich schräg aus, dass wir natürlich hineinmussten.

Drinnen wurde es nicht weniger speziell. Die Wände waren über und über mit Dollarnoten tapeziert – angeblich mehr als 300.000 Stück. Ich stand da und dachte unwillkürlich darüber nach, dass man aus diesem Raum mit einem Spachtel vermutlich problemlos eine Eigentumswohnung finanzieren könnte. Dazu alte Sättel an der Bar, Westernkrempel an den Wänden und eine Jukebox, die in diesem Ambiente so perfekt wirkte, dass eigentlich nur noch John Wayne an einem Tisch hätte sitzen müssen. Wir bestellten uns Cola, und weil ich seit mindestens zwei Stunden nichts Süßes mehr gegessen hatte und damit eindeutig unterversorgt war, gönnte ich mir zusätzlich eine Zimtschnecke. Man muss schließlich verantwortungsvoll mit seinem Blutzuckerspiegel umgehen.
Vor der Weiterfahrt musste ich noch die Restrooms besuchen, und auch dort hatte man das Thema Wildwest konsequent bis zum bitteren Ende durchgezogen. Statt schnöder Kabinentüren blickte man auf lebensgroße gemalte Damen in historischen Kleidern, und über dem Waschbecken konnte man sich anschließend gleich selbst in passender Kulisse betrachten. Ich weiß nicht, wer sich so etwas ausdenkt, aber genau wegen solcher Dinge liebe ich amerikanische Roadtrips. Bei uns bekommt man auf einer Autobahnraststätte graue Fliesen und einen Händetrockner, der klingt wie ein startender Düsenjet. Hier bekommt man im Sechs-Einwohner-Dorf ein komplettes Westernbordell auf dem Klo.

Hinter Tortilla Flat begann dann der Teil des Apache Trails, auf den ich eigentlich gewartet hatte. Der Asphalt hörte auf und vor uns lag eine schmale unbefestigte Straße, die sich durch die Superstition Mountains schlängelte. Der Apache Trail war ursprünglich ein alter Pfad durch diese wilde Berglandschaft und führt heute als Scenic Byway über rund 64 Kilometer vorbei an Canyon Lake und Apache Lake bis zum Roosevelt Dam. Auf der Karte sah das alles relativ harmlos aus. In der Realität bestand die Strecke aus Kurven, Serpentinen, steilen Hängen, engen Passagen und immer neuen Ausblicken in tiefe Canyons. Genau unser Ding.
Das Wetter konnte sich allerdings nicht recht entscheiden, was es von diesem Tag hielt. Über den Bergen hingen dunkle Wolken, zwischendurch setzte Regen ein, dann riss der Himmel für ein paar Minuten auf und irgendwo erschien plötzlich ein Fleck Blau, nur um sich kurze Zeit später wieder beleidigt zuzuziehen. Für meine Fotos war das gar nicht schlecht. Die roten und braunen Berge wirkten unter den dramatischen Wolken noch wilder, und wenn die Sonne kurz durchkam, leuchteten einzelne Hänge plötzlich auf, als hätte jemand im richtigen Moment einen riesigen Scheinwerfer eingeschaltet. Stefan fuhr, ich kommentierte jede zweite Kurve mit irgendeinem „Halt mal kurz“ und stieg gefühlt alle paar Kilometer aus. Wir kamen entsprechend zügig voran.
Dabei wurde die Straße irgendwann durchaus spannend. Neben uns fiel das Gelände teilweise ziemlich eindrucksvoll ab, Leitplanken waren eher als unverbindliche Empfehlung zu verstehen und unser Dodge hoppelte tapfer über die feuchte Schotterpiste. Besonders schön war der Blick von oben zurück in die Berge, wo sich die Straße wie eine helle Linie durch die Landschaft zog. Man sah genau, wo wir gerade hergekommen waren, und fragte sich gleichzeitig kurz, wer eigentlich auf die Idee gekommen war, genau dort eine Straße hineinzubauen. Wahrscheinlich jemand, der Höhenangst für eine Charakterschwäche hielt.
Am Roosevelt Dam hatten wir den unbefestigten Teil schließlich hinter uns. Die riesige Staumauer lag vor den grünlich schimmernden Wassermassen des Roosevelt Lake, daneben spannte sich die markante Roosevelt Lake Bridge über den See. Nach all den engen Kurven und rauen Bergen wirkte das plötzlich fast zivilisiert.
