Shopping-Marathon, Harley-Tempel und ganz viel Rock ’n’ Roll
Nach den letzten Tagen mit Schnee, Slot Canyons, Klettereinlagen und Weckern zu Uhrzeiten, zu denen selbst Bäcker noch schlechte Laune haben, steht heute ein völlig anderes Fitnessprogramm auf dem Plan: Shopping. Das klingt zunächst deutlich entspannter, ist in Las Vegas aber ebenfalls eine Ausdauersportart. Man läuft kilometerweit durch Outlets, trägt zunehmend schwerere Tüten, sucht auf riesigen Parkplätzen sein Auto und muss nebenbei ständig sehr vernünftige Argumente dafür finden, warum man ein weiteres Paar Schuhe unbedingt braucht. Der Dollarkurs macht uns die Sache zwar gerade nicht besonders leicht, aber bei Kleidung und Sportschuhen lohnt sich der Einkauf in den USA trotzdem noch häufig. Außerdem gibt es da ja nicht nur unsere eigenen Wünsche. Zuhause existieren Töchter. Töchter besitzen Listen. Und diese Listen haben eine bemerkenswerte Eigenschaft: Sie werden auf amerikanischem Boden nicht kürzer.
Bevor wir jedoch die Kreditkarte auf Betriebstemperatur bringen, braucht der Mensch ein Frühstück. Wir fahren deshalb ganz bewusst über den Strip Richtung Norden. Natürlich könnten wir auch die parallel verlaufende Interstate nehmen und ein paar Minuten sparen, aber wir sind schließlich in Las Vegas. Wer hier freiwillig an Caesar’s Palace, Paris, Planet Hollywood und all den anderen vollkommen größenwahnsinnigen Kulissen vorbeifahren kann und stattdessen eine Autobahn wählt, hat den Sinn dieses Ortes nicht verstanden.
Am Morgen ist der Las Vegas Boulevard noch erstaunlich entspannt, der Himmel leuchtet knallblau, die Palmen stehen dekorativ am Straßenrand und die Hotels sehen bei Tageslicht fast ein bisschen harmlos aus. Fast. Hinter dem Stratosphere steuern wir ein Denny’s an und legen dort erst einmal die kalorische Grundlage für den bevorstehenden Einkaufsfeldzug. In Amerika sollte man schließlich niemals hungrig shoppen. Das endet nur damit, dass man zusätzlich zu Schuhen und T-Shirts auch noch drei Packungen irgendeines merkwürdigen Snacks kauft, den man zuhause niemals angerührt hätte.

Anschließend starten wir dort, wo wir am Abend zuvor wegen der frühen Sonntags-Schließzeit quasi unterbrochen worden waren: im Las Vegas Premium Outlet North. Wir kennen den Laden inzwischen ganz gut, was theoretisch dabei helfen könnte, zielgerichtet einzukaufen. Praktisch bedeutet es nur, dass wir jetzt noch schneller zu den Geschäften finden, in denen wir Geld ausgeben wollen. Ralph Lauren, Sportschuhe, Jeans und was sonst noch auf den diversen Wunschzetteln steht – wir arbeiten uns systematisch vor. Ich empfinde dabei eine gewisse Genugtuung, wenn etwas heruntergesetzt ist. Natürlich ist es mathematisch vollkommen unsinnig, sich über 30 Dollar Ersparnis zu freuen, nachdem man zuvor 100 Dollar ausgegeben hat, aber Outlet-Mathematik funktioniert anders. Dort hat man grundsätzlich Geld gespart. Je mehr Tüten man trägt, desto größer offenbar die Ersparnis. Ein brillantes Wirtschaftssystem.

Damit ist der Einkaufsplan allerdings noch lange nicht abgearbeitet. Die Forum Shops im Caesars Palace warten auf uns, und dort wiederum wartet Victoria’s Secret. Ich möchte an dieser Stelle ausdrücklich festhalten, dass ich für manche Einkäufe keinerlei Verantwortung übernehme. Wir führen lediglich Aufträge aus. Quasi Logistikdienstleister mit Kreditkarte.