Wir fuhren weiter Richtung Norden bis Tonto Basin und machten dort bei Butcher Hook einen Lunch-Stopp. Ich entschied mich für Chicken Wings, womit sich innerhalb weniger Minuten zeigte, dass Chicken Wings zwar hervorragend schmecken, aber aus gesellschaftlicher Sicht ein ausgesprochen feindseliges Lebensmittel sind.
Ich weiß nicht, wie andere Menschen Wings essen, ohne anschließend auszusehen, als hätten sie damit gekämpft. Bei mir jedenfalls befand sich die Sauce irgendwann zuverlässig nicht nur an den Fingern, sondern offenbar auch im Gesicht. Die Kellnerin beobachtete das eine Weile und erklärte schließlich trocken: „If you need a shower, we do it right.“ Damit war der Sachverhalt wohl geklärt. Ich hatte gegessen wie ein Mensch, der seit Wochen allein in der Wildnis lebte, aber wenigstens war das Essen hervorragend. Stefan bekam seinen Burger wesentlich würdevoller bewältigt, was ich unfair fand, denn ein Burger stellt seinen Besitzer kulinarisch auch vor deutlich weniger technische Herausforderungen.
Nach dem Essen war der Regen verschwunden und entlang des Roosevelt Lake zeigte sich tatsächlich immer wieder blauer Himmel. Zwar nie lange genug, um Vertrauen aufzubauen, aber immerhin. Wir fuhren weiter Richtung Payson und bogen dort auf den Highway 260 ab. Unser Plan war, über Sedona nach Flagstaff zu fahren, und zunächst sah alles nach einer ganz normalen Weiterfahrt aus. Dann änderte sich die Landschaft. Erst lagen ein paar weiße Flecken am Straßenrand, dann wurden es mehr, und plötzlich schneite es. Nicht ein bisschen. Richtig.
Innerhalb kurzer Zeit fuhren wir durch einen komplett verschneiten Wald. Die Äste der hohen Kiefern waren weiß, der Boden verschwand unter Schnee und auch die Straße bekam zunehmend diesen winterlichen Belag, bei dem man automatisch etwas aufrechter im Sitz sitzt. Noch am Tag zuvor standen wir zwischen meterhohen Saguaros in der Wüste, und nun sah es draußen aus, als hätte jemand während der Fahrt die DVD gewechselt. Arizona hatte offenbar beschlossen, uns innerhalb weniger Stunden das komplette Jahreszeitenprogramm vorzuführen.
Die Fahrt durch den verschneiten Wald war wunderschön. Alles wirkte ruhig und beinahe unwirklich, während der Schnee immer dichter fiel. Erst kurz vor Camp Verde verschwanden die weißen Straßenränder wieder, und die Landschaft wurde schlagartig normaler. Wir nutzten die Gelegenheit für einen Starbucks-Stopp, denn wenn man aus einem Schneesturm kommt, ist Kaffee praktisch medizinisch notwendig. Danach ging es auf dem Highway 179 weiter Richtung Sedona.
Auf Sedona hatte ich mich besonders gefreut. Diese roten Felsen unter einem tiefblauen Himmel – genau so hatte ich das im Kopf. Arizona hatte dazu allerdings eine andere Auffassung. Über den berühmten Red Rocks hing wieder eine dicke graue Wolkendecke, wodurch die Felsen eher aussahen, als hätte jemand bei Photoshop die Sättigung etwas heruntergedreht. Schön waren sie trotzdem. Nur eben nicht dieses leuchtende Rot, das ich bestellt hatte.

Also beschlossen wir, wenigstens die Chapel of the Holy Cross anzuschauen. Die Kirche klebt spektakulär zwischen den roten Felsen oberhalb von Sedona und ist schon von außen ein bemerkenswerter Bau. Innen gefiel sie mir fast noch besser. Hinter dem Altar öffnet sich durch große Fenster der Blick direkt hinaus auf die Red Rocks und über die Häuser von Sedona. Dort zu sitzen und durch die Scheiben in diese Landschaft zu schauen, hatte tatsächlich etwas Besonderes. Selbst ich war für einen kurzen Moment still, was Stefan vermutlich als spirituelles Ereignis einstufte.