Danach geht es weiter zur Fashion Show Mall, denn dort gibt es – rein zufällig – noch einen Victoria’s Secret sowie einen Apple Store. Letzterer ist natürlich ebenfalls wichtig. Apple Stores haben auf mich ungefähr dieselbe Wirkung wie Baumärkte auf manche Männer: Ich brauche nichts, möchte aber trotzdem hinein und alles anfassen. So ziehen wir inzwischen quer durch Las Vegas von Einkaufszentrum zu Einkaufszentrum und unser Auto entwickelt sich langsam zu einem fahrenden Lagerraum.
Ein Harley-Händler gehört bei uns in den USA ohnehin zum Pflichtprogramm. Natürlich wegen des Dealer-Shirts. Das ist schließlich kein schnödes T-Shirt, sondern eine Reiseerinnerung, und damit kulturell wertvoll. Außerdem kaufen wir in den USA immer wieder Verschleiß- und Ersatzteile für unsere Motorräder zuhause, weil vieles selbst bei ungünstigem Dollarkurs erheblich günstiger ist als in Deutschland. Somit ist dieser Besuch im Grunde genommen überhaupt kein Shopping, sondern vernünftige Haushaltsführung. Zumindest ist das die Version, auf die wir uns einigen. Dass man dabei noch ein bisschen zwischen glänzenden Motorrädern, Helmen, Jacken und Zubehör herumstreift, gehört lediglich zur sorgfältigen Marktanalyse.

Danach geht der Shopping-Wahnsinn in seine finale Runde. Wir fahren zum Premium Outlet South und inzwischen hat unsere Kreditkarte wahrscheinlich bereits einen leichten Hitzeschaden. Taschen wandern ins Auto, weitere Taschen kommen hinzu, und irgendwann kommt der Punkt, an dem wir selbst nicht mehr genau wissen, in welcher Tüte sich eigentlich was befindet. Was wir dagegen ganz genau wissen: Im Food Court gibt es Orange Chicken. Und damit ist auch das Mittagessen geklärt. Dieses klebrige, süßliche Hähnchenzeug gehört für uns mittlerweile genauso zu einem USA-Urlaub wie Walmart, riesige Getränkebecher und Klimaanlagen, bei denen man innerhalb von fünf Minuten eine Strickjacke braucht. Bei China Max bekommen wir eine Portion, deren Sauce vermutlich genügend Zucker enthält, um einen durchschnittlichen Erwachsenen drei Tage wach zu halten, und selbstverständlich schmeckt sie hervorragend.
Spätestens danach beschließen wir, unserem kleinen Plastikfreund eine wohlverdiente Pause zu gönnen. Die Kreditkarte hat tapfer gekämpft, sie darf jetzt kurz regenerieren. Wir fahren zurück zum Strip, stellen den Wagen im Parkhaus des New York-New York ab und wechseln von der Disziplin „Einkaufen mit Tüten“ zu „Touristisches Herumlaufen ohne Tüten“. Das fühlt sich fast leichtfüßig an. Wir schlendern über den Las Vegas Boulevard, schauen Richtung Paris, Planet Hollywood und Bally’s und genießen dieses herrlich künstliche Las Vegas bei Tageslicht. Hier steht ein Eiffelturm, dort hängt ein riesiger Ballon über der Straße, daneben stapeln sich LED-Wände, Reklametafeln und Fassaden, bei denen sich Architekten offenbar gegenseitig gefragt haben: „Geht das noch größer?“ – und die Antwort grundsätzlich „Ja“ lautete. Genau deshalb macht Vegas so viel Spaß. Niemand versucht hier ernsthaft, dezent zu sein.
Lange können wir allerdings nicht ziellos herumstreifen, denn für den Abend haben wir einen festen Termin. Und zwar einen, auf den ich mich schon lange freue: Rock of Ages. Dafür müssen wir zum Venetian. Also zurück zum Auto, wieder einmal über den Strip und hinein in eine der für mich schönsten künstlichen Parallelwelten von Las Vegas.
Das Venetian ist vollkommen absurd und gleichzeitig großartig. Man läuft durch ein Casino in Nevada und steht plötzlich unter einem künstlich blauen Himmel in Venedig. Vor einem fließt der Canale Grande, Gondeln ziehen durchs Wasser, Gondoliere singen italienische Lieder, darüber spannt sich eine Rialto-Brücke und irgendwo taucht der Markusplatz auf. Es fehlt eigentlich nur noch jemand, der fragt, ob man für zehn Euro eine Taube fotografieren möchte.
Wir schlendern noch durch die Grand Canal Shoppes und beobachten eine Weile die Gondeln. Die Kulisse funktioniert erstaunlich gut. Irgendwann vergisst man fast, dass draußen Nevada liegt und wir uns mitten in einem gigantischen Hotelkomplex befinden. Fast. Spätestens wenn man an einem Spielautomaten vorbeikommt, ist Venedig dann doch wieder vorbei.
Bevor das Musical beginnt, essen wir bei Johnny Rockets noch eine Kleinigkeit. Der Laden sieht aus wie ein amerikanisches Diner aus einem Film der fünfziger Jahre: Chrom, rote Sitzbänke, glänzende Tresen und Burger, bei denen keinerlei Versuch unternommen wird, gesunde Ernährung vorzutäuschen. Genau richtig für uns. Ein klassischer Burger vor einem Rock-Musical – ernährungstechnisch vermutlich die einzig angemessene Vorbereitung.

Auf Rock of Ages bin ich besonders gespannt, weil ich den Film wirklich mag. Tom Cruise als komplett durchgeknallter Stacee Jaxx, dazu Alec Baldwin, Russell Brand und Catherine Zeta-Jones – und natürlich dieser fantastische Soundtrack voller 80er-Rock. Genau darin lag aber auch mein Problem. Ich hätte mir das Musical schon bei unserem vorherigen Vegas-Besuch gerne angesehen – und dann doch nicht angesehen –, weil ich damals befürchtete, dass ich die Bühnenversion zwangsläufig ständig mit dem Film vergleichen würde. Und wenn man einmal Tom Cruise halb unbekleidet als größenwahnsinnigen Rockstar durch einen Film taumeln gesehen hat, liegt die Messlatte auf eine sehr spezielle Weise ziemlich hoch. Einige Monate vor dieser Reise entdecke ich allerdings Karten zu einem so guten Preis, dass ich schließlich beschließe, dem Musical eine Chance zu geben. Zum Glück.

Schon nach kurzer Zeit ist klar, dass meine Befürchtung völlig unbegründet war. Die Bühnenversion ist in vielerlei Hinsicht so anders als der Film, dass sich ein direkter Vergleich kaum anbietet. Die Namen sind bekannt, das Bourbon Room ist natürlich da und die großen Rocknummern sowieso – aber ansonsten geht die Geschichte ihre eigenen Wege. Stacee Jaxx nimmt im Musical beispielsweise eine deutlich kleinere und wesentlich weniger glamouröse Rolle ein. Film-Stacee ist ein größenwahnsinniger Rockstar, dem die Frauen zu Füßen liegen und der vermutlich sogar beim Zähneputzen noch glaubt, dass irgendwo ein Fan applaudiert. Bühnen-Stacee ist dagegen eher ein wandelnder Totalschaden mit Lederhose. Er bekommt Prügel, kassiert von Sherrie ebenfalls eine und endet schließlich als Barbesitzer in Mexiko. Man könnte sagen: Karriereverlauf mit gewissen Schwankungen.