Natürlich gibt es auch dort einen Souvenirshop. Schließlich sind wir in Amerika, und selbst an einem Ort der inneren Einkehr soll niemand Gefahr laufen, ohne Kühlschrankmagnet nach Hause zu fahren. Zwischen Kreuzen, Heiligenbildern und allerlei religiösen Andenken entdeckten wir tatsächlich Papst-Sammelkarten. Sammelkarten. Mit Päpsten. Ich wusste bis dahin nicht, dass meinem Leben genau so etwas gefehlt hatte. Vermutlich funktioniert das ähnlich wie Baseballkarten. „Ich tausche Johannes Paul II. gegen zweimal Benedikt.“ Amerika schafft es einfach zuverlässig, mich zu überraschen.
Wir machten noch ein paar Fotostopps rund um Sedona und waren uns ziemlich schnell einig, dass wir diesen Ort unbedingt noch einmal bei Sonnenschein sehen müssen. Selbst unter grauem Himmel waren die Felsformationen beeindruckend, teilweise lag sogar Schnee auf den roten Hängen, was wiederum seinen ganz eigenen Reiz hatte. Aber ich wollte Sedona irgendwann noch in der Version erleben, die auf all den Postkarten versprochen wird: roter Stein, knallblauer Himmel und möglichst genau drei dekorative weiße Wolken.
Bis Flagstaff waren es anschließend nur noch rund 80 Meilen. „Nur“ ist allerdings ein dehnbarer Begriff, wenn das Wetter beschlossen hat, noch einmal eine Zugabe zu geben. Etwa auf halber Strecke begann es wieder zu schneien, diesmal noch heftiger. Die Straße wurde weiß, der Verkehr langsamer und irgendwann hingen wir hinter einem Streufahrzeug fest. Normalerweise ist so ein Ding vor einem auf der Straße ungefähr so spannend wie jemand, der im Supermarkt mit seinem Einkaufswagen quer vor dem Kühlregal steht. In diesem Fall waren wir allerdings ausgesprochen froh darüber. Wo der Räumwagen fuhr, war die Straße wenigstens einigermaßen frei, also tuckelten wir brav hinterher und ließen uns nach Flagstaff eskortieren.
Dort kamen wir etwas später an als geplant und landeten mitten in einer glitzernden Winterwelt. Downtown Flagstaff lag unter Schnee, auf den Dächern türmte sich Weiß, die Straßenlaternen leuchteten bereits und unter unseren Schuhen knirschte der frische Schnee. Ich war begeistert. Das war nicht mehr Arizona, das war plötzlich Weihnachtsfilm. Wenn irgendwo Bing Crosby um die Ecke gekommen wäre, hätte mich das nicht mehr überrascht.
Wir parkten direkt in Downtown und liefen eine Weile durch die verschneiten Straßen. Die alten Gebäude, die bunten Läden, die beleuchteten Fenster und der Schnee passten so perfekt zusammen, dass ich meine Kamera praktisch gar nicht mehr wegpackte. Selbst die Fahrräder am Straßenrand waren halb eingeschneit. Man hätte erwarten können, dass gleich jemand mit einer Tasse heißer Schokolade herauskommt und sagt, wir seien versehentlich in einem Weihnachtswerbespot gelandet.
Fürs Abendessen hatten wir uns die Lumberyard Brewing Company ausgesucht. Nach diesem Tag war eine Brauerei ohnehin genau das richtige Ziel. Drinnen war es warm, gemütlich und angenehm lebhaft, draußen schneite es weiter, und wir bestellten Burger beziehungsweise Pulled Pork und probierten natürlich das selbstgebraute Bier. Nach Schotterpiste, Regen, Chicken-Wing-Dusche, roten Felsen und Schneesturm war das ziemlich genau die Sorte Tagesabschluss, die ich mir gefallen lasse.
Später fuhren wir noch einmal durch Downtown Flagstaff. Inzwischen fiel wieder feiner Schnee, die Straßen glänzten im Licht der Laternen und auf den Dächern lag eine dicke weiße Schicht. Ich saß im Auto, schaute hinaus und hatte schlagartig Lust auf Weihnachten. Im März. In Arizona. Das muss man auch erst einmal schaffen.
Am Morgen waren wir noch zwischen Kakteen und alten Westernkulissen unterwegs gewesen, mittags über eine Schotterstraße durch die Superstition Mountains gefahren, nachmittags hatten wir Sedonas rote Felsen unter einer Schneedecke gesehen und abends standen wir mitten in einem verschneiten Flagstaff. Ein einziger Tag und ungefähr drei verschiedene Klimazonen. Arizona kann offenbar vieles. Nur langweilig kann es nicht.































