Auch Sherrie ist auf der Bühne nicht ganz das unschuldige Mädchen vom Land, als das ich sie aus dem Film kenne. Die Geschichte ist schmutziger, schräger und teilweise deutlich überdrehter. Dafür gibt es den deutschen Entwickler Hertz und seinen Sohn Franz, die das Bourbon Room plattmachen und durch moderne Stadtentwicklung ersetzen wollen. Franz entwickelt wiederum Gefühle für Regina, die mit sehr viel Begeisterung gegen die Pläne protestiert. Die beiden übernehmen damit einen großen Teil der herrlich bekloppten Comedy, und allein der deutsche Akzent sorgt im amerikanischen Publikum zuverlässig für Lacher. Die Handlung hat mit dem Film irgendwann nur noch grobe Verwandtschaft, aber das stört überhaupt nicht. Im Gegenteil: Dadurch kann ich beides nebeneinander mögen, ohne ständig innerlich Punkte zu vergeben.
Was gleich bleibt, ist die Musik – und die ist natürlich der eigentliche Star des Abends. Journey, Bon Jovi, Foreigner, Whitesnake, Poison, Twisted Sister und all die anderen Songs, bei denen man nach spätestens drei Takten merkt, dass das Jahrzehnt musikalisch vielleicht gelegentlich fragwürdige Frisuren, aber verdammt gute Gitarren hervorgebracht hat. Die Bühne leuchtet in Blau, Rot und Pink, Gitarren kreischen, die Darsteller jagen von einem Song zum nächsten und das Ganze fühlt sich weniger wie ein klassisches Musical an als wie ein Rockkonzert mit Handlung dazwischen. Genau mein Ding. Meine Lieblings-Boyband-Szene aus dem Film fehlt zwar leider. Und auch „Hey Man“, das Äffchen, hat den Sprung auf die Bühne nicht geschafft. Man kann offenbar nicht alles haben.
Am Ende bin ich heilfroh, dass ich die Karten gekauft habe. Die Handlung des Films gefällt mir weiterhin sehr viel besser, vor allem weil einige Figuren dort stärker ausgebaut sind und der Humor noch einmal anders funktioniert. Aber live ist eben live. Wenn eine Band direkt vor einem spielt, die Sänger richtig loslegen und der ganze Saal bei den bekannten Songs mitgeht, kann ein Fernseher zuhause schlicht nicht mithalten. So stehen Film und Musical anschließend friedlich nebeneinander in meiner persönlichen Rock-of-Ages-Welt. Tom Cruise darf weiter Stacee Jaxx sein, und die Vegas-Version bekommt ihren eigenen Platz.
Und der Abend ist damit noch nicht einmal vorbei. Nach der Vorstellung geht es für die Besucher in den Bourbon Room, wo eine kleine Aftershow-Party stattfindet. Es gibt einen Shot aufs Haus und ein Moderator stolziert in einem Outfit herum, das aussieht, als hätte David Lee Roth persönlich seinen Kleiderschrank ausgemistet. Der Mann macht ordentlich Stimmung, überall wird gelacht, getrunken und weitergefeiert, und für einen Moment hat man wirklich das Gefühl, gerade aus irgendeinem Rockclub am Sunset Strip der achtziger Jahre gekommen zu sein. Nur eben mitten im Venetian in Las Vegas. Genau diese Sorte Wahnsinn funktioniert wahrscheinlich auch nur hier.
Als wir schließlich wieder nach draußen kommen, ist Las Vegas längst in seinen eigentlichen Betriebszustand gewechselt: Nacht. Und nachts ist diese Stadt nun einmal noch eine völlig andere Nummer. Wir schlendern noch durch die LINQ Promenade, in der alles blinkt und leuchtet, und bleiben bei den Wasserfontänen stehen. Tagsüber sehen sie schon nett aus, aber im Dunkeln, mit buntem Licht unter den Wasserstrahlen und all den Neonreklamen drumherum, bekommen sie plötzlich ihre eigene kleine Show. Nach einem Tag voller Outlets, Harley-Davidson, Orange Chicken, künstlichem Venedig und zwei Stunden 80er-Rock könnte man meinen, dass unsere optische Aufnahmefähigkeit inzwischen erschöpft sein müsste.
Ist sie aber nicht. Wir sind schließlich in Las Vegas. Und hier wäre Zurückhaltung wirklich vollkommen unangebracht.





















